‘Robin Schmidt: Rudolf Steiner und die Anfänge der Theosophie,

31 Ago

Wolfgang G. Vögele –
Robin Schmidt: Rudolf Steiner und die Anfänge der Theosophie, Rudolf Steiner Verlag, Dornach 2010, 207 Seiten, 19 EUR.

Das Schicksal mancher anthroposophischen Geschichtsdarstellung, von Vertretern der etablierten Wissenschaften nicht ernst genommen zu werden, dürfte Robin Schmidts neuem Buch vermutlich erspart bleiben. Denn obwohl er nach eigenem Bekunden ohne akademischen Anspruch nur Geschehenes nacherzählen will und es ausdrücklich ablehnt, sich mit abweichenden Ansichten auseinanderzusetzen, zeigt er sich auch jetzt wieder als Meister der sachlichen Beschreibung historischer Fakten, als der er sich schon 2003 mit seinem Glossar in dem Sammelwerk Anthroposophie in Deutschland (2007). Dieser hatte Schmidt »profundes historisches Wissen« und »undogmatische Offenheit« bescheinigt und eingestanden, sein Werk wäre verständnisvoller ausgefallen, wenn er Schmidt früher kennengelernt hätte (Zander, Bd. II, S.1718). Wie ein solch verständnisvolles Werk hätte aussehen können, lässt Schmidts neue Studie erahnen. Denn sie ist nur ein Kapitel einer seit langem in Arbeit befindlichen umfassenden »Geschichte der Anthroposophie«, so dass man auf eine Fortsetzung schon jetzt gespannt sein darf.

Vorweg sei gesagt: Schmidt ist auf dem neuesten Stand der Forschung, er bezieht jüngste kulturwissenschaftliche Studien zum Thema »Esoterik und Moderne« mit ein. Und ebenso wichtig: Er konnte für seine Arbeit bisher unveröffentlichte Dokumente aus den Dornacher Archiven heranziehen, die manchen umstrittenen Punkt im Verhältnis Rudolf Steiners zur Theosophischen Gesellschaft in neuem Licht erscheinen lassen. In sechs leicht lesbaren, manchmal auch spannend geschriebenen Kapiteln entrollt sich uns die Vorgeschichte der Anthroposophie vom 19. Jahrhundert bis zur Begründung der Deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft im Oktober 1902 in Berlin. Dabei wird zunächst die Kulturentwicklung des 19. Jahrhunderts charakterisiert, die von der Dominanz der naturwissenschaftlichen und technischen Entdeckungen geprägt war. Die daraus folgenden materiellen Errungenschaften lösten – begleitet durch populärwissenschaftliche Schriften – einerseits eine Welle des Materialismus, andererseits aber auch eine neue spirituelle Suchbewegung aus. Der Spiritismus wollte die Existenz einer übernatürlichen Welt auf experimentellem Wege beweisen und damit zur Überwindung der Kluft zwischen Wissen und Glauben beitragen. Insofern war dieser Vorläufer der neueren Theosophie ebenso wenig antimodern wie die Lebensreformbewegung, die sich gegen die Schattenseiten des modernen Großstadtlebens wandte. Beide Bewegungen haben der neueren Theosophie den Weg bereitet.

Ein zweites Kapitel behandelt die Theosophische Gesellschaft von ihrem Gründungsjahr 1875 bis zur Jahrhundertwende. Die allmähliche geistige und räumliche Verlagerung des Schwerpunkts dieser Gesellschaft nach Indien, ihre Glaubwürdigkeitskämpfe Unterschlagungs- und Betrugsaffären) werden ebenso dargestellt wie die nach dem Erscheinen von Blavatskys (1888) einsetzende neue Phase, die von einer stärkeren Hinwendung auf die meditative Schulung geprägt war. Im dritten Kapitel werden die theosophischen Anfänge im deutschsprachigen Raum abgehandelt und die bekanntesten Wortführer (Hübbe-Schleiden, Franz Hartmann, Friedrich Eckstein usw.) kurz vorgestellt. Kapitel vier (»Heimatlose Seelen«) konzentriert sich auf das Wien der 1880er Jahre, in dem Steiner seine erste Begegnung mit der theosophischen Bewegung hatte. Schmidt kann belegen, dass diese Begegnung zeitlich früher anzusetzen ist, als bisher angenommen. Die meisten Steinerbiographen hatten sich allein auf Steiners Autobiographie gestützt, aus der sich das Jahr 1889/90 ergab. Dem widerspricht jedoch ein früheres autobiographisches Zeugnis, nach dem Steiner schon in den Jahren 1884/85 intensive Kontakte mit Theosophen pflegte, was Schmidt durch weitere Dokumente untermauert. In diesem Kontext muss wohl zukünftig besonders die Rolle Friedrich Ecksteins, des gleichaltrigen Jugendfreundes Steiners, neu bewertet werden. War dieser umfassend Gelehrte doch eine Schlüsselgestalt im Beziehungsnetz der Intellektuellen- und Künstlerkreise der beginnenden Wiener Moderne. In diesem Milieu fungierte Eckstein, der bereits 1883/84 einen pythagoreisch-vegetarischen Stammtisch gegründet hatte, bevor er ab 1887 die erste österreichische Loge der Theosophischen Gesellschaft ADYAR leitete, wahrscheinlich als Multiplikator theosophischer Lehren. Eckstein war übrigens, so weit meine eigenen Recherchen ergaben, auch an der starken »okkulten« Affinität der musikalischen Avantgarde Wiens (von Mahler bis zum Kreis um Arnold Schönberg) nicht ganz unbeteiligt. Ein spannendes Thema, dessen systematische Ausarbeitung noch aussteht.

Im fünften Kapitel arbeitet Schmidt Steiners Esoterikbegriff vor 1900 heraus und stellt die häufig gemachte Zweiteilung von Steiners Biographie in einen philosophischen und einen anthroposophischen Steiner in Frage. Spätestens hier unterscheidet sich Schmidts Studie in wesentlichen Punkten von Zanders Arbeit. Während dieser einen eigenständigen Esoterikbegriff bei Steiner gegenüber den Lehren der Theosophie weitgehend leugnet, glaubt Schmidt schon beim »frühen« Steiner diesen Begriff vorgebildet zu sehen. Er kann dies plausibel machen mit Zitaten, die zeitlich bis zu Steiners ersten Goethekommentaren zurückreichen (GA 1, e-d), mit diversen Rezensionen Steiners aus den neunziger Jahren bis hin zur esoterischen Interpretation von Goethes Märchen im Jahre 1900.

Nach Schmidt deutet vieles darauf hin, dass Rudolf Steiner mit der Materie der Esoterik gut vertraut war und auch eine spezifische Position dazu ausgebildet hatte, bevor er innerhalb der Theosophischen Gesellschaft zu wirken begann. Das erklärt auch die Schnelligkeit, mit der Steiner dann als spiritueller Lehrer mit spezifischem Profil hervortreten konnte. Schmidts Buch hebt sich von Zanders Werk auch dadurch wohltuend ab, dass er Vermutungen immer als solche kennzeichnet, Behauptungen ausreichend belegt (zu unbelegten Behauptungen Zanders vgl. meinen Artikel über Ilse von Stach in Heft 8/9 2010 dieser Zeitschrift) und seine Forschungsergebnisse für sich sprechen lässt. Abschließend konzentriert sich Schmidt auf Steiners erste Jahre auf theosophischem Boden und die Vorgänge, die zu seiner Wahl zum ersten Generalsekretär der 1902 gegründeten Deutschen Sektion der T.G. führten. Besonders verdienstvoll, weil in dieser Ausführlichkeit bisher noch nicht greifbar, ist die Rekonstruktion der Gründungsversammlung der Deutschen Sektion im Oktober 1902 in Berlin. Einige der von Schmidt herangezogenen unveröffentlichten Dokumente scheinen allerdings auf den ersten Blick Zanders These von der Abhängigkeit Steiners von theosophischer Literatur zu stützen. So lässt sich durch ein Selbstzeugnis Steiners belegen, dass er bereits 1901, also vor Beginn seiner öffentlichen Vortragsreihe Das Christentum als mystische Tatsache, Annie Besants Buch Das esoterische Christentum, wahrscheinlich in der englischen Originalausgabe, gelesen hat. Damit ist die vielfach verbreitete Annahme, Steiner habe dieses Buch erst 1903 kennengelernt (so noch Ravagli in Zanders Erzählungen, S. 149) nicht mehr haltbar. Die sehr missverständliche Formulierung S. 43, Steiner habe sich 1912 von der Theosophischen Gesellschaft getrennt und die Anthroposophische Gesellschaft gegründet, wird Schmidt hoffentlich so nicht in seine zu erwartende Anthroposophiegeschichte übernehmen. Bekanntermaßen wurde Steiner mit der gesamten deutschen Sektion 1913 aus der T.G. ausgeschlossen, und den Anstoß zur Gründung einer Anthroposophischen Gesellschaft gab nicht er selbst, sondern ein kleiner Kreis aktiver Mitglieder.

Dass Schmidt gelegentlich Mühe hatte, die Handschrift Steiners zu entziffern, wird ihm niemand verübeln. So spricht er S. 136 vom »Lotti-Aufsatz [?] für das Stona-Buch«, was selbstverständlich »Loki-Aufsatz« heißen muss, einen Beitrag Steiners zum Jakobowski-Gedenkbuch von Maria Stona, wie schon aus GA 32, S. 531 ersichtlich gewesen wäre.

Dankenswert, obwohl es marginal erscheinen mag, ist auch die erstmalige genaue Lokalisierung der Theosophischen Bibliothek in Alt-Moabit 97 im Herbst 1900, als Steiner dort seine ersten Vorträge hielt. Der Umzug der Bibliothek in die Kaiser-Friedrich-Straße 54a geschah erst im folgenden Frühjahr. Zahlreiche Abbildungen von Personen und Dokumenten bereichern das Buch wesentlich. Erfreulich auch das Personenverzeichnis, was bei derartigen Werken leider nicht immer selbstverständlich ist. Die anfängliche Loyalität Steiners gegenüber Annie Besant hätte noch deutlicher herausgearbeitet werden können, wenn Schmidt etwa die Archivunterlagen zu Steiners grundlegendem Vortrag über Anthroposophie im Girordano-Bruno-Bund am 8. Oktober 1902 herangezogen hätte. Doch das wird er ja vermutlich in einem Folgeband nachholen. Ohne dem vorgreifen zu wollen, seien aus diesem Vortrag drei Sätze zitiert, weil sie ein bemerkenswertes Zeugnis des Respekts und der Empathie gegenüber theosophischen Autoritäten darstellen, eine Eigenschaft, die auch Schmidts Buch auszeichnet: »Mir trat in Annie Besant eine Persönlichkeit entgegen, die ich als ein solches religiöses Genie erkennen möchte. Auch sie ist hervorgegangen aus der modernen Naturwissenschaft, sie hat früher in England in sozialistischen Arbeiterkreisen die deutschen Materialisten interpretiert. Sie hat alle Leiden der Erkenntnis kosten müssen und seit einigen Jahren ist sie in der englischen Welt die größte Rednerin, die religiöses Empfinden in diesem theosophischen Sinne aussprechen kann.« (Zit. Nach: Psychische Studien, 29. Jg., Dezember 1902, S. 754). Leider haben die bisherigen Herausgeber von GA 51 diese Sätze stillschweigend weggelassen. Nicht etwa, weil sie eine Erfindung wären (sie sind in den beiden einzigen greifbaren Druckvorlagen, den Vortragsreferaten im Freidenker und den Psychischen Studien enthalten), sondern offenbar deshalb, weil sie nicht so recht zum Bild des theosophiefeindlichen, eigenständigen Steiner passten. Robin Schmidts Buch lässt hoffen, dass derartige Methoden, mit denen der Welt ein möglichst widerspruchsfreier und damit leicht konsumierbarer Steiner präsentiert werden soll, bald endgültig der Vergangenheit angehören.
Wolfgang G. Vögele’

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Folkert Wilken Das Mysterium des Geldes

31 Ago

Prof. Dr. Folkert Wilken
Das Mysterium des Geldes
P rof. D r. Folkert W ilken (Freiburg)
Geldgeburt und Geldsterben.
1. Geld und Kapital.
Das Denken über das Geld verwirrt sich stets, wenn man das Mengenhafte erfassen
will in der Weise, daß man eine abstrakte Geldmenge einer abstrakten
Warenmenge gegenüber stellt. D as kommt daher, daß der Geldprozeß ebenso
wie der Warenprozeß in der zeitlichen Dimension verläuft. Man hat das durch
die Umlaufsgeschwindigkeit des Geldes erfassen wollen. Aber diese U m laufsgeschwindigkeit
ist ebenfalls ein solch völliges Abstraktum, daß man mit ihr
überhaupt keine Anschauung verbinden kann. Von dieser Seite kommt man an
die Geldprobleme nicht heran. —
Blidct man auf die Entstehung des Geldes, so wird man in die Mysteriengeschichte
geführt. Im fernen Altertum, in der babylonischen Zeit wurden bereits
gewisse Substanzen der Erdenmaterie in den Rang sozialer Werte erhoben. Die
T räger derselben waren Gold, Silber und Kupfer. In ihnen wurde die kosmisch
schaffende K raft erkannt aus den planetarischen Verhältnissen heraus, denen sie
zugeordnet sind. Mit Gold und Silber aber wurden ursprünglich nicht wirtschaftliche
Werte bezahlt, sondern nur geistige Leistungen vergolten, die von den
Tempeln ausgingen. Die Teilnahme an den kultischen Zeremonien, die Akte des
Heilens von Krankheiten wurden durch ein O pfer an Edelmetallen ausgeglichen.
Es wurde mit Gewichtsmengen gerechnet. Später, als die Prägung der Metalle zu
Münzen aus dem griechischen Geiste heraus erfunden wurde, kam zu der Vergeltung
geistig-kultischer Leistungen der Mysterienstätten noch die Belohnung für
politisch-militärische Leistungen hinzu, für die man Medaillen und Denkmünzen
austeilte. — Im alten Rom ist das Geld ganz als Rechtsgebilde gestaltet worden.
Die Juno moneta war die göttliche Trägerin, Füllhorn und W aage waren die
Symbole. D as Wort pecunia weist sowohl auf den kultischen wie politischen
Hintergrund der Zahlungen hin, indem das Vieh sowohl als Opfertier, wie als
Ausgleich für politische Leistungen benutzt wurde. Etwaige wirtschaftliche Tauschakte
konnte dieses Geld nur vollziehen als Träger kultischer und politischer Werte.
Die Verwendung des Geldes zu wirtschaftlichen Zwecken beginnt zwar auch
schon in den soeben berührten Zeiten, aber seine zentrale Bedeutung für diese
Zwecke empfängt das Geld erst seit der Neuzeit, als das selbständige, vom Staate
und der Religion befreite Wirtschaftsleben sich herausbildete. In ihm wird das
Geld zur zentralen Organisationstatsache der gesamten Wirtschaft. D as hängt
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Das Mysterium des Geldes
untrennbar mit dem letzten Organisationsprinzip dieser Wirtschaft zusammen.
Nach diesem beruht sie in ihrer gesamten Verfassung auf der Teilung der Arbeiten
aller miteinander wirtschaftenden Menschen. Diese Teilung der Arbeiten
wird vollzogen unter dem Gesichtspunkte des ökonomischen Prinzips, das aber
noch nicht die Stufe des sozialen Hauptgesetzes einnimmt, welches von Rudolf
Steiner als erstem gefunden und ausgesprochen worden ist. Es erschafft dem ökonomischen
Prinzip sein moralisches Gegengewicht. Das sogenannte ökonomische
Prinzip betont das egoistische Interesse der wirtschaftenden Menschen und erhebt
dieses Interesse zum Gestaltungsprinzip des Wirtschaftslebens. Es besagt, daß die
wirtschaftenden Menschen sich in allen ihren Handlungen nur von ihren egoistischen
Interessen leiten lassen. Und es liegt in der Richtung des erstrebten wirtschaftlichen
Vorteils, daß man sich in seinen Arbeiten so weit wie möglich spezialisiert.
Wenn aber so verfahren wird, dann kann niemand mehr Selbstversorger sein,
sondern er muß für den Austausch arbeiten und im Austausch sich alle die Güter
verschaffen, die er braucht. Mit dem kleinsten Aufwande den größten Nutzen
erzielen wollen, heißt nach dem ökonomischen Prinzip handeln. Ein ungeheures
Spiel egoistischer Strebungen prägt dadurch den Charakter des modernen kapitalistischen
Wirtschaftslebens. Dieser Charakter ist ein durch und durch antisozialer.
D as darwinistische Prinzip des Kampfes ums Dasein wird zur beherrschenden
Methode der zusammenwirtschaftenden Menschen, die alle das Erdenglück erjagen
wollen. Konkurrenzkämpfe und Märkte, die die Schauplätze dieser Käm pfe sind,
geben der auf das ökonomische Prinzip gegründeten Wirtschaft das Gepräge.
Diese materialistische Ordnung des Wirtschaftslebens wird durch das soziale
Hauptgesetz auf eine höhere Ebene gehoben und verwandelt. Erst auf ihr kann
das für das Wirtschaftsleben notwendige soziale Element entwickelt werden. Das
soziale Hauptgesetz besagt, daß das Heil einer zusammen lebenden Menschheit
um so größer sein wird, je mehr jeder das, was er arbeitet, für andere arbeitet
und nicht für sich behält, und je mehr er das, was er braucht, nicht der eigenen
Arbeit, sondern der Arbeit anderer verdankt. D as hat einschneidende Folgen für
die Ordnung des gesamten Wirtschaftslebens, das dadurch zu den assoziativen
Formen hingedrängt wird. Während das ökonomische Prinzip den egoistischen
Aspekt der Arbeitsteilung gibt, gibt das soziale Hauptgesetz den moralischen
Aspekt derselben. In dieser durch die Arbeitsteilung bedingten universalen Gegenseitigkeit
aller wirtschaftlichen Arbeiten muß man die W irksamkeit des Geldes
betrachten, um zu erkennen, daß ohne das Geld dieser riesenhafte Austauschverkehr
aller wirtschaftlichen Leistungen miteinander nicht möglich wäre. Das Geld
wirkt in ihm organisierend derart, daß es die gegenseitige Bewertung der Leistungen
ermöglicht und ihren Austausch vollzieht. Ohne das Geld gäbe es nur Einzeltauschakte
zwischen zwei Personen. Durch das unablässig weiterrollende Geld
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werden alle Tauschakte miteinander verbunden. In letzter Vollendung erschafft
das Geld einen in sich geschlossenen Organismus aller Austauschverhältnisse im
Raum und in der Zeit. Darin besteht der Organisationswert des Geldes. Ein
Geld, welches diesen Funktionen nicht gewachsen ist, wie z. B. ein inflationistisch
wirkendes Staatspapiergeld erscheint mit Bezug auf seinen Organisationswert erschüttert,
da es die Wertverhältnisse nicht mehr richtig zum Ausdruck bringen
kann. Dieser innere Organisationswert des Geldes unterliegt unter normalen Verhältnissen
einem dauernden Entwertungsprozeß, der schließlich zum Erlöschen
desselben, d. h. zum Geldsterben führt. D as werden die späteren Betrachtungen
noch deutlicher machen.
Über dieses Geldsterben kommt man nur zur Klarheit, wenn man über die·
Schöpfung oder wie man auch sagen kann: die Geburt des Geldes zur Klarheit
gekommen ist. Obgleich das Geld den ganzen sozialen Organismus durchströmt,
indem es nicht nur durch das Wirtschaftsleben, sondern auch durch das Staatsleben
und Geistesleben hindurch pulsiert, kann es doch nur im Wirtschaftsleben
zur Entstehung gebracht werden. Denn es wird auch vom Staats- und Geistesleben
letzten Endes nur für Güter ausgegeben, die im Wirtschaftsleben entstehen.
Dieses Wirtschaftsleben ist aber so geordnet, daß für jede Ware, die in Zirkulation
gesetzt wird, gleichzeitig eine Anweisung ausgegeben werden muß, welche
der Höhe des Warenwertes entspricht und die K raft besitzt, die in Zirkulation
gesetzte Ware aus der Zirkulation herauszukaufen. Eine solche Anweisung begegnet
uns heute in ihrer einfachsten Gestalt, wenn wir Bezugsscheine oder Lebensmittelmarken
empfangen, welche ihre Gültigkeit verlieren, wenn der K auf vollzogen
ist. Anders das Geld. Es ist gestaltet als eine Daueranweisung auf Waren,
die als solche mit Rechtsgültigkeit ausgestattet ist und immerfort die Kauffunktion
aufs Neue ausüben kann, solange die Rechtsgültigkeit besteht. In dieser fortlaufenden
Geltung für beliebig viele Tauschakte liegt das Wesen und der zirkulatorische
Organisationswert des Geldes. W as immer mit dem Namen „G eld“
bezeichnet wird, ist eine im Rahmen gewisser Zeitgrenzen ununterbrochen geltende
Anweisung auf Waren, welche die Tauschfunktion beliebig oft wiederholen kann.
W as setzt nun dieser beliebig häufigen Verw endung des Geldes Grenzen? Es ist die
Tatsache, daß der Besitz des Geldes an bestimmte Bedingungen gebunden ist. Einerseits
liegt das G eld nicht auf der Straße, sondern muß erworben werden; andererseits,
wenn es erworben ist, steht es in der Freiheit des Besitzers, ob, wann und w ie er es
ausgeben w ill. D aß er das G eld erwirbt, hängt davon ab, w ie die Bildung von G eld ­
einkommen sozial eingerichtet ist. Sic ist normaler W eise an die Bedingung geknüpft,
daß nur derjenige, der zu r Verm ehrung der W arenmenge beiträgt, im Verhältnis zu
seinem Beitrag ein Geldeinkom m en em pfängt. D ie Einkommen jedodi, welche die im
Staate und Geistesleben T ätigen beziehen, ersdieinen als von den ursprünglichen w irtschaftlichen
Einkommen abgeleitete Einkommen. Diese sind nicht ursprüngliche oder
unm ittelbare Einkommen. N u r die anläßlich der Erzeugung wirtschaftlicher G üter gebil228
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Das Mysterium des Geldes
deren Einkommen sind ursprüngliche Einkommen. Durch sie w ird die abstrakte G eldmenge
der uferlos fluktuierenden Geldzeichen individuell konturiert. D ie Vorstellung
einer allgemeinen Geldmenge w ird auf diese W eise umgedacht in eine Summe begrenzter
Einkommensgrößen. Diese Summe der Einkommen, welche innerhalb einer bestimmten
Zeitperiode gebildet werden, steht jedoch in keinem ursächlichen Zusammenhange mit
der Menge des Geldes, d. h. der Geldzeidien. A ber auch die Einkommen als solche sind
eine innerlich bewegte G röße, denn sie bilden sich in der Z eit unaufhörlich fortlaufend
und vielfach abgestuft in Mengen nebeneinander je nach der Zahl der Bezieher von Einkommen.
In diesem Prozeß der fortlaufenden Einkommensbildung kann dasselbe G eldstück
wiederholt zur Bildung von Einkommen verw endet werden. W ie o ft das sein
kann, kann man nicht wissen, da man nicht w eiß, in welcher Schnelligkeit die Einkommen
ausgegeben werden. Dasselbe Geldzeichen kann, je nach der Schnelligkeit, mit der
das Einkommen verw endet w ird, mehr oder weniger o ft die Einkommensgestalt annehmen.
W o immer es in die Einkommensgestalt cingetreten ist, kann es jedoch nicht beliebig
viele, sondern nur einen einzigen K au f vollziehen, und es kann den nächsten K auf
nur dann vollziehen, wenn es wieder zu Einkommen geworden ist. V on dieser Seite
her muß das Problem der Geldmenge erfaßt werden. Nicht kann es erfaßt werden,
indem man die Summe der konkreten Geldzeichen als abstrakte Geldmenge der W arenmenge
gegenüberstellt. D ie Summe der unmittelbaren, d. h. der nicht abgeleiteten Einkommen
eines bestimmten Zeitabschnittes ist das, was der Summe der W arenwerte
dieses Zeitabschnittes wirklich gegenübersteht. D a das G eld im Rechtssinne eine A n w eisung
auf den K a u f der W aren bildet und das W irtschaftsleben nur dann gedeiht,
wenn die W aren restlos aus der Zirkulation herausgekauft werden, so bildet dafür die
Voraussetzung, daß die Einkommen in ihrem Gesam tbetrage dem W erte der Gesamtwarenmasse
gleichkommen. A ber beide Größen sind lebendig in der Zeit sich entwickelnde
G rößen, wodurch die A ufstellung der entsprechenden Gleichung praktisch kaum durchführbar
ist. A ber trotzdem muß sie durch den volkswirtschaftlichen Prozeß fortwährend
verw irklicht werden durch die A rt, wie die Preise und die Einkommen gebildet werden.
Das ist das zu bewältigende volksw irtsdiaftliche Problem . Es w ird dadurch gelöst, daß
der W arenentstehung parallel geht ein Prozeß der Einkommensbildung, die sich in zeitlichem
Fortschreiten aus der vorhandenen Geldmenge heraus vollzieht. Kom m t die
Warenmenge zum V erkau f, dann müssen im G rundsätze soviel Einkommen gebildet
worden sein, als zum vollständigen Absatz aller W aren erforderlich ist. Die Herstellung
dieses in der Zeit verlaufenden Glcidigcwichtes ist äußerst verwickelt.
Zur Klarheit kommt man auch hier erst, wenn man das Grundsätzliche erfaßt
in den Voraussetzungen, unter denen sich die Einkommensbildung in der arbeitsteiligen
Wirtschaft vollzieht. Hier verhält es sich so, daß in Bezug auf die H erstellung
einer jeden Ware die Einkommen derjenigen, die sie hersteilen, vorgebildet
werden müssen. Es können die Hersteller nicht leben von dem Verkauf
der Ware, die sie herstellen, solange sie dieselbe noch hersteilen und nicht verkauft
haben. Wer erstmals eine Ware herstellt, muß sein Leben während dieser
Zeit aus Vorschüssen bestreiten. Das aber heißt nichts anderes, als daß jeder
Warenproduktion ein Kapitaleinsatz vorausgehen muß. Er mag noch so verschiedene
Formen annehmen, aber er muß durch alle seine Metamorphosen hindurch
erkannt werden. Der Kapitaleinsatz dauert solange, bis der Hersteller von dem
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Verkauf seiner Produkte leben kann. Aber durch diesen Verkauf ersetzt er doch
nur wieder das eingesetzte Kapital, so daß er dann bei der nächstfolgenden Produktion
aus dem Kapitalersatz heraus lebt. Damit ist wenigstens das Prinzipielle
der ganzen Sachlage angedeutet. Man kommt nicht zum letzten Verständnis der
Geldfunktionen, wenn man das nicht in Betracht zieht, daß jede „wirtschaftliche“
Einkommensbildung — also nicht: die Einkommen der Staatsbeamten und nicht
die Geldverdienste der im Geistesleben Tätigen — notwendigerweise auf einen
Kapitaleinsatz zurückgeht. Durch einen Kapitaleinsatz wird demnach das für den
W arenkauf bestimmte Geld in Form einer Einkommensvorbildung ursprünglich
in Zirkulation gesetzt.
Es gibt drei Arten des Kapitals, durch welche die Warenherstellung finanziert
werden kann. Die erste Form, das Sparkapitel, ist bekannt. Wer Einkommen
bezieht und auf einen Teil der Käufe verzichtet, der spart Geld. Ein solches
Geld kann von denen geliehen und eingesetzt werden, die Waren hcrstcllen wollen.
Wichtiger aber als dieses aus unterlassener Verwendung von Einkommen sich
herausbildende Kapital ist das freie Kapital, dessen Entstehung sich unabhängig
von der Einkommensbildung vollzieht. Es sind die Naturerkenntnisse,
es ist der technische Fortschritt, welche seit der Neuzeit im Wirtschaftsleben
überall unc^ unablässig in die Produktions- und Verkehrsprozesse einschlagen und
dadurch unaufhörlich eine Kapitalbildung verursachen. Der technische Fortschritt
wirkt so, daß er den Menschen die Arbeit an der Materie völlig abnimmt oder
doch erleichtert. Wo heute 100 Leute an einer Sache arbeiten, müssen es morgen
nur noch 30 sein; 70 wurden durch eine Maschine ersetzt. Diese Ersparung von
menschlicher Arbeit verbilligt fortdauernd die Produktion, aber die Verkaufspreise
der so verbilligten Produkte senken sich, wie man weiß, nicht gleich, sondern
erst, wenn die arbeitssparende Herstellungsmethode der W are allgemein
geworden ist. Bis zu diesem Zeitpunkte machen die verbilligt produzierenden
Betriebe einen sogenannten Extragewinn; besser gesagt: es lagert sich bei ihnen
Geld ab. Dieses Geld wird herkömmlicherweise zum Privateinkommen des betreffenden
Betriebsinhabers gemacht. Durch diesen sozialen Fehler, daß das in
der Volkswirtschaft sich aus dem Geiste heraus bildende Kapital (vgl. Rudolf
Steiner, Nationalökonomischer Kurs, IV. Vortrag) automatisch nach römischen
Rechtsvorstellungen in das Privateigentum der Betriebsinhaber übergeht und
damit zu einem nicht auf wirtschaftlicher Arbeit sich gründenden Einkommen
entartet, entsteht die Illusion, als ob es sich bei der geistbedingten Kapitalbildung
auch um einen Sparprozeß handle. Aber dieser ist nicht echt, sondern nur
die Form, in der das freie Kapital in Erscheinung tritt. Es ist ein weltweiter
Unterschied, ob ein Kapital aus Konsumverzichten oder aus Geisteskräften sich
bildet. Es ist nicht das harmlose Sparkapital, sondern das geistbedingte freie
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Das Mysterium, des Geldes
Kapital, welches den die Menschheit bedrohenden kapitalistischen Mächten zugrunde
liegt und die ganze Erde durch einen alles Menschliche beherrschenden
wirtschaftlichen Imperialismus zu einem materiellen Arsenal umgestalten möchte.
Dieser Irrweg der Kapitalverwendung hätte nicht entstehen können, wenn man
mit der Kraft der Bewußtseinsseele es erfaßt haben würde, daß das im Betriebe
aus den Geistimpulsen heraus sich bildende Kapital nicht automatisch rechtmäßig
in das Eigentum der Betriebsinhaber übergehen kann, sondern daß es den U rhebern
der nicht sparbedingten Kapitalbildung, d. h. den Urhebern der geistigen
und technischen Fortschritte gehören muß, also dem allgemeinen Geistesleben und
seinen wahren Vertretern, und daß es nur von dieser Stelle aus richtig verwaltet
werden kann. Das Organ für die Verwaltung des Kapitals kann nur aus Vertretern
des Geisteslebens gebildet werden, zu denen in W ahrheit auch die Betriebsleiter
gehören. Dies näher darzustellen, fällt jedoch nicht in den Rahmen
des hier behandelten Themas. Die freie Kapitalbildung soll hier nur betrachtet
werden als die besondere und überragende Finanzierungsquelle des wirtschaftlichen
Lebens sowohl, wie auch des Geisteslebens.
Das freie Kapital ist es auch, welches der kapitalistischen W irtschaft den Namen
gegeben hat, nicht ist es das harmlose Sparkapital, das aus den arbeitsbedingten
Einkommen durch Konsumverzicht entsteht. Das freie Kapital stellt sich dar als
das ungeheuerste, in die Geldgestalt hinein vergeistigte, materielle Kraftwesen
des Zeitalters. — Aber es gibt nun außer dem Sparkapital und dem freien Kapital
noch eine dritte Art des Kapitals, die aus der Sphäre des Geldwesens selber hervorgeht.
Um diese Kapitalbildung zu verstehen, die a u s einer Geldschöpfung
heraus erfolgt, bedarf es noch eines genaueren Eingehens auf die
zwei Geldsphären des Wirtschaftslebens. Wenn von Geld gesprochen wird, denkt
man zunächst nur an das sogenannte Kaufgeld oder Bargeld, welches der Konsument
benutzt, um dafür seine Waren einzukaufen. Man kann es als Konsumentengeld
bezeichnen, um es abzuheben gegen die andere Gelderscheinung: das sogenannte
Giralgeld, Buchgeld oder Bankgeld, ein Geld, welches nur als Kontoeintragung
ins Dasein tritt und nur zur Verrechnung über Bankkonten weiter
gegeben werden kann. Dieses Geld besitzt den Charakter eines reinen Produzenten·
(und Händler-) Geldes. Also nicht nur die Konsumenten, sondern auch
die Produzenten und Händler unter sich kaufen Waren und bezahlen mit Geld,
aber es ist nicht dasselbe Geld. Die durch die Arbeitsteilung auseinandergerissenen
Produktionsprozesse, ihre Zerlegung in viele sich folgende Stadien vom
Rohstoff bis zur fertigen Ware, die alle in eigenen Betrieben verselbständigt sind,
werden wieder zusammengefügt durch die Geldrechnung. Indem die späteren
Produktionsstadien das von den früheren Stadien Gearbeitete beziehen, begleiten
sie diese Bezüge durch eine rechnerische Herüberbuchung und Bezahlung ihrer
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Prof. Dr. Folkert Wilke η
Werte. Das geht auf den Bankkonten vor sich, als eine große volkswirtschaftliche
Buchführung, die sich eines eigenen Geldes bedient, des barlosen Verrechnungsgeldes.
Dieser Verrechnungsgeldprozeß ist jedoch untrennbar verknüpft mit der Einkommensbildung
und dadurch mit dem baren Konsumentengeide. Wenn ein Betrieb
für seine Lieferungen durch eine Kontoüberweisung bezahlt wird, so muß
er einen Teil dieses Geldes in Bargeld verwandeln, nämlich einen so großen Teil
desselben, als er für die Bezahlung der Entgelte an die Arbeiter, Angestellten
und für die Betriebsleitung benötigt. Auf diese Weise wird der ganze Verrechnungsgeldprozeß
immerfort von Akten einer teilweisen Verwandlung von Verrechnungsgeld
in Bargeld begleitet. Mit diesem Bargeld werden die fertigen
Waren gekauft. Dadurch gelangt es zu den Händlern, die es auf die Banken
tragen, wo es ihnen gutgeschrieben, d. h. wiederum in Verrechnungsgeld verwandelt
wird. Auf diese Weise wird alles vorher in Bargeld verwandelte Verrechnungsgeld
wieder in Verrechnungsgeld verwandelt. Die Verwandlung von
Verrechnungsgeld in Bargeld (von Produzentengeld in Konsumentengeld) und
von Bargeld in Verrechnungsgeld (von Konsumentengeld in Produzentengeld)
bildet einen geschlossenen Kreislauf. Es findet ein ununterbrochenes Auswechseln
zwischen beiden Geldarten statt.
Die dritte Art der Kapitalbildung ist nur in der Sphäre des Verrechnungsgeldes
möglich durch einen Vorgang der Kreditgewährung, weswegen man diese
Kapitalschöpfung auch als Kreditschöpfung bezeichnet. Das von den Banken geführte
Kontokorrentkonto ist die Einrichtung für diese Kapitalschöpfung
aus dem Nichts. Der Kontokorrentkredit tritt in Erscheinung als eine Geldschöpfung
aus dem Nichts, allerdings grundsätzlich nur als eine Verrechnungsgeldschöpfung,
die allerdings bei der Verwandlung in Bargeldauszahlungen auch
auf die Bargeldschöpfung Einfluß gewinnen kann. Mit dem „Nichts“ ist angedeutet,
daß weder Sparprozesse noch geistige Impulse dieses Geldkapital zur
Entstehung bringen, sondern allein der abstrakte Wille zu seiner H ervorbringung.
Daß die weitere Verwendung dieser abstrakt geschaffenen Geldkapitalien
diese Schöpfung nachträglich materiell unterbaut durch reale ökonomische Prozesse
und sie dadurch rechtfertigt, ist für die Erkenntnis des Phänomens nicht
entscheidend. Auch die beiden anderen Kapitalarten wurden nicht nach ihren
Verwendungszwecken charakterisiert. Ihrem Wesen nach stellt die Kreditschöpfung
eine kurzfristige Kapitalschöpfung dar, die geeignet und bestimmt ist für
den ebenfalls kurzfristigen Einsatz von Betriebskapital. Allerdings wird die
Kapitalschöpfung aus dem Nichts in besonderem Maße durch ihren Verwendungszweck
impulsiert. Will man das in den Vordergrund stellen, so kann man
von „willkürlicher“ oder „zweckhafter“ Kapitalschöpfung sprechen. —
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Das Mysterium des Geldes
Alle diese Betrachtungen können zeigen, daß die Volkswirtschaft zwar ein
Quantum Bargeld braucht, daß dieses Quantum aber unbestimmbar ist. Seine
Größe ist mathematisch auf keine Weise zu erfassen oder festzulegen, aus dem
einfachen Grunde schon deswegen nicht, weil die Einkommensverwendung, ihre
Beschleunigung oder Verlangsamung, in der Freiheit der Konsumenten steht und
auch stehen muß. Man kann die gesamte Konsumentenschaft im Zeitalter der
freien Persönlichkeit nicht unter einen permanenten Kaufzwang setzen. Wie das
Tempo der Einkommensverwendung auf den Bedarf der Volkswirtschaft an
Bargeld wirkt, können folgende Überlegungen dartun. Nehmen wir an, ein Büroangestellter
bekommt am 1. jeden Monats 300.— DM Gehalt. Es müssen also
alle 30 Tage 300.— DM Bargeld für ihn flüssig gemacht werden. Nehmen wir
an, er kauft am 1. Januar ein Paar Stiefel für 30.— DM. Erst in 30 Tagen, am
1. Februar, müssen diese 30.— DM wieder für ihn flüssig gemacht werden; sie
können also während dieser Zeit zur Einkommensbildung benutzt werden. Am
l.Januar bekommt der Schuhhändler die 30.— DM; am 2. Januar zahlt er sie
auf sein Bankkonto ein. Am selben Tage noch benutzt die Bank dieses Bargeld
und zahlt es an einen Fabrikanten für Lohnzwecke. Ein Arbeiter erhält es im
Rahmen des Wochenlohnes. Er gibt ihn aus, und schon nach einer Woche sind
die 30.— DM ganz oder teilweise wieder bei den Banken angelangt und können
abermals für die Zwecke der Einkommensbildung ausgezahlt werden. Das kann
sich vielleicht mehrmals im Monat wiederholen, wenn ein am Beginne desselben
ausgegebener Bargeldbetrag die Einkommensfunktion ausübt. — Nun aber setzen
wir den Fall, daß der Angestellte erst am 31. Januar die Schuhe für 30.— DM
kauft. Bis zu diesem Tage, also einen ganzen Monat hat er das Geld in der Brieftasche
bei sich getragen. Wer will ihm das verwehren? Das Ergebnis seines <,
zögernden Verhaltens aber ist, daß seine 30.— DM alle jene geschilderten Einkommensfunktionen
nicht ausüben konnten, und daß vielleicht deswegen 30.— DM
Neugeld ausgegeben werden mußten. Denn es können deswegen nicht weniger Einkommen
gebildet werden, weil die Einkommensbezieher ihr Geld langsam ausgeben.
Wenn dann der Angestellte am 31. Januar die Schuhe gekauft hat, können die
emittierten 30.— DM Neugeld wieder an die Geldschöpfungsstelle zurückströmen.
Dieses Beispiel, bei welchem die eingesetzten kleinen Beträge das Grundsätzliche
nicht berühren, kann darüber aufklären, daß es selbst bei genauester
Kenntnis des Produktionsvolumens niemals möglich ist, aus dieser Kenntnis Rückschlüsse
auf den für den Kauf desselben notwendigen Bargeldbedarf zu ziehen.
Mit dem, was als Umlaufsgeschwindigkeit bezeichnet wird, weist man nur hin
auf eine letzten Endes unerkennbare Größe, welche täglich aus den Freiheitskräften
der wirtschaftenden Menschen eine neue Gestalt empfängt. Denn un16
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begrenzt sind die Variationen in der zeitlichen Verteilung der Ausgaben innerhalb
der normalen Einkommensperioden.
Der Bargeldbedarf einer Volkswirtschaft ist also ein stets wechselnder, und die
Bargeldemission in der Volkswirtschaft muß deshalb äußerst anpassungsfähig
sein. Weiterhin ergibt sich aus der Kauffunktion des Geldes, daß die Geldemission
nur anläßlich der Einkommensbildung im Rahmen der wirtschaftlichen
Warenherstellung stattfinden darf. Ein weiterer besonderer Gesichtspunkt ergibt
sich, wenn man auf die Rechtsgeltung des Geldes schaut; da wird man in einer
nach dem sozialen Hauptgesetz gestalteten Wirtschaft zu gewissen rhythmischen
Notwendigkeiten des Wirtschaftslebens geführt, welche fordern, daß es kein ewig
geltendes Geld geben darf, daß vielmehr der Geldschöpfung ein Gelduntergang
entsprechen muß. Um insbesondere diese rhythmischen Notwendigkeiten der
Geldgestaltung in ihrem Wesen zu erfassen, müssen klar gesehen werden die drei
Wurzeln des Geldwertes, man kann auch sagen die dreifache Schichtung des Geldwertes
oder schlechthin die drei Geldwerte:
1. Das Geld ist ein Instrument des wirtsdiaftlichen Tausches. Ihm wohnt inne ein
eigener funktioneller Wert, der es zum Tausche befähigt. Die “Werte der Waren werden
als Geldwerte vorgestellt. Das Geld tritt im eigentlich wirtschaftlichen Bereiche als
Träger des Tauschwertes in Erscheinung. Es metamorphosiert sich von der Gestalt
des im Betriebe eingesetzten Kapitals in die Einkommensgestalt, und es gibt die Einkommensgestalt
wiederum auf, wenn es als einfaches Kaufgeld ausgegeben wird. Im
Tauschwert verkörpert das Geld die wirtsdiaftliche Essenz aller Warenwerte und damit
aller Preisbildung. In diesem wirtschaftlichen Bereiche, wo das Geld Tauschmittel ist,
entspringt auch als wirtschaftliche Gesinnung das Sparen und damit das Sparkapital.
2. Das Geld empfängt seine Geltung und damit eine gesellschaftliche Sicherung seines
Wertes durch das Rechts- und Staatsleben. Es ist zwar im Ganzen kein Geschöpf der
Rechtsordnung, aber in Bezug auf seinen Umlaufswert, d. h. seine reditlich gesicherte
Verwendbarkeit bei allen Zahlungen ist es doch eine Schöpfung des Rechtes im
Sinne einer rechtlich gesidierten Anweisung auf einen Warenkauf. In diesem Bereiche
kann durch einen formalen Rechtsakt eine Geld- und Kapitalschöpfung aus dem Nichts
vollzogen werden. In der Giralgeldsphäre, wo diese Art Geldschöpfung als Kreditschöpfung
sich vollzieht, handelt es sich um eine in der speziellen Obhut des Wirtschaftslebens
stehende Rechtssphäre des wirtschaftlichen Geschäftsverkehrs.
3. Das Geld besitzt einen nur geistig zu verstehenden Organisationswert.
Es w irkt wie ein universeller geistiger Impuls im Wirtsdiaftsleben. Es entfaltet im G anzen
der Wirtschaft dadurch eine Wirkung, daß es die durch die Arbeitsteilung auseinander
gerissenen Produktionsprozesse wieder verbindet und die Trennung zwischen den
Produzierenden und Konsumierenden in eine fortlaufende Verbindung verwandelt. Das
geschieht in einer Weise, daß alle Tauschakte, alle Preise, alle Produktionsvorgänge in ein
gegenseitiges Verhältnis gebracht werden, und zwar in ein ununterbrochen sich erneuerndes
Gleichgewichtsverhältnis. Dadurdi wird die große Einheit und der allseitige Zusammenhang
in das wirtschaftliche Leben hineingebracht und ihm eine organische Gestalt
verliehen. Man kann sagen: das Geld realisiert die Geistgestalt des Wirtschaftslebens
im Ebenbilde eines Organismus. Wie das pulsierende Blut der Ich-Träger ist, so ist das
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Das Mysterium des Geldes
fluktuierende Geld der Träger des volkswirtschaftlichen Gesamtgeistes. Das Geld wird
hier zum geistig-materiellen Instrument, das in der Handhabung der assoziativ zusammenarbeitenden
Menschen als Träger der Bildekräfte des gesamtwirtschaftlichen Organismus
sich erweist. — Wenn in ein solches Wirtschaftsleben neue geistige Impulse hereinschlagen,
die ersparend auf die wirtschaftlichen Arbeiten wirken, so zieht sich der w irtschaftliche
Organismus an diesen Stellen zusammen und Geld wird freigesetzt und lagert
sich ab. So verwirklicht sich die freie Kapitalbildung als der Ausdruck eines organisatorischen
Fortschritts im Wirtschaftsleben aus dem Organisationswert des Geldes heraus.
In besonderer Weise läßt sich dieses noch verdeutlichen, wenn man es beleuchtet durch
die Darlegungen, die Rudolf Steiner im „Nationalökonomisdien Kurs“ an verschiedenen
Stellen über das Geld gegeben hat. A u f drei Bewußtseinsstufen wird im
„Kurs“ das Geldphänomen erklärt: auf einer geistigen, einer rechtlichen und einer wirtschaftlidien.
Im IV . Vortrage wird vom Geld unter rein geistigen Gesichtspunkten gesprochen.
Die Wirksamkeit des Geistigen im Wirtschaftsleben führt überall in die K a ­
pitalentstehung und in die Kapitalwirksamkeit hinein. Beides findet seinen Ausdruck
in charakteristischen Geldprozessen. Das Geld ist einerseits das Mittel, durch welches
die Kapitalbildung sich vollzieht, und nachdem es so aus den Kapitalprozessen heraus
entstanden ist, wird es andererseits das „M ittel für den Geist, um einzugreifen in den
volkswirtschaftlichen Organismus, der in der Arbeitsteilung steht“ . In diesem Zusammenhänge
spitzt sich die Anschauung des Geldes zu in dem lapidaren Satze: „G eld ist realisierter
Geist“ .
Im V III. Vortrage wird das Geld als Rechtsphänomen dargestellt. Diese Darstellung
gipfelt in dem Satze: „In dem Augenblick, wo das Geld auftritt im volkswirtschaftlichen
Verkehr, sehen wir ganz anschaulich das Auftreten der Rechtsfaktoren. Das ist
außerordentlich wichtig, daß w ir das ins Auge fassen: daß sich tatsächlidi zunädist der
gesamte soziale Organismus nur betrachten läßt, wenn wir allmählich überführen das
bloß wirtschaftlich Geschehende in dasjenige, was unter dem Einfluß des Rechtes geschieht.“
Die dritte Perspektive des Geldes, welche dessen eigentlich wirtschaftliche Funktion
als Tauschmittel hervortreten läßt, wird erst im X IV . Vortrage grundsätzlich herausgcstcllt,
wo es heißt: „Denn sonst ist das Geld dennoch nichts anderes, wenn w ir bis in
die Tiefen der Volkswirtschaft hineinschauen, als das Mittel des gegenseitigen Austausches
der Leistungen“ .
Durch diese drei Funktionen greift das Geld gestaltend in das Wirtschaftsleben ein
und ermöglicht durch sie die Verwirklichung alles dessen, was die Arbeitsteilung als das
zentrale Organisationsprinzip des Wirtschaftslebens erfordert. Das Geld als die bewirkende
K raft dieses Organisationsprinzips offenbart dadurch seinen gesamtwirtschaftlidien
Organisationswert. Mit diesem Ausdrucke haben wir das bezeichnet, was das zusammengefaßte
Wesen des Geldes ausmacht. Im X II. Vortrage des nationalökonomischen Kurses
wird dieses zentrale Funktionswesen des Geldes behandelt. Die Ordnung des Geldwesens
empfängt unter diesem Gesichtspunkte erst ihre grundsätzlichen Richtlinien.
2. Geldschöpfung und Gelduntergang.
Das Geld ist seiner äußeren Gestalt nach, so wie es als Geldzeichen hergestellt
werden muß, ein Geschöpf des Wirtschaftslebens; es ist als Träger der Zahlungs16*
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rechte ein Geschöpf der Rechtsordnung; als Organisationstatsache der Verwirklichung
der universellen Tauschwirtschaft jedoch ist es ein Geschöpf des Geisteslebens.
Demgemäß muß die Geldschöpfung von allen drei Gliedern des sozialen
Organismus getragen werden. Wie unter diesen Umständen die Geldemissionsstelle
aussehen wird, kann nur dargestellt und verständlich gemacht werden,
wenn man ein Gesamtbild der assoziativen Wirtschaftsordnung entrollt. Das
kann hier nicht geschehen. Es wird im folgenden deshalb immer nur allgemein
von der „Geldemissionsstelle“ gesprochen werden. Deren Tätigkeit umfaßt die
Erschaffung neuen Geldes und seine sinngerechte Überführung in die wirtschaftliche
Zirkulation, sowie die Vernichtung, und zwar die planvolle Vernichtung
des überalterten Geldes. Um die Gestaltung dieser Funktionen der Geldemissionsstelle
zu verstehen, richten wir den Blick zunächst. auf die charakteristischen
Methoden der üblichen Geldemission.
Die Art, wie nach der modernen Banktechnik in normalen Zeiten der Verkehr mit
Bargeld versorgt wurde, entbehrt nicht einer gewissen Genialität. Wenn man bedenkt,
daß der durch die Einkommensbildung und Einkommensverwendung bedingte täglidi
wechselnde Bedarf an Bargeld eine ungemein bewegliche Elastizität der Geldemission,
d. h. eine Fähigkeit zu unmittelbarer Ausdehnung und Wiederzusammenziehung der
Geldmenge, nötig macht, so kann festgestellt werden, daß durch die Technik der Notenausgabe,
wie sie besonders im 19. Jahrhundert entwickelt wurde, diese Elastizität erreicht
worden ist. Die Technik der Notenausgabe bestand darin, daß die Geldscheine in der
Regel nur für höchstens drei Monate in Umlauf gesetzt wurden. Wenigstens geschah
das der Form nadi, indem der Bargeldausgabe überwiegend der Diskont von Handelswechseln
zugrunde gelegt wurde. Nach längstens drei Monaten mußte der diskontierte
Wechsel bezahlt werden und die Bank kam wieder in den Besitz einer entsprechenden
Menge Bargeldes. Indem man in solcher Weise die Ausgabe von Bargeld kurzfristig organisierte,
erreichte man, daß fortdauernd die vom Verkehr benötigte Geldmenge durch
Ab- und Zuströmen auch tatsächlich in Um lauf gesetzt wurde. Es läßt sich nicht leugnen,
daß dies eine geniale Handhabung der Geldversorgung des Wirtschaftslebens darstellte.
Aber doch ist Einiges an dieser A rt der Geldemission auffallend. Zunächst ist bemerkenswert,
daß kein Unterschied gemacht wird, ob das gegen Wechsel ausgelieferte Bargeld
ein neu emittiertes Geld, also Neugeld war, oder ob es ein aus den Eingängen des
zurückströmenden Geldes entnommenes Altgeld war. Dieser Gegensatz von Neugeld und
Altgeld ist bislang überhaupt noch nicht ins Bewußtsein getreten, weder bei den wissenschaftlichen
Nationalökonomen, noch bei den Bankpraktikern. Aber es ist nun eine Frage,
ob das Kaufgeld, das in dieser Weise in stets wechselnder Höhe gebraucht wird, in dieser
nichtssagenden Weise audi weiterhin emittiert werden darf, wenn es sich um eine W irtschaftsgestaltung
auf einer höheren Bewußtseinsstufe handelt. Sidi gegen einen Wechsel
Bargeld zu verschaffen, sei es schon umlaufendes oder erstmalig emittiertes, das bleibt
sich sdieinbar gleidi in einer Wirtschaft, in der überall eine materielle Denkweise herrscht
und ausschließlich nach dem ökonomischen Prinzip gehandelt wird, wie in der kapitalistischen.
Für eine Wirtschaft auf höherer Bewußtseinsstufe entstehen zwei Probleme
im Geldwesen, die gelöst werden müssen. 1. Wie lange darf ein einmal emittiertes Bargeld
in Zirkulation bleiben? 2. In welcher Form und bei welcher Gelegenheit muß das
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Das Mysterium des Geldes
Kaufgeld emittiert werden? Die Geschichte zeigt, daß, wenn diese Probleme ungelöst
bleiben, Katastrophen cingreifcn und das Geldwesen in mehr oder weniger chaotischer
Weise gewaltsam regenerieren. Die deutsche Geldgeschichte der letzten 100 Jahre führte
vom Taler zur M ark, von der M ark zur Reichsmark und von der Reidismark zur
Deutschen Mark.
Wenn man im Gelde nichts weiter sieht, als den Träger einer materiellen Kaufkraft,
so kann man durchaus der Ansicht sein, daß diese letztere unbegrenzte Zeit dem entsprechenden
Geldzeichen verbunden bleiben kann. Zieht man aber den Organisationswert
des Geldes in Betracht, so erkennt man unschwer, daß dieser Organisationswert des
Geldes sich mit der Zeit mindert, d. h. daß das Geld in dieser Hinsicht immer mehr den
Zusammenhang mit den wirtschaftlichen Verhältnissen verliert, für die es einst geschaffen
wurde. Man stelle sich nur einmal deutlich vor die Seele, was es heißt, mit
einem Gelde heute noch zu tauschen, das vor 50 oder 100 Jahren ins Wirtschaftsleben
hineingegeben wurde, also zu einer Zeit, wo es keine Eisenbahnen gab, wo die Elektrizität
und die Motorenkräfte noch unbekannt waren oder höchstens in Laboratorien
ein unpraktisches Dasein führten, wo die Beleuchtung sich nodi auf Petroleum und Gas
stützte oder ganz wegfiel, wo die ersten Banken gegründet wurden. Man vergleicht:
die Gegenstände des täglichen Bedarfs, das, was heute als Nahrungsmittel, Kleidungsstücke
und Gebrauchsgegenstände gekauft wird mit dem, was vor 100 Jahren gekauft
wurde oder noch nicht gekauft werden konnte. Und dann vergleiche man noch die
Preise, die heute gezahlt werden und die damals gezahlt wurden. Wie kann ein Geld,
das emittiert wurde, als die Eier noch 3 bis 5 Pfennig kosteten, nodi in einer W irtschaftsperiode,
wo sie 30 bis 40 Pfennig kosten, Geltung haben? Wenn eine neue Preisebene
sich herausbildet, wenn die Wertverhältnisse aller Waren zueinander sich geändert
haben, dann hat ein früher emittiertes Geld jeden Zusammenhang mit den Wirtschaftszuständen
verloren. Gewiß kann man ein Geld, das vor 100 Jahren emittiert wurde,
künstlich in seiner Rechtsgeltung erhalten und weiter kaufen lassen. Aber das ist gerade
so, als wenn man Mumien galvanisieren und in ein Scheindasein rufen würde. Man muß
begreifen, daß man durch ein dauernd in Zirkulation erhaltenes, sozusagen ewig gültiges
Geld etwas völlig Unwirkliches in das Wirtschaftsleben hineinträgt, das sich nidit
anders als zerstörerisch auswirken kann. N ur wirkt diese Zerstörung langsam und verborgen,
sie erzeugt Krisen, deren Ursachen dann nicht erkannt werden.
Die Absurdität eines ewig dauernden Geldes enthüllt sidi in der hübschen Rechnung,
die man mit einem bei Christi Geburt auf Zinseszins gelegten Pfennig anstellen kann.
Dieses winzige Geldstück, wenn man es durch 1900 Jahre im Dasein erhalten wollte,
würde als Sparkapital sich in einen Goldklumpen verwandelt haben, der schwerer sein
würde als das Gewicht des gesamten Erdenplaneten. Man hat zu erkennen, daß jede
Schöpfung im irdischen Leben den Todeskeim in sidi trägt und tragen muß. Jeder
geistige Impuls erlahmt, schwächt sich ab mit der Zeit. So verliert sich auch der im O rganisationswert
des Geldes sich darstellende geistige Impuls. Er ist nur lebensfähig für
eine Zeitspanne, in welcher er im Wirtschaftsleben real gestaltend wirkt. Aber die Zeit
schreitet fort, und das einst geschaffene Gebilde wird ihr immer unähnlicher. Man kann
deshalb das, was aus dem Geiste irdisdi geschaffen wurde, nicht über eine gewisse Grenze
hinaus konservieren. Jede materielle Schöpfung, und auch das Geld ist eine solche, unterliegt
dem unaufhaltbaren Prozeß des fortschreitenden Alterns, der schließlich im Akte
des Todes sein Ende findet. Dem abstrakt erlebten Tauschwert des Geldes gegenüber
wurde die materialistische ökonomische Denkweise dazu verführt, die Geldzeichen
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solange im Gebrauch zu behalten, bis sie zerschlissen waren. Dieser Denkweise fehlt
eben der Sinn für den Organisationswert des Geldes. Nur an ihm vollzieht sich d a s
Altern des Geldes.
Je älter also das Geld wird, umso weniger paßt es in die Zeit. Es muß durch neues
oder junges Geld ersetzt werden. Die Art, wie ein neues Geld in das Wirtschaftsleben
eingeführt wird, gibt erst den Schlüssel zum rechten Verständnis des Alterns und Sterbenmüssens
des Geldes. Das Geld muß so emittiert, d. h. erstmalig in Umlauf gesetzt
v/erden, daß es in eine wesenhafte Verbindung mit der Zirkulationsentwicklung tritt.
Es muß seinen organisierenden Impuls, der ein neuer erstmaliger ist, verbinden mit
einem neuen und erstmaligen Impuls der Warenerzeugung. Der Idee nach sollte
überhaupt jeder neu eingeleitete Produktionsprozeß mit einer Neugeldemission verbunden
werden. Und dieses Neugeld sollte — wiederum der Idee nach — solange in Z irkulation
bleiben, wie dieser Produktionsprozeß aus seinem Anfangsimpuls heraus fortwirkt.
Dieser Impuls kann höchstens für die Dauer einer Generation anhalten, d. h. für
etwa 20 bis 30 Jahre. Damit würde dieses Geld allerdings nur auf die spezielle Warengattung
einer Unternehmung und nicht, was das letzthin Richtige wäre, auf die Gesamtzirkulation
eingestellt werden. Die Zeiträume, die für deren Verwandlung gelten, w erden
verschieden sein, je nachdem ob es sich um eine Periode großer technischer Fortschritte
oder mehr um eine Periode der Konservierung des Bestehenden handelt. Ein
Schema für die Lebensdauer des Geldes im Rahmen der Gesamtwirtschaft läßt sich also
nicht allgemein geltend aufstellen. Man wird die Lebensdauer ertasten müssen, und man
hat die Freiheit, sie jederzeit zu begrenzen oder zu erweitern.
Die Verjüngung des Geldes ist im 19. Jahrhundert auf erne originelle Weise in demjenigen
Lande betrieben worden und wird es wohl auch heute noch, welches der Schöpfer
des modernen Wirtschaftslebens gewesen ist, in England. Die Bank von England
hat nämlich die Gepflogenheit, keine Banknote zum zweiten Male in Verkehr zu setzen,
wenn sie zurückgeströmt ist. Jede zu ihr zurückströmende Note wird nicht wieder ausgegeben,
sondern 10 Jahre aufbewahrt und dann verbrannt. Bei dieser Maßnahme hat
man sich aber nicht allzuviel gedacht. Ihr Vorzug wurde eigentlich nur darin erblickt,
daß stets tadellos saubere Noten zirkulierten. Unter dem Gesichtspunkte des sich entwertenden
Organisationswertes des Geldes erscheint ein solch schematisches Erneuern
der Banknoten ziemlich sinnlos, denn es wird dabei auf die Umlaufszeit der Noten keine
Rücksicht genommen. Die Verjüngung des Geldes vollzieht sich in diesem Falle außerdem
in übertriebener Schnelligkeit und ohne Rücksicht auf irgend welche wirtschaftlichen N otwendigkeiten.
In einer bewußt im Geiste des sozialen Hauptgesetzes gestalteten assoziativen
Wirtschaftsordnung muß die Verjüngung des Geldes natürlich andere Formen
annehmen. Sie ergeben sich aus der Art, in der das neue Geld sinnvoll in den
Verkehr gebracht wird. Unter dem Gesichtspunkte des Örganisationswertes des
Geldes kann die Emission von Neugeld nur dadurch mit der wirtschaftlichen
Evolution wirksam verknüpft werden, daß diese Emission an die Stellen gelenkt
wird, wo neue wirtschaftliche Impulse eingreifen. Das ist der Fall, wenn U nternehmungen
gegründet werden. Denn jede neugegründete Unternehmung setzt
ein neues Warenkontingent laufend in Zirkulation, für welches die Einkommen
gebildet werden müssen. Aber da die Waren sich gegenseitig kaufen, so müssen
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Das Mysterium des Geldes
der Tendenz nach einer jeden Wirtschaftserweiterung an einer Stelle solche an
allen anderen Stellen des Wirtschaftslebens entsprechen. Das ist in normalen
Zeiten auch annähernd der Fall. Finden doch in allen Gewerbezweigen laufend
Neugründungen statt. Aber es finden auch laufend Ausschaltungen überalterter
Betriebe statt. Deren Produktionsausfall ist volkswirtschaftlich gegen die Neuproduktionen
aufzurechnen. Aus diesem Grunde fehlen praktisch errechenbare
Maßstäbe dafür, eine wie große Menge Neugeld eine zur Erweiterung des W irtschaftslebens
führende Neugründung nötig macht. Ja, es stehen dem volkswirtschaftlichen
Geldbedarf der Neugründung kompensierend gegenüber nicht nur
die Ausschaltungen überalterter Unternehmungen, sondern auch die auf Grund
der laufenden Kapitalbildung erfolgenden dauernden Waren Verbilligungen, die
eine geringere Kaufgeldmenge erfordern und nicht zuletzt auch jene unberechenbare
Funktionssteigerung der vorhandenen Geldmenge, die durch ein beschleunigtes
Geldausgeben bewirkt wird. Weil das so ist, sieht sich eine Geldemissionsstelle
unter den heutigen Verhältnissen einem unberechenbar wechselnden Geldbedarf
gegenüber, der wegen der kompensierenden Prozese nur wenig Neugeld
nötig macht und einen gesetzmäßig bedingten Neugeldbedarf überhaupt nicht
kennen kann. Aus diesem Grunde wurde die Ausgabe von Neugeld unter den
überkommenen Verhältnissen nicht zum Problem.
In einer das Geldwesen richtig gestaltenden assoziativen Wirtschaft aber entsteht
ein scharf konturierter, erheblicher und dauernder Neugeldbedarf dadurch,
daß Jahr für Jahr eine bestimmte Menge des Bargeldes zur Vernichtung gebracht
werden muß, nämlich derjenige Teil, der die „Altersgrenze“ erreicht hat. Das
macht nötig, daß jedes Geld, das neu ausgegeben wird, sichtbar mit seinem Verfalljahr
gekennzeichnet sein muß. Man wird sich also bei der Geldemission über das
Verfalljahr klar werden müssen. Will man die Lebensdauer des Geldes nicht von
vorneherein festlegen, sondern will man die Freiheit behalten, die Geldzeichen
eines bestimmten Alters je nach Lage der Verhältnisse aufzurufen, so genügt es,
wenn das Ausgabejahr auf den Geldzeichen sichtbar hervortritt. Einerlei, ob man
das Ausgabejahr oder das Verfalljahr auf den Geldzeichen in einer das Blickfeld
beherrschenden Weise anbringt, es springt dadurch jedem, der ein solches
Geld in Händen hält, die Lebensdauer desselben gleichsam in die Augen. Je
näher ein Geld dem Verfallsjahre steht, um so mehr verliert es seinen gesamtwirtschaftlichen
Organisationswert, um so untauglicher wird es für den Kapitaleinsatz
bei einer neugegründeten Unternehmung. So daß man sagen kann: d e r
O r g a n i s a t i ο n s w e r t d e s Geldes ist gleichbedeutend mit
seinem Kapitalwert. Der Abbau des ersteren zieht die Minderung des
letzteren nach sich. Ein unmittelbar vor dem Verfall stehendes Geld hat seinen
Kapitalwert, d. i. seinen Organisationswert verloren. Es kann im wirtschaftlichen
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Produktionsprozeß nicht mehr sinnvoll zum Einsatz gebracht werden. Man wird
es möglichst aus dem Wirtschaftsleben abschieben und es an Gebiete geben, für
die das Geld als Organisationswert keine Bedeutung hat. Das sind das Staatsleben
und das Geistesleben. Selbstverständlich kann es auch von den wirtschaftenden
Menschen selbst in einer letzten Verwendung ausgegeben werden. Es wandert
dann zu den Kleinhändlern, die es bei der Bank einzahlen. Die Bank leitet es
an die Geldemissionsstelle, die es nun nicht mehr ausgibt, die es vernichtet und
Neugeld an dessen Stelle setzt.
Wenn man berücksichtigt, daß in einer assoziativen Wirtschaft fortlaufend
Geldzeichen, welche die Altersgrenze erreicht haben, zum Untergang gebracht
werden, wenn man ferner berücksichtigt, daß die Geldemissionsstelle willkürlich
Geldzeichen schon vor dem Verfallsjahr aus dem Verkehr ziehen kann, wenn sie
das für nötig erachtet, so erkennt man leicht, daß die Schaffung von Neugeld in
einer assoziativen Wirtschaft einen großen Umfang annimmt und zu einer dauernd
ausgeübten Tätigkeit der Geldverwaltung wird. Daneben kann diese leicht handhaben
die Befriedigung des aus den wechselnden Zahlungsbedürfnissen heraus
entstehenden wechselnden Bargeldbedarfes: entweder aus Altgeldbeständen oder
auch durch ein eigens geschaffenes einlösbares Zwischengeld, d. h. durch eine besondere
Kategorie kurzfristiger Zahlungsmittel, wenn es sein muß. Die früheren
Reichskassenscheine waren ein solches Notgeld oder Interimsgeld.
Die eigentliche Emission des Neugeldes kann in folgender Weise lebendig,
sinnvoll und wirklichkeitsnahe gestaltet werden. Man kann aus tieferen volkswirtschaftlichen
Einsichten zu der Überzeugung kommen, daß man eigentlich
einem jeden neugegründeten Unternehmen ein bestimmtes Quantum Neugeld mit
auf den wirtschaftlichen Lebensweg geben sollte. Man braucht das nicht als ein
Dogma anzusehen, sondern nur als eine sinnvolle Einrichtung. In diesem Falle
kann der Emissionsakt des Neugeldes in charakteristischer Weise individualisiert
werden, indem auf das betreffende Neugeld realiter aufgedruckt wird die Firma,
bei der es erstmals in die Zirkulation getreten ist. In eine solche Handhabung
kann etwas Feierlich-Zeremonielles gelegt werden, so daß es wie ein verpflichtender
Rechtsimpuls für die betreffende Unternehmung wirkt, wenn sie auf diese
Weise in das Wirtschaftsleben aufgenommen wird. Jedenfalls stellt eine solche
Geldemission einen bewußtseinsbildenden volkswirtschaftlichen Akt dar, der den
Antrieb in sich enthält, daß das Unternehmen nicht nur aus Privatinteressen
heraus betrieben werden darf, sondern daß es sich als ein Organ des gesamten
wirtschaftlichen und sozialen Organismus fühlt.
Es bleibt natürlich noch die Frage offen, unter welchen praktischen Bedingungen
ein Unternehmen in der assoziativen Wirtschaft finanziert werden muß, und
wie das emittierte Neugeld in diese Finanzierung miteinbezogen wird. Diese
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Das Mysterium des Geldes
Frage muß an dieser Stelle offen bleiben, da es zu weit führen würde, dieses
bedeutsame Problem nach allen seinen Richtungen hin darzulegen und zu lösen.
(Dies ist geschehen in dem Buche des Verfassers: „Selbstgestaltung der Wirtschaft
durch Assoziationen“, das jetzt erscheint). Die Grundgesetze der Gestaltung des
Geldwesens können im allgemeinen auch ohne diese weiteren Darlegungen verstanden
werden. Insbesondere kann cs verstanden werden, daß das Sterben des
Geldes sich nicht auf die K aufkraft bezieht, sondern nur auf die zirkulatorische
Impulskraft, auf den Organisationswert oder Kapitalwert des Geldes. Es ist
nicht der wirtschaftlich materielle Funktionswert des Geldes, der dem Untergange
verfällt, sondern der ursprüngliche geistige Impuls, der mit dem Kapitaleinsatz
in die Zirkulation hereingegeben wird, er ist es, der abebbt. Daher handelt es
sich bei der Amortisation des Geldes nicht um eine wirtschaftliche Vernichtung,
nicht um eine Vernichtung seiner Kaufkraft im Zustande des Einkommens, sondern
um seine rechtliche Vernichtung, nachdem der geistige Organisationswert
abgestorben ist. Diese rechtliche Vernichtung trifft aber das Geld legitimer Weise
nur innerhalb der Geldemissionsstelle, nicht im wirtschaftlichen Verkehr und auf
dessen Kosten durch Herabsetzung oder Annullierung der Kaufkraft. Das Vorbild
für diese Art Vernichtung des Geldes ist gegeben in den Blutsprozessen. Die
roten Blutkörperchen werden vom Organismus nicht für die Ewigkeit oder
wenigstens für die Lebensdauer des Organismus erzeugt. Sie werden fortlaufend
erzeugt und fortlaufend zerstört, wie es heißt. Ihre Lebensdauer soll etwa 30 Tage
betragen. Aber während ihrer Lebensdauer erleiden sie keine Minderung ihrer
Funktion. Kein langsamer Abbau ihrer Tätigkeitskraft findet statt; vielmehr
werden sie radikal in einem kurzen Akt beseitigt, zerstört, obschon sie durchaus
noch in der bisherigen Weise weiterfunktionieren könnten. Das ist das Bild,
durch welches man den Charakter des Geldsterbens erfassen kann. Es ist ein materialistisches
Mißverständnis, wenn man die Kaufkraft abbauen will.
3. Schwundgeld, eine falsche Methode des Geldsterbens.
Der Urheber des Schwundgeldgedankens ist Silvio Gesell. In seinen Büdiern über
die Freiwirtschaft hat er das Schwundgeld seit 1906 ausführlich dargestellt. Später ist
dieser Gedanke durch den Frei Wirtschaftsbund bis auf den heutigen T ag lebendig erhalten
worden bei einigen Menschen. Es wäre das noch kein Anlaß, sich mit dieser Idee
hier auseinander zu setzen, wenn nicht in H eft 2/3 dieser Zeitschrift, Seite 165— 179.
ein Aufsatz erschienen wäre, der sidi voll für die Schwundgeldgestaltung des Geldwesens
einsetzt*. Die Tatsache, daß diese Auffassung in einer anthroposophischen Zeitschrift
vertreten wird, könnte zu der irrigen Ansicht verführen, daß eine solche Gestaltung des
Geldwesens aus der geisteswissenschaftlichen Nationalökonomie, so wie sie Rudolf Stei­
* W ir halten eine D iskussion dieser w ichtigen Frage für notw endig und w erden daher dem V erfasser
des erwähnten A ufsatzes G elegenheit geben, zu dieser Auffassung Stellung zu nehm en. D ie Schriftleitung.
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ner begründet hat, ableitbar wäre oder gar einen Bestandteil von ihr bilde. Daß das nidit
so ist, kann für jeden einleuchtend,sein, der das Wesen des Geldes von derjenigen Seite
erfaßt hat, die in den vorangehenden Darlegungen als der Organisationswert des Geldes
bezeichnet wurde. M it der Erfassung dieses Tatbestandes kann man auch zum leichteren
Verständnis des grandiosen X II. Vortrages des Nationalökonomischen Kurses von Rudolf
Steiner Vordringen. Dieser Vortrag handelt ausschließlich vom Gelde und nichts in ihm
könnte den Gedanken nahelegen, daß man das Sterben des Geldes in der materialistischen
Form einer successiven langsamen Vernichtung seiner K aufkraft vollziehen
müßte. Dieser Vortrag ist gerade dadurch schwierig, weil es sich nidit um den leichs
erfaßbaren Abbau der äußeren K aufkraft handelt, sondern um eine Gestaltung des vor»
der Jugend zum Alter fortschreitenden Lebenswertes, d. i. zirkulatorisch gesehen: Organisationswertes
des Geldes. Im Vortrag wird er „volkswirtschaftlicher Wert des Geldes“
genannt. Dieses Phänomen ist schwer zu erfassen, da es den Tauschwert des Geldes dem
Gesichtspunkte des Geistwertes unterordnet. Daß die Schwundgeldidee einer materialistischen
Anschauung des Geldphänomens entspringt, kann eine sachliche Betrachtung
gerade derjenigen Auffassung zeigen, die in dem genannten Aufsatze vertreten wird.
Unter Schwundgeld wird ein Geld verstanden, das fortlaufend an K aufkraft verliert,
was nicht durch Preissteigerungen, sondern durch eine künstliche Herabsetzung des W ertes
erreicht wird. Das soll dazu antreiben, daß das Konsumentengeld möglichst schnell
ausgegeben wird, sodaß die Waren, die in die Zirkulation gebracht werden, audi möglidist
schnell aus ihr wieder verschwinden. Vor allem soll das Horten von Geld unmöglich
gemacht werden. In dem genannten Aufsatze wird auf einen Ausdruck, den Rudolf
Steiner im nationalökonomischen Kurse auf das Geld angewandt hat, Bezug genommen.
Es wird dort das Geld als ein „unreeller Konkurrent der Ware“ bezeichnet, weil es nicht
wie diese verderblich ist. Aus diesem Grunde kann man tatsächlich mit dem Gelde sehr
unreelle Sadien anstellen. Man kann es in verschiedener Weise an seiner Kauffunktion
verhindern, nicht nur durch Horten, sondern auch, indem man es in Hypotheken totlegt,
die nur zu dem Zwecke aufgenommen werden, um Erben abzufinden oder Grundstücksverkäufe
zu finanzieren; und auch, um damit zu spekulieren, es im Börsenspiel
zu beschäftigen. In diesen verschiedenen Weisen ist genügend Mißbrauch mit dem Gelde
getrieben worden. Aber man hat einzusehen, daß, weil das Geld herkömmlicher Weise
unverderblich ist, es dadurch an sich noch kein unreeller Konkurrent der Ware ist, sondern
nur dazu werden kann. Es ist ein dogmatisches Vorurteil, zu meinen, weil das Geld
relativ unverderblich ist und die Ware verderblich ist, müsse nun auch das Geld in demselben
Sinne verderblich gemacht werden, wie eine Ware. Das Geld übt aber gerade
dann seine organisierende Funktion in so unvergleichlicher Weise aus, wenn es als eine in
seinem W ert stabile Daueranweisung auf Waren gestaltet wird.
Im Vordergründe aller M otive für die Schwundgeldeinrichtung steht überall das H orten
des Geldes. Dabei wird nicht bedadit, daß durch die anderen Formen des Geld- und
Kapitalmißbrauches: durch Totlegung in Hypotheken und unfruchtbare Spekulationsgeschäfte
das Geld in noch viel größerem Maßstabe am Kaufen verhindert wird, als
durch das weit harmlosere Horten durch einzelne Konsumenten. Mit der Schwundgeldtechnik
kann man aber nur das Horten verhindern, nicht die anderen Formen der Z urückhaltung
des Geldes von der Kauffunktion. Aber dessen ungeachtet ist das Horten
von Konsumentengeld unnormal und wirkt lähmend auf die Zirkulation, wenn es in
größerem Umfange und dauernd geschieht. Geldhorten ist eine falsche Art, das Geld zu
sparen. Indem man das zu sparende Geld nicht den Banken zur Verfügung stellt, ent242
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zieht man es seiner Kauffunktion in der Zirkulation. Der übermäßige Hang zu sparen
und auch zu horten, ist erst in neuerer Zeit mit dem modernen Bürgertum heraufgekommen,
dessen Lebensängstlichkeit das Bedürfnis nach einer übertriebenen wirtsdiaftlichen
Lebenssicherung erzeugt hat. Dadurch ist zeitweise selbst das normale Sparen in
Verruf gekommen. Es hat Wirtschaftswissenschaftler gegeben, die mit Nachdruck betont
haben, daß zuviel gespart werden könne. Aber diese übertriebenen Neigungen zum Sparen
und Horten besitzen unter weiteren Gesichtspunkten nur einen episodischen Charakter.
Schon heute kann man beobachten, was man bei den nicht-bürgerlichen Volkssdiichten
schon immer beobachten konnte, daß ihr Hang zum Horten und Sparen sehr gering
sein kann. Die wahren Horter findet man eigentlich nur bei der Landbevölkerung, die
oftmals — früher war das auch stärker entwickelt, als heute — das Geld, das sie aufheben
will, in Truhen oder Verstecken verwahrt. Der Anreiz zu diesem Verfahren ist
geringer geworden, seitdem es kein Gold- und Silbergeld mehr gibt.
Mit der Neigung, Geld zu horten, wird man rechnen müssen, solange es ängstlidie
und geizige Menschen gibt, ebenso wie man mit Gelddiebstählen rechnen muß, solange es
Verbrecher gibt, wie man mit Geldvernichtungen durch Katastrophen rechnen muß,
solange es Feuersbrünste, Schilfsuntergänge und Ubersdiwemmungen gibt. Mit solchen
Verlusten an Konsumentengeld und infolgedessen ausfallender K aufkraft muß das
menschliche Wirtschaftsleben sich bis zu einem gewissen Grade abfinden. Man kann diesen
Verlusten nicht immer zuvorkommen und sie von vorneherein verhüten. Aber sie
finden doch eine Art Ausgleich, indem ihnen wiederum fortwährend erhebliche Warenuntergänge
und vorzeitige Warenverderbungen gegenüber stehen. Aber abgesehen davon
wird aller Wahrscheinlichkeit nach das Geldhorten in Zukunft immer mehr an Bedeutung
verlieren und schließlich etwas Geringfügiges werden, wenn man es, wie es sidi
gehört, auf menschliche Weise bekämpft. Man kann es in aller Öffentlichkeit als eine
unsoziale Handlungsweise brandmarken; man kann es, wie den Diebstahl, mit Strafen
belegen und gehortetes Geld mit Konfiskation bedrohen. In einer assoziativen Wirtschaft
wird bei allen Menschen ein ungleich höheres Bewußtsein von den wirtschaftlichen N otwendigkeiten
herrschen. Während heute das Horten aus N aivität und mit dem Bewußtsein
der Berechtigung geschieht, wird man es dann mit schlechtem Gewissen und im Bewußtsein
eines Unrechtes ausüben. Man darf auch auf diesem Gebiete den menschlichen Einwirkungen
mehr vertrauen, als den organisatorischen.
Für die Gestaltung der Schwundgeldtedinik bedeutet es keinen wesentlichen Unterschied,
ob man wie Gesell die Geldscheine entwertet, d. h. in der K aufkraft laufend
zurückbildet, oder ob man die Einkommen systematisch verkleinert durch fortlaufende
Konfiskation eines bestimmten Prozentsatzes derselben. Unabsehbare Komplikationen
■entstehen jedoch, wenn auch das Giralgeld in die Entwertung oder Dezimierung einbezogen
wird. In dem genannten Aufsatze wird nicht nur das bare Konsumentengeld,
sondern auch das Verrechnungsgeld einer j Prozent betragenden Dezimierung unterworfen.
Diese trifft also auch alle Giroguthaben und Kontokorrentguthaben. Die moralische
Wirkung einer solchen Zerstörung der G eldkaufkraft wird im allgemeinen die sein,
daß jeder den Geldverlust auf den anderen abwälzen möchte. Die Verrechnungsgeldbesitzer
aber werden einerseits bestrebt sein, um der Abwertung zu entgehen, ihre Guthaben
auf ein kleinstes Maß zu reduzieren und werden zu diesem Ziele viele wirtschaftlich
überflüssige und kostspielige Geldtransaktionen vornehmen. Andererseits aber
werden die Geschäftsleute, welche die Entwertung bezahlt haben, sie nicht tragen wollen,
sondern sie in den Preisen der Produkte, welche sie lierstellen, weiterwälzen. Sie
243
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Prof. Dr. Folkert Wilken
können garnicht anders verfahren, wenn sie die Kalkulationen im Gleichgewicht halten
wollen. Eine allgemeine Preisunruhe, eine allgemeine Verfälschung der Preise wird durch
die Überwälzung der Schwundgeldraten eintreten. Als wirtschaftswidrig und die Menschen
in die Dissoziation zu einander bringend offenbart sich sdiließlich eine solche
Geldgestaltung.
Leinhas hat den Grund für die von ihm befürwortete Geldkonfiskation auch cinma!
mit folgenden Worten ausgedrückt: „Nicht das Geld wird verderblich gemacht, sondern
mein einmal erworbener Anspruch auf Leistungen anderer (Waren) geht allmählich verloren“
. Das heißt mit anderen Worten, wenn ich heute durch eine Leistung Anspruch
auf eine Gegenleistung erwerbe, dann sagt die Wirtschaft: du mußt diesen Anspruch
innerhalb einer gewissen Zeit geltend madien; wenn du ihn nach 20 Jahren geltend
machst, dann können w ir ihn nicht mehr anerkennen, denn die für ihn bereit gestellten
Waren sind verdorben. Dieser Fall wird aber nur dann eintreten, wenn das Geld tatsächlich
solange von seiner Kauffunktion zurückgehalten wird, wenn es nicht inzwischen
an einen anderen übertragen wird, der damit kauft. In diesem Falle müßte das A rgument
der Wirtschaft wegfallen. Von der Warenseite her bestünde kein Grund, K a u fkraft
jetzt noch zum Verschwinden zu bringen. Man könnte es nur noch aus moralischen
Gründen tun wollen, um vom Geldhamstern abzusdirecken, oder weil man der Ansicht
ist, daß Forderungen verjähren, also audi Warenforderungen, die durch den Geldbesir/
begründet werden.
Wollte man das nun praktisch durchführen, so könnte man das nur, wenn man da^
Geld in der Form der heutigen Lebensmittelkarten gestalten würde. Es müßte dem Empfänger
als individuelle Urkunde ausgehändigt und nur für einen einmaligen Tauschakt
gültig erklärt werden. Das könnte man machen, und dann wäre es durchaus möglich,
diesem Gelde eine bestimmte Laufzeit zuzudiktieren, sodaß es an einem bestimmten
Termin verfällt oder auch über mehrere Termine hin sukzessiv entwertete. Bei einem
nach Analogie der Lebensmittelkarte individualisierten Gelde, das mit einer einmaligen
K aufkraft ausgestattet wäre, würde es möglich sein, die K aufkraft dieses Geldes w irklich
in Parallele mit dem tatsächlichen Verderb der ungekauft gebliebenen Waren
herabzusetzen, oder ein solches Geld einzuziehen, wenn es nicht rechtzeitig ausgegeben
wird. D a würde man den tatsächlich durch das Geldhorten entstandenen Schaden voll
ausgleichen.
Wenn man aber das Geld so gestaltet, daß man es mit einer unpersönlichen, generellen
K aufkraft ausstattet, so wird jeder Versuch, durdi Reduzierung der K aufkraft oder
Konfiskation bestimmter Geldmengen eine Parallele zu sdiaffen zu dem Verderb nicht
gekaufter Waren, zu einer wirtschaftlichen Absurdität. Denn man weiß nichts über den
Verderb der Waren. Man annulliert Mengen von K aufkraft, denen kein Warensdiwund
in einem gesetzmäßigen Sinne parallel geht. Man übertreibt gewissermaßen durch die
generelle Technik der Geldeinziehung den Vorgang, den man verhindern will, indem
man nicht verwendetes Geld aus dem Verkehr zieht. Darum entsteht bei allen Arten von
Schwundgeld (Gesell) oder Geldkonfiskation (Leinhas) die Frage, wie das herausgezogene
Kaufkraftquantum wieder in die Zirkulation gebracht werden kann, wenn man nicht cmsprediend
der Geldmengenminderung und der unberechenbaren Zahl der durdi sie möglich
gewesenen Kaufakte eine Warenmasse gleichzeitig gewaltsam aus der Zirkulation
entfernen w ill. Der zum Schwinden gebrachte oder konfiszierte Teil der Einkommen muß
in die Zirkulation gegenwertslos zurückgeschenkt werden, anderenfalls gibt es eine zirkulatorische
Katastrophe mit einem alles niederreißenden Preissturz.
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Das Mysterium des Geldes
Letzen Endes führt also die Schwundgeldpraxis in eine völlige Paradoxie, d. h. sie
verursacht gerade dasjenige, was sie beseitigen w ill: daß nämlich ein Teil der hergestellten
Warenmasse infolge zurückgehaltener K aufkraft ungekauft bleibt. In dem genannten
Aufsatze heißt es Seite 17 3 : „D ie Notenbank muß, um das Gleichgewicht zwischen Geld
und Ware zu halten, die jeweils cingezogene Entwertungssumme der Wirtschaft immer
wieder zur Verfügung stellen . . . Das zusätzlich neu auszugebende Geld muß aber von
den Einzelnen durch Arbeit neu erworben werden“ . Also, man bringt auf der einen Seite
Kaufkraft zum Verschwinden. Das bedeutet, daß ein Teil des Sozialproduktes nicht verkauft
werden kann. Um es wegkaufen zu lassen, müßte man das konfiszierte Geld an
irgend welche Konsumenten verschenken. Statt dessen soll das konfiszierte Geld dadurch
wieder in den Verkehr kommen, daß man es sich erarbeitet, mit anderen Worten: das
Sozialprodukt um eine weitere Warenmenge vermehrt. Es werden also zusätzlich Waren
produziert, wo schon die bisher produzierten nicht voll abgesetzt werden können. Wenn
man das Schwundgeld einführen will, dann gibt es nur eine Möglichkeit, um die schwersten
Absatzstockungen zu vermeiden: nämlich das gesamte konfiszierte Geld als Schenkgeld
wieder in den Verkehr zu bringen. Ein gigantisdies Sdienksystem muß mit der
Verwirklichung des Schwundgeldes verbunden werden. —
Man wird nach diesen Darlegungen sagen dürfen, daß man mit dem Sdiwundgeld, d. h.
mit einer fortdauernden, wirtschaftlidi unmotivierten Verkleinerung der Kaufgeldmenge,
nicht das Problem des Geldsterbens lösen kann. Was das Schwundgeld zur Beseitigung
des Geldhortens leisten könnte, das muß durch menschliche Anstrengungen
erreicht werden und kann es auch; was aber mit dem Geldsterben in Wahrheit erreicht
werden soll, kann nimmermehr durch ein langsames Hinmorden der K aufkraft des
Geldes erreidit werden. Von den Gesetzen und Erfordernissen der Wirtschaft aus beurteilt,
erscheint jede A rt von Schwundgeld als etwas Unreales, als eine rein theoretisdie
Spekulation, die aus diesem Grunde im Wirtschaftsleben zerstörerisch wirken müßte,
wenn man sie verwirklichen wollte. Das hat auch Rudolf Steiner im Nationalökonomischen
Kurs einmal im V . Vortrage mit folgenden Worten ausgesprochen, wo er Bezug
nimmt auf die Politik der Preisstabilisierung, die von den Freigeldvertretern ebenfalls
durch eine Veränderung der Kaufkraftmenge bewirkt werden soll:
„W as für Ansichten herrsdien zuweilen heute, wo man überall die Tendenz hat, lieber
mit Begriffen zu arbeiten, als mit Realitäten, das zeigen Thnen manche Freigeldleute.
Die finden es ganz einfach: Wenn Preise — sagen w ir — zu hoch sind irgendwo, also
man zuviel Geld ausgeben muß für irgend einen Artikel, so sorge man dafür, daß das
Geld geringer wird, dann werden die Waren billiger; und umgekehrt. Aber sehen Sie,
wenn Sie gründlich nachdenken, so werden Sie finden, daß das ja garnichts anderes in
Wirklichkeit bedeutet für den volkswirtschaftlichen Prozeß, als wenn Sie beim Thermometer
durch eine hinterlistige Vorrichtung, wenn es zu kalt wird, die Thermometersäule
zum Steigen bringen. Sie kurieren da nur an den Symptomen herum. Dadurch,
daß Sie dem Gelde einen anderen Wert geben, dadurch sdiaffen Sic nidits Reales.“
Das auf den vorliegenden Fall übertragen, würde man sagen, wenn ein Teil der
Waren infolge Hortens ungekauft bleibt, manipuliert man an der Geldmenge herum,
um Kaufimpulse zu entbinden. Man nimmt allen Leuten fortdauernd etwas Geld weg.
Man trifft eine hinterlistige Vorrichtung, nicht um das Thermometer in die Höhe zu
treiben, sondern um das Quecksilber zu vermindern. Damit ruiniert man das Thermometer
überhaupt und stiftet noch mehr Unordnung, als wenn man nur die Ausdehnung
-des Quecksilbers beeinflußt. Beziehen wir das auf die Begriffe, die w ir im ersten Teile
245
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gebildet haben, so muß gesagt werden, daß man, weil einige Menschen die Neigung
haben, Geld zu horten, nicht den Organisationswert des Geldes aushöhlen darf. Der
Trick einer dauernden Entwertung der K aufkraft, selbst wenn ihr entsprechende Geldschenkungen
nadifolgen würden, zerstört den von Rudolf Steiner so genannten volkswirtschaftlichen
Wert des Geldes, das ist eben nichts anderes als der Organisationswert,
in seinen Wurzeln. Eine Abstimmung der Produktion nach dem Bedarf wäre nicht
mehr durchführbar. Bei solchen Methoden übersteigt der angerichtete Schaden den erzielten
Nutzen. Das Verfahren ist genau so unsinnig, als wenn man es unternähme, um
jedem Diebstahl des Geldes zuvorzukommen, alles Geld in der Größe und Schwere von
Mühlsteinen auszufertigen. In beiden Fällen wird und muß man den einstimmigen Protest
aller Konsumenten hervorrufen. Die assoziative Wirtschaft arbeitet weder mit Gewaltmaßnahmen,
noch mit Tricks, sondern mit Vernunft und Menschlichkeit.
Man muß also zu der Anschauung des Realen im Gelde vorstoßen, wenn man
ihm die richtige Gestalt geben will. Im Altertum war dieses Reale ein KosmischGeistiges,
das aber nicht anders in Erscheinung treten konnte, als in Gestalt der
Edelmetalle. Gold und Silber verkörperten in sich die Geistwirklichkeit der
Sternenkräfte von Sonne und Mond. Das verlieh ihnen den Wert. Dann nimmt
die Entwicklung den Verlauf, daß Gold und Silber vom Kosmos gelöst und
egoistisch begehrt werden. Das kündigt sich schon an in den sagenhaften Kämpfen
um den Nibelungenhort; das wurde äußere historische Tatsache, als Philipp der IV.
von Frankreich den Tempelrittern das Gold wegnahm, um damit eine W eltherrschaft
zu begründen; das vollendete sich, als nach der Entdeckung Amerikas der
größte Teil des Goldes und Silbers nach England strömte, um dort zu der wesentlichsten
Gestaltungsmacht des modernen Wirtschaftslebens zu werden.
Auf dieser Stufe entwickelt das Geld nun, wie die voraufgegangenen Untersuchungen
gezeigt haben, eine dreifach geschichtete Realität als W irtschaftstatsache,
als Rechtstatsache und als Geisttatsache. Als das Geld diese hochentwickelte
Gestalt annahm, offenbarte sich in ihr zugleich die neue Stufe des Menschheitsfortschrittes,
die durch das Christusereignis eintrat und bewirkte, daß die kosmische
Mysterienweisheit des Altertums in das Innere des individuell gewordenen
Menschen einzog und sich hier zum schöpferischen individuellen Menschengeist
verdichtete. Jetzt wurde der soziale Organismus nicht mehr als T at der Götter auf
die Erde gestellt, sondern als Menschenwerk aus dem Menschengeiste geschaffen.
Jetzt verloren Gold und Silber für denMenschen endgültig ihre kosmische Bedeutung.
Der die Wirtschaft organisierende Menschengeist brauchte diese Edelmetalle nicht
mehr, um sich zu inkarnieren. Ihm genügte fortan ein Stück unscheinbares Papier,
das er in eine bestimmte Rechtsform brachte. In der Art, wie er dessen soziale
Verwendung regelt, vermag es die Geistordnung des sozialen Organismus zu
seinem Teile wirksam zu verkörpern. Das Mysterium des Geldes, das einst ein
kosmisches Mysterium war, wird verwandelt in das vom Menschengeiste gestaltete
Geld in seinen drei Richtungen als Geistwert, als Rechtswert und als W irtProf.
Dr. Folkert Wilken / Das Mysterium des Geldes
246
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H. Witzenmann / Vom dreifachen Ich und der vierfachen Wurzel der Freiheit
schaftswert. Aber es zeigt sich, daß der Materiesinn dieses Problem nicht bewältigt.
Erst wenn das Geistige im Menschen wesen an das Geistige im Weltenall
wieder angeschlossen sein wird, so stark, daß es von ihm inspiriert werden kann,
dann wird man auch dem Gelde und der Gestaltung des Geldwesens denjenigen
Geist einhauchen können, der die nüchternen, papiernen Geldscheine zu einer
wahrhaftigen Widerspiegelung kosmischer Gesetze befähigen wird und das Geld
dadurch in den Rang eines neuen Mysteriums erhebt.
Vom dreifachen Ich und der vierfachen Wurzel der Freiheit
Betrachtungen zur Metamorphose des Bewußtseins *
Herbert Witzenmann
I .
Eine Betrachtung über das Wesen der Freiheit begegnet zwei typischen Einwänden.
Der eine spricht dem denkenden Bemühen um Ideen die K raft ab,
zur Gestaltung der Wirklichkeit beizutragen. Das Denken habe nur Bedeutung,
insofern es sich im Dienste menschlicher Bedürfnisse bewähre. Durch die Erfahrungen
des zurückliegenden Jahrzehnts scheint dieser alte Einwand eine unwiderlegliche
Begründung erhalten zu haben. — Der andere Einwand beruft sich auf
die Lehre der N ot und der nüchternen Einsicht, daß die erreichbare und erstrebenswerte
Freiheit lediglich freiwillige Billigung eines vernünftigen Zwangs
sei, anders keine Ordnung bestehen könne, noch je bestanden habe.
Daß sich in diesen Einwänden eine Weltanschauung ausspricht, die in größter
Breite das Zeitbewußtsein beherrscht, ist gewiß. Man sollte sie schon deshalb
nicht unterschätzen. Sie gelten als Ausdrucksformen der „praktischen“ Sinnesart,
weil die gedanklichen Entscheidungen, die ihren Hintergrund bilden, unbewußt
bleiben oder nicht geprüft werden. Die Idee der Freiheit würde, der Gegenwart
gerecht, entwickelt werden, wenn es gelänge, diesen weltanschaulichen Flintergrund
sichtbar zu machen und zu zeigen, wo jene Idee in ihm einen Ansatzpunkt
findet. Dieser Weg soll hier eingeschlagen werden.
Die Meinung, das Denken erreiche die Wirklichkeit nicht, es müsse sich daher
seinen Ausweis im Dienste unserer Bedürfnisse erwerben, kann zweierlei besagen:
i. das Denken stellt nur häufig beobachtete Abfolgen bestimmter T atsachen
fest, sagt also nichts über deren inneren Zusammenhang aus; 2 . es ist ein
Ausdruck unserer Organisation, unter deren Einfluß uns die Dinge erscheinen,
♦ In freiem A nschluß an einen im Rahmen der flöffen tlich en anthroposophischen A rbeitsw oche
in Hamburg“ , Pfingsten 1949, gehaltenen Vortrag.
247
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E M IL L E IN H A S – DER NATIONALÖKONOMISCHE KURSUS DR. RUDOLF STEINERS AM GOETHEANUM

31 Ago

Zeitschrift für Anthroposophie in Wissenschaft, Kunst und sozialem Leben
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Die Redaktion
DER NATIONALÖKONOMISCHE KURSUS
DR. RUDOLF STEINERS AM GOETHEANUM
E M IL L E IN H A S
D em W u n sch e einer größeren A n zah l Studenten der N ationalökonom ie
folgend, die sich innerlich unbefriedigt fühlen vo n dem Inhalt der heutigen
offiziellen ökonom ischen W issen sch aft, hat sich Dr. R u d o lf Steiner
bereit erklärt, diesen K ursus vo n vierzehn V orträgen und mehreren sem inaristischen
Ü bungen vo m 24. Juli bis 6. A u gu st vorigen Jahres am G oetheanum
in D ornach abzuhalten. D er Kursus war vo n etwa sech zig T e iln e h ­
mern aus der ganzen W e lt besucht. H auptsächlich Studenten der N atio ­
n alökonom ie; junge, suchende M enschen, die die lebensfrem den D efin itionen
und toten B egriffskonstruktionen der heutigen V olksw irtsch aftslehre
als eine unfruchtbare Öde em pfinden, und die hier einen H au ch
anthroposophischen G eistes verspürten, vo n dem sie fühlten, daß er auch
ihre W issen sch aft — und gerade sie — m it neuem , h offn u ngsvollem L eb en
erfüllen kann.
D ieser K ursus bildete eine A rt Fortsetzu n g der R eihe vo n fach w issen ­
schaftlich en Kursen, die Dr. R u d o lf Steiner auf den G ebieten der P äd agogik.
P h ysik , Chem ie, A stronom ie, Sprachw issenschaft, M edizin und
T h e o lo g ie im L au fe der letzten drei Jahre bereits abgehalten hat.
Im folgen den soll versucht werden, den überreichen und anregenden
Inhalt der einzelnen V orträge kurz zu skizzieren. Indem ich diesen V ersu ch
unternehm e, bin ich m ir‘ v o ll bew ußt, daß sich der ganze G ehalt dieser
Vorträge erst dem eindringlichen Studium der N iederschriften und dem
dadurch geschärften B lick für die V o rgä n ge des volksw irtschaftlichen
L eb en s selbst ergeben wird.
I.
D
ie Nationalökonom ie als W issenschaft entstand in der Zeit,
in der sich das W irtschaftsleben der neueren Völker zu immer
komplizierteren Form en entwickelte. Diese Entwickelung war
eine andere in England; eine andere in Deutschland.
Die neuzeitliche Gestaltung der englischen W irtschaftsverhältnisse
geschah im wesentlichen bereits im ersten Drittel bis zur
Mitte des neunzehnten Jahrhunderts. Sie vollzog sich auf der
Grundlage des alten Handelskapitals, das sich durch die Beziehungen
Englands zu dem jungfräulichen Gebiet seiner Kolonien, insbesondere
zu Indien, gebildet hatte.
In Deutschland vollzog sich der Übergang vom konservativen
Agrarland zum Industrieland erst im zweiten Drittel des neun856
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zehnten Jahrhunderts. Aber er war mehr begleitet von bewußten
Vorstellungen; nicht instinktiv wie in England. In Deutschland
empfand man die Aufhebung des alten Korporationswesens wie
eine Menschenbefreiung. Man bildete sich volkswirtschattlichliberalistische
Gedanken und Theorien. In England war man mehr
wie selbstverständlich in die neuen Verhältnisse hineingeraten.
Im letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts nahm dann in
Deutschland der Staat das wirtschaftliche Leben mehr und mehr
für sich in Anspruch. Dadurch wurde ein radikaler Gegensatz geschaffen
zu dem wirtschaftlichen Denken Englands und zu der
englischen W irtschaft selbst.
Mit diesem Gegensatz trat die W elt in die W eltw irtschaft ein
und — konnte in die W eltwirtschaft nicht hinein. Statt einer L ö ­
sung dieses Gegensatzes kam — der W eltkrieg.
Nach Beendigung des W eltkrieges war die »Dreigliederung« als
eine Lösung dieser W eltgegensätze gemeint. Sie wurde nicht verstanden.
Jetzt leben sich die Gegensätze in den Valutaspannungen
und anderen Erscheinungen aus.
Über Nationalökonomie begann man erst zu denken in einer Zeit,
in welcher man, aus*der allgemeinen Geistesverfassung der Zeit
heraus, schon nicht mehr die Gedanken und Ideen hatte, um ein
Lebensgebiet, wie das volkswirtschaftliche, voll umfassen zu können.
Es war die Zeit, in welcher man auch in den anderen W issenschaften
nur noch solche Vorstellungen zu entwickeln vermochte,
die zum Beispiel in der Physik zu einer falschen Lichtlehre
führten.
W ie das Licht hineinversinkt in die W ärm e (ultrarot) auf der
einen Seite, und auf der anderen Seite hineinragt in die chemischen
W irkungen (ultraviolett), so greift die Volkswirtschaft auf
der einen Seite hinunter in die Natur; auf der anderen Seite führt
sie hinauf in das Kapital. Dazwischen liegt das eigentliche wirtschaftliche
Leben.
Nun ist aber nur dasjenige Gebiet, w o die W irtschaft hinunterreicht
in die Naturgrundlage, mit dem gewöhnlichen menschlichen
Verstand zu erfassen. Zum Ergreifen der eigentlichen V olksw irtschaft
dagegen braucht man nicht starre Verstandesvorstellungen,
sondern b e w e g lic h e Begriffe und Ideen. Die Volkswirtschaft ist
ein lebendiger Prozeß, demgegenüber die Begriffe fähig sein
müssen, sich ständig umzuformen. Begriffe wie W ert, Preis, Pro857
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duktion, Konsumtion usw. dürfen nichts Starres an sich haben,
das man definieren kann. Sie sind in ständiger Zirkulation; sind
in jedem Augenblick etwas anderes.
Das soziale Leben ist ein Organismus, der über die ganze Erde
hin als ein lebendiges Ganzes genommen werden muß. Die Nationalökonomen,
von Adam Smith angefangen, haben immer nur
mit kleinen Gebieten als sozialen Organismen gerechnet. Sie hatten
die Staaten im Auge, die keine Organismen, sondern höchstens
Zellen sind. Sie haben Prinzipien aufgestellt, die nur für eine
einzelne Zelle gelten, nicht aber den ganzen Organismus in seinem
lebendigen Prozeß zu ergreifen imstande sind.
II.
Die Volksw irtschaft kommt an den M enschen heran, wenn er
etwas zu kaufen oder zu verkaufen hat. W as ihn dabei interessiert,
ist der Preis einer W are oder eines Gutes. Das Preisproblem ist
ein außerordentlich verwickeltes. Eine allgemeine Definition, wie
der Preis sich zusammensetzt, kann es nicht geben. Denn der
Preis hängt von zahlreichen unbestimmten Bedingungen ab. Er
ist an jedem Ort und zu jeder Zeit ein anderer. Er hat etwas ungeheuer
Fluktuierendes, das sich nicht in scharf konturierte B e ­
griffe fassen läßt. Man kann eigentlich nur beobachten, wie der
Preis sich bildet.
Dadurch wird die Aufmerksamkeit auf den volkswirtschaftlichen
Prozeß selbst gelenkt, aus dem heraus die Preisbildung sich ergibt.
Als die Faktoren der Volksw irtschaft werden gewöhnlich genannt:
die Natur, die m enschliche Arbeit und das Kapital. N ach
Ansicht der einen liegt aller W ert bereits in der Natur; nach A nsicht
der anderen entsteht der volkswirtschaftliche W ert erst durch
die in die Naturprodukte »hineinkristallisierte« Arbeit; wieder andere
finden, der W ert bilde sich durch das Kapital, das die Arbeit
erst m öglich mache. Für jeden Standpunkt gibt es gute und —
schlechte Gründe. Aber an die volkswirtschaftliche W irklichkeit
kommt man damit überhaupt nicht heran. Im volkswirtschaftlichen
Prozeß ist alles in fortwährender Bewegung. Die Erscheinungen
sind unendlich viel komplizierter, labiler, variabler, fluktuierender,
als in der Natur. Sie sind daher mit festen Begriffen viel weniger
zu erfassen als diese.
In der Tierwirtschaft ist die Natur selber wertbildend. In der
858
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menschlichen Volkswirtschaft haben wir den Naturwert nur als
Ausgangspunkt. Auf die Natur wird Arbeit verwendet. Dadurch
entsteht erst ein volkswirtschaftlicher W ert. W ertbildend ist also
die menschliche Arbeit, die ein Naturprodukt so verändert, daß
es in den volkswirtschaftlichen Prozeß übergehen kann. Arbeit
an sich hat keinen W ert. Sport ist auch Arbeit. Nur durch die Art,
wie sie sich in den volkswirtschaftlichen Prozeß hineinstellt, kann
die Arbeit wertbildend wirken.
Aber volkswirtschaftlicher W ert entsteht noch auf eine andere
Art. Dadurch, daß die Arbeit modifiziert, dirigiert, organisiert wird
durch den Geist. Der Geist findet in der Volksw irtschaft seinen
äußeren Ausdruck in dem Kapital.
Volkswirtschaftliche W erte entstehen also dadurch, daß die Natur
modifiziert wird durch die Arbeit, und daß die Arbeit modifiziert
wird durch den Geist. A uf diesen zwei polarischen Gegensätzen
sind die wertbildenden Momente im volkswirtschaftlichen
Prozeß zu suchen.
Beim Kauf und Verkauf werden diese W erte (nicht eigentlich
die Güter) gegeneinander ausgetauscht. W as herauskommt im
volkswirtschaftlichen Prozeß, wenn W ert und W ert aufeinanderstoßen,
um sich auszutauschen, ist der Preis.
W ert und Preis kann man nicht in Begriffe einfangen. W ill
man in der Volkswirtschaft auf festen Füßen stehen, oder gar in
den volkswirtschaftlichen Prozeß handelnd eingreif en, so muß
man zurückgehen zu dem, was hinter Preis und W ert steht, was
den W ert bildet und den Preis entstehen läßt; zu den Ausgangspunkten
des volkswirtschaftlichen Prozesses selbst.
Um zu dem Problem der Preisbildung Vordringen zu können,
muß man zunächst verstehen, wie W erte auf der einen Seite und
W erte auf der anderen Seite gebildet werden.
III.
W ie der Thermometerstand nur hinweist auf einen bestimmten
Wärmezustand, so weisen Preise und W erte nur hin auf die
sie verursachenden, realen Verhältnisse der Volkswirtschaft. Insofern
die Volkswirtschaftslehre W ert- und Preiskurven beobachtet,
wie man die Kurven des Thermometerstandes beobachtet, ist
sie eine theoretische W issenschaft. Sobald sie, auf Grund der so
gewonnenen Beobachtungen, dazu übergeht, die Gesetze des Han859
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delns zu bestimmen, wird sie zu einer praktischen W issenschaft.
W ie man die W ärm everhältnisse eines Zimmers nicht dadurch
ändert, daß man den Thermometerstand unmittelbar zu regulieren
sucht, sondern etwa dadurch, daß man den Ofen einheizt, so kann
man in der Volksw irtschaft den W ert- und Preisstand nicht durch
Einwirkung auf diesen selbst ändern; man muß vielmehr auf die
W ert und Preis bedingenden volkswirtschaftlichen Faktoren zurückgehen.
W enn die Preise eines Artikels zu niedrig werden,
muß man Maßregeln treffen, die geeignet sind, dem Sinken der
Preise entgegenzuwirkeri; zum Beispiel durch Erhöhung des A bsatzes
oder dergleichen.
Dr. Steiner zeigte durch eine historische Betrachtung, wie sich
das volkswirtschaftliche Leben in alten Zeiten mehr instinktiv
abspielte, wie die Impulse des religiösen Lebens auch die ökonomischen
Beziehungen der M enschen ordneten, so daß zum B eispiel
die Regelung der Arbeitswerte keine erhebliche öffentliche
Frage bildete. Erst als sich die W irkung der religiösen und ethischen
Impulse mehr und mehr nur noch auf das moralische L eben
zu erstrecken begann, wurde die Eingliederung der Arbeit in
das soziale Leben zu einem Problem. Sie ging über an das gleichzeitig
heraufkommende R e c h t. Das G e b o t, das früher das ganze
Leben um faßt hatte, zog sich zurück auf das bloß seelische L e ­
ben des Menschen.
Solange die religiösen Impulse für das ganze Leben maßgebend
waren, wurde der Egoism us in Schranken gehalten. Seitdem aber
das Recht und die Arbeit sich emanzipierten, wurde die Eingliederung
des m enschlichen Egoism us in das soziale Leben zu einem
Problem des m enschlichen Geistes.
Gleichzeitig damit kam die moderne Arbeitsteilung herauf. Die
Arbeitsteilung führt zuletzt dazu, daß niemand dasjenige, was er
erzeugt, für sich selbst verwendet.
Dr. Steiner illustrierte dies an einem, unter den Teilnehm ern
des Kurses viel umstrittenen Beispiel eines Schneiders, dem ein
Anzug, den er von seiner eigenen Produktion für sich selbst zurückbehält,
teurer zu stehen kommt, als wenn er ihn dem allgemeinen
Verkehr entnehmen würde. (W eil er nämlich durch den
Akt der Selbstversorgung den Preis der anderen Anzüge herabdrückt.
Das schlägt im Verlaufe des volkswirtschaftlichen P rozesses
auf ihn zurück.)
860
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Je mehr die Arbeitsteilung fortschreitet, umso weniger kann der
einzelne etwas für sich selbst tun; er muß vielmehr alles für die
anderen tun. A uf diese W eise ist am besten für ihn selbst gesorgt.
Der Altruismus ist eine rein volkswirtschaftliche Konsequenz der
modernen Arbeitsteilung. Daß die M enschen noch nicht verstanden
haben, in ihrem Denken über den Egoism us hinauszukommen
und das W irtschaftsleben altruistisch einzurichten, wie es die
moderne Arbeitsteilung und die W eltw irtschaft verlangen, darauf
beruhen zum großen T eil die sozialen Käm pfe der Gegenwart.
Dadurch, daß die Selbstversorgung vielfach kaschiert drinnen
ist in unserer Volkswirtschaft, widerspricht diese ihrer eigenen
Forderung nach Arbeitsteilung. Das zeigt sich besonders beim
Lohnempfänger, der nur soviel hingeben will, als er erwerben
will. Er strebt in egoistischer W eise nach Selbstversorgung. Selbstversorgen
heißt für den Erwerb arbeiten. Für die anderen arbeiten,
heißt aus der sozialen Notwendigkeit heraus arbeiten.
Eine der wichtigsten volkswirtschaftlichen Fragen ist daher
diese: W ie bringt man die Arbeit auf Erwerb aus dem volkswirtschaftlichen
Prozeß heraus? — Nur dann bekommt man wahre
Preise, die nicht abhängig sind von den Menschen, sondern von
dem Fluktuieren der W erte im volkswirtschaftlichen Prozeß.
IV.
Der volkswirtschaftliche Prozeß nimmt seinen Ausgangspunkt
von der Natur. Durch die menschliche Arbeit wird das Naturprodukt
verwandelt. Dadurch erhält es einen volkswirtschaftlichen
W ert.
Im W eiterrücken der volkswirtschaftlichen Entwickelung entsteht
die Arbeitsleistung; Organisation der Arbeit. Organisation der
Arbeit bedeutet, daß die Arbeit mit Geist durchdrungen, vom Geiste
aus organisiert, dirigiert wird. Das geschieht mit H ilfe von Kapital.
Kapitalentstehung ist immer eine Begleiterscheinung der Arbeitsteilung.
Mit H ilfe von Kapital dirigiert der Geist die Arbeit an der
Natur. Dabei ist es dem Geist nicht um die Natur zu tun, sondern
um die Erhöhung der Arbeit.
Die Arbeit selbst ist noch verbunden mit der Natur. Das Kapital
hebt sich von der Natur ab. E s emanzipiert sich von ihr. Dem
Kapitalisten ist es einerlei, welche Art von Arbeit er organisiert;
er will nur, daß das, was durch ihn organisiert wird, fruchtbar sei.
861
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So verschwindet nach und nach die Besonderheit der Natursubstanz
und die Besonderheit der Arbeitsarten in den Kapitalmassen.
Es vollzieht sich ein re a le r Abstraktionsprozeß.
Dieser Abstraktionsprozeß wird noch verschärft durch die Übertragung
von Kapital von einem Kapitalisten auf den ändern. Der
neue Kapitalempfänger kümmert sich schon gar nicht mehr darum,
durch welchen Arbeitsprozeß das Kapital, das er bekommt,
in der Vergangenheit entstanden ist, sondern nur darum, wie er
es in Zukunft fruchtbar machen kann.
Zur Übertragung von Kapital dient das Geld. Das Geld ist ein
vollständiges Abstraktum. Geld ist aber das Mittel für den Geist,
um einzugreifen in den volkswirtschaftlichen Organismus, der in
der Arbeitsteilung steht. W er Geldkapital besitzt, von dem er nicht
selbst Gebrauch machen kann, um Arbeit zu organisieren, der
wird zum Leiher für einen, der nichts anderes hat als Geist, und
der dadurch in die Lage versetzt wird, Arbeit zu organisieren.
Dieser wird zum Schuldner. Für ihn ist Kapital nicht mehr – wie
vielleicht für den ersten Erwerber — »kristallisierte« Arbeit. Die
volkswirtschaftliche Bedeutung von Kapital besteht für ihn darin,
daß er es überhaupt als Schuldkapital bekommen kann. Und dann
darin, daß er es geistig verwerten kann.
Kapital strömt demjenigen zu, der es am besten verwerten kann.
E s besteht eine Niveaudifferenz zwischen dem Leiher, der nichts
anzufangen w eiß mit seinem Kapital, und dem Schuldner, der es
durch seine Fähigkeiten verwerten kann. Dadurch kommt die Zirkulation
von Kapital zustande. Das Bedingende dabei sind die
verschiedenen Anlagen und Fähigkeiten der Menschen. Durch sie
kommt das Kapital in Fluß.
W ir kommen also zu folgender Formel:
Natur (N) erfaßt von m enschlicher Arbeit (a) ergibt volkswirtschaftlichen
W ert (w) N w .
v 1 a
W as dann durch die Arbeitsteilung eintritt, muß ausgedrückt
werden durch eine Division. Arbeit (A) erfaßt durch den Geist (g)
ergibt ebenfalls volkswirtschaftlichen W ert (w) A
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Aus der vom Geist erfaßten Arbeit entsteht aber das Geld. Dieses
bekommt man daher als Nenner. A ls Zähler bekommt man,
aus der von der Arbeit erfaßten Natur, die W are.
E s ergibt sich also die Gleichung:
W are
• w Geld
g
A uf dieser Gleichung, das heißt auf dem richtigen Verhältnis zwi- ’
sehen W arenwert und Geldwert, beruht die G e s u n d h e it des
volkswirtschaftlichen Prozesses.
V .
W erte entstehen durch Anwendung von Arbeit auf die Natur;
durch Anwendung des Geistes auf die Arbeit; durch Anwendung
des Geistes auf das Kapital. W ir haben hier eine wertebildende
B e w e g u n g : die Produktion. Die Bew egung geht aber weiter. Sie
führt hinein in die Konsumtion. Da tritt ihr die Bedürfnisentwickelung
entgegen. E s entsteht eine wertebildende S p a n n u n g zwischen
Produktion und Konsumtion, der dann (durch den V erbrauch)
die E n tw e r tu n g auf dem Fuße folgt. Diese Spannung
ist ein zweiter wertebildender Faktor im volkswirtschaftlichen Prozeß.
Die wertbildende Spannung kann auch durch andere Verhältnisse
(Seltenheitswert, Erinnerungswert oder dergleichen) erzeugt
werden.
Im volkswirtschaftlichen Prozeß müssen fortwährend W erte entstehen
und W erte untergehen.
W as würde geschehen, wenn die Entwertung nicht in einer entsprechenden
W eise eintreten würde? — Folgende Überlegung kann
das zeigen:
Der geistige Produzent wird zum Schuldner dadurch, daß er
Kredit in Anspruch nimmt. Personalkredit, mit H ilfe dessen er
seine organisatorischen Fähigkeiten entfalten kann. Dafür zahlt er
einen Zins. Ist der Zins niedrig, so kann er billiger produzieren,
als wenn er hoch ist. P e r s o n a lk r e d it v e r b illig t a ls o die P r o ­
d u k tio n , w en n der Z in s fu ß abn im m t.
W ird aber Kredit auf Grund und Boden gegeben (Realkredit),
so beobachten wir gleichzeitig mit einem Fallen des Zinsfußes
eine Verteuerung von Grund und Boden. Der sinkende Zinsfuß
863
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ist ein Zeichen dafür, daß mehr Kapital in den Boden hineinkreditiert
wird. Dadurch wird der Boden teurer. R e a lk r e d it v e r ­
te u e rt a ls o den G ru n d u n d B o d e n , w e n n der Z in s fu ß a b ­
nim m t.
Personalkredit verbilligt die W are; Realkredit verteuert Grund
und Boden.
Das heißt aber, daß, indem man das Kapital in Form von B o ­
denkredit mit der Natur wieder verbindet, man den volkswirtschaftlichen
Prozeß immer mehr verteuert. Indem Kapital in die
unverarbeitete Natur hineingeführt wird, entsteht eine Stauung.
Das geschieht, wenn mehr Kapital vorhanden ist, als sich (durch
den Geist) mit der Arbeit verbinden kann. Das überschüssige K apital
sucht den Ausw eg in die Natur (Grund und Boden). Dadurch
tritt die W ertbildung von unbearbeitetem Grund und Boden
ein. E s entstehen Scheinwerte. — Genau wie durch die willkürliche
Banknotenvermehrung.
Das kann nur verhindert werden, wenn das Kapital richtig v e r ­
b r a u c h t wird. Ebenso wie die erarbeitete Natur verbraucht wird,
wie aufgebraucht wird durch das Kapital die organisierte Arbeit,
so muß auch das Kapital richtig verbraucht werden. Nur soviel
darf am Ende des volkswirtschaftlichen Kreislaufes übrigbleiben,
als notwendig ist, damit die Natur weiter bearbeitet werden kann.
Eine Regelung des richtigen Kapitalverbrauchs kann sich natürlich
nicht theoretisch ergeben, sondern nur durch praktisches
Eingreifen in die realen volkswirtschaftlichen Prozesse. Dieses
kann geschehen durch wirkliche Assoziationen, die auf Grund
von richtigen Beobachtungen der volkswirtschaftlichen Vorgänge,
auf Grund von m öglichst allseitiger Erfahrung im lebendigen Zusammenarbeiten,
ihre Maßnahmen zur Regelung der Arbeitsverhältnisse
usw. ergreifen.
VI.
In seinem Buche »Die Kernpunkte der sozialen Frage« hat
Dr. Rudolf Steiner die Form el geprägt, daß ein richtiger Preis
für ein Produkt dann vorhanden sei, wenn jemand für ein Erzeugnis,
das er verfertigt hat, soviel als Gegenwert bekommt,
daß er seine Bedürfnisse (einschließlich derjenigen seiner A ngehörigen)
befriedigen kann solange, bis er wiederum ein gleiches
Produkt verfertigt haben wird. Ein W esentliches dieser wirklich
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erschöpfenden Form el ist, daß sie nicht in die Vergangenheit
weist, sondern in die Zukunft. Für das, w as jemand bekommen
muß für sein Erzeugnis, sind nicht m aßgebend die Verhältnisse,
w elche bestanden haben während der Zeit, in der er das Produkt
verfertigt hat, sondern die – vielleicht ganz anderen — Verhältnisse
in der Zeit, die er braucht, um wiederum ein gleiches Erzeugnis
hervorzubringen. (In Ländern mit schnell sinkender V aluta
spürt das heute jedermann am eigenen Leibe. Es gilt aber
auch sonst.)
W irtschaften heißt eben aus der V e r g a n g e n h e it in die Z u ­
k u n ft hineinarbeiten. Läßt man die Zukunft außer Betracht, dann
wird man vor allem niemals die Bedeutung der g e is t ig e n Arbeit
im volkswirtschaftlichen Prozeß verstehen. In bezug auf die Vergangenheit
ist nämlich der geistige Arbeiter nur konsumierend,
in bezug auf die Zukunft ist er dagegen im höchsten Maße produzierend.
W enn ein Schuster wegen Krankheit drei W och en keine Schuhe
produziert, so entsteht ein Produktionsausfall. W ird der Schuster
aber durch einen geschickten Arzt bereits nach acht Tagen gesund,
— wer hat dann e ig e n tlic h die Produktion von zwei W o ­
chen hervorgebracht?
So arbeitet Leibniz, als Erfinder der Differentialrechnung, noch
heute an jedem Tunnelbau produktiv mit. —
Innerhalb der geistigen Betätigung, die damit beginnt, daß die
Arbeit organisiert wird; daß die in der materiellen Kultur stehenden
Unternehmen g e le it e t werden, tritt auch das vollständig freie
geistige W irken auf. Hierher gehört die Betätigung von Künstlern,
Gelehrten, freien Schriftstellern, besonders aber das ganze
Gebiet von Erziehung und Unterricht. Die im freien Geistigen
W irkenden sind in bezug auf die volkswirtschaftliche Vergangenheit
reine Konsumenten. Reine Konsumenten sind auch die Kinder
und jungen Leute, sowie die nicht mehr arbeitenden älteren
Leute, Kranke, Invalide usw. Der volkswirtschaftliche Prozeß
könnte gar nicht vorwärts gehen, wenn in ihm nicht reine Konsumenten
(gegenüber der Vergangenheit reine Konsumenten) vorhanden
wären.
Das kann sich auch aus folgendem ergeben:
Die bearbeitete Natur wird zur W are des Marktes dadurch, daß
sie bezahlt wird. Z a h le n ist die Funktion, die in Betracht kommt,
865
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soweit es sich um den Verkehr mit der verarbeiteten Natur
handelt.
Sobald es sich aber um die Organisierung der Arbeit durch den
Geist handelt, kommt in Betracht das L e ih e n . Der geistig Fähige
muß die M öglichkeit haben, Kapital zu leihen, damit er in den
materiellen volkswirtschaftlichen Prozeß eingreifen kann.
Derjenige aber, der eine vollständig freie geistige W irksam keit
entfaltet, ist darauf angewiesen, daß ihm etwas geschenkt werde.
S c h e n k e n ist eine dritte, volkswirtschaftlich ungeheuer wichtige
Funktion.
Zahlen, Leihen, Schenken ist somit eine volkswirtschaftliche
Trinität.
Das freie Geistesleben (zum Beispiel Erziehung und Unterricht)
muß beschenkt werden aus dem Produktionsprozeß der Vergangenheit.
Dann kann es seinen befruchtenden Einfluß geltend machen
auf das halbfreie Geistesleben, das die Organisation der Arbeit
besorgt. Dadurch aber wirkt es mittelbar hinein in die Produktion
der Zukunft.
VII.
W enn zu w enig geschenkt wird, muß die freie Geistesarbeit
— zum Schaden des sozialen Organismus — zurückgehen. Aufgabe
der Assoziationen wird es daher sein, auch im Interesse des Fortschrittes
der volkswirtschaftlichen Entwickelung, ein Zuw enig an
Schenkung zu verhindern. Assoziationen werden die M öglichkeit
haben, dem überschüssigen Kapital, das die Tendenz hat, in Form
von H ypotheken den Boden zu belasten und dadurch Stauung zu
verursachen, einen Abfluß zu schaffen in freie geistige Institutionen
hinein. —
Zu einer Formulierung des Preisproblems kann man erst kommen,
wenn man einsieht, wie die drei Faktoren: Kauf, Beleihung
und Schenkung in der Preisbildung spielen. Darüber bestehen
heute ganz unklare Vorstellungen. Hauptsächlich deshalb, weil
man dasjenige, was in Bew egung ist, in Ruhe erfassen will.
V om L o h n spricht man so, als habe man es im Lohn zu tun
mit dem Preis der Arbeit, als fände im Arbeitsverhältnis ein Kauf
der Arbeit statt. Das ist aber gar nicht der Fall. Ein volkswirtschaftlicher
W ert kann nur im Austausch von Erzeugnissen entstehen.
Arbeit als solche kann man nicht gegen irgend etwas aus866
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tauschen. Sie hat an sich keinen W ert. Einen W ert hat nur das
bearbeitete Produkt. Diesen W ert tauscht der Arbeiter mit dem
Unternehmer (gegen Geldwert) aus. Der Unternehmer kauft in
W irklichkeit dem Arbeiter sein Erzeugnis ab. Aufgabe des Unternehmers
ist es dann, diesem Erzeugnis, durch seinen Unternehmungsgeist,
im volkswirtschaftlichen Zusam menhang einen
höheren W ert zu verschaffen. Darin sucht er seinen Gewinn. Man
kann also nicht davon sprechen, daß im Arbeitsverhältnis selbst
ein M e h rw e rt entstände, den der Unternehmer dem Arbeiter vorenthielte,
sondern höchstens davon, daß der Preis, den der Unternehmer
dem Arbeiter für seine Erzeugnisse bezahlt, nicht ihrem
wirklichen W erte entspricht. –
W om it haben wir es zu tun bei der B o d e n r e n te ? — Hier sehen
wir das Volkswirtschaftliche anstoßen an Macht- und Rechtsverhältnisse.
W er, sei es durch Macht (Eroberung), sei es durch Rechtsverhältnisse,
über Grund und Boden verfügt, verlangt, daß ihm
diejenigen, denen er erlaubt, auf se in e m Grund und Boden ih re
Erzeugnisse herzustellen, etwas von diesen Erzeugnissen abliefern.
(Den Zehnten.) Er verpflichtet sie zu einer Zwangsschenkung. Dadurch
wird aber der Preis dieser Erzeugnisse über ihren eigentlichen
Tauschwert hinaus erhöht.
Nun besteht im volkswirtschaftlichen Prozeß, der sich auf Arbeitsteilung
gründet, wie bereits gezeigt worden ist, die Tendenz,
Bodenrente zu erzeugen; also: die Preise der landwirtschaftlichen
Produkte immer weiter zu erhöhen. E s handelt sich also darum,
wie man die Bodenrente im volkswirtschaftlichen Prozeß unschädlich
macht. Man kann sie nicht einfach »abschaffen«, weil
der volkswirtschaftliche Prozeß sie immer wieder hervorbringen
will.
Im Gegensatz zur Bodenrente hat das U n te r n e h m e r k a p ita l
die Tendenz, in seinem Preise zu sinken. Der Unternehmer ist darauf
angewiesen, sein Kapital zu leihen. Er hat also die Tendenz,
es im Preise herabzudrücken.
Die Bildung richtiger Preise wird also im volkswirtschaftlichen
Prozeß fortwährend dadurch gestört, daß von der einen Seite her
Dinge auf dem Markte erscheinen, die zu hoch im Preise sein
wollen (landwirtschaftliche), und von der ändern Seite her Dinge,
die im Preise zu niedrig sein wollen (die aus freier menschlicher
Betätigung stammenden). #
867
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Die Schwierigkeit der Preisbildung wächst mit der fortschreitenden
Differenzierung der Produkte und der menschlichen Bedürfnisse.
Ein gleichm äßiges Steigen oder Fallen aller Preise würde
an und für sich niemanden berühren. Daß aber die Produkte in
der verschiedensten W eise steigen und fallen – namentlich im
Zusam menhang mit einem Steigen und Fallen des Geldwertes (in
dem einfach aufbewahrt ist früherer wirklicher W ert) — das bewirkt
zum Beispiel gegenwärtig eine völlige Um schichtung der
m enschlichen Gesellschaft.
All dies führt dazu, die im volkswirtschaftlichen Organismus
wirksamen Faktoren noch in einer anderen W eise anschauen zu
müssen.
W ir haben folgende Bew egung verfolgt: i. Natur; 2. bearbeitete
Natur (Natur bewegt sich gegen Arbeit); 3.gegliederte, organisierte
Arbeit (Arbeit bewegt sich gegen den Geist, gegen das Kapital).
Dann entsteht die Tendenz, daß Kapital als Bodenrente wieder zur
Natur zurück will.
Nun gibt es aber noch eine entgegengesetzte Bewegung. W enn
bearbeitete Natur in rückläufiger Bew egung empfangen wird vom
Geist, dann entsteht das Produktionsmittel. Das Produktionsmitt
ist gleichsam vom Geist erfaßte Natur. W ird dann das Produktionsmittel
(in weiter rückläufiger Bewegung) empfangen von der
Arbeit, so entsteht das Unternehmerkapital. W ird diese Bew egung
fortgesetzt zur Natur zurück, so entsteht die W are, die von der
Natur (dem Menschen) konsumiert wird oder verdirbt.
V III.
Innerhalb der volkswirtschaftlichen Betrachtung ist die w ichtigste
Frage die Preisfrage. Der Preis kann uns, je nachdem, ob
er steigend oder fallend, zu hoch oder zu niedrig ist, angeben, ob
die Dinge im volkswirtschaftlichen Organismus in Ordnung sind
oder nicht.
Eine weitverbreitete Ansicht ist die, daß der Preis bestimmt
werde durch Angebot und Nachfrage, und daß man nichts machen
könne, als Ihn unter der W irkung des Gesetzes von Angebot
und N achfrage sich entwickeln zu lassen.
Indem man diese Begriffe von Angebot und Nachfrage aufstellt,
bewegt man sich bloß in einem theoretischen Begriffssystem , ergreift
aber nicht die W irklichkeit. Die liegt hinter dem, was man
863
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mit den Begriffen Angebot und Nachfrage trifft. Der volkswirtschaftliche
Prozeß, insofern er Tausch oder Handel ist, kann sich
gar nicht vollziehen anders, als daß sow ohl beim Käufer wie beim
Verkäufer Angebot un d Nachfrage vorhanden sind. Angebot in
W are ist zugleich Nachfrage nach Geld, und Angebot in Geld ist
zugleich Nachfrage nach W are. Es kommt darauf an, daß nicht
nur eine gewisse Anzahl von W aren als Angebot da ist (das zugleich
Nachfrage nach Geld ist), sondern, daß auch eine Anzahl
von Leuten da ist, die das Angebot Geld (das zugleich Nachfrage
nach W are ist) gerade für diese W aren entwickeln können.
Zw ischen Angebot und Nachfrage — aber auf beiden Seiten —
entwickelt sich allerdings der Preis; nur sind alle drei primäre
Faktoren. Der Preis ist nicht eine Funktion von Angebot und
Nachfrage. Angebot, Nachfrage und Preis sind drei voneinander
unabhängige Größen, die miteinander in W echselspiel treten.
Der Konsument hat im Auge seine N achfrage und den Preis.
Der Produzent hat im Auge sein Angebot und den Preis. Der
Händler hat im Auge Angebot und Nachfrage. Für ihn ist der
Preis eine Funktion von Angebot und N achfrage [p = f (a. n)].
Für den Konsumenten ist das Angebot eine Funktion von Preis
und N achfrage [a = f (p. n.)]. Für den Produzenten ist die Nachfrage
eine Funktion von Angebot und Preis (n = f (a. p.)]. Daraus
ergibt sich die vierte Gleichung [x = f (a. n. p.)]. Die Gleichungen
sind aber dadurch verschieden, daß beim Konsumenten das Angebot
(a) ein Angebot in Geld ist, beim Produzenten ist die Nachfrage
(n) eine Nachfrage nach W aren, und beim Händler haben
wir es zu tun mit etwas, was zwischen Geld und W are drinnenliegt.
Nun spielt aber in den volkswirtschaftlichen Prozeß hinein das
Recht. Das wird anschaulich, sobald das Geld im volkswirtschaftlichen
Verkehr auf tritt. Geld hat nur dadurch einen W ert, daß es
als W ert a n e rk a n n t wird. W are wird in Geld verwandelt, also
in Recht.
Dieses Recht läßt sich nun halten, wieder in W are verwandeln,
oder es läßt sich dadurch, daß man es verbindet mit menschlichen
Fähigkeiten, durch das Geld etwas ganz Neues hineinproduzieren
in den volkswirtschaftlichen Prozeß. Die m enschlichen Fähigkeiten
(der Geist) verbinden sich mit dem volkswirtschaftlichen
Prozeß.
Die D rei. K/L. 58
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)
In den ganzen Prozeß: Natur, bearbeitete Natur, durch den Geist
gegliederte Arbeit, gliedern sich ein: das Recht und die m enschlichen
Fähigkeiten. Eine Dreigliederung innerhalb der Volksw irtschaft!
Die F olge davon ist, daß im volkswirtschaftlichen Prozeß fortwährend
auf treten, außer dem Austausch zwischen W aren und
W aren, der Austausch zw ischen W aren und Rechten, zwischen
W aren und Fähigkeiten und auch wiederum zwischen Rechten
und Fähigkeiten. Dinge, die gar nicht miteinander vergleichbar
sind. Dadurch ist der volkswirtschaftliche Prozeß etwas so ungeheuer
Kompliziertes, Fluktuierendes, das nicht in ein starres
wissenschaftliches System eingefangen werden kann, das auch
nicht ein einzelner M ensch ganz überschauen kann, sondern das
nur im Zusammenwirken der Urteile der Menschen, die in Produktion,
Konsumtion und W arenzirkulation lebendig drinnenstehen,
sachverständig geregelt werden kann.
IX.
Für eine Volkswirtschaftslehre, die die wirklichen volkswirtschaftlichen
V orgänge erfassen will, ist es erforderlich, auch auf
verborgenere Zusammenhänge in der Volkswirtschaft hinzuweisen.
Dadurch wird noch mehr ersichtlich, wie kompliziert sich die
Dinge im volkswirtschaftlichen Prozeß abspielen.
Es ist eine unter Landwirten bekannte Tatsache, daß am R oggenpreis
nichts verdient, sondern verloren wird. Das heißt, es wird
für Roggen ein Preis erzielt, der nicht die Kosten deckt für das
Rohprodukt, die Herstellungskosten und einen gewissen Gewinn.
W as liegt hier in W irklichkeit vor? — Der Roggen liefert nicht nur
das Korn, sondern auch Stroh. Mit dem Stroh versorgt der Landwirt
sein Vieh. Dadurch erzielt er den denkbar besten Dünger. Den
bekommt er umsonst. Damit gleicht er seine Bilanz wieder aus.
Diese und ähnliche* V orgänge werden in der volkswirtschaftlichen
Literatur wenig berücksichtigt. W as hier vorliegt, kann man
eine B in ^ en w irts c h a f t innerhalb der allgemeinen Volksw irtschaft
nennen.
Eine andere Tatsachenreihe ist folgende:
Es ist bereits das Beispiel erwähnt worden, daß ein Arzt durch
seine Geschicklichkeit einen Schuster, der sonst drei W ochen
krank liegen würde, in einer W och e gesund macht, so daß eigent870
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lieh der Arzt die Schuhproduktion von zwei W och en hervorbringt.
Nun entsteht die Frage: Bekommt der Arzt diese Produktion auch
bezahlt? — Äußerlich betrachtet, durchaus nicht! W enn man
aber eine etwas längere Bilanz aufstellt und die Ausbildungskosten
des Arztes in Betracht zieht, dann wird man dafür doch
ungefähr soviel herausbekommen, als später von ihm wieder hereingebracht
wird durch Erhöhung der Produktion seiner Patienten.
Natürlich im volkswirtschaftlichen Ganzen gerechnet.
Die Ausgaben für die Ausbildung des Arztes stammen aber offenbar
aus dem Bereich der Schenkungen. Aus Stiftungen, Schenkungen
der Eltern oder dergleichen. W enn man verfolgt, wie stark
das Schenkungsgeld auf alles geistige Produzieren wirkt, das dann
wieder befruchtend wirkt auf das ganze Unternehmertum, dann
wird man gewahr, daß das allerfruchtbarste im volkswirtschaftlichen
Prozeß gerade die Schenkungen sind. W eniger produktiv
sind die Leihkapitalien, und am unproduktivsten, was unmittelbar
unter dem Einfluß von Kauf und Verkauf bezahlt wird.
Dazu kommt noch, daß, wie bereits gezeigt, gerade dasjenige
Kapital geschenkt wird, was als verfügbar aus dem volkswirtschaftlichen
Prozeß hervorgeht und diesen schädigen würde, wenn
es sich auf Grund und Boden stauen würde.
Aus alledem geht hervor, daß man den volkswirtschaftlichen
Prozeß nur dadurch überschauen kann, daß man auch über Vergangenes
und Zukünftiges eine gew isse Einsicht gewinnt. Diese
wird sich aber in umfassender W eise nur dem Urteil der sich assoziativ
vereinigenden Menschen ergeben können.
X.
Volkswirtschaftliche W erte entstehen durch Bearbeitung der
Natur. Auf einer höheren Stufe durch Organisierung der Arbeit.
Die organisierte Arbeit wird aufgefangen von dem Kapital. Dieses
emanzipiert sich von der Natur und geht über in freie Geistigkeit.
W as bringt nun die volkswirtschaftlichen W erte in Bewegung?
W er einen Tausch vollzieht, sucht dabei seinen Vorteil, seinen
Gewinn. Nicht nur der Verkäufer, sondern auch der Käufer; jeder
will gewinnen. Der Verkäufer begehrt das Geld mehr als die Ware.
Der Käufer begehrt die W are mehr als das Geld. Es wird also
bloß durch den Austausch sowohl das Geld als auch die W are
mehr W ert. Das ist deshalb möglich, weil Käufer und Verkäufer in
871
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verschiedenem volkswirtschaftlichem Zusammenhang darinnenstehen.
Für /den einen hat die W are, für den anderen das Geld
einen höheren W ert. Das Streben nach Gewinn ist somit dasjenige,
was den volkswirtschaftlichen Prozeß in Bew egung bringt,
was ihn vorwärts schiebt.
Diese Bew egung wird unterstützt durch eine Saugwirkung, die
ausgeht von dem Bedürfnis nach Leihkapital. Das Leihen geht
ursprünglich nicht aus von dem Streben nach dem Vorteil, den
man durch den Zins hat, sondern davon, daß man darauf rechnet,
daß einem gegebenenfalls wieder geliehen werde. Die m enschliche
Gegenseitigkeit spielt dabei eine Rolle. W er Zins nimmt für
Leihkapital, verzichtet damit darauf, daß ihm, als Gegenleistung,
wieder geliehen werde. Der Zins ist eine Ablösung der m enschlichen
Gegenseitigkeit. Er ist realisierte Gegenseitigkeit.
Die m enschliche Gegenseitigkeit ist noch auf einem anderen Gebiete
von größter Bedeutung: in der modernen Arbeitsteilung.
Hier findet die Gegenseitigkeit ihren Ausdruck in dem Gelde. Das
Geld ist die abstrakte Form der m enschlichen Gegenseitigkeit, wie
sie in der Arbeitsteilung wirksam ist.
A n dem Beispiel von Zins und Geld kann man sehen, wie es für
das volkswirtschaftliche Denken notwendig ist, überall von den
bloß abstrakten Begriffen überzugehen zu bildhaften Vorstellungen.
Sonst kommt man überhaupt nicht an die realen V orgänge
des volkswirtschaftlichen Prozesses heran. N icht auf Begriffe
kommt es an, sondern auf Anschauungen, auf empfindende Urteile.
Aber nicht auf das empfindende Urteil des einzelnen, sondern
auf das Zusammenströmen der Erfahrungen und Urteile der
in Assoziationen vereinigten Produzenten, Konsumenten und V ertreter
des Handels. Aus ihnen kann sich etwas geltend machen
wie sich selbst tätige Vernunft, die viel mehr ist als alle Theorie,
mit der man die volkswirtschaftlichen Prozesse überhaupt nicht
erfassen kann.
Und noch etwas anderes wird sich in den Assoziationen entwickeln
können. — Der einzelne sucht im wirtschaftlichen Leben
in egoistischer W eise seinen V o r te il. Das kann nicht anders sein.
Er kann beim Kauf oder Verkauf nur seinen egoistischen Sinn
befriedigen. In den Assoziationen wird nicht das unmittelbar persönliche
Interesse maßgebend sein, sondern die Überschau über
den ganzen volkswirtschaftlichen Prozeß. Die führt wieder hin872
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ein in das Gebiet der Gegenseitigkeit von M ensch zu Mensch, aus
dem sich dann o b je k tiv e r G e m e in sin n entwickelt. Nicht aus
Moral, sondern aus einer wirklichen Erkenntnis der Notwendigkeiten
des volkswirtschaftlichen Prozesses. Dadurch können dann
die Ausgleiche geschaffen werden gegenüber dem egoistischen
Handeln des einzelnen.
XI.
Die Entwickelung der W irtschaft geht von der ländlichen Privatwirtschaft
über die Volkswirtschaft zur W eltwirtschaft. Aber diese
einzelnen, a u fe in a n d e r folgenden Stufen leben auch n e b e n e in ­
a n d er fort. Die hochentwickelte W eltw irtschaft enthält die primitiven
Formen der ländlichen Privatwirtschaft noch in sich.
Die Volksw irtschaft entsteht durch den Zusam m enschluß einzelner
Privatwirtschaften. Dadurch wird der Austausch, das heißt
der Handel zwischen den einzelnen Privatwirtschaften möglich.
Durch den Austausch entsteht (im allgemeinen) für jede Privatwirtschaft
der Gewinn. A uf diesen Gewinn kommt es bei der Privatwirtschaft
an.
Die neuere Volkswirtschaftslehre entstand in der Zeit, als sich
eben die Volkswirtschaft aus der Privatwirtschaft heraus entwickelte.
Ricardo und Adam Smith dachten deshalb über die
Volkswirtschaft wesentlich so, daß sie die Fruchtbarkeit der
Volkswirtschaft darin sahen, daß, wie in der P rivatw irtsch aft, nun
eine Volkswirtschaft mit der anderen in Austausch kommt und
dadurch Vo*“^il gewinnt.
Innerhalb dieses Austausches der einzelnen Volksw irtschaftskörper
entstand dann die Führung der mächtigsten dieser V olkswirtschaften:
der englischen. England wurde unter dem Einfluß
des W eltverkehrs die führende W irtschaftsmacht.
Im letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts begann der
W eltverkehr überzugehen in die W eltwirtschaft. — Der W eltverkehr
besteht im Austausch der W aren zw ischen den einzelnen
Volkswirtschaften. Die W eltwirtschaft besteht in einem Ineinandergreifen
der wirtschaftlichen Prozesse der ganzen W elt. W eltwirtschaft
entsteht, wenn alle Faktoren der W irtschaft, also Produktion,
Konsumtion und Verkehr gespeist werden aus der ganzen
W elt. Fährt man nun fort, innerhalb dieser W eltw irtschaft nur
volkswirtschaftlich zu denken und zu handeln, dann muß die W elt873
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Wirtschaft mit Notwendigkeit in sich zusammenbrechen. Sie hätte
auch zusammenbrechen müssen, wenn dieser Zusammenbruch
nicht durch die Herbeiführung des W eltkrieges beschleunigt w orden
wäre. Volkswirtschaftliche Gewinne sind heute nur noch
dadurch zu erzielen, daß die eine Volksw irtschaft auf Kosten der
anderen sich durch Valutadifferenzen wirtschaftliche Vorteile verschafft.
Die W eltw irtschaft ist ein in sich geschlossenes W irtschaftsgebiet.
Eine über die ganze Erde ausgedehnte Riesenwirtschaft,
die aber nicht auf Kosten irgendeiner anderen W irtschaft bestehen
kann, sondern in sich selbst fruchtbar gemacht werden muß. In
einem geschlossenen W irtschaftsgebiet ist das Verhältnis zwischen
der M enschenzahl und der nutzbaren Bodenfläche von grundlegender
Bedeutung. Innerhalb einer geschlossenen W irtschaft
gibt es solche Menschen, die unmittelbar jene Naturprodukte mit
Arbeit verbinden, die der Ernährung (im weitesten Sinne) dienen
(ein produzierendes Feld) und solche, die von jenen ernährt werden
(ein konsumierendes Feld). W ächst die Zahl der letzteren,
ohne daß die ersteren ebenfalls zunehmen, dann müssen jene sich
einschränken, oder die Kulturfähigkeit des Bodens muß erhöht
werden. Das kann aber nur dadurch geschehen, daß ein geistiges
Leben da ist, das hineinwirkt in die Produktion der Zukunft. Dieses
geistige Leben ist aber angewiesen auf Schenkung von seiten
derjenigen, die die Produktion der Vergangenheit geleistet haben.
Durch Schenkungen wird gleichzeitig verhindert, daß die Überschüsse
der Produktion wieder in den Grund und Boden hineingeführt
werden und sich dort (die Produktion verteuernd) stauen.
XII.
Aus dem Vorangegangenen kann hervorgehen, daß das Preisproblem
ein anderes ist innerhalb der geschlossenen W eltw irtschaft
als innerhalb der aneinander grenzenden, miteinander im
Tauschverkehr stehenden Volkswirtschaften. Sucht man sich dem
Preisproblem zu nähern, so stößt man auch auf die Frage, w elches
die W irkung des Geldes auf die Preisbildung sei.
Über das W esen des Geldes ist in der volkswirtschaftlichen L iteratur
viel geschrieben worden. All dem gegenüber, was über die
notwendigen Eigenschaften des Geldes und dergleichen an scharfsinnigen
Definitionen aufgestellt worden ist, kommt es darauf an,
874
i
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einzusehen, daß im volkswirtschaftlichen Prozeß alles erst einen
W ert bekommt dadurch, daß es in die Zirkulation kommt. Die
Natur bekommt erst einen W ert dadurch, daß Arbeit mit ihr verbunden
wird; die Arbeit dadurch, daß sie organisiert wird; das
Kapital dadurch, daß es vom Geist ergriffen und in den volkswirtschaftlichen
Prozeß hineingearbeitet wird. So erhält auch das
Geld als solches erst einen W ert durch die Zirkulation selbst.
Geld hat zunächst innerhalb der auf Arbeitsteilung gestellten
W irtschaft die Aufgabe, nicht selbst ausgetauscht zu werden, sondern
den Austausch der übrigen W erte zu vermitteln. Es wird
diese Aufgabe am besten erfüllen, wenn es nur zur Vermittlung
des Tausches benutzt und nicht selbst, im gewöhnlichen Sinne,
verbraucht werden kann.
W ährend alle anderen Dinge, nach kürzerer oder längerer Zeit,
verderben, scheint Geld nicht zu verderben. Ein Pfund Fleisch,
das einer bestimmten Summe Geldes entsj.. ‘~ht, beginnt nach einiger
Zeit zu riechen. Es ist ehrlich. Die Geldsumme bleibt dieselbe.
Das Geld ist ein unreeller Konkurrent. E s w ill den Anschein
erwecken, als bliebe es immer dasselbe. In W irklichkeit macht es
ebenfalls eine Veränderung durch. Nach einiger Zeit muß man
nämlich für ein Pfund Fleisch, das für den M enschen doch einen
festen, unveränderlichen W ert hat, eine ganz andere Summe Geldes
zahlen. Das Geld hat einfach durch den volkswirtschaftlichen
Prozeß selbst eine Veränderung erfahren. W elches sind nun im
volkswirtschaftlichen Prozeß die Gelegenheiten, die die Veränderungen
des Geldwertes verursachen?
Neben den. Geld, das den Tausch vermittelt, dem Tausch- oder
Kaufgeld, haben wir das Leihgeld. Das Geld, das zum Beispiel ein
Unternehmer geliehen bekommt, um damit sein Geschäft zu betreiben.
Da verbinden sich mit dem Geld die menschlichen Fähigkeiten.
Der W ert dieses Geldes hängt davon ab, ob der Unternehmer
ein Genie ist oder — das Gegenteil. Der nominale Geldbetrag
ist nicht das W esentliche, sondern die Fähigkeiten, die damit
verbunden sind.
Eine dritte Art von Geld ist das Schenkungsgeld. Schenkungsgeld
ist alles, was für Erziehung, Unterricht, für Stiftungen, zur
Förderung von Kunst, W issenschaft und Religion (Peterspfennig)
usw. ausgegeben wird. Das spielt im volkswirtschaftlichen Prozeß
eine wenig erkannte, aber außerordentlich wichtige Rolle.
875
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In W irklichkeit geht nun alles Leihgeld allmählich über in
Schenkungsgeld. Dort entwertet es sich. (Dies im einzelnen zu belegen,
wird Aufgabe einer zukünftigen Nationalökonomie sein.)
Diesem Prozeß wird entgegengearbeitet, er wird kaschiert dadurch,
daß man an der dem Gelde aufgedruckten Zahl starr festhält,
einerlei welche W andlungen und Veränderungen innerlich
mit dem Geld vorgegangen sind durch seinen Übergang von Kaufgeld
in Leihgeld und in Schenkungsgeld. Die Folge davon ist, daß
die Schwankungen an einer anderen Stelle herauskommen — in
den Preisen der W aren, die an und für sich ihren W ert nicht verändern
würden.
W ird nun der Preis für irgendein Gut zu hoch, so kann innerhalb
der Volksw irtschaft eine Korrektur dadurch eintreten, daß
das betreffende Gut aus einer benachbarten Volkswirtschaft importiertwird.
Diese Korrektur ist innerhalb der einheitlichen W eltwirtschaft
nicht m öglich. Die große Frage tritt daher auf, wie
diese Verhältnisse gestaltet werden müssen beim Übergang von
der Volkswirtschaft zur W eltwirtschaft.
In der W eltw irtschaft wird es unerläßlich sein, das Geld sich
nicht wild entwickeln zu lassen, sondern die Geldzirkulation bewußt
zu gestalten; das Geld zu zähmen dadurch, daß man ihm
sein Alter einfügt. Geld muß entstehen und sich wieder entwerten.
Junges Geld ist deshalb wertvoller als altes Geld, das seinem
Untergange nähergerückt ist. Man wird daher junges Geld als
Leihgeld in Anspruch nehmen für langfristige Unternehmungen;
älteres für kurzfristige; noch älteres als Kaufgeld; und das älteste
als Schenkungsgeld, so daß eben noch derjenige, der es geschenkt
bekommt, etwas dafür kaufen kann. Dann muß es aus dem V erkehr
gezogen werden, um von neuem (verjüngt) in den volkswirtschaftlichen
Prozeß hineingebracht zu werden, dort w o der Naturprozeß
mit der Arbeit in Verbindung gebracht wird. So entstehen
in einer geschlossenen W eltw irtschaft drei Gebiete, das Kaufgeldgebiet,
das Leihgeldgebiet und das Schenkungsgeldgebiet. Und
wenn Störungen auftreten, die sonst korrigiert werden von der
N achbarschaft her durch Import und Export; innerhalb der W eltwirtschaft
müssen sie korrigiert werden von den drei Gebieten.
Richtet das Kaufgeld eine Störung an, dann fließt in der entsprechenden
W eise zu oder ab die Leihgeldsphäre oder die Schenkungsgeldsphäre
und umgekehrt. Zu dieser Korrektur ist aber not876
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wendig menschliche Vernunft, die nur in das W irtschaftsleben
hineinkommen kann durch i.e Assoziationen, die aus ihren Erfahrungen
heraus die Dinge beobachten können und danach die
richtigen Maßnahmen treffen.
XIII.
Volkswirtschaftlicher W ert entsteht dadurch, daß menschliche
Arbeit verbunden wird mit der Natur. Die erste Stufe dieser W ertbildung
liegt in der Bearbeitung von Grund und Boden. Auf einer
höheren Stufe kommt die W ertbildung dadurch zustande, daß sich
Geist verbindet mit der Arbeit, die auf das Naturprodukt verwendet
wird. Geist wirkt werterhöhend durch Organisierung der Arbeit
an der Natur. — Aber der Geist kann auch an sich wertbildend
wirken. Ein findiger K opf kann, ohne irgendeine. Arbeit zu verrichten,
W ertum lagerungen hervorrufen. E s ist nicht leicht zu
durchschauen, wie der Geist wertbildend wirkt, außer auf dem
W eg über die Arbeit an der Natur. Man kann es sich klarmachen,
wenn man von einfachen Verhältnissen ausgeht: In einer Dorfwirtschaft
arbeiten zusammen die Bauern, einige Gewerbetreibende,
Bäcker, Schneider, Schuster usw., außerdem ein Pfarrer und ein
Lehrer. Die Bauern und Handwerker verrichten körperliche Arbeit
an der Natur. Dadurch erzeugen sie W erte. – W ie bilden sich
aber die W erte der Leistungen des Pfarrers und des Lehrers? Offenbar
durch die Bedürfnisse, die die Bauern und Handwerker
haben für die Leistungen jener; für Predigt und Schulunterricht.
Diese sind ihnen soviel wert, daß sie von den W erten, die sie
selbst durch körperliche Arbeit erzeugen, soviel abgeben, als der
Pfarrer und Lehrer zu ihrem Lebensunterhalt brauchen. Pfarrer
und Lehrer brauchen nicht selbst körperliche Arbeit zu tun. Die
Arbeit wird ihnen erspart. Der W ert ihrer Leistung wird also dadurch
bestimmt, wieviel körperliche Arbeit sie ihnen erspart. Der
W ert eines Gemäldes für den Maler hängt davon ab, wie lange er
mit dem Erlös, den er dafür erzielt, leben kann, ohne selbst Arbeit
verrichten zu müssen!
W erte entstehen also ganz anders bei körperlicher Arbeit als bei
geistiger W irksamkeit. Die wertbildende Kraft besteht auf der einen
Seite darin, daß körperliche Arbeit an das Produkt herangebracht
wird (das Produkt zieht Arbeit an), auf der anderen Seite darin,
daß das Produkt Arbeit bewirkt (das Produkt strahlt Arbeit aus).
877
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Körperliche Ârbeit fügt sich in positiver W eise in den volkswirtschaftlichen
Prozeß ein; geistige W irksam keit (zunächst) in negativem
Sinne.
Hierin kommen die beiden Extreme der W ertbildung zum A usdruck.
Das eine lautet: Arbeit verleiht den Dingen W ert; das andere:
Kapital (Geist) verleiht den Dingen W ert dadurch, daß es
Arbeit erspart. Beide sind richtig. Aber sie schließen einander
nicht aus, sondern sind eben die Pole des wertebildenden P rozesses.
In der W irklichkeit sind sie nur in M ischung vorhanden:
Die einfachste körperliche Arbeit (Handfertigkeit) enthält bereits
geistige Elemente, und die höchste geistige Tätigkeit erfordert
zum mindesten einen kleinen Aufw and an körperlicher Arbeit. In
der Mitte zwischen freier geistiger W irksam keit (zum Beispiel des
Künstlers) und der einfachsten körperlichen Arbeit (zum Beispiel
des ungelernten Taglöhners), liegt die geistige Tätigkeit, die durch
Organisierung der Arbeit in den Produktionsprozeß eingreift. Die
beiden Extreme kompensieren sich gegenseitig. Die wertebildende
Kraft der einfachen Bodenbearbeitung wird zahlenmäßig herabgedrückt
durch dasjenige, was ihr von der geistigen Seite her entgegenwirkt.
Sind nun irgendwo zu viele geistig Produzierende vorhanden,
gegenüber der Bodenproduktion, dann kommt ein negativer
W ert heraus. Die geistige Produktion kann sich nur entwickeln
in einem gew issen Verhältnis zur Bodenproduktion. Sonst
wird die volkswirtschaftliche Bilanz, und damit die volkswirtschaftliche
Gesundheit, gestört. Das Studium der Bilanz zwischen Landwirtschaft,
das heißt Bodenbearbeitung, auf der einen Seite, und
geistiger W irksam keit auf der anderen Seite, ist eine der dringendsten
Aufgaben der Volkswirtschaftslehre.
XIV.
Den volkswirtschaftlichen Prozeß kann man nur erfassen durch
lebendige Begriffsbilder. Solche zu vermitteln, war die Aufgabe,
die sich Dr. Rudolf Steiner mit diesem Kursus über Nationalökonomie
gestellt hat. Er wollte damit den Studenten der Nationalökonom
ie die M öglichkeit verschaffen, das in dem Bezirk ihrer
W issenschaft aufgehäufte Material in einer neuen, von der Geisteswissenschaft
befruchteten Art zu handhaben und dadurch an der
W eiterentwickelung dieser W issenschaft mitarbeiten zu können.
Dr. Steiner meinte, gegen das Vorgebrachte würden sich mancher878
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lei Einwendungen ergeben. Das würde gerade gut und nützlich
sein, wenn es mit wirklichem Forscherernst und Forschergeist geschähe.
Denn das Lebendige sei immer ein Vieldeutiges und dulde
keine dogmatische Theorie.
Ein solches vieldeutiges Begriffsbild ist dasjenige des alt werdenden,
sich abnützenden Geldes. Seine Verw irklichung ist in verschiedener
W eise denkbar. W elches die beste ist, wird sich in der
Praxis ergeben. W orauf es ankommt, ist, daß der Begriff selbst ein
lebendiger, ein lebenswirklicher sei. Dann kann er seine Aufgabe
so oder so erfüllen. Er wird durch sich selbst anzeigen, wo man
ihn modifizieren muß.
In dem sich abnützenden Geld werden wir eine notwendige
Parallelströmung haben zu den sich abnützenden Gütern. Eine
Parallele zwischen Zeichenwert (Geld) und Sachwert (Ware). Dann
wird der Geldumsatz gleichsam eine Art W eltbuchhaltung darstellen.
Und Geld wird dann, was es nur sein darf, ein äußeres
Mittel für den Austausch von Leistungen. A uf den Austausch von
Leistungen kommt es an im volkswirtschaftlichen Prozeß. Das
Geld vermittelt ihn nur. Sobald der Handel mit Geld zum Selbstzweck
wird, tritt eine Fälschung der ganzen W irtschaft ein. In
W irklichkeit leben die Menschen von Leistungen und nicht von
den Zeichen dieser Leistungen.
Nun werden im volkswirtschaftlichen Prozeß Leistungen von
zweierlei Art gegeneinander und untereinander ausgetauscht. L eistungen,
die auf Bearbeitung der Natur beruhen, und geistige L eistungen.
Leistungen durch körperliche Arbeit, deren W ert darin
besteht, daß durch sie ein Naturprodukt bearbeitet wird, und solche
Leistungen, die mehr auf geistiger W irksam keit beruhen, die
soviel wert sind, als sie ihrem Hervorbringer körperliche Arbeit
ersparen. Dadurch sind im wirtschaftlichen Kreislauf zwei einander
entgegengesetzte Strömungen, die sich in gesunder W eise
kompensieren müssen. Die Schwierigkeit beruht nun darin, herauszurechnen,
wie die verschiedenen Leistungen gegeneinander
abzuschätzen sind. Herauszubekommen zum Beispiel, wieviel körperliche
Arbeit sich derjenige ersparen kann, der ein Kunstwerk
geschaffen hat und es in den W irtschaftskreislauf bringt. Da entsteht
die Frage: W ieviel sind die anderen, die körperliche Arbeit
an der Natur (oder an den Produktionsmitteln) leisten, gewillt, von
dem Ertrag ihrer Arbeit abzugeben für eine solche künstlerische
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Leistung? Die Beantwortung dieser Frage wird davon abhängen,
ob in einenvGebiet überhaupt ein Interesse für geistige W irksam ­
keit vorhanden ist. Dann aber auch davon, wieviel die Naturgrundlage,
einschließlich der vorhandenen Produktionsmittel,
durch die an sie gewandte Arbeit hergibt — im Verhältnis zu der
Einwohnerzahl eines bestimmten W irtschaftsgebietes. Je nachdem
werden Anweisungen auf die Leistungen der körperlich Arbeitenden
entstehen dürfen, die von denen gebraucht werden, denen
durch sie Arbeit erspart werden soll. Daraus kann sich ergeben,
daß die Grundlage für eine gesunde W ährung nicht das
Gold sein kann, auch nicht Schuldverpflichtungen des Staates,
sondern die Summe der in einem W irtschaftsgebiet vorhandenen
brauchbaren Produktionsmittel (einschließlich der Naturgrundlage),
an denen Arbeit geleistet wird. Geld kann nichts anderes
sein als ein Ausdruck für die Summe der brauchbaren Produktionsmittel,
die in einem Gebiet vorhanden sind. Aber die Einheit
der W ährung darf keine abstrakte sein, sondern muß eine solche
sein, die einen Vergleichsm aßstab abgeben kann. Dazu sind am
geeignetsten die Bodenprodukte. W ürde die Geldeinheit zum B eispiel
ausgedrückt werden in einer bestimmten Menge W eizen, so
würde das einen Maßstab abgeben, an dem andere Leistungen gemessen
werden könnten. Dadurch würde erreicht ein überschaubares
Verhältnis innerhalb der einzelnen Glieder eines wirtschaftlichen
Ganzen. Jeder einzelne würde dann in jedem Augenblick
seinen Zusam menhang mit der Natur auch im Gelde noch haben.
Statt des undefinierbaren Goldwertes hätte man den Naturwert.
Dann wird man erst wieder zu einer gesunden Preisbildung
kommen, wenn man alles zurückverfolgt bis zu dem W ertverhältnis,
das für die Bodenbearbeitung herbeigeführt wird durch das
Verhältnis der Bevölkerungszahl zu der brauchbaren Bodenfläche.
Diesen Zusam menhang — und alles was sich darauf aufbaut —
muß man, trotz unserer kompliziert gewordenen W irtschaft, w ieder
durchschauen können.
* * *
Dieser Kursus wollte eine Hinleitung sein zu einem wirklichen,
lebendigen Erfassen volkswirtschaftlicher Realitäten; eine A ufforderung,
den W illen zu entwickeln, unterzutauchen in die W irklichkeit
und hinzuschauen, wie sich die Dinge der Volkswirtschaft
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in ihrer Realität gestalten. Er wollte die Teilnehm er einen freien
Ausblick gewinnen lassen in manches, w as zur Heilung der
schweren Kulturschäden unserer Zeit notwendig sein wird. Dieser
Zeit, in der so sehr an die Stelle der W ahrheit die Phrase, an
die Stelle eines gesunden Rechtsempfindens die Konvention und
an die Stelle wirklicher Lebenspraxis die bloße Lebensroutine getreten
ist.
M öchte die Verpflichtung zur Arbeit im Geiste dieses Kurses,
wie sie von dem Vertreter der Studenten als Dank an Dr. Steiner
zum Ausdruck gebracht wurde, recht ernst empfunden werden;
dann werden aus diesem Kursus noch zahlreiche fruchtbare A nregungen
geschöpft werden können – zum Heile unserer schwergeprüften
Zeit.
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Benediktus Hardorp – ARBEIT UND KAPITAL ALS SCHÖPFERISCHE KRÄFTE

31 Ago

Benediktus Hardorp Arbeit und Kapital als schöpferische Kräfte Einkommensbildung und Besteuerung als gesellschaftliches Teilungsverfahren Schriften des Interfakultativen Instituts für Entrepreneurship (IEP) der Universität Karlsruhe (TH) Band 16 Arbeit und Kapital als schöpferische Kräfte Einkommensbildung und Besteuerung als gesellschaftliches Teilungsverfahren von Benediktus Hardorp Universitätsverlag Karlsruhe 2008 Print on Demand ISSN: 1614-9076 ISBN: 978-3-86644-250-4 Impressum Universitätsverlag Karlsruhe c/o Universitätsbibliothek StraÃe am Forum 2 D-76131 Karlsruhe http://www.uvka.de Dieses Werk ist unter folgender Creative Commons-Lizenz lizenziert: http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/de/ 4 5 Inhaltsverzeichnis Vorwort von Götz W. Werner und Karl-Martin Dietz 7 Perspektiven sozialen Umdenkens bei Benediktus Hardorp 9 Einführende Bemerkungen zu dreizehn hier wieder veröffentlichten Manifestationen seines Denkens von Götz W. Werner und Wolfgang Eichhorn 1 Elemente einer sozialen Baukunst 19 Ein Beitrag zum Unternehmensverständnis 2 Lebensorientierung durch Buchführung? 43 Zum 500-Jahre-Jubiläum der doppelten Buchführung 3 Das Eigenkapital im Spiegel der Bilanz 55 Eine Herausforderung an unser Unternehmensverständnis 4 Goethe und das Geld 71 5 Preis, Einkommen, Steuer 79 â anthroposophische Perspektiven zu Ãkonomie und Ethik 6 Die Entkopplung von Arbeit und Einkommen als Weg zu selbstmotivierter Arbeit 93 Naheliegende Perspektiven sozialer Standortbestimmung für Menschen mit Führungsaufgaben 7 Anspruch und Zuspruch 107 Rentensicherheit und soziales Hauptgesetz 8 Steuerreform im Zeitalter der Globalisierung 123 9 Konsumsteuer und Gesellschaft 131 Zum erforderlichen steuersystematischen Bewusstseinswandel 10 Steuern reformieren heiÃt, neu teilen lernen! 161 Benediktus Hardorp im Gespräch mit Doris Kleinau-Metzler 11 Ausgaben- statt Einkommensteuer! 167 Zum Finanzierungsverständnis des Grundeinkommens 12 Finanzielle Aspekte eines bedingungslosen 181 Grundeinkommens 13 Unternehmenswert und Eigentumsverfassung 189 Markt und Moral â sind Unternehmen handelbare Ware? Schriftenverzeichnis 205 Der Autor 213 6 7 6 7 Vorwort Benediktus Hardorp hat seit vielen Jahrzehnten immer wieder weitreichende Gedanken zu Themen des gesellschaftlichen Lebens eingebracht, sei es zu Fragen der Arbeit, des Geldwesens oder auch der Buchführung und Bilan- zierung; und natürlich auf seinem beruflichen Hauptarbeitsgebiet, zu Steuer- fragen. Diese Gedanken sind immer grundsätzlicher, meist innovativer Natur, auch wenn sie oftmals zu bestimmten Gelegenheiten geäuÃert wurden. Sie zeichnen sich aus durch die Kraft eines groÃen Ãberblicks oder durch unerwartet gezogene Konsequenzen. Oft sind es schriftliche Fassungen von Vorträgen, es gibt Interviews, Aufsätze â immer in einer strengen Form. Der Leser bemerkt: Hier ist ein erfahrener Praktiker am Werke, der zugleich groÃe Zusammenhänge aufzeigt und dem es ein Anliegen ist, alles Handeln auf klares, überschauendes Bewusstsein zu gründen. Es ist ermutigend zu sehen, wie groÃe Bereiche des persönlichen und gesellschaftlichen Lebens, vom Bewusstsein erhellt, Sinn gewinnen, sich dem selbstgeführten Leben hin- zugesellen und so zu einem Arbeits- und Ãbungsfeld für Initiativen werden. Manchmal wurden die Anliegen von Hardorp nicht gleich verstanden, aber meistens haben sie sich nach einiger Zeit durchgesetzt â ein Zeichen dafür, dass Hardorps Ideen seiner Zeit oft voraus waren. Für die groÃe Idee der Ausgabensteuer steht dieses âDurchsetzenâ noch an, obgleich auch hier im Laufe der Jahre immer mehr an Zustimmung entstanden ist. So direkt und manchmal kompromisslos Hardorps Ansätze wirken, so wenig hat er sich dabei selbst in den Vordergrund gestellt. Und wer am wenigsten an sich selbst denkt, der kann sich umso mehr ein unverblümtes Reden erlauben. Noch in anderer Hinsicht kennen wir Benediktus Hardorp seit langem: Er hat in der Region Heidelberg-Mannheim immer Sorge dafür getragen, dass sinnvolle Initiativen unterstützt wurden, dass die vorhandenen ihre gemein- samen Aufgaben wahrnehmen und, so weit möglich, zu einer Zusammenar- beit finden. Auch für diesen Lebenseinsatz sind wir Benediktus Hardorp von Herzen dankbar und wünschen ihm noch viel Kraft für sein weiteres Wirken. Heidelberg/Karlsruhe, den 10. März 2008 Götz W. Werner Karl-Martin Dietz 8 9 8 9 Perspektiven sozialen Umdenkens bei Benediktus Hardorp Einführende Bemerkungen zu dreizehn hier wieder veröffentlichten Manifestationen seines Denkens von Götz W. Werner und Wolfgang Eichhorn Die Begriffe Arbeit, Einkommen und Besteuerung im Titel dieses Buches gehören zu den wichtigsten Begriffen, die jeden der heute lebenden 6,6 Milliarden Menschen und ihrer Nachkommen im Laufe des Lebens mehr oder weniger stark beschäftigen werden. Vielen von ihnen bereitet schon heute Mangel an herkömmlicher Arbeit und/oder Einkommen existenzielle Sorgen, einige sehen sich durch die Besteuerung um we- sentliche Teile der Früchte ihrer Leistung(en) gebracht. Sie erleben sich als bedroht â aber nicht gefordert. Die wachsende Flut der populären, populärwissenschaftlichen und wissenschaftlichen Ratschläge bzw. Gutachten zur Lösung der immer bedrohlicheren Probleme um Arbeit, Einkommen und Besteuerung hat bisher kaum Erfolg gezeitigt. Man gewinnt bei der Lektüre einschlägiger Arbeiten den Eindruck, dass mit den (teils bewährten wirtschaftlichen) Werkzeugen der Vergangenheit die (sozialen und wirtschaftlichen) Ge- bäude der Zukunft errichtet oder erhalten werden (sollen). Den meisten Ratschlägen fehlt es an Originalität und stichhaltiger Vision. Unter den wenigen originellen und visionären Lösungsvorschlägen ragen die von Benediktus Hardorp heraus; sie liefern nämlich ein beeindru- ckendes, schlüssiges Gesamtkonzept. Dieses Gesamtkonzept erschlieÃt sich der Leserin/dem Leser dieses Buches sehr präzise: Zum einen sind Sprache und Stil seiner Arbeiten markant und klar, zum anderen nimmt man entlang der Folge der dreizehn Arbeiten mit Neugier und Freude am Bau(en) eines überzeugenden, stabilen Gebäudes teil. Nun kurz zum Inhalt der an diese Einführung anschlieÃenden dreizehn Arbeiten. 10 11 (1) Elemente einer sozialen Baukunst (1977) ist ein âBeitrag zum Unternehmensverständnisâ. Die Frage nach den Qualitäten unterneh- merischer Initiative und den sozialen Fähigkeiten, die ein Unternehmer entwickeln und konstituieren können muss, wird detailliert beantwor- tet unter den Stichwörtern: Aufgabentransparenz und Zielbewusstsein, Lernbereitschaft, Tatkraft, soziale Formkraft, soziales Haushalten, Sozi- alverantwortung und Lebenszeugniskraft. Wenn ein Unternehmen selb- ständig in der Gesellschaft bestehen will, muss es diese âSieben Sachenâ entwickeln und zusammenhalten. So kann es ein Vorbild, ein âVoraus- Bildnerâ sein. Führen darf nicht als âVorgesetzt-Seinâ missverstanden werden, mit dem anderen die Persönlichkeitsentfaltung verbaut wird. Die Jahrtausende alte Organisationsvorstellung der Unternehmen ist hierarchisch. Was kann an die Stelle der Pyramide mit dem Unternehmer an der Spitze, den Managern in der Mitte und den (Sachbe-)Arbeitern ganz unten treten? Etwas Besseres! Dieses Bessere wird ausführlich he- rausgearbeitet. Wir machen den Leser auf die behandelten Imperative: âMöglichst viel individuelle Initiative fordern und zulassen!â, âKlassen- unterschiede überwinden!â, âDen Einzelnen als Persönlichkeit achten!â, âChancengleichheit bewirken!â neugierig. Sie alle haben eine âGrup- pe von Menschen mit notwendig unterschiedlichen Fähigkeiten ohne eine institutionalisierte hierarchische Führungâ im Blick, âdie sich zu unternehmerischem Wirken entschlieÃtâ und die lernt, âihr gemein- sames Anliegen immer als Aufgabe unter sich bewusst zu haltenâ. Aus den âSieben Sachenâ (siehe oben) des Handelns ergeben sich sie- ben soziale Prozesse, die das Unternehmen als Menschengruppe kon- stituieren. Wie ist in einer solchen Gruppe von Menschen Führung ohne Hierarchie möglich? Wir erfahren das von Benediktus Hardorp, indem wir uns in seine Elemente einer sozialen Baukunst vertiefen. Was hat dieser Aufsatz mit dem Titel des vorliegenden Buches zu tun? Ohne Unternehmen der Einzelnen oder von/als Gruppen sind Arbeit, Arbeitsplätze, Einkommen und Besteuerung nicht existent! Wie schön, wenn wie hier bei der Analyse des Unternehmens der Mensch, seine Lebensorientierung und seine Würde im Mittelpunkt stehen. (2) Lebensorientierung durch Buchführung? Diese Arbeit wurde im Jahre 1994 dem 500-Jahre-Jubiläum der doppelten Buchführung gewid- met. Für Goethe ist Buchführung eine der âschönsten Erfindungenâ des menschlichen Geistes. Luca Paciolis Abhandlung über die Buchhaltung 10 11 erschien 1494. Für Hardorp ist sie die âerste meisterhafte Beschreibung dieses neuen Instrumentes menschlicher Selbst- und Lebensorientierung. Wer sich einen geistesgeschichtlichen Genuss verschaffen will, sollte sie lesen.â Wir fügen hinzu: Wer über Pacioli, einen Freund Leonardo da Vincis, und über Buchung, Gegenbuchung, kaufmännische Bilanz, Eigenkapital und über Entsprechungen in seiner eigenen Lebensbilanz genauer Bescheid wissen will, sollte sich mit Hardorps Würdigung der Meisterleistung des groÃen Italieners auseinandersetzen. (3) Das Eigenkapital im Spiegel der Bilanz (2000). Sechs Jahre nach seiner Würdigung der Leistung Paciolis legt Benediktus Hardorp eine eigene Meisterleistung vor. Wieder geht es um Bilanz(ierung), diesmal stehen aber die Lagebestimmung und Lernvorgänge für das Unterneh- men im Mittelpunkt des Interesses. Dabei spielt der Begriff des Eigen- kapitals die zentrale Rolle. Ist das Eigenkapital eines Unternehmens nur eine rechnerische GröÃe? Nein, sagt Hardorp, und er stellt die Frage: âMeint Eigenkapital lediglich das als aktives Vermögen (abzüglich der Vermögensschulden) bereits erfasste Vermögen â dessen Inbegriff gleichsam â noch einmal? Oder gibt es auch hier eine den anderen Bilanzpositionen vergleichbare eigene Wirklichkeitsdimension, die wir erfassen können? Sprechen wir von einem realen Sachverhalt? Welcher Art ist er?â Diesen Fragen geht der Beitrag nach. Es lohnt sich sehr, die tiefschürfenden, einleuchtenden Antworten zu lesen, insbesondere auch für diejenigen, die sich der Frage nach dem Wesen des (Eigen) Kapitals schon einmal gestellt und eigene Antworten gefunden haben. (4) Goethe und das Geld (1992). Lange bevor Hardorp seine Gedan- ken zum Wesen des (Eigen)Kapitals veröffentlichte, hat er sich in sein- er Dissertation mit dem Wesen des Geldes befasst. Umso kompeten- ter konnte er sich zu Stellungnahmen Goethes zu Fragen des Geld- wesens und des Kapitalismus äuÃern. Er weist anhand von Goethes Faust II zwingend nach, dass Goethe einerseits die positiven Wirkun- gen des Geldwesens als des gesellschaftlichen Organisationsmittels des Wertschöpfungsstromes bewusst waren, dass er aber anderer- seits schon über hundert Jahre vor dessen Ausbreitung den âmoder- nen Kapitalismusâ kommen sah: âEs wird âumverteiltâ, man verschafft sich die Leistungen Anderer gewaltsam. [â¦] Goethe entlarvt die gesellschaftliche Bedeutung und angewandte Methodik des schein- 12 13 bar so groÃartigen âGeschäftserfolgesâ (des Mephistopheles) als gesell- schaftliches Schmarotzertum.â (5) Preis, Einkommen, Steuer â anthroposophische Perspektiven zu Ãkonomie und Ethik (1990). Wir haben ein schlechtes Gewissen, wenn wir uns von gesellschaftlichen Problembereichen abkehren, als da beispielsweise sind: ökologische Verantwortungsfragen, Probleme zwischen den âreichenâ Industrienationen und den âarmenâ Entwick- lungsländern, das Nord-Süd-Gefälle, die âneue Armutâ in den reichen Ländern, die Schwierigkeit der Finanzierung sozialer Initiativen. Offen- bar werden wir zunehmend sensibel für die ethische Dimension unseres Lebens. Hardorp stellt die Fragen: âWie aber soll man die genannten Probleme gesellschaftlich angehen? Gibt es in unserer Welt geeignete ethische Instanzen mit der erforderlichen Autorität, bei denen man richtiges Verhalten abfragen kann? Moderne Sybillen etwa? Oder Ethik- Kommissionen? Ist das Christentum eine solche Instanz â und können die Kirchen für dieses sprechen? Oder sind vielleicht, als Alternative zu den vorgenannten Institutionen, die Anthroposophie und die von ihr geprägten Menschen, Bewegungen und Einrichtungen geeignet und berufen, hier die nötigen Auskünfte zu geben, zu sagen, wie man es machen soll?â Zur letzten dieser Fragen nimmt er Stellung. Zunächst räumt er mit weitverbreiteten Vorurteilen über anthroposophische Per- spektiven zu Ãkonomie und Ethik auf. âRudolf Steiner wartet gerade nicht mit ethischen Ermahnungen im Sinne einer inhaltlichen Tugend- lehre, im Sinne ethischer Forderungen von vollkommenen Menschen an weniger entwickelte auf. [â¦] Anthroposophie ist in dieser Hinsicht eine Verfahrenslehre für die Entwicklung von Mensch und Welt, die Bedingungen und Handlungsstrategien für dieses Leben aufzeigt, die Menschen aber zugleich freilässt, wieweit sie von ihr und wovon im Einzelnen sie Gebrauch machen wollen.â Wir erhalten im thematisierten Sachzusammenhang von âPreis, Einkommen, Steuerâ einen exzellenten Einblick in den anthroposophischen Ansatz zur Ãkonomie und Ethik. Es wird deutlich, was dieser Ansatz in diesem Zusammenhang kann und will: Hervorbringen von Verfahren zum Wahrnehmen, Beurteilen und Gestalten des Füreinandertätigseins von Menschen! Keine menschen- fremden MaÃstäbe! Der freie Wille der Beteiligten, nicht eine ethische Instanz, bestimmt, was gestaltet wird. 12 13 (6) Die Entkopplung von Arbeit und Einkommen als Weg zu selbst- motivierter Arbeit (1992). In der Begriffsdreiheit âPreis, Einkommen, Steuerâ (siehe oben (5)) fehlt der Begriff der Arbeit, deren Vergütung heute ja mit Preisen (Lohnsätzen, das heiÃt Preisen pro Arbeitsstunde), Einkommen und (Einkommen-)Steuern verkoppelt wird. Es überrascht deshalb nicht, dass sich Hardorp in einem weiteren Denkansatz inten- siv mit dem Begriff der Arbeit befasst, und zwar insbesondere mit der Entkopplung von Arbeit und Einkommen. Endziel dieser Entkopplung ist die selbstmotivierte Arbeit. Er ist damit seiner Zeit weit voraus; noch heute kann die Mehrzahl der Arbeiter, Angestellten und Beamten einer solchen Tätigkeit nur in der Freizeit nachgehen. Er hat die Vision: Wenn dann einmal auch am âArbeitsplatzâ selbstmotivierte und damit Talent nutzende und entwickelnde Arbeit zunehmend Realität wird, ist die soziale, ökonomische und ökologische Wohlfahrt der Gesellschaft auf einem guten Wege. Als Grundlage seines Denkansatzes nennt er das âsoziale Hauptgesetzâ (1905/06) von Rudolf Steiner. Mit der folgenden Kostprobe aus Hardorps Feder wollen wir zum Lesen seines ganzen Aufsatzes anregen: âMan muss zwei Dinge trennen lernen, die man gewöhnlich für âunzertrennlichâ hält: ein Einkommen erzielen und eine Arbeit leisten. [â¦] Je mehr selbstbestimmte Menschen man im Unter- nehmen hat, die nicht darauf warten, ein âLohnsignalâ von oben zu erhalten, sondern die selbstmotiviert, selber initiativ sind, desto besser läuft es, desto mehr Fruchtbares geschieht. Je mehr Menschen man hat, die nur soviel tun, wie sie glauben, Geld dafür zu erhalten, und die sofort aufhören, wenn sie für ihre Tätigkeit nichts mehr bezahlt bekom- men, um so schlechter geht es. Verständlich: Denn letztere sind âunselb- ständigâ tätig, fremd motiviert, hängen (psychisch) am Tropf, werden mit der Zeit âTröpfeâ.â (7) Anspruch und Zuspruch (1986). Schon lange vor seinen Publika- tionen (2) â (6) und schon lange bevor die Politik für die Zukunft der Renten erste wichtige Entscheidungen fällte, veröffentlichte Hardorp mit (7) eine grundlegende Arbeit zum Thema âRentensicherheit und Geburtenrückgangâ. Die mitteleuropäische Gesellschaft der 70er und 80er Jahre sei Ãberfluss- und Mangelgesellschaft zugleich. Landwirt- schaftliche und militärische Ãberproduktion und finanzielle Kürzun- gen auf den Gebieten Bildung, Erziehung, soziale Arbeit und soziale Verpflichtungen stünden sich gegenüber. âDas Geldsparen setzt sich im Menschensparen fort: zurückgeschraubte Dienstleistungen im So- 14 15 zialbereich, durch Rationalisierung eingesparte Arbeitsplätze setzen Menschen frei: Hinter denâ (lokalen) âMangelproblemen [â¦] erschei- nen dunkle Riesen: die Hungerkatastrophen, wirtschaftliche Ausbeu- tung und Raubbau an der Natur in der Dritten Welt, Waldsterben bei uns.â Diese trostlose Situation hat sich bis heute, 22 Jahre später, kaum verbessert, und der vehemente Geburtenrückgang bei gleichzeitigem Anstieg der Lebenserwartung wirft eine Fülle weiterer Probleme auf. Sie werden von Hardorp nicht nur angesprochen, sondern auch be- handelt. Wenn wir hier nur âbehandeltâ und nicht âgelöstâ schreiben, so soll das nicht heiÃen, dass er keine Lösungsvorschläge hat. Ihre Realisierung erscheint aber gegenwärtig noch â wir betonen ânochâ â utopisch. Sie ist deshalb noch Utopie, weil die Fakten der heutigen (Wirtschafts-)Welt von den meisten Menschen noch nicht verstanden und von der Politik noch nicht zum Wohle aller umgesetzt sind. Diese Fakten sind: (a) Wir dienen mit unserer Arbeit den Anderen, (b) wir leben von den Arbeitsergebnissen anderer Menschen, (c) diese Arbeitsergebnisse sind umso ergiebiger, je mehr die Arbeit mit immer leistungsfähigerem Kapital (Maschinen, automatisierten Produktionsanlagen, Infrastruktur, das heiÃt Versorgungs- und Ent- sorgungsnetzen) kombiniert wird, (d) die Ergebnisse (Wertschöpfung) aus der Kombination von Arbeit und Kapital sind bei guter Auslastung der technischen Anlagen in den entwickelten Industrienationen so hoch, dass dort bereits jetzt auch das untere Fünftel der Einkommensbezieher versorgt sein könnte, etwa durch ein vernünftiges Zusatzeinkommen (was wegen Nach- fragesteigerung höhere Auslastung der Anlagen und damit Stück- kostendegression bewirken würde), (e) aus (a) â (d) folgt, dass die Frage: âauskömmliche Renten für die zu- nehmende Rentnerzahl, wenn auf jeden Rentner nur ein Lohnemp- fänger kommt und der nicht genug abgeben will oder kann?â auf einer falschen Vorstellung von der modernen Wirtschaft beruht, denn wenn deren Wertschöpfung (siehe (d)) so weiter wächst wie in den vergangenen Jahrzehnten, sind auskömmliche Renten selbst bei wachsendem (inflationsbereinigtem) Nettoeinkommen der Nichtrentner kein Problem. 14 15 Leider sind diese schon 1986 von Hardorp apostrophierten Fakten auch heute noch nicht gedankliches Allgemeingut. Wir sind dennoch überzeugt, dass sich die Macht des Faktischen schlieÃlich durchsetzen wird. Dann haben die Gesellschaften der hoch entwickelten Volkswirt- schaften die Option, das Problem der Verteilung des Volkseinkomm- ens leistungs- und wohlfahrtsmehrend nach Anspruch und Zuspruch/ Zusprechung zu lösen. (8) Steuerreform im Zeitalter der Globalisierung (1999). In den Ar- beiten (1) â (7) werden Probleme der Staatsfinanzen und der Besteuer- ung wenn überhaupt, dann nur am Rande behandelt. Aber vor allem auch zu diesem Problemkreis können wir vom Steuerberater und Wirtschafts- prüfer Benediktus Hardorp lernen; siehe die Arbeiten (8) â (12). In (8) widmet er sich den Fragen, âwelche zentrale Bedeutung das gesellschaftliche Bewusstsein von der Steuererhebung für das Selbst- verständnis dieser Gesellschaft hat, wie man mit einem klaren Konzept auf diesem Felde auch aus der verworrenen Gegenwartslage Richtung Zukunft sinnvolle Schritte machen kann und wie dies in Kroatienâ (von 1992 â 1999) âschon ein Stück besser als bei uns gelungen ist.â1 Die Frage, wer die realen Steuerlasten in welcher Höhe am Ende trägt, wird vor dem Hintergrund der Drohpotenziale âVerla- gerung der Produktion/des Firmensitzesâ, âSchlupflöcher im Steuer- zaunâ, âglobaler Wettbewerb der Steuersystemeâ sehr anschaulich behandelt. Ergebnis: Wir müssen uns auf den Weg zur Konsumorien- tierung unseres Steuersystems machen mit der Idee der Konsumsteuer/ Mehrwertsteuer als âPolarstern, der die Richtung angibtâ. Am Endziel diese Weges wird die demokratische Gestaltung einer Gesellschaft erst möglich, und im Wettbewerb der Steuersysteme bleibt als Folge der Realisierung der Konsumsteueridee die Beschäftigung im Lande, und Kapital/Investitionen werden ins Land gezogen. (9) Konsumsteuer und Gesellschaft. Für den in (8) im Zusammenhang mit Globalisierungsfragen behandelten Problemkreis âSteuererhebung und Selbstverständnis der Gesellschaftâ wurden schon 1991 in (9) die Grundlagen gelegt. Zunächst gibt Hardorp eine sehr informative Ein- führung in die Entwicklungsgeschichte der Steuererhebung. Dann wid- 1 Auf diesem Felde hat sich Prof. Manfred Rose, Universität Heidelberg, groÃe Verdienste erworben. 16 17 met er sich mit Leidenschaft der Mehrwertsteuer: âDas Steuerwesen der modernen Gesellschaft hat mit der Mehrwertsteuer erstmals eine Steuer entwickelt, die nicht mehr an Einzeltatsachen oder an Einzelphänomene [â¦] anschlieÃt, sondern die einen gesamtgesellschaftlich definierten Sachverhalt zum Anknüpfungspunkt der Steuer macht.â Wäre die Mehr- wertsteuer die einzige Steuer, so existierte keine Steuererhebung aus dem Wertschöpfungsstrom; sie würde an dessen Ende erfolgen. Die Mehrwert- steuer ist unternehmensformneutral, belastet den Kapitalverkehr nicht, bewirkt Erleichterung und Freistellung der Kapitalbildung von der Steu- erlast, âermöglicht nationale Haushaltsautonomie für die Einzelstaaten eines Staatenverbundes [â¦] und entschärft (oder löst) das Problem der Steuerharmonisierung zwischen ihnen.â Hardorp geht auf eine Fülle wei- terer positiver Eigenschaften der Mehrwertsteuer ein. Am wichtigsten ist ihm aber, dass sie die âDemokratisierung der Gesellschaftâ fördert, weil sie âzur Sozialakzeptanz des Staates und seines Steuerwesens beiträgtâ. (10) Steuern reformieren heiÃt, neu teilen lernen! Die in (8) und (9) behandelten Fragen zum Thema Steuer(reform) âmit dem Polarsternâ Konsumsteuer/Mehrwertsteuer stehen im Mittelpunkt eines Gesprächs, das Benediktus Hardorp mit Doris Kleinau-Metzler geführt hat. Im Fra- ge- und Antwortspiel wird dem Leser/der Leserin besonders illustrativ, aber gleichzeitig kurz und bündig an Beispielen demonstriert, was in (8) und (9) tiefer bohrend dargestellt ist. Am Schluss des Interviews fällt das Wort âGrundeinkommenâ. Soll ein Grundeinkommen für sozial Schwa- che und Erwerbslose oder gar für alle eingeführt werden? Dieser Frage wird ausführlich in (12) nachgegangen. Zuvor in (11) spielt in diesem Zusammenhang noch einmal die Besteuerung âals gesellschaftliches Teilungsverfahrenâ eine wichtige Rolle. (11) Ausgaben- statt Einkommensteuer. Diese von Hardorp überar- beitete Fassung eines von ihm im Jahre 2006 gehaltenen Vortrags ist dem Finanzierungsverständnis des Grundeinkommens (siehe oben) ge- widmet. Wenn es mit Geld aus Steuereinnahmen bezahlt wird: Welche Steuerart(en) sollte man dafür ins Auge fassen? Hardorp gibt, an eine Aussage Rudolf Steiners im Jahre 1919 zur Besteuerung anknüpfend, wie auch schon in (9) die klare Antwort: weg von der Ertrags- und Ein- kommensteuer, hin zur Ausgaben- und Konsumbesteuerung. âWenn wir also im Zeitalter des globalisierten Leistungsaustausches ein natio- nales Haushaltsaufkommen ohne Schaden für den weltwirtschaftli- 16 17 chen Wettbewerb erheben wollen, so müssen wir die gesellschaftliche Leistungserbringung, die stets für andere erfolgt, von der Besteuerung freistellen und stattdessen den Leistungsbezug, den individuellen Kon- sum im Inland, besteuern.â Denkt man über die Finanzierung eines âbedingungslosenâ Grundeinkommens nach, so ist entscheidend, âdie Wertschöpfung zu begreifenâ. Tut man dies nicht, so sieht man in einer Mehrwertsteueranhebung eine Erhöhung der Steuerlast und damit der Staatsquote. Durchdenkt man die Sache jedoch von einem gesamtge- sellschaftlichen Standpunkt aus, âso wird leicht verstehbar, dass die Umstellung der Besteuerung von der Ertrags- zur Konsumbesteuerung die Steuerlastquote, die auf dem Volkseinkommen insgesamt liegt, kei- neswegs [â¦] erhöhen muss. Das Ganze sollte und könnte vielmehr, wenn es richtig âgesteuertâ wird, durchaus aufkommensneutral erfolgen.â Wer über das richtige Steuern, über dessen positive Wirkungen auf unser Gemeinwesen und die so mögliche zukünftige soziale Realität etwas ler- nen möchte, dem sei die Lektüre dieser visionären Konzeption empfohlen. (12) Finanzielle Aspekte eines bedingungslosen Grundeinkom- mens. Im Jahre 2007 stellt Benediktus Hardorp 24 Thesen zu finan- ziellen Aspekten auf, die sich beim Durchdenken des Konzepts eines bedingungslosen Grundeinkommens ganz zwangsläufig ergeben. Er hat diese Thesen auf einer Konferenz zum Grundeinkommen im Europä- ischen Parlament in Brüssel vorgetragen. Diese Thesen sind allesamt Fol- gerungen aus den Ergebnissen seines Denkens, wie es in den Arbeiten (1) â (11) des vorliegenden Bandes, vor allem aber in den Arbeiten (5) â (11) manifestiert ist. Wenn ein eiliger Leser dieses Buches mit der Lektüre der Thesen 1-24 beginnt, kann er, wenn er zurückblättert, an dieser oder jener Stelle in (5) â (11) sehr plausible Begründungen/Verteidigungen für jede der Behauptungen finden. Stellen wir uns eine Leserin vor, die zu einigen der Thesen zunächst eine abweichende Meinung hat, zum Bei- spiel zur ersten These: âDas bedingungslose Grundeinkommen muss ein verfassungsrechtlich gesichertes Bürgerrecht sein; der Anspruch daraus kann sich daher nur gegen die öffentliche Hand richten [â¦].â Ihre ab- weichende Meinung jeweils aufrecht zu erhalten, wenn sie sich âweiter vorneâ in das Buch vertieft hat, wird ihr schwer fallen. (13) Unternehmenswert und Eigentumsverfassung. Im April 2008 schlieÃt Benediktus Hardorp seine neueste Arbeit ab, die wegen einer Fülle weiterer origineller DenkanstöÃe in diesem Buch nicht fehlen soll. 18 19 Wie in den Arbeiten (1) â (12) stehen auch hier wieder der Mensch und die Gesellschaft im Mittelpunkt des Interesses. Jetzt aber ist sein Blick auf die spezielle Thematik: Unternehmenswert und Eigentumsverfassung gerichtet. Er befasst sich insbesondere mit den Fragen: Welchen Wert hat das handelbare Ware? Wie kann ein Unternehmer seinem Unteneh- men einen dauerhaften Bestand sichern? Zur ersten dieser Fragen gibt es so viele verschiedenartige Antworten, dass von dem Unternehmenswert als einem bestimmten Geldbetrag nicht gesprochen werden kann. Zum Beispiel unterscheiden sich der Wert des bilanziell ausgewiesenen Eigen- kapitals eines Unternehmens (das âNetto- oder Reinvermögenâ), der aus dem Jahresabschluss oder aus einer Reihe von Jahresabschlüssen bzw. Planungsrechnungen errechnete Wert sowie Werte, die Konsequenzen er- gänzender Bewertungsschritte sind, oft erheblich. Zur Vorbereitung einer Antwort auf die zweite Frage muss man die âWertquellenâ eines Unter- nehmens ins Auge fassen. Wenn diese versiegen, ist oft nur noch ein stark reduzierter Wert, der Liquidationswert, durch âAusschlachtenâ erzielbar: âEin Unternehmensvermögen, das seine produktive Idee verloren hat (zum Beispiel durch den Ausfall wichtiger Menschen oder durch den tech- nischen Fortschritt in Konkurrenzunternehmen) und keinen Ertrag mehr zustande bringt, [â¦] hat auch keinen unternehmerischen Wert mehr.âDie Quellen des Ertrags erfolgreicher Unternehmen sind Geist und Initiative der zugehörigen Menschen. Ein solches Sozialsystem ist, im Gegensatz zur heutigen Praxis, eigentlich keine handelbare Ware. Wird es dennoch ge- oder verkauft, kann sich das Klima der Zusammenarbeit und damit Geist und Initiative verändern â häufig zum Schlechten, etwa im Hinblick auf sinken- den Ertrag und Unternehmenswert. Soll ein dauerhafter Bestand des Unter- nehmens gesichert werden, wird die dritte oben gestellte Frage relevant, die Frage der Eigentumsverfassung. Die Gründung einer Stiftung und/oder das Einbringen des Unternehmens in eine Stiftung ist eine rechtliche Mög- lichkeit, die Unverkäuflichkeit des Unternehmens zu erreichen. So kann es âvon den Spielplätzen der Unternehmensbewertung und des Unterneh- menshandels weit entferntâ gehalten werden. Unternehmen, âdie bei der Börsenaufsicht keine âQuartalsberichteâ abgeben müssen, können leichter langfristig wirksame strategische Unternehmensentscheidungen treffenâ. Und das kann ihnen, ihren Kunden und Mitarbeitern, ja der gesamten Ge- sellschaft zu Gute kommen. Götz W. Werner und Wolfgang Eichhorn 18 19 1 Elemente einer sozialen Baukunst Ein Beitrag zum Unternehmensverständnis* Wer ist Unternehmer? Wer heute in eigener Verantwortung in das soziale Leben eingreifen und darin etwas bewirken, das heiÃt etwas unternehmen will, muss solches Tun mehr als noch vor wenigen Jahren vor dem gesellschaftlich wacher gewordenen Bewusstsein der Menschen dieser Gegenwart rechtfertigen und verantworten können. Er darf nicht mehr nur uneingeschränkt seinem inneren Antrieb, seiner nur persönlich verstandenen âBerufungâ folgen; er sollte vielmehr dartun können, dass seine Initiative, sein Unternehmertum, eine erforderliche Antwort ist auf Fragen, die die Gesellschaft vernehmlich gestellt hat, dass er auf einen Bedarf antwortet, den er nicht selbst erst künstlich geweckt hat; mit anderen Worten: er muss für andere â aber unter eigener Verantwortung â tätig sein, arbeiten und helfen wollen. Al- les Streben nach nur persönlicher Befriedigung â sei es in weltflüchtigem Künstlertum oder in selbstbezogener, herodischer Machtausübung â wird zunehmend von einer diesen Erscheinungen gegenüber wacher geworde- nen Gesellschaft als nicht weiterführend erkannt und abgelehnt. Wer das Unternehmerwirken der Gegenwart aber kritisch prüfen will oder sich selbst prüft, ob er als Einzelner oder gemeinsam mit anderen zu solchem Wirken berufen ist, der darf nicht nur fragen, ob die Ziele des unternehmerischen Wirkens nur persönlicher Art sind oder ob sie heilsam für andere zu sein scheinen; er muss sich auch mit den Methoden des un- ternehmerischen Tuns befassen. Denn Ziel und Methode sind aufeinander bezogen, bedingen sich gegenseitig. Niemand wird auf alten Wegen, mit überholten Methoden zukünftige, heilsame Ziele wirklich erreichen kön- nen. Von sinnvollen Zukunftszielen selber kann in inhaltlichem Sinne hier nicht gehandelt werden â sie sind das Ureigenste des Unternehmerwirkens und müssen jeweils selbst gefunden werden. Es soll mit Folgendem vielmehr * Erschienen in: Der Mensch in der Gesellschaft. Hrsg. STEFAN LEBER, Stuttgart, 1977. 20 21 umrissen werden, welcher methodischen Voraussetzungen modernes geistiges Wirken bedarf, welche Qualitäten unternehmerischen Wirkens im Einzelnen nötig sind, was zur Rechtfertigung modernen Unternehmer- tums zu fordern ist â kurz: welche Wirkensqualitäten ein Unternehmer, eine Unternehmergruppe besitzen muss. Als Unternehmer werden dabei alle angesprochen, die aus Zeitgege- benheit und Zeitnotwendigkeiten heraus sich Zielsetzungen in eigener Verantwortung selber stellen und dabei fähig und vermögend wie willens sind, sie so auch durchzuführen. Dies kann allein oder in Gemeinschaft mit anderen Menschen geschehen â ja, das gemeinschaftliche Aufgreifen von unternehmerischen Aufgaben scheint gegenüber dem âEinzelkämpferâ alter Art wohl die zukünftigere Form zu sein. Dieser Unternehmerbegriff erfasst damit alle Unternehmer mit industriellem Aufgabenbereich, aber auch alle unter eigener Aufgabenstellung Handelnden im Bereich des Bil- dungswesens oder der Künste; auf überkommene ständische Differenzie- rungen â etwa: die Unternehmer der âWirtschaftâ und die Unternehmer des âGeisteslebensâ â kann dabei verzichtet werden. Qualität und Form sozialer Initiative Welche Qualitäten unternehmerischer Initiative sind nun gemeint, wel- che sozialen Fähigkeiten muss der Unternehmer â zumindest in einem der Aufgabe entsprechenden MaÃe â entwickeln und pflegen, der in der Gesellschaft der Gegenwart eine fruchtbare Wirksamkeit entfalten will? Es sind diese: 1. Aufgabentransparenz â Zielbewusstsein. Schon diese Ausgangstu- gend ist schwerer als man gemeinhin glaubt. Weder der undifferenzier- te jugendliche Begeisterungsschwung noch das instinkthafte âWitternâ von Chancen genügen für die fruchtbare unternehmerische Wirksam- keit. Man muss die Lebensprobleme anderer Menschen verstehen und Wege zu ihrer Lösung sehen. Die so bei anderen gesehenen Fragen und Erwartungen müssen operationabel gemacht, in Aufgabenstellun- gen, in Zielsetzungen aus sozialer Phantasie heraus gewandelt werden können. Deutlich müssen Ziele und Möglichkeiten vor dem Bewusst- sein des Handelnden stehen; er muss sich der schicksalsverknüpfenden Wirkungen der modernen arbeitsteiligen Gesellschaft bewusst sein 20 21 und sollte über Sinn und Weg der Menschen in ihr eine deutliche Vor- stellung haben. Die deutlich gesehene Aufgabe macht nun bewusst, wie viel an eigener Fähigkeit, die Aufgabe konkret anzugehen, schon vorhanden ist und wie viel â schmerzlicherweise â noch fehlt. 2. Lernbereitschaft â Kraft zur Vorschau. Es muss daher zum entwi- ckelten Aufgabenbewusstsein die Bereitschaft zum ständigen Lernen- wollen, zum ständigen Sich-Fähigmachen hinzukommen in der Kraft der konkretisierenden Vorschau, des die Einzelheiten mit bedenkenden Planens: die Phantasie des Konkreten und Machbaren. Man darf nicht nur wissen, wohin die Reise überhaupt geht, man muss auch eine bestimmte Zeitspanne im Voraus die zu realisierenden Einzelheiten an- legen. Eine Reise muss von ihrem Ziel her geplant, ein Haus als Ganzes bedacht sein. Vom Ziel der Reise, vom Zweck des Hauses ergibt sich der Sachzusammenhang des Ganzen; dieses Ganze muss aber in einer ganz bestimmten sinnvollen Aufeinanderfolge seiner Teile errichtet werden. Nicht zu früh und nicht zu spät muss jedes spätere Stadium eines Unternehmens vorbereitet, in den Gedanken der Menschen an- gelegt und erübt sein. Und man muss bereit sein, die noch fehlenden Fähig- und Fertigkeiten rasch zu erüben. 3. Tatkraft und individuelles Können. Die geschaute Aufgabe, der gelungene Plan müssen sodann durch fachliches, individuelles Können, durch menschliche Tatkraft ins Werk gesetzt werden. Es muss tatsäch- lich und im rechten Augenblick begonnen werden. Der unternehme- risch Tätige muss selber mit âHand anlegenâ können und âsein Fachâ verstehen. An dieser Stelle wird die Initiative für die Gesellschaft im Werk sichtbar, âgerinntâ in der Leistung für andere zur handelbaren Ware, zur benötigten Dienstleistung. 4. Soziale Formkraft. Allem unternehmerischen Wirken muss weiter eine soziale Formkraft eignen. Die Umwelt muss den individuellen Stil dieser Initiative an ihrer eigenen Form erkennen. Die angemessene Rechtsform, die richtige Erscheinung und Abgrenzung des eigenen Wirkens, die Fähigkeit, Mitarbeitern Aufgabenstellungen zu präzi- sieren, die Herausbildung unternehmenseigener âguter Sittenâ â an diesen Formen leuchtet das Individuelle der Initiative wie im Wider- schein auf. 22 23 5. Soziales Haushalten. Wie die eigene Leistung Ausdruck und Ergeb- nis aufgewendeter Lebenszeit ist, so lebt jedes Unternehmen von den Leistungen anderer. Der Unternehmer muss eine einfühlsame Kenntnis der Lebensbezüge entwickeln, durch die er die Existenzmittel erhält, von denen sein Unternehmen lebt. Kapital, Kredite, Zuschüsse, Schen- kungen und schlieÃlich Erlöse: Der Unternehmer muss wissen, wie er sein Unternehmen finanziert und welche Art der Finanzierung welche Folgen hat, welches âGeldâ dem Unternehmen bekommt. Man muss ihm vertrauen, mehr: Man muss ihm Geld, Existenzmittel anvertrauen können; er muss kreditfähig sein. Und er darf nie den Sinn dafür ver- lieren, dass er als eine Art Treuhänder mit von anderen geschaffenen Mitteln umgeht, dass er in allen finanziellen Dispositionen Lebenszeit anderer Menschen einsetzt und damit auch verantwortet. 6. Sozialverantwortung â Kraft zur Rückschau. Unternehmerisches Handeln ist nicht nur tatkräftiges Vorwärtsdrängen â es lebt ebenso von der Kraft zur Selbstprüfung, zur Rückschau; es bedarf des sozialen Hörens. Aus ihm heraus stellt sich die Frage: Wird mein Handeln genü- gend verstanden, verstehe ich es selbst genügend? Befriedige ich einen lebensgemäÃen Bedarf? Kann ich mein Handeln vor Umwelt und Ge- sellschaft verantworten? Was muss ich besser machen, wo habe ich zu lernen? Ist diese Fähigkeit der hörenden Sozialverantwortung mangel- haft entwickelt, so produziert ein Unternehmen am Markt vorbei, treibt Raubbau am ökologischen Zusammenhang von Mensch, Umwelt und Gesellschaft, hält ein Redner Vorträge, die die Zuhörer nicht erreichen. Das hierbei oft entwickelte Durchhalte- und Sendungsbewusstsein ver- tuscht dann die wirkliche Lage und verhindert das nötige Hinschauen: Die Kraft der Rückschau ist unterentwickelt. Neue Aufgaben werden nicht gesehen, das nötige Lernen bleibt aus, zunehmende Hemmun- gen â scheinbar â âäuÃerer Artâ stehen ihr entgegen: Die Initiative ist alt geworden. Sie bedarf des läuternden Feuers der Selbstprüfung für den Neubeginn. 7. Lebenszeugniskraft â Verantwortungswille. Jede unternehme- rische Initiative hat ihre faustische Rune; sie prägt das Schicksal der Welt mit, die Spur ihres Wirkens ist noch lange bemerkbar. Der Wille, mit dem Ergreifen der selbstgestellten Aufgaben und ihrer sozialen Realisierung sich vorbehaltlos zu identifizieren, das eigene Leben ganz dort hineinzugeben, muss unbedingt vorhanden sein. Man kann mit 22 23 Lebensaufgaben nicht spielen; am Ende sind wir, was wir getan haben. Das Beschaffen der Mittel, das Leisten für andere, die Prüfung an der Aufgabe â dies alles muss zur eigengearteten Lebenseinheit der Initia- tive zusammenstimmen, muss ein unverwechselbares Zeugnis werden für die universal angelegte Individualität des Wirkens. Jede echte un- ternehmerische Initiative wird daher zu einem Lebenszeugnis für die im Dienste des Ganzen erfüllte Aufgabe. Stellen wir die genannten Qualitäten unternehmerischen Wirkens noch einmal vor uns hin, so waren es: 1. Aufgaben- und Zielbewusstsein 4. Soziale Formkraft 2. Lernbereitschaft 5. Soziales Haushalten 3. Tatkraft 6. Sozialverantwortung 7. Lebenszeugniskraft Es sind die âSieben Sachenâ, die ein Unternehmer entwickeln und zusam- menhalten muss, wenn er selbständig â allein oder mit einer Gruppe von Mitarbeitern zusammen â in der Gesellschaft bestehen will. Nur in dieser Selbständigkeit kann er ja den Dienst leisten, den er als seine Lebensaufga- be erkannt hat, kann er ein Lebenszeugnis ablegen für diese Aufgabe. So kann er ein Vorbild, ein Voraus-Bildner sein des Welten- und Menschenent- wicklungssinnes, der es auf den eigenständigen Beitrag des individuellen Menschen, auf seine Persönlichkeitsentfaltung abgesehen hat und auf diesen Beitrag baut. Der unternehmerisch handelnde Mensch, der Führen nicht als Vorgesetzt-Sein missversteht und anderen damit die Persönlich- keitsentfaltung verbaut, die er für sich selbst in Anspruch nimmt, ist so ein Gegenwartselement, ein Keim der Zukunft, in dem er ein Stück künftige menschliche Entwicklungsaufgabe sozial anschaubar macht. Denn alle Menschen sind letztlich zu dieser selbstlosen Selbstverwirklichung aufge- rufen und auf der Suche nach ihr. Die Lebensprozesse der Gruppe Die Initiativformen unternehmerischen Handelns haben wir bisher auf den einzelnen, individuellen Menschen bezogen, der in dieser unternehmerisch eigenständigen Art in der Gesellschaft wirkt oder wirken will. Das isolierte Wirken eines Einzelnen ist aber für unsere unternehmensweise Gesell- 24 25 schaft nicht symptomatisch; charakteristischer ist eher das GroÃunterneh- men, wenngleich hier eine Ãberentwicklung vorliegen und der mittleren GröÃe, der menschlich überschaubaren Einheit die Zukunft gehören mag. Dennoch stellt sich hier notwendig die Frage, wie die Mitarbeiter eines Un- ternehmens in dieses Geschehen hineingestellt sind oder sich hineinstellen können und sollen. Die Organisationsvorstellung der Unternehmen ist seit Jahrtausenden, seit den Tagen der ägyptischen Kultur hierarchisch. Im Bild der Pyramide Iässt sie sich am einfachsten symbolisieren: âObenâ, an der Spitze steht der Leiter, der Unternehmer, von ihm geht alle Initiative aus; âUntenâ werden die Anweisungen von âobenâ durchgeführt und verwirklicht. Solange oben ein eingeweihter Pharao Weisungen erteilte, mag diese Hierarchie menschlich zuträglich und sozial in Ordnung gewesen sein. Jedoch: Die dem Menschheitsfortschritt zu ihrer Zeit verpflichteten eingeweihten Pries- terkönige fehlen heute â die Sozialstruktur ist jedoch geblieben. Und man- chenorts meint man, ohne eine klare, Weisung gebende Führung von oben ginge es auch nicht, würde jede Ordnung zusammenfallen. Diese alten Führungsstrukturen werden jedoch zusehends unwirksam. âPharaos alte Kleiderâ werden als unzeitgemäÃe Talare erlebt, unter denen deutlich der âMuff von tausend Jahrenâ hervordringt. Die alten Kommandostrukturen verfallen; der âstarke Mannâ kommt um Jahrhunderte zu spät. Was kann an ihre Stelle treten? Eine âDemokratisierungâ der Unterneh- men? Die Doppel- oder Dreifachpyramide der paritätischen Mitbestim- mung? Das Regime der Manager? Die paritätische Mitbestimmung wird die alten Führungsstrukturen entweder nur wirkungslos machen oder gar nur die überkommenen Führungsansprüche alter Art in alten Strukturen verschieben. Nach Umbesetzung einiger Rollen in Vorständen und Auf- sichtsräten wird es wieder die alten Stücke geben â wahrscheinlich von schlechteren, vielleicht auch von den gleichen Schauspielern. Diese Art von Fortschritt baut auf den alten Führungsstrukturen der Hierarchie auf, die es nicht durch ein neues Prinzip ersetzt. Gibt es etwas Besseres? Ja, durchaus. Dieses Bessere ist denkbar und in Ansätzen auch vorhanden. Um es deutlich zu machen, können wir unmittelbar an die Schilderung der Initiativformen unternehmerischen Handelns anschlieÃen. Denn wenn sich nicht ein Einzelner, sondern eine Gruppe zu unternehmerischem Wirken entschlieÃt, so gelten für sie als Gruppe die gleichen Anforde- 24 25 rungen wie für den Unternehmer als einzelnen. Kann eine Gruppe von Menschen mit notwendig unterschiedlichen Fähigkeiten ohne eine insti- tutionalisierte hierarchische Führung auskommen? Sie kann es, wenn sie lernt, ihr gemeinsames Anliegen immer als Aufgabe unter sich bewusst zu halten. Sie kann es, soweit sie lernt, die Fähigkeiten der einzelnen Gruppenmitglieder mit dem notwendigen Freiraum für deren persönliche Initiative für das allen gemeinsame Ziel einzusetzen. Sie kann es, soweit sie lernt, Klassenunterschiede unter sich zu überwinden, jedem Einzelnen als individueller Persönlichkeit sozialen Lebensraum zu gewähren. Sie kann es, soweit sie lernt, die der Gruppe verfügbaren Existenzmittel in Investiti- ons- und Konsumquote sinnvoll aufzuteilen und letztere ohne Koppelung mit daraus folgenden Leistungsanforderungen (diese müssen sich aus der Aufgabenstellung ergeben) âchancengleichâ zu verteilen1. Diese drei Anforderungen stellt die Gegenwart an die menschliche Qualität von Un- ternehmensverfassungen, wenn sie dem menschlichen Entwicklungsgang dienen sollen. Unternehmen müssen so verfasst sein, dass sie im Rahmen der gemeinsamen Zielsetzung â möglichst viel individuelle Initiative fordern und zulassen, â Klassenunterschiede (âHerrschaft von Menschen über Menschenâ) überwinden und den Einzelnen als Persönlichkeit achten, â über die ökonomische Existenzgrundlage âChancengleichheitâ bewirkend verfügen. Soweit Unternehmen als Gruppen von Menschen solchen Anforderungen zu genügen vermögen, soweit kann man ein solches Unternehmen als zeit- gemäà nach den Grundsätzen der Dreigliederung verfasst ansprechen. Die oben aufgezeigten Initiativformen unternehmerischen Handelns verwan- deln sich in so verfassten Unternehmen in gruppeninterne soziale Lebens- prozesse. Aus ihnen heraus kann eine neue Führungsstruktur, eine zeit- gerechte Unternehmensorganisation Schritt für Schritt entwickelt werden. 1 Hier liegt der Bezug zum sogenannten âSozialen Hauptgesetzâ, vgl. RUDOLF STEINER: Geis- teswissenschaft und soziale Frage (1905/06). GA 34. 26 27 Diese Lebensprozesse sind so zu denken: 1. Das Aufgaben- und Zielbewusstsein des Unternehmers allein genügt nicht mehr. Alle Mitglieder des Unternehmens wollen und sollen daran teilhaben. Die gemeinsame Aufgabe wird es ja sein, die alle verbindet, nicht mehr Macht und Abhängigkeit rechtlicher oder ökonomischer Art. Es muss also eine ständige Bewegung des Aufgabenklärens und des Zielefindens stattfinden. Was wollen wir, wohin führt unser Weg? â Da- ran wollen alle auf ihre Art teilhaben. Dies kann als Zielfindungsprozess bezeichnet werden. Er steht nicht nur am Anfang eines Unternehmens, sondern begleitet es ständig, wobei das Leben für markante Entwick- lungspunkte und -abschnitte sorgt. Ãber Nacht kommt eine Energie- oder Umweltkrise: Wie wirkt sie auf uns, wie richten wir uns darauf ein, welchen alten Plänen verhilft sie plötzlich zur Aktualität, welche neuen Möglichkeiten eröffnet sie, wie antworten wir kreativ? Wer kreative Antworten findet, ist jetzt gefragt; er hat die Führung für eine Strecke. 2. Die Lernbereitschaft des Einzelnen muss zu ständigen und vielfältigen Lernprozessen aller Glieder der Unternehmensgruppe werden. Neue Aufgaben zu sehen genügt nicht; man muss sich fähig machen, sie auch zu erfüllen; die Ziele müssen operabel gedacht, in konkreten MaÃnahmen planerisch erfasst und realisierbar gemacht werden. Das Unternehmen als Ganzes muss ein ständig lernendes System werden und bleiben. Die wechselnden und wachsenden Aufgaben fordern von jedem lebenslanges Lernen â in der Gemeinschaft und für sie. 3. Die Tatkraft des einzelnen Unternehmers muss sich in Leistungsfähig- keit und den Leistungswillen aller verwandeln. Alle nehmen an diesem Leistungsprozess, der Produktion, dem Werkeschaffen, dem Dienste- leisten für andere teil, jeder nach seinen Fähigkeiten aus der Motivati- on, die die Aufgabe hergibt, aus der Teilnahme an der Zielfindung und Zielbestimmung. 4. Die Fähigkeit sozialer Formkraft wandelt sich in einen ständigen Prozess der Formgebung des eigenen Unternehmensgeschehens und der klaren Grenzziehung gegenüber der sozialen Umwelt. Die Aufgabenbereiche und Kompetenzen müssen intern klar sein; man muss wissen, wer was macht, wer für was zuständig ist, wen man wann erreicht. Die Umwelt muss sich ein klares Bild machen können von der Gruppe: Wer verfügt 26 27 über Leistungen, wer kauft ein, wer kann rechtsverbindliche Erklärun- gen abgeben, bei wem kann man sich beschweren, über welches Ver- mögen verfügt die Gruppe â darin muss Klarheit herrschen, hier müs- sen deutliche Formen geschaffen sein und ständig erhalten werden. 5. In das soziale Haushalten müssen alle Mitarbeiter und Mitglieder pro- zesshaft einbezogen sein. Sie wollen ihre ökonomische Situation, ihr wirtschaftliches Schicksal kennen, ökonomische Transparenz der gege- benen Lage einschlieÃlich ihrer Gestaltungsmöglichkeiten haben. Sie wollen wissen, woher die Mittel kommen, von denen die Gruppe lebt, wie diese im Unternehmen eingesetzt werden sollen für Investitionen, laufenden Bedarf und Einkommensbildung: Sie wollen assoziativ â das heiÃt mitdenkend, mitsorgend, mitentschlieÃend â an diesem Gesche- hen teilnehmen. Dieser Prozess kann als Prozess des Beschaffens und Verwendens, des sozialen Haushaltens bezeichnet werden. 6. Auch die Sozialverantwortung des Ganzen geht alle an. Wie antwortet die Gesellschaft auf unser Dasein, unsere Leistungen für sie? Entspre- chen wir einem realen Bedarf oder produzieren wir am Markt vorbei? Heilen wir die Kranken wirklich, helfen wir den Kindern mit unserem Unterricht, finden die Studenten, was sie an Ideen und Lebensverständ- nis suchen? Wir brauchen als Gruppe wie als Einzelner das hörende Er- fassen des Eindrucks, den wir auf andere gemacht haben, unser âfeed- backâ. Wir müssen auf die soziale Umwelt hören und selbstprüfend fragen, was sie uns sagt; dies darf nicht unterdrückt werden; es ist viel- mehr notwendiges Stimulans neuer Zielfindungs- und Lernprozesse, Korrektor unseres Leistens. Es sei als Prozess des sozialen Hörens be- zeichnet. Gerade zu ihm können oft Menschen ihren besonderen Bei- trag geben, die wir unter der oft vorzufindenden Prädominanz des Leistungsprozesses leicht übersehen. 7. Ganz besonders wichtig ist es, die Verwandlung der Identifikationskraft, der Lebenszeugniskraft des Unternehmers zum Prozess des Wahrneh- mens, Verstehens und Einordnens des individuellen Lebensbeitrages jedes einzelnen Gruppenmitgliedes zur Gesamtaufgabe des Unterneh- mens zu verfolgen. Die Realisierung des Gruppenzieles, die Erfüllung der Aufgabe der Gruppe hängt ganz wesentlich davon ab, wie es gelingt, die einzelnen, oben geschilderten Lebensprozesse zum gelingenden Ganzen zu koordinieren. Das Lernen ist kein Selbstzweck, es muss später 28 29 tatsächlich zum Leisten befähigen. Der Leistungsprozess muss ständig durch das âMarketingâ, durch das Hören auf die veränderten Verhält- nisse der sozialen Umwelt korrigiert werden. Die geschaffenen Formen und Abgrenzungen sind ebenfalls kein Selbstzweck, sondern bedürfen der Umwandlung in Korrespondenz zu neuen Zielen, zu verbesserten Leistungen usw. Ein ständiger Prozess des Koordinierens und Harmoni- sierens, an dem alle mitwirken können, muss die Gruppe durchziehen. So erst wird sie die unverwechselbare soziale Individualität des gemeinsa- men Wollens, der gemeinsamen Aufgabe, des gemeinsamen Schicksals. Auch dieser Gedankenzug sei zusammenfassend festgehalten: Aus den sieben Initiativbereichen des Handelns ergaben sich als Metamorphose sie- ben soziale Prozesse, die als solche das Unternehmen als Menschengruppe konstituieren. Es sind die Lebensprozesse, die ständig das Ganze durch- ziehen und aus denen, soweit erforderlich, soziale Organe hervorgehen können als eine Art Ausgestaltung zu sozialleiblicher Bewusstheit. Es waren die Prozesse: 1. der Zielfindung 4. des Formgebens 2. des Lernens 5. des Haushaltens 3. des Leistens 6. des sozialen Hörens 7. des Koordinierens und Harmonisierens Das wesentlich Neue gegenüber dem Wirken des einzelnen Unternehmers ist, dass sich mehrere in einer gemeinsamen Initiative, die aus den mitwirk- enden Menschen hervorgeht, âver-einenâ, einswerden, dass sie sich in der gemeinsamen Aufgabenerfüllung ergänzen, ohne dass die Qualität des selbständigen Wirkens aufhören muss. Es macht den Einzelnen nicht un- selbständig, wenn er sich frei mit anderen vereint zu einem gemein- samen Ziel; es darf ihm nur nicht unterwegs ein Linsengericht für seine Selbständigkeit â zum Beispiel in Form eines Anstellungsvertrages â geboten werden. Warum soll nicht der führen, der das nächste Wegstück am besten kennt? Unfrei wird der Geführte erst, wenn man vertraglich regelt: Der eine sei der, dem die bessere Kenntnis zusteht (âPrinzipalâ), der andere habe dagegen nur nach Weisung zu handeln (âHandlungsgehilfeâ) â dann ist einer aus dem Prozess der Zielfindung herausgefallen; das He- rausfallen aus anderen Prozessen wird folgen, Entfremdung tritt ein. Dem unselbständig Gewordenen fehlt das Leben in der Totalität der sozialen Prozesse, deren Mitvollzug auch seine Persönlichkeit zu entwickeln vermag. 28 29 Die gemeinsame Wirksamkeit dagegen schafft der Qualität nach für alle den Zugang zu unternehmerischem Handeln; was der Einzelne an Quali- täten dabei noch ungenügend entwickelt haben mag, kann die Gruppe ergänzen. Sie kann früher als der Einzelne die Vielfalt menschlicher Quali- täten entwickelt haben, weil jeder Mensch in seiner konkreten Ausgestal- tung immer nur ein Fragment seiner selbst, ein Fragment des Menschen sein wird. Für das alte Goethewort, dass die âMenschheit zusammenge- nommen erst der wahre Mensch seiâ, kann so neues und praktikables Verständnis entstehen; und ein Hölderlinwort abändernd könnte man sagen: âDie Linien des Lebens sind verschieden wie Wege sind und wie der Berge Grenzen â was uns noch fehlt, kann auch ein Freund ergänzenâ; die besondere Rune jedes individuellen Lebensweges soll erhalten bleiben, sie darf nicht in der Gruppe aufgegeben werden. Dennoch: Zu unserer eige- nen Vervollständigung bedürfen wir der Hilfe anderer, die uns gerade im Helfen, in der Arbeit mit anderen und für andere zuteil wird. Führung und soziale Organe2 Eine Gruppe von Menschen kann â sich gegenseitig ergänzend und för- dernd â miteinander in den sieben Lebensprozessen arbeiten, ohne dass sie einen besonderen Leiter braucht. Sie darf nur nicht all zu groà werden; überschreitet sie die Zahl von 10-14 Gruppenmitgliedern nicht, so ist es möglich, dass noch jeder aus unmittelbarer Ãberschau an allem gemeinsa- men Geschehen teilhat, dass die Führungsbeiträge wechseln und von allen Seiten â der Lebenssituation entsprechend â kommen. Anders sieht die Sa- che aus, wenn die Gruppe gröÃer wird, wenn das unmittelbare Teilhaben unmöglich wird. Dann muss die Gruppe sich Organe schaffen, die für die gröÃere Ãberschau sorgen, die den verlorengegangenen Zustand naiven Mitvollzugs, naiver Ãberschau durch bewusste Anstrengung neu schaffen. Dabei muss sorgsam darauf geachtet werden, dass die Initiative des Ein- zelnen nicht entmutigt wird oder erlahmt, dass er sie an die âgewähltenâ Organe abtritt. Dieser ständigen Gefahr findet sich jeder ausgesetzt, der als Organ einer Gruppe tätig wird; er muss ständig abwägen, ob sein eigener Handlungsbeitrag andere hindert oder fördert; er ist umgekehrt 2 Vgl. auch HARDORP: Führung ohne Hierarchie? In: Der Wirtschaftsprüfer als Unternehmens- berater. 30 31 der ständigen alten Führungserwartung ausgesetzt, dass er es als âBossâ, âChefâ oder âMeisterâ schon machen werde. Das Wesen eines modernen Sozialorganes muss es vielmehr sein, für die Initiative des Einzelnen die nötige Ãberschau, die durch das GröÃenwachs- tum verloren ging, der veränderten Situation angemessen wieder neu zu schaffen. Das Organ einer Gruppe hat nicht Initiative zu ersetzen oder ab- zunehmen (âInitiativ-Vorstandâ) â das wäre ein Rückfall in eine vergange- ne Sozialstruktur â es hat vielmehr umgekehrt die Sorge dafür zu überneh- men, dass der Lebensprozess, für den es bestellt ist, immer lebendig in den einzelnen mitwirkenden Individualitäten bleibt und in seiner Lebenskraft immer neu durch das vom Organ zu schaffende, adäquate Bewusstsein gestärkt wird. Das durch Organbildung neu geschaffene Bewusstsein ist wie ein Widerlager der Initiative: Es bringt sie nicht hervor â das tut immer und ausschlieÃlich die einzelne Individualität â aber es ruft sie auf und entfacht sie. âAll Leben will Widerstand, all Licht will Trübeâ, dieses Wort von Morgenstern kann das Verhältnis von Prozess und Organ beleuchten. An den alten Einweihungsstrukturen Ãgyptens dagegen ist der überholte Spruch orientiert, der glaubt: âWem Gott ein Amt gibt, dem gibt er auch Verstandâ. Die Zeiten des Gottesgnadentums jeder Art und Güte sind vorbei. Für die Gegenwart und Zukunft hat nur die Einsicht und die Initiative Ge- wicht, die aus individuellen Menschen kommt. Die Organe der alten Hier- archie sind zu Machtstrukturen erstarrt, die der individuellen Initiative über- gestülpt werden und sie regeln und beherrschen sollen. Die sozialen Pyra- miden-Organisationen mit institutionell fest gegliedertem âObenâ und âUntenâ sind nicht mehr zeitgemäÃ. Die neuen Führungsstrukturen werden von unten nach oben aufgebaut. Füh- ren wird, wer soviel soziales Bewusstsein ausgebildet hat, dass er der Initiative anderer Ziele aufzeigen kann und differierende Initiativen auf gemeinsame Ziele hin zu koordinieren vermag. Führen heiÃt in Zukunft: sich selbst ein ges- teigertes Bewusstsein sozialer Zusammenhänge und Ziele erarbeitet zu haben und aus ihm heraus anderen in deren Bemühen zu helfen, ihre Einzelinitia- tive in die Gemeinschaftsaufgaben selbständig, das heiÃt ohne Individualitäts- verluste, einzubringen. Wer andere nur anweisen kann (oder will), ohne ihnen den Sachzusammenhang, die Aufgabe deutlich zu machen, führt nicht. Füh- rung wird mehr und mehr Bewusstseins-Hilfe. Alles Führen wird zu einem Hel- fen auf dem Wege der individuellen Selbstverwirklichung in der Gemeinschaft. 30 31 Diese Führungsbeiträge sind auf den Gebieten bzw. in den sozialen Pro- zessen zu leisten, die vorangehend geschildert wurden. Der siebenfachen Form und Farbigkeit der Initiative entspricht daher notwendig die siebenfa- che Möglichkeit helfenden Führens in spontanen Führungsakten, in ad hoc gebildeten Organen kurzfristiger Art und bei Aufgaben gröÃerer Dauer in ständigen Organen. Welche Organe können in einem modernen Unter- nehmen aus den geschilderten sozialen Prozessen entstehen? Es kann an folgende Möglichkeiten gedacht werden: 1. Zielfindungs- und Klärungsprozesse stehen immer am Anfang eines Unternehmens. Die gemeinsame Aufgabe, die Idee des Neuen will erst entdeckt sein. Ist sie entdeckt und hat sie ein erstes Leben entfaltet, so muss darüber gewacht werden, dieses Leben zu erhalten. Das kann die besondere Sorge von Menschen werden, die hierfür einen speziellen Sinn, eine gröÃere Sorgefähigkeit haben, âSorgfaltâ zu entwickeln vermögen. An sie kann man sich wenden, wenn man Fragen zum Kurs des Ganzen hat, wenn man neue Ziele anregen will oder bezweifelt, dass man noch auf dem richtigen Wege ist. Das sich bildende Organ kann als Ãltestenrat oder Senat bezeichnet werden (viele andere Bezeichnungen sind möglich). Neben der ständigen Belebung des Zielfindungsprozesses kann dieses Organ auch die wichtige Aufgabe haben, bei Meinungsverschiedenheiten über den Sinn des Ganzen zu schlichten. Hier ist die Stelle des âselbstgewählten Richtersâ. Denn es handelt sich insoweit um eine âGerichtsfunktionâ, es muss die Gruppe wieder in der Richtung vereint, âgerichtetâ werden, in der sie angetre- ten war; das Ziel darf nicht verfälscht werden. Oft ist ein solches Organ als Schiedsgericht latent vorhanden und wird bei Bedarf aktualisiert. Fehlt es ganz, so müssen die allgemeinen (âordentlichenâ) Gerichte eingreifen, die die Gesellschaft für solche Fälle bereithält. Die eigene Gerichtsbarkeit ist jedoch oft sachgerechter und eher in der Lage, nicht nur zu richten, sondern zu vermitteln und echte Ausgleiche zu schaf- fen, eine neue Besinnung auf das selbst bestimmte Ziel zu bewirken. 2. Ein Organ der Lernprozesse kann besonders notwendig werden, wenn ein Unternehmen stark auf Entwicklung angelegt ist. Es müssen Mit- arbeiter eingearbeitet oder für neue Aufgaben geschult werden. Die ganze Gruppe muss bestimmte Verhaltensweisen erlernen, um kom- menden Anforderungen gewachsen zu sein (âinnere Führungâ nennt man dies in militärischen Zusammenhängen). Das Organ selbst könnte 32 33 den Namen Bildungsrat oder Kuratorium erhalten. Seine Aufgabe ist es, darüber zu wachen, dass die nötigen Lernprozesse angeregt und unterhalten werden, dass die nötigen Existenzvoraussetzungen dafür geschaffen werden. 3. Für den Leistungsprozess sind Organe meist vorhanden oder vorgebil- det. Die Fertigungsleitung eines Industrieunternehmens, das Kollegium einer Schule, die ärztliche Leitung eines Krankenhauses, die Fakultäts- konferenz einer Universität können solche Organe darstellen. So unter- schiedlich die Namen, so klar ist hier meist die Aufgabe. Für die Zwecke dieser Darstellung sei vereinfachend die Bezeichnung Werkleitung ge- wählt, weil es sich in diesem Prozess um das Werke-Schaffen handelt. 4. Oberstes Organ aller Formgebungsprozesse ist in der Regel die Mit- gliederversammlung â auch Hauptversammlung, Generalversammlung und ähnliches genannt. Sie hat das satzunggebende Recht, von dem sich alle formgebenden Vollmachten ableiten: Das Kompetenzzu- messungsrecht eines Vorstandes zum Beispiel beruht letztlich auf der Autorität der Satzung bzw. der Hauptversammlungsbeschlüsse. Oft ist es üblich, bestimmte Rechte der Mitgliederversammlung einem Aus- schuss zu übertragen, der leichter und schneller zusammenzurufen ist als die meist einmal jährlich tagende Mitgliederversammlung; er kann dann zwischenzeitlich notwendig werdende Legitimationen geringe- ren Umfanges erteilen. Denn das ist der wesentliche Beitrag dieses Organes: die Anerkennung oder Ablehnung vorbereiteter Entschlüsse, das Für-gut-Erklären geschaffener Tatsachen (Genehmigung erteilen, Ent-lasten) oder deren Kritik. Alles Ideenentwickeln, Entscheidungen vorbereiten, Handlungen durchführen kann nicht Gegenstand einer Mitgliederversammlung sein; ihr wichtiger Beitrag ist das Anerkennen und Legitimieren, das Feststellen der Tatsache, dass das von wenigen vielleicht Erarbeitete dem Willen der ganzen Gruppe entspricht und von ihr anerkannt wird. 5. Der Prozess des Haushaltens findet sein Organ meist in der kaufmän- nischen Leitung oder einem Wirtschafts- oder Verwaltungsrat. Seine Aufgabe ist es, das Bewusstsein für die ökonomischen Lebensbezüge der ganzen Gruppe wach zu halten und so den Boden für alle dies- bezüglichen individuellen Entschlüsse der Gruppenmitglieder und der gesellschaftlichen Umwelt zu bereiten. Den Eltern einer Schule müs- 32 33 sen die notwendigen Orientierungsdaten für ihre Beitragsentschlüsse gegeben werden; die Stadt und das Land wollen die Voraussetzung für eine Zuschussgewährung einsehen, für Mitglieder und Kreditgeber wird ein Jahresabschluss, werden Finanzierungspläne für Investitionen, Deckungsbeitragsrechnungen für die Produktions- und Absatzsteue- rung erarbeitet. Daneben müssen die Existenzmittel der Gruppe tat- sächlich beschafft und sinnvoll verwaltet werden. 6. Besonders wichtig in der heutigen Zeit des raschen Wandels im Leben der Gesellschaft ist ein Organ des sozialen Hörens. Leben und Leisten des Unternehmens erzeugen mannigfache Wirkungen in der gesell- schaftlichen Umwelt. Sie müssen in einer Art Rückkoppelungsprozess bewusst in das Leben der Gruppe verändernd zurückwirken; die Grup- pe braucht ihr âfeedbackâ. Aus ihm gehen die Anregungen für neue Zielfindungs- und Lernprozesse, für verbesserte Leistungen hervor. Die Selbstprüfung und Selbstkontrolle erneuert das Lebensrecht der Grup- pe. Die Elternkonferenz einer Schule, das Marketingorgan eines Indus- trieunternehmens, die Abteilung âFeindlageâ im militärischen Bereich, die âPublic-Relations-Stelleâ oder der Ausschuss für âÃffentlichkeitsar- beitâ eines Verbandes sind solche Organe in der Praxis. Für die Zwecke dieser Darstellung sei es als âSozialorientierungsorganâ bezeichnet. 7. Allgemein verständlich und vielfach ausgebildet ist das Organ des Koordinierungs- und Harmonisierungsprozesses. Es tritt als Unter- nehmensleitung, als Vorstand oder Geschäftsführung in Erscheinung. Seine wesentlich neue Aufgabe in dem hier dargestellten Sinnzusam- menhang ist, dass von ihm nicht die Initiative, die Weisung für alles andere auszugehen hat. Der Vorstand soll nicht durch Weisung führen, sondern er muss fähig sein, die vorhandenen Initiativen â einschlieÃlich seiner eigenen als persönlicher Mensch â belebend zu koordinieren, die einzelnen Initiativrichtungen zeitlich und sachlich zu ordnen, dafür zu sorgen, dass nur das begonnen wird, für das ausreichend Fähigkeiten, Tatkraft und Existenzmittel vorhanden sind. Hier ist oft die Einsicht anzuregen, dass man nicht alles Wünschenswerte zum gleichen Zeit- punkt beginnen und zur gleichen Zeit durchführen kann. Einiges muss vorgezogen werden, anderes muss warten, ohne dass es vergessen werden darf. Man muss sich in der Realität oft auf die einfache Er- kenntnis besinnen, dass die Gruppe jede Mark, über die sie verfügt, nur einmal ausgeben kann. So muss der Vorstand intern für Harmonie 34 35 der Initiativen sorgen und sie der Umwelt gegenüber als abgestimmte und gebündelte Willensintention der ganzen Gruppe vertreten. Er wird der Umwelt gegenüber wirksam für das Ganze, wenn er geprüft hat, ob in der Gruppe selbst alle Voraussetzungen für diese Wirksamkeit nach auÃen vorliegen. Ausgewogenheit innen ist Vorbedingung einer kraftvollen Wirksamkeit nach auÃen. Alle Organe, die ihrem Wesen nach in den sieben Lebensprozessen der Gruppe ihren Lebensgrund haben, können gebildet werden und sich auch wieder auflösen. Eine Gruppe ist lebens- und rechtsfähig, wenn sie eine satzunggebende Mitgliederversammlung und einen Vorstand hat. Dies ist erforderlich, damit die Umwelt die Gruppe erreichen und mit ihr verkehren kann. Alle anderen Organe können sich im Laufe der Zeit herausbilden, es kann zusätzliche Organe für Teilgebiete geben, deren Lebenszeit von vornherein beschränkt ist (eine Baukommission etwa zur Vorbereitung und Abwicklung eines Baues und mancherlei ähnliche Projektgruppen). Die soziale Leiblichkeit einer Gruppe drückt sich in ihrer Organbildung aus. Und wie sich beim Menschen die Leiblichkeit langsam bildet, so auch bei Unternehmen. Urbildlich sind es die folgenden sieben: 1. der Senat 4. die Hauptversammlung 2. der Bildungsrat 5. der Verwaltungsrat 3. die Werkleitung 6. das Sozialorientierungsorgan 7. der Vorstand In der Praxis können es mehr oder weniger als sieben Organe sein. Für ein be- stimmtes Organ mag es genügen, wenn nur das Verfahren geregelt ist, nach dem es bei Bedarf gebildet wird (zum Beispiel ein Schiedsgericht auf Grund einer Schiedsgerichtsvereinbarung). Der siebenfachen Ordnung sozialer Pro- zesse tut ihr unvollständiges Erscheinen in der Welt der sozialen Leiblichkeit, in der Welt der Organe und Institutionen keinen Abbruch. Für die menschli- chen Beziehungen in den Unternehmungen kann die hier geschilderte Füh- rung durch selbstbestimmte Organe eine echte Alternative gegenüber der alten hierarchischen Weisungsstruktur âvon obenâ sein. Die Organe bauen sich âvon untenâ auf; ihre Rechte und Pflichten werden von allen Grup- penmitgliedern in der Hauptversammlung letztlich über das Satzungsrecht geregelt. Als Mitarbeiter ist man im Regelfall Mit-Glied; man ist aus eigenem Entschluss unternehmerisch-selbständig, jedoch gemeinsam mit anderen tä- tig geworden. Mitglied ist man auf Grund der Initiative, die man entwickelt, 34 35 nicht durch Erbschaft, Geldmittel oder Umstände, die auÃerhalb der per- sönlichen Initiative, des persönlichen âVer-mögensâ liegen. Der alte Arbeits- oder Anstellungsvertrag, der zwei Klassen von Menschen geschaffen hatte: die Arbeitgeber und die Arbeitnehmer, wird vom Prinzip her überflüssig. An seine Stelle tritt die Mitgliedschaft in der Gruppe und das gleichberech- tigte Mitwirken in der Ausgestaltung ihres Lebens. Alle können aus gleich- artigen, aus einem Rechte tätig werden, das alte Lohnarbeitsverhältnis wird überwunden. Arbeit ist keine Ware mehr; Tätigkeit wird nicht âeinge- kauftâ. Jeder übernimmt klare Aufgaben, zu denen er sich mit entschlos- sen hat und die er mitgestaltet. Die Gruppe als Ganzes gewährt aus den ihr zur Verfügung stehenden Mitteln Einkommen, welche den Mitgliedern ihr Leben und das ihrer Familien so ermöglichen, dass sie ihre selbstgewähl- te, aber im Rahmen der Gruppe sinnvoll eingeordnete Tätigkeit ausüben können. Die Tätigkeit und ihre Motivation â die Arbeit â ist unter mensch- lichen Bedingungen unbezahlbar. Eine Arbeit leisten und ein Einkommen beziehen sind zwei in Bewusstsein und Handhabung zu trennende Dinge3. Wie beginnt man ein neues Unternehmen? Wenn ein neues Unternehmen begonnen, wenn es gegründet werden soll, so müssen sich die Initianten fragen: Erfüllen wir die Voraussetzungen, die diese Aufgabe an uns stellt, sind wir in der Lage, ihr zu entsprechen, haben wir an alles gedacht? Der Leser mag sich hier einen Moment in die Rolle eines Beraters versetzen, der dies zusammen mit seinem Klienten erörtern und prüfen soll. Er tut â im Hinblick auf das oben Geschilderte â vielleicht gut daran, die Lebensfähigkeit des geplanten Unternehmens dadurch abzu- klären, dass er mit seinem Klienten die sieben Lebensvoraussetzungen in der folgenden Weise prüft: 1. Sind Ziel und Aufgabe klar? Auf dem Grunde unklarer und ver- schwommener Ziele kann niemand klare Strategien entwickeln; mit verschwommenen Zielen kann man sich nicht identifizieren. Sie geben keine Basis für Gemeinsamkeit. Wenn dieser Punkt nicht ausreichend geklärt ist, wird das Unternehmen nicht lebensfähig sein. 3 Dies hat Rudolf Steiner 1905 als ein âsoziales Hauptgesetzâ bezeichnet. Siehe Anm. 1. 36 37 2. Wer wird sich mit der Aufgabe identifizieren, die Verantwortung für sie voll übernehmen, ein Lebenszeugnis für sie ablegen? Wer macht es? Auf diese Frage erhält der Berater zuweilen die Antwort: Da werde man noch jemand suchen, zunächst wolle man die Rechtsform, die Finanzierung, das Produktionsprogramm klären. Man muss dann an dieser Stelle mit Planung und Realisierung innehalten. Denn die Rechts- form muss zu denen passen, die für die Aufgabe die Verantwortung übernehmen. Was an Leistungen erbracht werden soll, dafür muss der Verantwortungswille ausreichen; jeder Kreditgeber will wenigstens die Personen der Geschäftsleitung kennen. Ohne menschliche Identifika- tion hängen Aufgaben in der Luft, bleiben sie Planung und Theorie, fehlt ihnen das Persönlich-Werden in einem Menschen, die Qualität des Lebenszeugnisses; sie sind vorerst ein Nichts für die menschliche Entwicklung. Für schöne Ideen allein kann man kein Geld geben, darf man Lebenszeit anderer Menschen nicht einsetzen. Es muss, bevor man weitere Schritte unternimmt, klar sein, wer Verantwortungswillen und Lebenszeugniskraft in die Aufgabe einbringt, wenn aus der Aufga- be ein Unternehmen werden soll. 3. Ist die verantwortliche Initiative gefunden, so wird die Frage wichtig: Welche soziale Form ist nun der Aufgabe und den Menschen adäquat, die sich mit der Aufgabe identifizieren und verbinden wollen. Welche Rechtsform soll man wählen, wie sie im Einzelnen ausgestalten? Die Form muss nun dem Interesse aller entsprechen, die sich mit dem Un- ternehmen in der verschiedensten Weise verbinden wollen und sollen: als Mitarbeiter, als Kapitalgeber, als Lieferant, als Leistungsempfänger zum Beispiel. Die Form muss in einer einprägsamen und verständlichen Weise Aufgabe und Initiative in Widerschein sichtbar machen. 4. Nun ist zu fragen, ob im Unternehmen die Voraussetzungen erfüllt sind, das Gewollte auch zu können. Wer kann es, wo beginnt es konkret? Wer versteht sein Fach, sind die geeigneten Mitarbeiter da, greift die Sache? Werden brauchbare Leistungen erbracht werden? Ein neues Unternehmen muss durch Leistungen überzeugen, nicht durch Versprechungen. Reklamationen am Anfang versprechen kein langes Leben für ein Unternehmen. Die Kunden wollen ein Auto oder eine andere Leistung â nicht das Bemühen um diese. Das âimmerwährende Strebenâ wird, wo überhaupt, an anderer Stelle belohnt. 36 37 5. Ist die Sache auch zu finanzieren? Wer bezahlt es? Am Anfang braucht man möglicherweise einen Vorschuss, ein Startkapital, wenigstens einen Kredit. Wir leben ja zunächst von vorgeschaffenen Leistungen anderer Menschen und können erst später mit eigenen Leistungen aufwarten. Ist also alles in den ökonomischen Lebensbezügen gut durchdacht und richtig gesehen? Ist die Existenzgrundlage â wenigs- tens für den Anfang â vorhanden? Wird die Ausgangsbasis genügend wachsen, kann man das Wachstum aus eigener Kraft finanzieren oder später das dann notwendige Kapital erhalten? Ohne ausreichende Ant- wort hierauf kann man nicht beginnen. 6. Sobald die existentielle und die finanzielle Basis gesichert erscheinen, muss ins Auge gefasst werden, dass aus einem Unternehmen nur etwas wird, wenn über die Bewältigung des tatsächlichen Beginnes hinaus Kraft zur Vorschau und zur rechtzeitigen Veranlagung der notwendigen späteren Ausbaustufen vorhanden ist. Man darf im Gründungsstadium eines Unternehmens geistig nicht von der Hand in den Mund leben. In die Zukunft muss investiert werden, ihre Gegenwartsforderungen müs- sen beachtet sein. Die reale Zukunft hat immer schon begonnen; sie muss ihre konkreten Wurzeln in der Gegenwart haben. Planungskraft, Kreativität und Lernbereitschaft müssen ausreichend entwickelt sein, so dass auch eine mittelfristige Zukunftsstrecke in einzelnen konkreten Realisierungsstufen mit netzplanmäÃiger Genauigkeit gedacht werden kann. Es fehlt sonst an der nötigen Entwicklungskraft. 7. Und schlieÃlich muss ausreichend geprüft sein, wie die Umwelt auf das neue Unternehmen reagiert. Ist ein Markt vorhanden und erreicht man ihn auch, welches Bild macht sich die Umwelt von der Initiative? Sind Zustimmung oder Ablehnung echt, was ist aus ihnen für den eigenen Kurs zu lernen? Hat die Gruppe sich selbst gegenüber Kritikfähigkeit oder träumt sie in Weltbeglückungseuphorie? Hat sie die Kraft zur Selbstprüfung ausreichend entwickelt? Aus ihr ergeben sich immer neue DenkanstöÃe für das bessere Verständnis der eigenen Aufgabe, für die notwendige Selbstbesinnung, für das ständige Erneuern des Zielfindungs- und Zielbestimmungsprozesses, der diesen Anstoà von auÃen als Herausforderung braucht. Der Kreis hat sich geschlossen; die sieben Lebensbereiche des Unternehmens sind durchgeprüft, das Zeichen zum Start kann â bei positiven Antworten 38 39 â gegeben werden. Die sieben Fragestellungen aber begleiten das Unterneh- men, solange es lebt. In seinen Lebensperioden wird die eine oder andere Frage zeitweilig Priorität haben müssen, ohne den Zusammenhang mit den anderen zu verlieren. Fassen wir auch hier zusammen. Wir haben die folgen- den Fragen besprochen, die zugleich eine sinnvolle Folge in der Verwirkli- chung eines Unternehmens darstellen. Es waren diese Stufen und Fragen: 1. Ist die Aufgabe klar? 2. Wer identifiziert sich mit der Aufgabe und verbürgt sich für sie? 3. Lebt genügend Formkraft darin? Welche Form ist adäquat? 4. Reicht die Leistungskraft hin? 5. Sind genügend Existenzmittel verfügbar oder zu erwarten? 6. Hat man die Zukunft im Blick? Wer bereitet vor? 7. Sind die Leistungen gefragt? Kommen sie an? Wird das Unternehmen akzeptiert? Unternehmensorganisation und Dreigliederung In der hier versuchten Sicht der sozialen Welt erscheinen Unternehmen als der menschlichen Entwicklung des Einzelnen und der Gesellschaft verpflichtete Gruppen von Menschen. Kein Unternehmen macht eine Aus- nahme, jeder Mensch lebt in solchen Gruppen. Er lebt nicht nur in einer; er hat in einem Unternehmen seinen âArbeitsplatzâ, daneben ist er vielleicht Mitglied der freiwilligen Feuerwehr, des Sportvereins, einer politischen Par- tei; er ist Gemeindeglied einer Kirche, gehört einer Gruppe mit kulturellen Zielsetzungen an, ist Einwohner seiner Wohngemeinde und Mitglied einer Krankenkasse. Jeder Mensch muss sich gleichzeitig in vielen Gruppen ori- entieren und bewegen können und sammelt auf seiner Lebensfahrt so sei- ne in ihm Person werdenden Lebens-Erfahrungen. Die einzelnen Gruppen, denen er angehört, fordern ihn heraus, helfen oder hemmen ihn in seiner Entwicklung. Bittere Erfahrungen lassen ihn reifen, wenn er sie zu verarbei- ten vermag; angenehme Zeiten verleiten zur Bequemlichkeit und hindern ihn vielleicht, sich selbst zu entfalten. Alles hat seinen Entwicklungsbezug im Guten und Bösen, in Förderung oder Hemmung. Unternehmen dürfen und müssen daher darauf geprüft werden, wie gut oder wie schlecht sie der menschlichen Entwicklung dienen. Dies hatten wir uns bereits am Ein- gang des dritten Abschnittes dieser Darstellung vergegenwärtigt und es als die drei Gegenwartsanforderungen an Unternehmen bezeichnet, wenn 38 39 diese förderlich für die menschliche Entwicklung sein sollen. Die faktische soziale Verfassung von Unternehmen kann man messen daran, ob sie â individuelle Initiative fordern und zulassen, â den Einzelnen als Persönlichkeit achten, â ausreichende Existenzmittel zur Verfügung stellen. Diese Kriterien der Unternehmensverfassung können wir als Ansatzpunkte zum Verständnis der von Rudolf Steiner entwickelten Idee der Dreigliede- rung des sozialen Organismus verstehen. Sie gelten für die kleinere, dem Einzelnen ohne weiteres überschaubare Gruppe ebenso wie für die gröÃe- ren Einheiten, das heiÃt für Gruppen von Gruppen: eine Unternehmens- gruppe, eine Region, eine Volkswirtschaft, den Ostblock, den Westblock oder die Dritte Welt; sie gelten auch für die gröÃte Gruppe: die jeweils le- bende Menschheit. Es ergibt sich aber deutlich aus dem Dargestellten, dass Dreigliederung hier nicht als Organisationsprinzip der einzelnen Gruppe, des einzelnen Unternehmens gesehen wird. Hat man die Dreigliederung jedoch als MaÃstab einer menschlich entwickIungsgerechten Sozialverfas- sung von Gruppen verstanden, die â Freiheit des geistigen Lebens (Initiative) anregen sollen, â Gleichheit des Rechtes jeder Persönlichkeit gewahren müssen, â Brüderlichkeit in der persönlichkeitsgerechten Zumessung der Existenz- mittel erreichen wollen, so kann man hieran anschlieÃend auch darauf hinblicken, wie in gröÃeren sozialen Verhältnissen â zum Beispiel einer Region, einer Volkswirtschaft, einer Europäischen Gemeinschaft, der Weltwirtschaft als Gruppe von Gruppen â bestimmte Einzelunternehmen als Institutionen in ihrer selbst- bestimmten Aufgabenstellung â der Freiheit des geistigen Lebens dienen, â die Gleichheit in der gesellschaftlichen Lebenswelt (âvor dem Gesetzâ) gewährleisten, 40 41 â der Brüderlichkeit in menschenwürdiger Erzeugung und entwicklungs- gerechter Zumessung der Existenzmittel sich annehmen. In einem einzelnen Unternehmen wird leicht das eine oder andere Prinzip in seinem Verhältnis zu den individuellen Menschen, die es als Mitglied betreut oder zu dem es als Partner in Beziehung tritt, ein tendenzielles Ãbergewicht erhalten. Aus dem engagierten Verfolgen des jeweiligen Unternehmenszie- les folgt leicht â und wohl auch mit einer gewissen Notwendigkeit â das Verlangen, die persönlichen Verhältnisse diesem Ziel in stärkerem MaÃe un- terzuordnen als es dem einzelnen Menschen â seinem Vermögen zur Identi- fizierung mit dem Unternehmensziel â jetzt schon entspricht. Das Maà der möglichen Anstrengung auf ein Ziel hin wird von führenden Persönlichkei- ten â für sich selbst zu Recht, für andere möglicherweise zu früh â leicht zu stark angespannt; das Ausmaà der eigenen Fähigkeit, der eigenen Kraft wird von Mitarbeitenden unter solchem Eindruck vielleicht euphorisch überschätzt. Die Kraft der Rechtswahrung kommt dann sicherer von einem nur diesem Prinzip verpflichteten Orte; die Einsicht über das Ausmaà der für dieses Ziel gegenwärtig verfügbaren Mittel kann von dritter Stelle â in assoziativer sozialer Organbildung â vielleicht deutlicher vertreten werden. Da die Gesellschaft aber insgesamt nur durch die Entwicklung jedes ein- zelnen Menschen fortschreiten kann â er darf nicht mehr âauf dem Altar des Vaterlandesâ geopfert werden â, so bedarf der Einzelmensch zu seiner konkreten menschlichen Entwicklung in und durch seine sozialen Bezüge der dreifach-differenzierten Beziehung zu unterschiedlichen Zielsetzungen verpflichteten Institutionen: zu solchen, die insbesondere die Freiheit seiner individuellen Entwicklung anregen und garantieren, zu solchen, die seine Menschenrechte wahren, zu solchen, die ihm Existenzmittel in der Einkom- mensbildung zuordnen einerseits und Verbraucherfreiheit gewähren ande- rerseits. Von dieser institutionell geordneten Dreigliederung des gesamten Sozialen Organismus soll in dieser Abhandlung nicht im Einzelnen die Rede sein. Für die Bereiche dieser dreifach differenzierbaren Institutionen lassen sich dann aus dem Angesprochenen bestimmte Grundsätze wie die â der Selbstverwaltung des Bildungswesens, â der GesetzmäÃigkeit der öffentlichen Verwaltung, â der assoziativen Gestaltung für die Produktion und Verteilung der Exis- tenzmittel 40 41 als Gestaltungsformen dieser Bereiche ableiten. Davon wird in anderem Zusammenhang zu sprechen sein. Hier kam es darauf an, Lebensbedingungen und Lebensformen des einzel- nen Unternehmens so aufzuzeigen, dass es als Lebensraum des individu- ellen Menschen der Gegenwart erfahrbar wird. Denn: âDie Natur macht aus dem Menschen bloà ein Naturwesen; die Gesellschaft ein gesetzmäÃig handelndes; ein freies Wesen kann er nur selbst aus sich machen. Die Natur lässt den Menschen in einem gewissen Stadium seiner Entwicklung aus ihren Fesseln los; die Gesellschaft führt diese Entwicklung bis zu ei- nem weiteren Punkte; den letzten Schliff kann nur der Mensch sich selber geben.â4 Wir haben uns in diesem Themenkreis mit den Entwicklungsbe- dingungen und Kräften zu befassen, die aus den gesellschaftlichen Bedin- gungen heraus am Menschen arbeiten, wo einer dem anderen ein Stück hilft auf dem Wege zu sich selbst, wenn er auch âden letzten Schliffâ sich selbst geben muss. Dabei haben wir uns mit dem jedem Menschen sozial recht nah Liegenden auseinandergesetzt: der Gruppe, dem Unternehmen. Sinn dieser Darstellung war es zu zeigen, dass in diesem Bereich zur Idee der Dreigliederung des ganzen Sozialen Organismus weiteres an Kenntnis- sen von den Lebensprozessen sozialer Gruppen hinzukommen muss und dass dies erst in das Thema der Organisationsformen des Unternehmens hereinführt; die Dreigliederung selbst ist noch kein Organisationselement für das einzelne Unternehmen. Im Einzelunternehmen lebt sie â man kann sagen: keimhaft â im sozialen Klima, im Seelenraum der Gruppe. Im Ein- zelunternehmen ist jedoch die Kenntnis der dargestellten Lebensprozesse wesentlich für die menschenwürdige Gestaltung des Unternehmens, für den âhautnahenâ Lebensraum des Menschen. Hier sind bereits alle Ele- mente der erforderlichen sozialen Baukunst gegeben und ergreifbar; hier kann konkret gehandelt werden. In den sozialen Verhältnissen im GroÃen ist das nur von Zeit zu Zeit in sichtbarer Weise der Fall; dann kommt zum Vorschein, was vorher in der Stille erarbeitet wurde. Zu dieser in der Stille wirksamen Vorarbeit im Kleinen gehört wohl auch das Verständnis und die menschenwürdige Gestaltung des Unternehmens als âMikrobereichâ des gesellschaftlichen Lebens; zu ihr gehört das Erüben der Fähigkeit, soziale Zusammenhänge aufzubauen, gehört die soziale Baukunst, deren erste Elemente hier geschildert werden sollten. 4 RUDOLF STEINER: Philosophie der Freiheit (1894), Dornach 2005, Kap. IX. GA 4. 42 43 42 43 2 Lebensorientierung durch Buchführung? Zum 500-Jahre-Jubiläum der doppelten Buchführung* Lebensorientierung durch Buchführung zu erlangen, ist für die meisten Menschen heute â insbesondere für diejenigen, die sich im Kulturleben ste- hend fühlen â ein eher seltsamer Gedanke. Buchführung erlebt man in der Regel als eine untergeordnete Tätigkeit, die von jedem, weil das Finanzamt oder die Handelsgesetze es verlangen, leider âerledigtâ werden muss, ei- nen gebildeten Bürger der Gegenwart aber im Grunde nichts angeht. Man steht allem âBuchführungsmäÃigenâ mit einer gewissen Distanz gegenü- ber; man ist eben kein âkleinkarierterâ Buchhalter. Diese Einstellung kontrastiert deutlich zu der Einstellung anderer kul- turell bedeutender Geister â etwa zu Goethe, wenn er im 8. Buch von âWilhelm Meisters theatralischer Sendungâ Werner seinem Bruder Wilhelm die Vorteile der Buchführung für das praktische Leben eindringlich schil- dern lässt und dabei Lebensorientierung und Lebenssicherheit deutlich macht, die für denjenigen aus ihr folgen, der sie auf sein Unternehmen, auf seine Lebenssituation anzuwenden, diese mit ihnen zu klären weiÃ. In diesem Sinne bezeichnet Goethe Buchführung als eine der âschönsten Erfindungenâ des menschlichen Geistes. Wie sehr die beschriebene Fremdheit und die von Geistern wie Goethe aufgezeigte Bedeutsamkeit der Buchführung auch in der Gegenwart noch gegeneinander kontrastieren, macht ein öffentlich kaum gewür- digtes, aber bedeutsames Jubiläum des Jahres 1994 deutlich: das 500- Jahre-Jubiläum des Erscheinens von Luca Paciolis Abhandlung über die Buchhaltung im Jahre 14941. Pacioli ist der erste meisterhafte Beschreiber dieses neuen Instrumentes menschlicher Selbst- und Lebensorientierung, dessen Darstellungskraft über Jahrhunderte hin nicht wieder mit gleicher Klarheit und Lebendigkeit erreicht werden sollte. Selbst ein Adam Riese und andere Buchführungsmeister und Buchführungslehrer der Folgezeit (und ihre Werke) muten eher wie âZwergeâ an gegenüber diesem ersten, die Seelensicherheit, die das neue Instrument der Lebensführung und Le- * Erschienen in: Unternehmensführung â Wirtschaftsethik â Gesellschaftliche Evolution. Hrsg. KAPPLER, EKKEHARD / SCHEYDT, TOBIAS. Gütersloh 1995 (Verlag Bertelsmann Stiftung) , S. 281 ff (vgl. C-03-25). 1 LUCA PACIOLI, Abhandlung über die Buchhaltung, Stuttgart 1933, 1968, Neuauflagen. 44 45 bensorientierung vermittelt, deutlich machenden Werke. Wie alle guten Darstellungen wichtiger Menschheitsereignisse ist es kurz und für deutsche Leser in guter Ãbersetzung auch in der Gegenwart zugänglich. Wer sich einen geistesgeschichtlichen Genuss verschaffen will, sollte es lesen. Luca Pacioli (1445-1515) war Franziskanerpater, Lehrer und Professor für Theo- logie, Mathematik und Buchführung: ein Lebenskenner und Universalge- lehrter, wie er am Anfang des Zeitalters der Bewusstseinseele wohl öfter auftrat. Er war befreundet mit Leonardo da Vinci, mit dem er einige Jahre (1496-1499) zusammen im Dienste des Herzogs von Mailand stand â und dem er zum Beispiel die Menge des Bronzeerzes berechnete, die dieser für das Reiterstandbild des Herzogs benötigen würde, und der ihm seinerseits seine âSummaâ (seine âGesamtausgabeâ) illustrierte. Ein geistesgeschicht- liches Doppelgestirn in der GroÃen Reihe der Geister, die das neue Seelen- verhältnis der Bewusstseinseele zur Welt und zu sich selbst einläuten: wie Kolumbus, Dürer, Heinrich der Seefahrer, um nur einige zu nennen. Was ist die groÃe Tat des Luca Pacioli, an die wir heute, wenn wir neu nach der pädagogischen Bedeutung der Buchführung in unserer Zeit fragen, anknüpfen können? Vielleicht kann man sie so beschreiben: Er ist der erste, der die seit Beginn des 15. Jahrhunderts entwickelten Rechnungs- legungsinstrumente der doppelten Buchführung und Bilanzierung in ihrer neuen âorganischenâ Systematik verständlich und schlüssig beschreibt. Dies geschieht ja dadurch, dass nun die bisher unverbundenen, bisher getrennt verwendeten Rechnungselemente des Bilanzierens (der Bestandsaufnahme oder Zeitpunktrechnung einerseits), wie wir sie zum Beispiel in der Lager- aufnahme, in der Inventarisierung von Forderungen und Schulden, kurz: im Verzeichnen unseres Vermögens vor uns haben, mit denen der Erfolgsrech- nung (Gewinn- und Verlustrechnung/Zeitraumrechnung andererseits) in ein geschlossenes Rechenwerk integriert werden und dadurch erstmals auf der Ebene der Buchführung die Organismusgestalt der Unternehmung sichtbar machen. Wir bezeichnen erstgenanntes Element auch kurz als âBilanzierenâ und meinen damit das dokumentierende Aufnehmen und Festhalten aller aktiven Weltzugriffe unseres Unternehmens in Anlage- und Umlaufvermö- gen und das Kontrastieren dieses Erfassens mit seinen Lebensquellen: den Hilfen anderer (Kredite/Schulden), dem im Prozess aus Schuldtilgung frei gewordenen, âentpflichtetenâ Eigenvermögen (Eigenkapital). Unverbunden mit diesem Rechnungslegungselement des Bilanzierens, des Status-Errich- tens, des âStatuierensâ, stand bisher die Verzeichnung der Verlaufstatsachen des kaufmännischen Lebens, die zwischen den einzelnen Reflexionspunkten 44 45 (Bilanzstichtagen) liegen. Als Einnahme-Ausgabe-Rechnung, als kameralisti- sche Buchführung der öffentlichen Hand usw. kennen wir auch heute noch solche Rechnungslegungselemente als âeinfacheâ Buchführungsformen. Der neue Griff der oberitalienischen Kaufleute und Rechenmeister war es, diese beiden bisher getrennt verwendeten Elemente in einem geschlossenen Rechnungswerk erstmals zu verbinden: von der Vermögenslagefeststellung der Bilanz am Anfang eines Rechnungslegungszeitraumes (Geschäftsjahres) auszugehen, jeden Schritt (âGeschäftsvorfallâ) zu verzeichnen, der auf diese Ausgangslage folgt und zu einer neuen Reflexionslage des Unternehmens in der Schlussbilanz des Geschäftsjahres hinführt. Die Ergebnisrechnung (oder Gewinn- und Verlustrechnung), die zwischen der Eröffnungs- und Schluss- bilanz eines Jahres liegt, zeigt dabei zusammenfassend alle die Ertragslage beeinflussenden (ergebniswirksamen) Veränderungsschritte dieses Ge- schäftsjahres auf und weist so nach, wie es im Einzelnen zur Veränderung der Problemlage des Unternehmens in der Eröffnungsbilanz zur neuen Lage, die in der Schlussbilanz sichtbar wird, gekommen ist. Die Buchfüh- rung des Jahres enthält über diese ergebnisrelevanten Schritte hinaus auch noch die reinen Vermögensveränderungsschritte (Aktivtausch, Passivtausch in der Bilanz, Aktiv-Passiv-Mehrung oder -Minderung der Bilanzsumme). Die âdoppelteâ Aufzeichnung alles Geschehenen in der Weise, dass ei- nerseits ein Geschäftsvorfall (ein Kasseneingang zum Beispiel) als solcher verzeichnet wird und zugleich dessen Ursache in der Gegenbuchung (die Zahlung eines Kunden, die Abhebung von Geld bei der Bank und dessen Einzahlung in die Kasse zum Beispiel) bezeichnet und âgebuchtâ wird, machen jetzt nicht nur erkennbar, dass an einer Stelle etwas geschehen ist, sondern auch wie es sich in das Gesamtlebenssystem des Unternehmens einordnet, wie es zu deuten, zu verstehen ist, wie das gestörte Gleichge- wicht wiederhergestellt wird. Es wird also nicht âdoppeltâ im Sinne der zweimaligen Verbuchung eines einmaligen Vorganges gebucht, sondern es wird der geistig-soziale Zusammenhang jedes einzelnen Vorganges durch die Gegenbuchung verstehbar gemacht. Dies führt rechentech- nisch dazu, dass notwendigerweise die Summe aller Sollbuchungen mit der Summe aller Habenbuchungen â jeweils deren âsumma summari- umâ â übereinstimmen muss und als Kontrolle für das richtige Erfassen aller Vorgänge dient. Würde etwa die Summe der Sollbuchungen von der der Habenbuchungen â auch nur um einen Pfennig â voneinander abweichen, so muss ein Fehler im Buchungsverlauf vorgekommen sein, der â bei genügender Geduld â gefunden und aufgeklärt werden kann. 46 47 Neue Seelensicherheit, deutlichere Orientierung als bisher über den Le- benspunkt, an dem ein Unternehmen oder ein kaufmännisches Vorhaben âstehenâ, ergibt sich aus dieser neuen Art der Buchführung. Wir lernen die Welt besser zu verstehen, wir lernen â aus diesem Verständnis arbeitend â die Welt, die Zukunft nach dem Maà unserer Vorgaben zu verändern. Wir halten dabei den Weltprozess für unser Bewusstsein im Vorgang des Bilan- zierens für einen Moment innerlich fest; wir bedenken ihn dabei gründlich â und gehen dann in das neue Geschäftsjahr mit dem Willen zur Verbesse- rung der gegebenen Lage hinein und sehen am Ende des Jahres, wie weit uns unser neuer Ansatz gelungen ist. Wir unterscheiden dann wohl auch â oder versuchen es, was uns als unser eigenes Verdienst am Zustandekom- men dieses neuen Geschäftsjahresergebnisses erscheint und was uns von auÃen â positiv oder negativ â wie âunverschuldetâ zufiel. Aber auch dieses, so lernen wir in der Folge, gehört ja zu uns, âtrifftâ uns und muss von uns im weiteren Unternehmensprozess als unser Schicksal verarbeitet werden. Betrachten wir noch ein wenig genauer die beiden wesentlichen Elemente der Rechnungslegung: die Bilanz und die Ergebnisrechnung. Was verge- genwärtigen wir uns eigentlich, wenn wir uns in ihrem Spiegel Lebens- tatsachen und Lebensverlauf einer Unternehmung vergegenwärtigen und sie im Einzelnen anschauen? Blicken wir zunächst auf die Bilanz: Ihren wesentlichen Inhalt können wir erfassen, wenn wir uns die vier wesentli- chen Bilanzfelder vergegenwärtigen, deren Einzelheiten hier nicht erörtert werden sollen. Da haben wir zunächst die Aktivseite der Bilanz, die Auf- zeichnung der Vermögenswerte des Unternehmens. Sie beginnt mit dem Anlagevermögen, mit dem, was aus der Geschichte des Unternehmens â als damaliger, investiver Zukunftsleistung der für unser Unternehmen verantwortlichen Menschen â auf uns Heutige überkommen ist: die Pro- duktionsanlagen, die Gebäude, die Maschinen, alles, was auf Dauer dem Betrieb als Produktionsmittel dienen soll. In ihnen ist etwas âangelegtâ, was heute noch nutzbar ist, wenn wir es heute natürlich auch, falls wir neu entscheiden dürften, ganz âandersâ, besser und âmodernerâ einrichten würden. Aber, was wir vorfinden, ist noch verwertbar und erlaubt uns fürs erste, den Fortgang unseres Unternehmens zu betreiben, ohne neue Mittel investiver Art für diesen Fortgang aufzuwenden. Der zweite Bereich, das Bilanzfeld des Umlaufvermögens, zeigt im Unter- schied dazu das gegenwärtige Tatenfeld unseres Unternehmens, die Vorrä- te an Roh- und Hilfsstoffen, die halbfertigen Erzeugnisse, die Fertigwaren, 46 47 die Barmittel, die Forderungen und die sonstigen Vermögenswerte; alles das also, was Gegenstand des laufenden Geschäftes ist, was die ganze Aufmerksamkeit des Tages erfordert. Zeigt das Anlagevermögen also das in der Vergangenheit âverfügteâ Vermögen, das uns gegenwärtig nach wie vor zur Nutzung zur Verfügung steht, so zeigt das Umlaufvermögen das jetzt âverfügbareâ Vermögen unseres Unternehmens â zugleich unser tägliches Handlungs- und Aufgabenfeld. Die Summe der so nutz- bzw. verwertbaren Vermögenswerte des Unternehmens wird nun mit ihren nach kaufmännischen Regeln anzusetzenden âWertenâ zur Bilanzsumme zusammengerechnet und repräsentiert so das aktive Unternehmensver- mögen. Womit haben wir es auf der Passivseite zu tun? Grundsätzlich: mit densel- ben Dingen â aber auf eine neue Weise! Mit einer neuen, andersartigen Sicht auf das Aktivvermögen machen wir uns jetzt nämlich klar, dass wir dieses (aktive) Vermögen nicht nur aus eigener Kraft aufgebaut haben, sondern dass uns andere dabei geholfen haben, die uns und unserem Vor- gehen vertrauten, die uns etwas zutrauten. Wir fragen nach den Quellen unseres âVermögensâ (im Doppelsinn des Wortes) â und entdecken dabei nicht nur uns selbst, sondern zuerst die anderen, unsere Lieferanten zum Beispiel. Sie haben uns zum Beispiel Rohstoffe, Waren oder Maschinen geliefert â- oder Geld geliehen in der Erwartung, dass wir davon im Sinne unserer dargelegten Ziele den rechten Gebrauch machen, den Unterneh- mensprozess entsprechend fördern und â zur vereinbarten Zeit â unsere Schuld (mit Zins) tilgen werden. Die Verbindlichkeiten des Unternehmens erkennen wir jetzt als ein auf andere Weise reales Netz sozialer Relationen über dem aktiven Unternehmensvermögen liegend (zum Teil mit besonde- ren Zugriffsrechten wie Eigentumsvorbehalten zum Beispiel versehen). Sie veranlassen uns, den Blick aus der Welt der schieren Sinneswelt-Sachver- halte, die wir auf der Aktivseite der Bilanz vorgefunden und verzeichnet haben, ein Stück herauszuheben und die Lebensrelationen unseres Un- ternehmens mit den uns zuarbeitenden Lieferanten, unseren Kunden und Kreditgebern als etwas in anderer Weise Gegebenes, uns Verpflichtendes, weniger als etwas für uns sinnesmäÃig (aktiv) feststellbares, ins Auge zu fassen. Das nunmehr Beobachtbare stellt mehr ein ânegativesâ Vermögen dar: unsere Verpflichtungen, unsere erst noch zu tilgenden Schulden. Sie haben uns zwar nicht unvorbereitet â etwa von einer höheren Macht ver- ordnet â getroffen, sondern wir wissen genau, wie sie zu Stande kamen: Wir selbst waren es, die sich sagten, dass wir mit dieser fremden Hilfe 48 49 schneller zu unseren Zielen im Unternehmensverlauf kommen würden, dass diese âFörderung durch Kreditâ uns im Sinne unserer Intentionen ra- scher voranbringen würde. Zum jeweiligen Reflexionszeitpunkt der Bilan- zierung machen wir uns daher klar, wie weit wir darin (aktiv) gekommen sind, wie weit wir die übernommenen Pflichten schon erfüllt haben, wie weit wir etwa durch Gewinnerzielung in der Lage waren, unsere Verpflich- tungen in âentpflichtetesâ Eigenkapital umzuwandeln. Mit dem Stichwort Eigenkapital sind wir beim letzten Bilanzfeld unseres Un- ternehmens. Zu ihm gehören in nur eingeschränktem Sinne die eingezahl- ten Eigenkapitalmittel, weil diese im Grunde genommen auch Eigenkapital darstellen und bei Beendigung des Unternehmens â allerdings erst dann â zurückzuzahlen sind (oder ggf. vorher bei einer Kapitalherabsetzung). Sie haften den Gläubigern in besonderer Weise und treten mit ihrem Befriedi- gungsanspruch hinter alle anderen Gläubiger zurück, bleiben aber â vom Finanzierungsvorgang her gesehen â Verbindlichkeiten. Anders steht es mit den im Eigenkapital verzeichneten Wertschöpfungsresten früherer Geschäftsjahre, die dem Unternehmen gewidmet und mit ihrem âGe- genwertâ in ihm eingesetzt wurden, bilanziell gesprochen: mit den âGe- winnrücklagenâ. Sie sind in früherer Zeit im Unternehmen selbst erarbeitet worden und repräsentieren die Investitionsentscheidungen aus damals verfügbaren Wertschöpfungsanteilen, die seinerzeit dem Unternehmen für seine damalige Zukunft gewidmet wurden. Sie sind â als Passivbild, als Passivposten â die erklärende Quelle manchen aktiven Vermögens, das wir auf der anderen Seite der Bilanz, der Aktivseite, schon vorgefunden hatten: als Gebäude, Maschinen, Einrichtungen oder Warenvorräte zum Beispiel. Auf der Passivseite der Bilanz ist nun aber vermögensmäÃig nichts Zusätz- liches, sinnesweltmäÃig Sachverhaltliches festzustellen; das Eigenkapital der Bilanz in diesem Sinne ist vielmehr zunächst nur ein ârechnerischerâ Differenzposten, der entsteht, wenn von der Summe des Aktivvermögens die dieses Aktivvermögen sozial überschattenden Verbindlichkeiten â die entsprechenden âPassivaâ â abgerechnet werden und danach der uns zustehende Eigenentscheidungsraum des Unternehmens als Eigenkapital deutlich wird (âübrigbleibtâ). Dieses âKapitalâ ist aber gar kein Sinnes- welt-Sachverhalt, sondern ein besonderer âpositiverâ Passivposten (Ne- gativposten) im Gesamtvermögen, der wie eine Art âOkularâ gewertet und benutzt werden kann und uns so vergegenwärtigt, welche geistige Kompetenz, welche Managementkraft in diesem Unternehmen wirksam ist, wenn sich durch sie dieser Differenzposten des Eigenkapitals â seine 48 49 Kapitalbasis â erweitert oder in ungünstigen Zeiten umgekehrt durch Ver- luste geschmälert wird. Die das Unternehmen prägende Identität â heute spricht man in diesem Sinne von der âcorporate identityâ â wird so als ein zunächst âunbeobachtetesâ Element des gewöhnlichen Unternehmensge- schehens zunehmend bemerkbar. Die Welt wird von hier an wesenhaft, nicht mehr dinglich erlebt. Wenn wir mit dem so gewonnenen neuen, âqualitativen Blickâ durch diese vier Bilanzfelder noch einmal durchgehen, sehen wir, dass wir uns vom Anlagevermögen über das Umlaufvermögen wie von der Vergangenheit in die Gegenwart bewegt haben und mit den Verbindlichkeiten den Teil der Zukunft beschreiben, der sich in Tilgungsverpflichtungen dieser Verbind- lichkeiten in der Zukunft â einer âAltlastâ vergleichbar â ausdrückt. Rech- nen wir nun diese drei Bilanzfeldsummen gegeneinander auf, entsteht ein wichtiger Saldo. Er ist zugleich der Differenzbetrag zwischen Verbindlich- keiten und Bilanzsumme. Das scheinbare âNichtsâ dieses Differenzbetra- ges öffnet bei genügender Aufmerksamkeit, bei genauem Hinsehen, als eine Art âGeistokularâ den Blick auf das âentpflichteteâ Vermögen, das Eigenkapital, oder â sachlich gesprochen â auf den Freiraum unserer Ent- scheidungskraft über die aktiv verfügbaren Mittel; es öffnet den Blick in eine neue Seinsdimension des Unternehmens. Das Eigenkapital weist so auf den anderen Teil der Zukunft: den von Verpflichtungen freigeworde- nen, uns freilassenden Eigenentscheidungsraum unseres Unternehmens. In ihm können wir ohne Rückkoppelung mit unseren Kreditgebern ent- scheiden: für Investitionen, für Ausschüttungen oder Zuwendungen und Stiftungen; insbesondere Letztere können (dürfen) nur aus âEigenemâ gemacht werden! Jetzt kommt es nur noch auf uns selbst an. Dieser Reflexions- oder Erkenntnis-Weg der Bilanzierung ist insoweit zu- gleich ein Weg, der schrittweise, dem Zeitverlauf folgend, die Sinneswelt verlässt und in die Sozialordnung der Menschen â als erste Geistweltord- nung, erste Wesensordnung, die sich in die Sinneswelt hineinerstreckt â zu dem geistigen Orte führt, an dem wir uns sinnvollerweise nur noch die Mitwirkungskompetenz der beteiligten Menschen â und deren mögliche Verstärkung durch die mit ihnen zusammenwirken Geister â vergegen- wärtigen können. Unser Erleben wird jetzt prozesshaft. Wir werden bei diesem Bilanzdurchgang schrittweise aus der Welt zum Geist, aus Sinnes- welt-Sachverhalten zu uns selbst geführt: zu den aus dem lebensvollen Geistelement in die Sinneswelt hereinwirkenden Kräften unserer eigenen 50 51 Individualitäten und zu den spirituellen Individualitäten, die mit uns ver- bunden wirken. Jede Bilanzierung ist insoweit eine Reflexionsübung in diesem Sinnzusammenhang, auf diesem Weg des Selbsterfassens. Sie fasst dabei eine jeweilige Sinnesweltlage, die in einem jeweils gegebenen (geprüften) Zeitpunkt feststellbar ist, verfolgt sie in ihre Sozial- oder Geist- bezüge und verweist auf deren prozesshafte Quelle durch das âOkularâ des Eigenkapitals. Blicken wir danach auf die Ergebnisrechnung, so ändert sich die Qualität des Blickes, weil sie jetzt nicht einen gegebenen Zustand, sondern dessen Veränderungen in der Zeit, in einer Reihe von Folgezuständen als Bewe- gung ins Auge fassen muss. Welche Schritte â von uns zielvoll geplant â führen von einer bilanzierten Ausgangslage (Eröffnungsbilanz) zu einer neuerlichen Reflexion am Ende des Rechnungslegungsabschnittes in der Schlussbilanz? Welche Intentionen, Kräfte und Aufwendungen waren nötig oder wurden in dieser Zeit gemacht? Welche Erträge konnten wir erzielen, in welcher Relation standen Aufwendungen und Erträge zueinan- der? Hatten die Aufwendungen das Ãbergewicht und ist damit ein Verlust zu verzeichnen? Oder überwogen die Erträge und haben demgemäà mit Gewinn gearbeitet? Hat sich unsere unternehmerische Wirkensbasis, die sich im Eigenkapital abbildet, vergröÃert oder verkleinert? Bei rechtem Verständnis eines Jahresabschlusses, der Bilanz und Ergebnisrechnung umfasst, sehen wir uns als Menschengruppe auf dem Wege, an einem bestimmten Punkte angekommen, einerseits mit bestimmten Qualitäten positiver Art begabt und andererseits mit Mängeln, mit noch Unzureichen- dem â als verbleibender Aufgabe â belastet. Wir erleben uns in dem Prozess aber nicht nur zurückgezogen auf uns selbst, auf unser Unternehmen, sondern wir sehen uns gerade durch ihn in den Gesamtzusammenhang der menschlichen Gesellschaft eingeord- net. Wir sind einerseits vielleicht abhängig von unseren Lieferanten und deren Leistungen, wir leisten andererseits selbst für unsere Abnehmer, für unsere Kunden; wir müssen im Unternehmen mit vielerlei Schwierigkeiten â menschlichen und sachlichen â fertig werden, in denen sich Einflüsse von auÃerhalb des Unternehmens widerspiegeln: Ausbildungsvoraussetzungen und Fähigkeiten der Mitarbeitenden, ihre Lebensschicksale in Gesund- heit und Krankheit, in Partnerschaft und Verpflichtungen innerhalb und auÃerhalb des Unternehmens. Die Autonomie und Selbstständigkeit unseres Unternehmens wird als eine Gestaltfigur in einem groÃen Wert- 50 51 schöpfungs- und (dem gegenläufigen) Geldgeschehen erkennbar, die unser Unternehmen â in ihm sich begegnend â durchströmen, in welchem wir steuernd das Gleichgewicht, unsere Identitäts-Position im Gesamtge- schehen erhalten und verbessern wollen. Wir bauen mit unserem eigenen Leistungsbeitrag auf Vorleistungen von Menschen und Unternehmen in allen Weltteilen (in der Regel) auf; unsere Leistungen wandern andererseits in alle Welt. In beiden Richtungen entziehen sich dabei Lebenslagen und Leistungen bald und zunehmend unserem Bewusstsein; dessen Kraft reicht (noch) nicht so weit wie die Realitäts- und Lebensbezüge dieser âStrömeâ, in, mit und von denen wir leben. Aber wir lernen uns grundsätzlich teil- nehmend, teilhabend empfinden in diesem Gesamtorganismus-Gesche- hen des Wirtschaftslebens als in einem groÃen Prozess des weltweiten Füreinandertätigseins von Menschen. Der Wertschöpfungs- oder Leis- tungsstrom flieÃt erst zu uns her und strömt dann, um unseren Leistungs- beitrag vermehrt, von uns aus weiter. Der alle Leistungen koordinierende Geldstrom â als korrespondierender Bewusstseinstrom der Gesellschaft â durchzieht in anderer Richtung unser Unternehmen und bildet dadurch die Bewusstseinsseite des sozialen Geschehens in unserem Eigenbereich ab. Dieses Gesamtgeschehen setzt sich in die von uns selbst vollzogenen Bewusstseinsschritte der Buchführung in unserem Unternehmen fort, in der wir verzeichnen, was so zu uns hereinflieÃt und was von uns ausgeht: im Leistungs- oder Wertbildungsprozess einerseits, im Abrechnungspro- zess (Geldprozess) andererseits. Umweltvoraussetzungen von auÃen und Leistungs- bzw. Produktivitätsvoraussetzungen von innen weben sich zu ei- nem Gesamtgeschehen zusammen, das uns in moderner Zeit nicht einfach unbewusst, ungefragt in sich hereinzieht, sondern das wir im Geldwesen gesamtwirtschaftlich, in der Buchführung einzelwirtschaftlich bewusst er- fassen, um uns unseren Lebensort darin zu vergegenwärtigen. Unseren Schülern â wenigstens in den Waldorfschulen â diese Lebens- orientierung zu bieten, sollte deswegen heute zu der Aufgabenstellung führen, Buchführung als pädagogisches Mittel im Unterricht unserer Schulen einzusetzen. Dafür geben viele Fächer â Erdkunde, Mathematik, Literatur (auch Goethes âFaustâ zum Beispiel!)² â Gelegenheit und Anlass. Nach zwei Seiten hin, wie wir sahen, wird die Buchführung nämlich als pädagogisches Mittel interessant. Wir haben ja zunächst â in den unteren 2 Vgl. HARDORP, Goethe und das Geld. 52 53 Klassen â die Aufgabe, unsere Schüler in das Sinnesweltverständnis ein- zuführen, weil sie, selber aus der Geistwelt kommend, in diesem zuerst ihr Bewusstsein befestigen müssen. Sie lernen, um die Welt zu verstehen. Verständnis der Sinneswelt gibt ihnen erste Seelensicherheit, begründet erstes Selbstbewusstsein. Aber die Buchführung zeigt nicht nur, indem sie die Aktivseite der Bilanz und den Bewegungsvorgang von Aktivseite einer Eröffnungsbilanz zu Aktivseite der Schlussbilanz deutlich macht, die Sinnesweltzusammenhänge, sondern sie führt auch schrittweise, wenn die Schüler das âNegativvermögenâ der Verbindlichkeiten (negative Zahlen müssen verstehbar geworden sein) zu erfassen im Stande werden, wenn sie âschwarzeâ Zahlen und âroteâ Zahlen unterscheiden können, in die soziale Welt, in der man verbunden ist mit anderen Menschen und ihnen gegenüber Verpflichtungen hat. Sie lernen jetzt die sozialen Beziehungen als âverbindlicheâ Realität kennen, die als soziales Netzwerk über dem Aktivvermögen liegen. Sie lernen sodann, sobald sie bewusstseinsmäÃig dazu herangereift sind, den Blick durch die erläuterte Eigenkapitaldifferenz der Passivseite, durch dieses âEigenkapitalokularâ in die Geistwirkens- zusammenhänge der menschlichen sozialen Welt zu richten, aus denen die Gesamtkonfiguration des Unternehmensaufbaues, als dessen Quelle, hervorgeht. Sie lernen solche Geistzusammenhänge am âpraktischen Fallâ der Bilanzierung denken. Wir haben sie aus der Sinneswelt â der Aktivseite des Lebens, in der wir ihr Bewusstsein zunächst befestigten â in die mit dieser Sinneswelt zusammenhängenden Geistzusammenhänge â deren Passivseite â eingeführt und ihr Bewusstsein auch für diese sensibilisiert. Sie schauen jetzt nicht nur in die Welt, âin der die Sonne leuchtetâ, son- dern sie schauen auch in die Seelenwelt, in der die sozialen Beziehungen erlebt werden und in die Geistzusammenhänge; sie âleuchtenâ diese neue Seite der Welt jetzt selbst aus. Dies kann sie zu neuen Lebensentschlüssen führen, die die Welt verändern können und sollen â im Sinne ihrer eigenen Ziele. Ihr Bewusstsein gründet fest in der Sinneswelt und weià diese richtig zu werten; es beschränkt sich aber nicht auf sie â es erweitert sich vielmehr, wie die Realität des Lebens dies von uns und ihnen fordert, auf die Sozial- und Geistwelt (der Menschen). Wir lernen so, wie wir auf beides Einfluss nehmen, wie wir in beiden Realitäten leben und wirken können. Damit verlassen wir das jeweils Bestehende von Welt und Geist, stellen es erneut-erneuernd in Frage. Wir bringen das Bestehende (es ist in der jeweiligen Eröffnungsbilanzlage gespiegelt) in Bewegung und tauchen in das Ablaufgeschehen des nächsten Geschäftsjahres ein, die sicheren 52 53 Sachverhalte der Sinneswelt verlassend, die âschönenâ Vorräte in den neuen Verarbeitungsprozess der Produktion hereinnehmend, sie äuÃerlich womöglich vernichtend â aber als neue Werte, in neuen Wertschöpfungs- ergebnissen sie wieder erstehen lassend. Wir verstehen die Erträge eines Jahres als BewegungsgröÃen anders und besser, wenn wir hinter ihnen die BewegungsgröÃen des Lebens unserer Abnehmer sehen, die unsere Leistungen für ihr Leben, für ihre Unternehmungen von uns beziehen und uns ihrerseits nun âim Geldeâ, das sie uns zahlen, Möglichkeiten des Ausgleichs unserer Verbindlichkeiten bei unseren eigenen Lieferanten, bei unseren Geldgebern geben. Im Aufbau des Verständnisses für dies alles erweist sich die Buchführung als ein sehr vielseitiges Mittel zur Entwick- lung unserer Schüler auf ihren sehr unterschiedlichen Lebensstufen, als Möglichkeit, zum jeweils richtigen Zeitpunkt das Förderliche für sie zu tun, ihnen auf ihrem Entwicklungswege zu helfen, indem wir ihnen Lebensori- entierung geben. Wir selbst lernen verstehen, dass Buchführung auf eine eigenartige Weise auch eine Projektion unseres inneren Wesens in die äuÃeren Weltverhält- nisse ist. In uns selbst lebt â unbewusst zunächst â eine solche Wesenheit, die unsere Taten miterlebt und in ihrer Gestalt verzeichnet â im Guten und im Bösen; die die Gestalt annimmt, die sie unseren guten und bösen Taten verdankt; Rudolf Steiner nennt sie den kleinen âHüter der Schwelleâ.³ Dieses zu uns gehörige Wesen in uns verzeichnet und bilanziert ständig, was wir unternehmen; es zeigt uns am Lebensende unsere Lebensbilanz mit ihren Aktiva und Passiva und damit zugleich, was es aufgrund der jetzt erreichten Kompetenz in Zukunft zu leisten gibt, was es aufgrund von Fehlleistungen auszugleichen gilt. Indem wir Buchführung in dieser Weise üben, begründen wir auch, vorbereitend, dieses Anschauen unserer eigenen Lebensbilanz durch das Aufmerksamwerden auf das in uns ver- borgene Wesen des kleinen Hüters; wir bereiten die Begegnung mit ihm und das Verständnis für uns selbst am Lebensende oder â bei entsprechen- dem Schulungsverhalten vorher â schon vor. Buchführung ist nicht nur ein zufälliges äuÃeres Mittel zur kaufmännischen Beherrschung von Tatsachen; sie ist auch ein Ãbungsinstrument dafür, die Beherrschung des eigenen Wesens, seiner Kräfte und Unvollkommenheiten schrittweise zu üben. Sie hilft Selbstständigkeit im Leben zu begründen und zu erhalten: gegenüber 3 Vgl. RUDOLF STEINER, Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?, Dornach 2005, GA Nr. 10 54 55 der Sinneswelt wie gegenüber der sozialen Welt, gegenüber der geistigen Welt. Sie gehört als pädagogisches Mittel in unsere Zeit, sie gehört zur âall- gemeinenâ Bildung jedes einzelnen Menschen, der sich selbst zu verstehen versucht. Es lohnt sich, sie zu erlernen! Und: Es kann und wird dafür nie zu spät sein! Indem wir uns all diesem stellen, es unserer Zeit gemäà ergreifen, erfüllen wir zugleich vielleicht eine Aufgabe, die die Tat des Luca Pacioli vor 500 Jahren heute in sachgemäÃer Weise fortsetzt und seinen geistigen Ansatz in unserem Leben neu fruchtbar werden lässt. 54 55 3 Das Eigenkapital im Spiegel der Bilanz Eine Herausforderung an unser Unternehmensverständnis* Wovon die Rede sein soll Wenn wir für ein Unternehmen eine Bilanz aufstellen, so verstehen wir dies als Versuch, uns über Vermögen und Lage dieses Unternehmens qualifiziert Rechenschaft abzulegen, seine Gestalt und seine Werte so sachgerecht wie möglich zu erfassen. Wir sprechen zunächst von Tatsachen, die wir durch das Rechenwerk der doppelten Buchführung in ZahlengröÃen abbilden. Wenn wir von aktiven Vermögenswerten oder von Schulden reden, wis- sen wir, was wir meinen. Welche Sachverhalte aber meinen wir, wenn wir vom Eigenkapital eines Unternehmens sprechen? Wir bilden dabei nichts ÃuÃeres ab, können daher nicht â wie vorher â unserer Sache in gleicher Weise sicher sein. Ist dieses Eigenkapital nur â als Saldo aller anderen aktiven oder passiven Vermögenswerte (insbesondere inklusive der den Vermögenswerten âanhaftendenâ Verpflichtungen) â eine rechnerische GröÃe ohne eigenen weiteren Realitätsbezug? Meint Eigenkapital lediglich das als aktives Vermögen (abzüglich der Unternehmensschulden) bereits erfasste Vermögen â dessen âInbegriffâ gleichsam â noch einmal? Oder gibt es auch hier eine den anderen Bilanzpositionen vergleichbare eigene Wirklichkeitsdimension, die wir erfassen können? Sprechen wir von einem realen Sachverhalt? Welcher Art ist er? Dieser Frage will der folgende Bei- trag nachgehen. Bilanzierung als Lagebestimmung und Lernvorgang Wer als Unternehmer für ein Unternehmen gleich welcher Art verantwort- lich und dementsprechend rechenschaftspflichtig ist, muss regelmäÃig â in bestimmten zeitlichen Abständen beim Aufstellen des Jahresabschlusses oder aus anderem gebotenem Anlass â für dieses âBilanz ziehenâ, das heiÃt er muss sich die Welt- und Kräfteverhältnisse im einzelnen vergegen- wärtigen, in denen er mit seinem Unternehmen steht, mit denen er es bei dessen Führung zu tun hat. Er muss sich in solcher Lage fragen, wie er mit * Erschienen in: Bilanzierung und Besteuerung der Unternehmen, Festschrift für Herbert Brönner, Stuttgart 2000, S. 109 ff. 56 57 den gegebenen â vornehmlich selbstgeschaffenen â Verhältnissen dieses Unternehmens zurechtkommt, welche Aufgaben sie ihm stellen, wohin sie ihn führen, wohin er sie führen will. Er vergegenwärtigt sich dazu ei- nerseits die gegebenen Verhältnisse, die er vorfindet oder die er durch sein bisheriges Handeln herbeigeführt hat (einbezogen selbstverständlich das Handeln der mit ihm zu diesem Werk verbundenen Menschen). Dies gibt ihm zugleich Anlass, sich seine damit gegebene Aufgabenstellung zu ver- gegenwärtigen, sie erneut zu prüfen, ihre Zielrichtung erforderlichenfalls â oder wenn ihm dies selber richtig erscheint â neu auf die damit erkann- ten Herausforderungen auszurichten. So war es ja auch zu früheren Zeitpunkten der Lagebestimmung (Bilanzie- rung) und der Aufgabenerfassung gewesen â nur sieht man gegenwärtig in jedem Falle besser, was effektiv bewirkt werden konnte: In welchem MaÃe man damals die Lage richtig einschätzte und die eigenen Kräfte, mit ihr fertig zu werden; man sieht, was erreicht wurde und welche Hinder- nisse sich ergaben. Damit verbindet sich die Frage: Hätte man es besser, anders machen sollen, hätte man es besser machen können? Wären heute erkennbare Fehler vermeidbar gewesen, hätte man auf unvorhergesehe- ne Ereignisse besser reagieren, sie früher erkennen können? Lage, Kraft wie Schicksal des eigenen Wollens, des eigenen Unternehmens werden so bewusst. Und zugleich mit diesem wird der eigene Gestaltungswille aufgerufen â zu präziserer Planung für die Zukunft, zu umsichtigerem Vorgehen in ihr; kurz: Er wird zu neuem Lernen geführt. Neues Werden erhält seine Richtung aus verstandenem alten. Ein neuer Lebens- und Handelnsabschnitt (âGeschäftsjahr, Planungsperiodeâ usw.) wird ein- geleitet. Manchmal sollte dieser Abschnitt einen âturn aroundâ für das Unternehmen bringen; wenn er gelingen soll, so bedarf es jedenfalls der Anspannung aller Kräfte. Was erfassen die primären Bilanzfelder? Blicken wir aber zuerst auf die Lage. Was ist der Vermögens- oder So- zialausschnitt unseres Unternehmens im gesellschaftlichen Ganzen, das wir so ins Auge fassen? Als engeres âbilanzierungspflichtiges Feldâ geraten da, wie selbstverständlich, die dem Unternehmen anvertrauten, von anderen oder von ihm selbst geschaffenen Werte ins Blickfeld: die von anderen erworbenen Vorleistungen (Rohstoffe, Vorprodukte usw.), 56 57 die von uns bereits bearbeiteten Vorleistungen (halbfertige Erzeugnisse, Waren) sowie die Instrumente der eigenen Wertschöpfung (selbst herge- stellte oder erworbene Produktionsmittel), die Instrumente des eigenen Wertschöpfungsbeitrages (âvalue addedâ) im ganzen gesellschaftlichen Wertschöpfungsgeschehen, in das unser Unternehmen einbezogen ist. In dieses engere, unmittelbar sinnenhaft anschaubare Feld der (aktiven) Vermögenswerte, das wir uns durch Zählen, Messen, Wiegen (Inventur) vergegenwärtigen, ragt aber sogleich das soziale Umfeld herein, das zu un- serem Unternehmen im weiteren Sinne gehört: seine Kunden- und Liefe- rantenbeziehungen vor allem. Aus den Bedürfnissen unserer Kunden hat- ten wir ja unsere Unternehmensaufgabe geformt; die Leistungen unserer Lieferanten (einschlieÃlich unserer Berater) zogen wir für unseren eigenen Leistungsprozess heran bzw. wir zogen unsere Vorleister selbst in diesen Prozess hinein. Sie vertrauten nämlich unserer Kraft, alles richtig zustande zu bringen, und gaben uns Kredit; wir taten ähnliches in Richtung unserer Kunden. Lieferantenschulden und Kundenforderungen â grundsätzlich ein Feld gegenseitiger Vertrauensbeziehungen (sonst gäbe es sie nicht) â re- sultierten daraus und wurden so Bestandteil unseres engeren Bilanzfeldes. Das soziale Beziehungsnetz unseres Unternehmens geht selbstverständlich darüber hinaus, ist viel umfassender als der Teil, den wir von ihm â durch Leistungen füreinander verursacht â bilanzieren. In diesem Beziehungsnetz und durch es existieren wir als selbständig handelndes Glied des Ganzen â insbesondere seines Wertschöpfungsgeschehens. Ein Gleiches gilt für das âengereâ Feld der Gesellschafter-, Partner- und Mitarbeiterbeziehungen: In ihnen können unendlich weitreichende Schicksalsbeziehungen stecken; sie werden aber innerhalb unseres Bilanzierungsfeldes nur bewusst abgebildet (âbilanzierungspflichtigâ) soweit sie zu noch nicht abgerechneten Leistun- gen (offene Mitwirkungsschulden wie Löhne und Gehälter usw.) geführt haben oder sich in veräuÃerbaren oder verrechenbaren Werten (Vorräten oder Anlagegütern) niederschlagen; auch hier ist nur eine âTeilmengeâ des sozialen Beziehungsfeldes erfasst und ausgewiesen (bilanzierungspflichtig) geworden. Fassen wir, was wir uns mit dem Dargestellten knapp verge- genwärtigt haben, hinsichtlich seiner Bilanzierungsfolgen zusammen, so kommen wir zunächst zu drei qualitativ unterschiedlichen Bilanzfeldern in unserer Unternehmensbilanz: 1. den anvertrauten durchlaufenden Leistungen (Werten) des gesell- schaftlichen wie unternehmerischen Wertschöpfungsgeschehens (Um- laufvermögen, Vorräte), 58 59 2. den erworbenen oder selbst hergestellten Instrumenten für dieses Wertschöpfungsgeschehen (Anlagevermögen, Produktionsmittel), 3. den bilanzierungspflichtig gewordenen Hilfen Dritter â oder solchen für Dritte â beim Aufbau unseres Leistungssystems (Unternehmen), die uns wechselseitig als Kredit- oder Verschuldungsrelationen mit Lieferanten oder Abnehmern insbesondere im sozialen Beziehungsfeld unseres Unternehmens verbinden, den Verbindlichkeiten. Für den hier behandelten Zusammenhang vernachlässigen wir dabei die (aktiven und passiven) Posten der Rechnungsabgrenzung und beziehen sie kurzerhand in die bereits genannten Felder mit ein. Sie dienen der periodengerechten Erfolgsermittlung â und damit der sachgerechten Bi- lanzierung des eigenen Kapitals. Ebenso rechnen wir hier die Forderungen kurzerhand dem Umlaufvermögen zu, obwohl sie â wie die Verbindlich- keiten â soziale Relationen (Werte, aber keine Dinge) darstellen. Für den hiesigen Zusammenhang sind die hier möglichen Unterschiede jedoch ohne besonderen Belang. Das Eigenkapital als Bilanzfeld eigener Art Mit Letzterem haben wir zugleich das Stichwort für das vierte Bilanzfeld genannt, dessen Sachverhalten wir im Folgenden genauer nachgehen wol- len: das Eigenkapital des Unternehmens (§ 266 Abs. 3 HGB). Es besteht am Beginn eines Unternehmens, soweit geleistet, aus dem âgezeichneten Kapitalâ (ggf. verrechnet mit noch âausstehenden Einlagenâ). Mit dem gezeichneten Kapital ist neben der Finanzierungsfunktion dieses Kapi- talbeitrages vor allem auf eine rechtliche MaÃgröÃe zur Feststellung von Mitgliedschaftsrechten der Anteilseigner (der Begrenzung der Gesellschaf- terhaftung gegenüber Gläubigern § 272 Abs. 1 HGB dienend), auf eine MaÃgröÃe zugleich zur Bestimmung wirtschaftlichrechtlicher Krisenpunkte (Ãberschuldung, Verlust des halben Zeichnungskapitals usw.) des Unter- nehmens abgehoben, die uns im Folgenden aber weniger interessieren soll. Unser Erkenntnisinteresse gilt hier dem mit dem Wort âEigenkapitalâ in der Bilanz abgebildeten Sachverhalten selbst â in faktischer wie wesens- mäÃiger Hinsicht. 58 59 In diesem Sinne können wir im Eigenkapitalbereich des Unternehmens zwei Grundsachverhalte unterscheiden: â den Kapital- bzw. Mittelzufluss gemäà âZeichnungâ durch direkte Leis- tungen von auÃen (AuÃenfinanzierung); er ist neben dem Grund- oder Stammkapital vor allem zu finden in Kapitalrücklagen, Agio, Zuzahlun- gen über das Haftkapital hinaus und ähnlichem sowie die â Kapitalbildung aus eigener Wertschöpfung (Innenfinanzierung), die sich in Gewinnrücklagen und anderen Ergebnisresten des internen Leistungs- geschehens (Ergebnisvorträge, Jahresüberdeckung) zeigt oder die sich in selbstgeschaffenen stillen Reserven, die im âKurswertâ des Kapitals wie- der erkennbar werden können, niedergeschlagen hat. Nur die Kapitalbildung aus eigener Wertschöpfung, die Innenfinanzierung, soll hier â als Gegenstand unseres Erkenntnisinteresses â näher untersucht werden, da es sich beim Kapitalzufluss von auÃen â wie bei allen Verbindlich- keiten â letztlich immer nur um unternehmerisches Leihkapital handelt.1 Dies zeigt sich ganz offensichtlich im Liquidationsbeteiligungsanspruch des Kapi- talgebers (Aktionärs usw.), der deutlich macht, dass die eingezahlten Mittel als entsprechende âAuskehrungenâ am Ende an den Einzahler zurückflieÃen sollen. Wir erkennen daraus, dass es sich beim eingezahlten Kapital eben auch nur um Fremdkapital gehandelt hat. Es war allerdings von besonderer Art, da es haftungsmäÃig im Ernst- oder Liquidationsfalle an letzter Stelle steht (grund- sätzlicher Rangrücktritt gegenüber anderen Verpflichtungen). Auf diesen Unterschied kommt es für uns nicht immer, aber im Folgenden zuweilen, an. Die Bilanz als Gleichung Das schon angesprochene vierte Bilanzfeld hat nun die bereits erwähnte besondere Eigenheit, dass es sich als Saldo der drei anderen Bilanzfelder darstellt.2 Wir haben als Bilanzierende dieses Eigenkapital richtig ermittelt, 1 Mit diesem Sinnverständnis ist der Kapitalbegriff sogar ursprünglich gebildet worden; er bedeutete im Mittelalter âden Hauptstamm einer geliehenen Summe Geldesâ im Unterschied zu aufgelaufenen Zinsen. âKapital wurde aufgenommen, ausgerechnet, ausgezahlt und aus- geliehenâ. KUPPLER, B., Kapital im Wandel, Baden-Baden 1988, S. 17 m.w.N. 2 Forderungen aller Art schlagen wir, wie schon erwähnt, vereinfachend dem Umlaufver- mögen zu (oder wir saldieren sie bei Verbindlichkeiten) â auch wenn (oder: weil) letztere eine soziale Relation darstellen wie die Verbindlichkeiten. 60 61 wenn wir die drei anderen Bilanzfelder in der von der Sache geforder- ten Art vollständig erfasst, richtig bewertet und danach untereinander verrechnet haben. Für die Darstellung der richtigen ZahlengröÃe des Eigenkapitals bedarf es bekanntlich keiner eigenen neuen Inventur im Sachvermögensbereich des Unternehmens (und seiner Verbindlichkeiten); seine rechnerische Ermittlung durch schlichte Saldierung der drei anderen Bilanzfelder oder â zur Sicherheit â durch Verrechnung der AusgangsgröÃe (Anfangskapital) mit dem Saldo der Gewinn- oder Verlustrechnung (als VeränderungsgröÃe) genügt zur Feststellung seines aktuellen Standes.3 Das Eigenkapital erscheint hierbei gewissermaÃen als die âQuintessenzâ des anderen Unternehmensvermögens â ohne eigenen (erneuten) Sach- wert- oder Wirklichkeitsbezug und demzufolge auch ohne erneute Sach- verhaltsfeststellung. Das ist â in aller Einfachheit â eine Feststellung, die auch den âFachmannâ immer wieder staunen machen darf â vor allem der Umstand, dass diese Tatsache unterschiedlich erläutert (erklärt?) werden kann. Man kann sie ja zunächst ganz einfach dadurch erklären, dass eine Bilanz â mathematisch gesehen â eben ânichts weiterâ als eine Gleichung (âAktiva gleich Passivaâ) folgender Art ist: Anlage- + Umlaufvermögen = Eigenkapital + Verbindlichkeiten, die bei der Feststellung des gesuchten Eigenkapitals nach diesem hin âauf- gelöstâ wird: Eigenkapital = Aktivvermögen ./. Verbindlichkeiten. Diese führt bei richtiger Erfassung des aktiven Vermögens und der Ver- pflichtungen zum gesuchten Eigenkapital als quantitativer ZahlengröÃe.4 Ist das nicht âzu wenigâ, ist das nicht âzu einfachâ dieses: âNichts weiter als eine Gleichungâ? 3 Man könnte höchstens ergänzen (oder einwenden wollen): Auch die Titel des gezeichneten Kapitals wird man ja doch irgendwie inventurartig feststellen. Richtig: wie Verbindlichkeiten eben, die sie, wie dargelegt, im Grunde auch sind. 4 Vgl. etwa BUDDE / HAUG, Anm. 6 zu § 267 HGB in der 4. Auflage des Beckâschen Bilanzkom- mentares, München 1999. 60 61 Die doppelte Buchführung als geistesgeschichtlicher Bewusstseinsschritt Das damit Gesagte ist viel und wichtig â aber vielleicht noch nicht alles. Wichtig daran ist, sich klarzumachen, dass mit Beginn des 15. Jahrhun- derts in Oberitalien eine neue Verständnisart für soziale Gebilde (Unterneh- men) entwickelt wird, die es erlaubt, die wirtschaftliche Dimension solcher Sozialgebilde mit neuer Sicherheit zu erfassen: die doppelte Buchführung (Buchhaltung). Diese neue Sicherheit des Erfassens folgt daraus, dass man sich im Bilanzieren die Kraft- und Problemlage eines Unternehmens in sei- nen Aktiven und Passiven vollständig für einen Zeitpunkt, den Bilanzstich- tag, vergegenwärtigt â und die Veränderungen dieser Ausgangsgleichge- wichtslage Schritt für Schritt in den Buchungen der diese Veränderung auslösenden âGeschäftsvorfälleâ verfolgt (und festhält) bis wir uns die an- gesprochene Kraft- und Problemlage unseres Unternehmens in einer neuen Bilanz, der Schlussbilanz des Rechenschaftszeitraumes, erneut vergegen- wärtigen (dokumentieren). Die neue Sicherheit dieses Erfassens resultiert daraus, dass mit ihr nun alle Lebensschritte des Unternehmens ausnahms- los verständnishaft zurückverfolgt werden können, so dass Buchführung zugleich zu einem sozialen Lernvorgang wird â zumindest werden kann. âDoppeltâ ist diese Buchführung nicht, weil etwa unnütze (doppelte) Arbeit getan wird, sondern weil man sich bei jedem Lebensvorgang (Ge- schäftsvorfall) klarmacht, dass er einerseits tatsächlich passiert ist (und welche wertmäÃig messbare Dimension er hatte) und dass mit ihm an- dererseits ein Sinn verbunden war, den man in der jeweiligen âGegenbu- chungâ festhält. Insoweit sagt uns die Unternehmensbilanz: Alles, was in der Welt unseres Unternehmens vorgeht, hat (seinen) Sinn. Die Welt eines Unternehmens ist in allen ihren Vorgängen und Entwicklungsschritten ver- stehbar â und wir können aus ihren Vorgängen, die wir in der Buchführung dieser Art verfolgen und festhalten lernen, uns selbst als verantwortlich handelnde Menschen entwickeln. Das Weltgeschehen flieÃt nicht einfach so dahin, sondern es wird so als Ort aktiven menschlichen Handelns, als Ort menschlicher Ichwerdung verstehbar. Diesen geistesgeschichtlich neuen âTonâ vernimmt man, wenn man die sachliche Begeisterung, die aus diesem bewusstseinsgeschichtlichen Lern- schritt resultiert, in der âAbhandlung über die (doppelte) Buchhaltungâ in der âSummaâ des Franziskanerpaters und Universalgelehrten Luca Pacioli 62 63 â eines Freundes des Leonardo da Vinci â spürt und ihren neuen, die soziale Welt ergreifenden Stil erfasst.5 Man darf die Nüchternheit dieses Erfassens aber nicht als mathematisch-formalistischen Nominalismus abtun, sondern man kann das verbleibende Rätsel â den Wirklichkeitsbezug des Kapitalfel- des nämlich â als neue Erkenntnisaufgabe verstehen, die uns weiterführen will. Eigenkapital als ânegativeâ Realität? Denn das Rätselhafte dieser Verständnislage â Eigenkapital als âSaldoâ des übrigen Unternehmensvermögens, als âbloÃe DifferenzgröÃeâ zwischen Fremdkapital und Bilanzsumme â bleibt ja der Realitätsbezug dieser GröÃe. Ist er nichts anderes als der schon gegebene, bis ins Abs- trakte hinein âverdünnteâ Realitätsbezug der drei anderen Bilanzfelder? Ist er nichts anderes als die âinbegrifflicheâ Wiederholung des bereits sachverhaltlich zuvor Festgestellten? Entspricht dem Eigenkapitalfeld der Bilanz nichts qualitativ Eigenes in der Realität? Hat es kein eigenes Wesen? Diese Frage soll uns jetzt weiterführen. Verschärfen wir die Frage nochmals aus der Sicht des Bilanzierenden: Dem Inhalt der drei anderen Bilanzfelder entsprach jeweils ein im sin- nesmäÃigen vorfindliches Substrat: die Rohstoffe, Vorräte oder andere Sachwerte im Umlaufvermögen; die Produktionsmittel, der Grund und Boden usw. als Instrument, als âGrund-Lageâ des betrieblichen Wertschöpfungsgeschehens: die sinnesmäÃig dokumentierten (oder dokumentierbaren) sozialen Relationen von Forderungen und Ver- bindlichkeiten (einschlieÃlich der âungewissenâ Verbindlichkeiten). Vom Vorhandensein des jeweiligen, dem Bilanzfeld entsprechenden Realitätssubstrates konnten wir uns mit den uns vertrauten Methoden des Sinneswelterfassens â Messen, Zählen, Wiegen (Saldenbestätigung einbezogen) â überzeugen. Im Vergleich zu dieser Erfahrungssicherheit unseres gewöhnlichen Alltagsbewusstseins geraten wir beim vierten Bi- lanzfeld, dem Eigenkapital, zunächst in eine gewisse Unsicherheit. Wir 5 Vgl. PACIOLI, LUCA, Abhandlung über die Buchhaltung, Stuttgart 1933 (Neuauflage) und HARDORP, BENEDIKTUS, Lebensorientierung durch Buchführung, DIE DREI, 12/994, S. 1007ff. oder in: Unternehmensführung – Wirtschaftsethik – gesellschaftliche Evolution, Hrsg. KAPPLER, EKKEHARD / SCHEYDT, TOBIAS, Gütersloh 1995, S. 281 ff. 62 63 ermitteln dessen Inhalt durch eine â rein subjektive? â innerseelische Bewusstseinsoperation: Wir rechnen einfach nach, wir lösen die Bi- lanzgleichung nach dem Eigenkapital hin auf. Wir zählen, messen oder wiegen aber nicht mehr im gewohnten Sinne. Was tun wir eigentlich? Wir stellen doch etwas fest â und zwar in si- cherer Weise: die BilanzgröÃe âEigenkapitalâ! Wir sind uns dabei ganz sicher: Sie muss so groà sein wie sich dies aus dem Denkvorgang der Gleichungslösung ergab. Es handelt sich um eine bestimmte, in ihrem Ausmaà âbis auf den Pfennig genauâ angebbare GröÃe. Sie ist für uns eindeutig eine âmengenmäÃigeâ Realität. Von ihrer GröÃenbe- stimmung jedenfalls sind wir fest überzeugt. Ihr substantieller Inhalt dagegen scheint entweder nicht vorhanden zu sein oder sich unserer Beobachtung noch zu entziehen. Wir bemerken etwas ânicht-so-ohne- weiteres-Beobachtbaresâ. Erfassbar ist zunächst nur ein â gröÃenmäÃig bestimmtes oder bestimmbares â Loch (âblack boxâ) in unserer sonst gewohnten Erfahrungsrealität, eine Art Quasar in unserem Bewusst- sein. Es ist offenbar etwas da, was sich unserem gewohnten Bewusst- seinszugriff (noch) entzieht. Wären wir den âpraktischenâ Umgang mit dieser GröÃe nicht so gewohnt: Die Erfahrung müsste uns beunruhigen; wir schweben offenbar etwas im âluftleerenâ Raum. Eigenkapital als Grenzerfahrung Lassen wir das ruhig einen Moment auf uns wirken. Wir sind vielleicht an einem âGrenzortâ des gewöhnlichen Erkennens. Gideon Spicker, der Münsteraner Philosoph (1840-1912), hat diese Grenzerfahrung in der Zeit der letzten Jahrhundertwende als groÃe Beunruhigung seines Den- kens deutlich empfunden und beschrieben, die in der â für das gewöhn- liche Bewusstsein undurchschauten, aber unvermeidbaren â Hinnahme der âRichtigkeit des Denkensâ liegt.6 Denn: Ich kann diese Richtigkeit meines Denkens nur mit diesem Denken selbst bezweifeln â und das setzt die Ãberzeugung von dessen gesuchter Richtigkeit ja bereits voraus, sonst wäre sogar mein Zweifel unmaÃgeblich. Dieser âunbe- zweifelbare Zweifelâ hatte einst für Descartes (1596-1650) zur ersten 6 Vgl. hierzu STEINER, RUDOLF, Von Seelenrätseln, GA 21, im Abschnitt IV, 3 âVon der Abs- traktheit der Begriffeâ â oder HARDORP, BENEDIKTUS / SPICKER, GIDEON, GOETHEANUM 7/1952, S. 219 ff. m.w.N. 64 65 Sicherheit der eigenen Wesenserfahrung geführt: Ich denke zweifelnd, erlebe deutlich den Zweifel an aller Welterkenntnis; dass mich aber die- ser Zweifel erfüllt, ist unbestreitbar. Das Seelenerlebnis dieses Zweifels ist gewiss! âCogito, ergo sumâ war die klassische Formulierung dieses Erlebnisses. Es war eine Art geistiges Aufwacherlebnis für Descartes zum ersten Erfassen des eigenen Wesens. Der groÃe Ich-Philosoph Johann Gottlieb Fichte (1762-1814) hat dieses Erlebnis, als positive Ich-Setzung, vertieft und verdichtet, in seiner âWissenschaftslehreâ beschrieben. Der erkennende Mensch wird sich im Erfassen des âsich selbst setzenden Ichâ einer neuen Qualität seines Erkenntnisvermögens bewusst. Vor einem ähnlichen Erkenntnisproblem stehen wir offenbar auch mit der Frage nach dem Realitätssubstrat des in jeder Eigenkapitalbilanzie- rung Erfassten. In der uns zugänglichen GröÃenbestimmung des Eigen- kapitals haben wir nur so etwas wie einen Schattenwurf, wie eine âNe- gativ-Erfahrungâ davon; es muss aber etwas Zusätzliches da sein, das sich â seinem Wesen nach â unserer zugreifenden Erfahrung zunächst noch entzieht. Wie eine Art âLochâ in der (uns bisher bekannten) Rea- lität, das zugleich etwas wie eine eigenartige geistige Sogwirkung auf uns ausübt, erfahren wir es zunächst; wir möchten es danach besser verstehen und erfassen lernen. Wir haben mit der vorauslaufenden GröÃenbestimmung zwar einen ersten schattenhaften Umriss erfahren â aber damit nur einen Anfang der Sache in die Hand bekommen. Es muss noch den Sachverhalt selbst, ein sachlich-wesenhaftes Substrat des Erfahrenen geben; wir sprächen sonst von einem rechnerisch-for- mal bestimmbaren Nichts. Das könnte uns nicht befriedigen. Auch der Hinweis darauf, dass der konkret feststellbare und vollzogene Geldzufluss, der im Unternehmen beim ursprünglichen Beteiligungsakt zum Beispiel vorgekommen ist und der einen bestimmten Sinn hatte â den der mitgliedschaftlichen Beteiligung am Unternehmen und sei- nem Schicksal etwa â erklärt das Wesen des Eigenkapitals keineswegs. Denn das zugeflossene Geld wurde als solches ja in der âKasseâ â also in einer Bilanzposition der Aktivseite â vereinnahmt. Mit der Gegenbu- chung im âgezeichnetenâ Kapital wurde diesem Vorgang gleichsam ein âDenkmalâ gesetzt, welches das entstandene Rechtsverhältnis der am Unternehmen Beteiligten dokumentiert â aber noch nicht das Wesen des Kapitals erläutert, bestenfalls eben die Frage danach auslöst und 64 65 verdeutlicht. Zudem steht das eingezahlte Kapital â wie schon erwähnt â eher auf der âRangstufeâ von Verbindlichkeiten, weil es für dieses immer eine (letzte) Rückzahlungsverpflichtung gibt, was den Kreditcha- rakter dieser GröÃe erkennbar macht. Also auch hier erhalten wir keine positive Auskunft über das sachverhaltliche Substrat des im Bilanzfeld vornehmlich für das im Wertschöpfungsgeschehen des Unternehmens selbst geschaffene Eigenkapital. Was also bilden wir im Erkenntnisin- strument der Bilanz in dieser â doch notwendigen â Position ab? Die unternehmerische Konfigurationskraft Die damit genannte Fragestellung führt uns aus der Welt der Sachen in die Welt der Kräfte. Kräfte âliegen nicht herumâ, sondern offenbaren sich in und an dem, was sie bewegen; sie sind gar nicht, wenn sie nichts â wenigstens wie die potentielle Kraft eines Stausees â bewegen. Wir können sie sogar âmessenâ, wenn wir damit nicht die Länge, Breite oder Höhe eines sinneswelthaft vorhandenen Phänomens meinen. Kräfte â angefangen bei der Elektrizität â sind selber unanschaulich, verborgen, âokkultâ; sie sind aber wirksam und in ihren Wirkungen â oder über diese â auch erfassbar. Wir müssen unser Bewusstsein aller- dings zu ihnen erkennend âerhebenâ â sie kommen selbst nicht zu uns ohne unsere denkende Tätigkeitsentfaltung (anschaubar) âherabâ. Sie fallen uns â als erkennenden Wesen â nicht âvor die FüÃeâ. So ist es auch hier. Wir haben nämlich bisher (noch) nicht (ausdrücklich) bedacht, dass das Sachvermögen und die mit ihm verbundenen Ver- pflichtungsphänomene (vulgo: Schulden) eines Unternehmens zugleich mit ihrem Sach- oder Bezugscharakter eine Konfiguration offenbaren, in der sich der unternehmerische Wille offenbart, der sie zu dieser Konfiguration gefügt, sie in diese gebracht hat. Wir stoÃen auf eine als solche unsichtbare Kraftgestalt. Nichts von dem, was Vermögen und Schulden als zu einem Unternehmen zugehörig erkennen Iässt, wäre so, wie es vorfindbar ist, wenn es nicht von diesem unternehmerischen Willen konfigurativ so geprägt worden wäre, wie wir es vorfinden. Der gegebene konfigurative Zusammenhang wird dem Naiven spä- testens dann deutlich, wenn er Vermögensteile des Unternehmens ohne ausreichende rechtliche Verständigung mit den Berechtigten aus dem gefügten Zusammenhang entfernen oder etwa eingegange- 66 67 ne Verpflichtungen nicht erfüllen will. Dann wird sich die das Ganze zusammenhaltende unternehmerische Kraft sehr deutlich â unter Um- ständen unangenehm für den Betroffenen â bemerkbar machen und ihre Beachtung fordern. Wir bemerken an solchen Punkten, dass wir an einen Realitätsbereich, einen Kraftbereich â genauer gesagt: nicht mehr sinneswelthafter, sondern âüberâ-sinnlicher Art â anstoÃen und damit einer Kraft begegnen, die sich unzweideutig äuÃert und nicht âmit sich spaÃenâ lässt. Das Eigenkapital als Ausdruck dieser Kraft Als Unternehmensberater kennen wir diese Realität, die in jedem Un- ternehmen wirkende Konfigurationskraft, recht gut. Wir wissen auch, dass sie sich oft (zunächst) in einem unternehmerischen Menschen, den wir dann den âPionierâ dieses Unternehmens nennen, offenbart, dass sie grundsätzlich aber an einen einzelnen Menschen nicht gebunden ist, sondern ebenso gut â oder womöglich stärker â über ein unternehme- risches oder, allgemeiner gesprochen, über ein soziales System wirksam werden kann. Es ist die Kraft, die ein Unternehmen erst zu einem Unter- nehmen macht, die ihm seine besondere Gestalt, seine soziale Identität â auch über Generationen hin â verleiht; wir sprechen heute oft von ihr als âcorporate identityâ â und lösen sie damit ihrem Eigencharakter nach von ihren menschlichen Trägern los, durch die sie zweifellos zunächst in Erscheinung tritt. Diese Kraft macht das Unternehmen in seinem inneren Kern aus. Von ihr hängt dessen Schicksal ab. Ist sie den gegebenen Umständen, der vor- gefundenen oder geschaffenen Lage des Unternehmens, gewachsen, so verbreitert sie, Gewinn erzielend, ihre Operationsbasis: Das Eigenkapital wächst. Ist sie den Gegebenheiten (langfristig) nicht gewachsen, so macht das Unternehmen Verluste, geht es den âKrebsgangâ: Das Eigenkapital schwindet. Diese Kraft bildet sich evidentermaÃen im Bilanzfeld des Eigen- kapitals ab; sie â und nichts anderes â ist offenbar das gesuchte Realitäts- substrat, das sich im sinnesweltmäÃig scheinbar substanzlosen Bilanzfeld des Eigenkapitals abbildet. An uns richtet diese Kraft die Frage, ob wir unser Bewusstsein â inmitten der Vielfalt unternehmerischen Einzelgeschehens und der uns umgeben- 66 67 den konfigurierten Sachverhalte â auf sie zu richten, auf sie zu fokus- sieren vermögen.7 Nur durch diese Anstrengung unseres Bewusstseins wird uns die im Konfigurationsgeschehen des Unternehmens wirksame, dessen Realität gestaltende Kraft (Potenz) erkennbar. Ihre Anschauung wird nicht von irgendjemand oder von irgendwoher âgeliefertâ; sie muss â immer neu â von uns selbst errungen werden. Das Tor zu ihr können wir finden, wenn wir â wie vorstehend geschehen â nach dem Realitätssubstrat des Eigenkapitalfeldes der Bilanz fragen und uns dabei des BewusstseinsmäÃigen Qualitätssprunges bewusst werden, der hier â im Unterschied zu den drei anderen Bilanzfeldern â von der Realität des Lebens gefordert wird. Es ist dies sicher nicht der einzige Zugang zu diesem Kraftfeld â aber ein der Erkenntnis möglicher. Jeder unternehme- risch tätige Mensch hat Erfahrung mit ihm â nur verkennt er diese häufig und erfasst das Erfahrene ungenügend, verwechselt die in ihm wirksame Kraft â eine zunächst Iässliche Unternehmersünde â mit sich selbst, statt zu erkennen, dass er sich befähigt hat, ihr zu dienen. Gute Unternehmer kennen den Unterschied. Kapital als Prozess Hat die geschilderte Auffassung nun Konsequenzen für das praktische soziale Leben â oder dient sie nur der erkenntnismäÃigen Beweihräu- cherung einer auch ohne sie gut funktionierenden Welt? Wir machen hier geltend: Sie hat Folgen â und ihr Erkennen ist, wenn es ernsthaft geschieht, bereits eine wichtige. Sie führt uns nämlich von einem zunächst dinghaft-statischen zu einem prozesshaften Weltverständnis.8 Kapital als Prozess, nicht als Sache â was soll es sonst sein? Eine Menge Geld vielleicht â wie viele naiverweise meinen? Doch nein â aus einer Menge Geld wird erst dann Kapital, wenn ein unternehmerischer Wille 7 PIERRE BOURDIEU nähert sich dieser Betrachtungsweise, wenn er sagt: âRelationen sind wich- tiger als Substanzenâ (S. 31), oder wenn er âKapital als Verfügungsmacht im Rahmen eines Feldesâ (S. 41) anspricht und ergänzt, es gleiche den âTrümpfen im Kartenspielâ. Bourdieu blickt aber vornehmlich auf bereits Konfiguriertes, nicht auf die konfigurierende Kraft, auf die es uns ankommt. Vgl. Fröhlich, G., Kapital, Habitus, Feld, Symbol â Grundbegriffe der Kulturtheorie bei Pierre Bourdieu. In: Zur Kultursoziologie der Moderne. Hrsg. G. Fröhlich / I. Mörth, Frankfurt 1994. 8 Wir nähern uns hier auf neue Art dem Weltverständnis eines Heraklit, der mit seinem phi- losophischen Motto âAlles flieÃtâ (Panta rei) das Bewusstsein auf die flieÃenden Weltprozesse lenkte. Dazu auch HARDORP, BENEDIKTUS, Individuelle Initiative und soziale Welt, GOETHEANUM NB vom 3.1.1999, S. 1 f. 68 69 aus ihr â besser: durch sie â ein Instrument wertschöpferischen Wirkens macht. Wer mit âGeldanlagenâ (Finanzanlagen) nur Wettspiele â etwa in der Börsenspekulation oder im Derivatehandel â eingeht, aber selbst dabei keine Werte schafft, bewirkt lediglich eine gesellschaftliche Umverteilung von Vermögen â ein volkswirtschaftliches âNullsummen- spielâ. Werner Otto â einer der herausragenden Unternehmergestalten unseres Jahrhunderts hat dies in diesen Tagen lapidar so formuliert: âAn der Börse werden keine Werte geschaffen, die Shareholder-Value- Ideologie ist eine Pervertierung der sozialen Marktwirtschaft. Da rut- schen wir wieder in den alten Frühkapitalismus hinein⦠Ein Unterneh- men ist eine Gemeinschaft von Menschen⦠Für die Menschen ist die Wirtschaft da. Für die Wirtschaft ist das Geld da. Das ist die Reihenfol- geâ.9 Erfrischend deutlich. Für uns kommt es aber vor allem darauf an, unsere Aufmerksamkeit in der sozialen Wirklichkeit vom geschaffenen, vorhandenen Vermögen auf die wertschaffenden, prozesshaften Kräfte richten zu lernen und diese so bewusst zu machen. Sie schaffen vornehmlich die im Unternehmens- vermögen konfigurierten Werte. Wir wissen das im Grunde längst, wir handhaben diese Kräfte sogar â aber wir scheuen uns gewöhnlich, dies auszusprechen, uns dazu zu bekennen.10 Die Frage nach dem Substrat des Eigenkapitalfeldes der Bilanz hilft uns aber, unser Bewusstsein auf diese unternehmerische Konfigurationskraft zu richten und verstehen zu lernen, dass wir die Frage nach dem Wesen des Kapitals nicht mit dem Hinweis auf Sachen (gleich welcher Art) beantworten können â so wenig, wie wir ein gutes Konzert durch das Instrument des Künstlers oder die Akustik des Konzertsaales etwa zureichend erklären können. Letztere haben unzwei- felhaft als wichtige Voraussetzungen zum Gelingen eines künstlerischen Ereignisses beigetragen; die wesentliche Quelle des Geschehens lag aber in der hervorbringenden Kraft des Künstlers. In sie müssen wir eintauchen lernen, wenn wir Ãhnliches hervorbringen wollen. Kraft muss immer neu entstehen â und sie lebt nur im Hervorbringen. Auch die wirksame hervor- bringende Kapitalkraft können wir nicht anders verstehen; auch sie will von Menschen erübt, als Fähigkeit von ihnen erworben sein. 9 ZEHLE, S., Leben zählt mehr als Geld, DIE ZEIT Nr. 34 v. 19.8.1999, S. 22. 10 Vom umgekehrten Vorgehen möchte uns Mephisto überzeugen, der in Goethes Faust erklärt: âWer will was Lebendigâs erkennen und beschreiben, Sucht erst, den Geist herauszu- treiben. Dann hat er die Teile in der Hand, Fehlt leider! nur das geistige Band.â (Faust I, Vers 1936-1939) 68 69 Kapital und Recht â ein Ausblick Aus all dem ersehen wir, dass der Umgang mit dieser Kraft sozial eines anderen Stiles bedarf als den, den der Umgang mit Sachen von uns fordert. Sachen kann man kaufen, Werte muss man schaffen, Unter- nehmen muss man führen. Solche Führung lebt aber in der konfigu- rierenden Kapitalkraft. Führung schafft Distanz zu den Dingen, schafft Ãberblick, ordnet die Dinge neu und effektiver. Sie belässt es nicht bei solcher Distanz, sondern nutzt sie zu neuer Gestaltung, zu neuer Zielsi- cherheit. Es ist eine Art âSchmiedevorgangâ höherer Art: distanzieren- des Ausholen zuerst, sicheres, kraftvolles Zuschlagen sodann â solange das Eisen âheiÃâ ist. Menschliche Führungskraft muss man daher sozial entdecken und berufen. Man muss sie zum Wirken in die Lage verset- zen. Sie ist von ihrem Wesen her zukunftwärts orientiert und braucht Investitionsmittel, um auf Ziele hin wertschöpfend wirken zu können.11 Genauer: Investitionsmittel werden zu Wertschöpfungswerkzeugen, wenn sie von dieser Kraft ergriffen werden. Sie umkleiden diese Kraft, lassen sie dadurch in der Welt der Tatsachen wirksam werden. Solche Umkleidung nennen wir daher sachgerecht âIn-vestitionenâ. Unternehmensberater ist, wer diesen Prozess seelischen Distanzschaf- fens zur jeweils gewordenen Lage bei den Beteiligten bewirken und die jeweils potenziell vorhandenen Neugestaltungskräfte aufdecken und zielsicher (âschlagkräftigâ) machen kann. Dazu muss sich der Berater in die Prozesse des Unternehmens, in dessen wirkende Konfigurations- kräfte, eindenken können, sie mitleben und sie in diesem Mitleben zu- gleich bewusst machen. Dadurch wird er Gesprächspartner und Helfer im unternehmerischen Prozess. Nur wer in diesen Prozess eintaucht, wird die Tatsachen des Unternehmenskraftfeldes richtig sehen und würdigen können. Nur wer die so vorliegenden Tatsachen unterneh- merisch würdigen kann, kann beraten und die Kraft zu neuem lernen- den Gestalten freimachen und sie fördern. Alles Lernen vollzieht sich zwischen den Polen: Entfaltung von Initiative einerseits â und dis- tanzierendem Rückblick andererseits. Letzterer muss aber so gestaltet sein, dass er neue Initiativentfaltung fordert â und sie dadurch zug- 11 In diesem Sinne sagt man in Schwaben: âSchaffe isch eâ Gschäft – un einteile isch nomohl einsâ. 70 71 leich fördert. Auf diesem Felde wäre der Grund zu suchen, auf dem das Verhältnis einer objektivierenden Prüfung der Unternehmenstätigkeit (und ihres Erfolges) im Jahresabschluss einerseits und der aus ihr Frucht ziehen- den Unternehmensberatung andererseits zu sinnvoller Klarheit führen kann â und ihren wesensmäÃigen Zusammenhang dabei nicht verkennt. Entscheidend wird aber sein, dass die gesellschaftsrechtlichen Arbeits- und Lebensgrundlagen des Unternehmens den Wirkensvoraussetzungen sich entfaltender Initiative gerecht werden und nicht aus dem Rege- lungsansatz, es handle sich überall um Geldmittel oder käufliche Sachen, gestaltet werden. Das Gesellschaftsrecht kann nur das Tor beschreiben, durch das der konfigurierende Kraftstrom des Kapitalgeschehens in das Unternehmen flieÃen kann. Es darf das formende Widerlager dieses Kraftstromes bilden â aber nicht zum Hindernis der Kraftentfaltung werden. Das Gesellschaftsrecht muss vielmehr die wirkende unterneh- merische Kraft legitimieren und zu sinnvoller Entfaltung anregen, es darf sie aber nicht âunterjochenâ (wollen). Es muss vor allem sachge- mäÃe Verfahren entwickeln, die eine qualifizierte Führungsberufung ermöglichen. Denn diese entscheidet darüber, welche unternehmerisch- konfigurierende Kraft im Unternehmen wirksam werden soll und wird. Der Kauf von Unternehmen bewirkt solche Führungsberufung zwar manchmal, stellt sie aber noch keineswegs sicher. Er ist insoweit gesell- schaftlich zu hinterfragen. Mit Letzterem soll dieser Gedankengang hier beendet sein. Es ging dar- um, den Blick aus Anlass der mit jeder Bilanz gestellten Frage, was Kapi- tal â selbstgeschaffenes vor allem â denn seinem Wesen nach sei, in die Richtung der geschilderten Konfigurationskraft zu lenken. Zu leicht wird diese Blickwendung versäumt und â im Grunde tautologisch â erklärt. Kapital, sagt man so, sei eben das, was wir â aus den primären Bilanzfel- dern â schon kennen; es gäbe an dieser Stelle nichts Neues zu berichten oder zu verstehen! âArmut kommt von der Povertät« â hatte das nicht schon Fritz Reuter als unbrauchbares, aber gängiges âWegerklärungs- musterâ vor langer Zeit erkennbar gemacht? Anstelle solcher âNicht- verstehensansagenâ sollte hier deutlich gemacht werden, dass gerade an diesem Punkte ein wesentlicher Schritt eigener Bewusstseinsentwick- lung möglich wird, der von der Sache gefordert ist und einschneidende Folgerungen für unser Verständnis des Kapitals und für unseren Umgang mit ihm haben kann â und sollte. 70 71 4 Goethe und das Geld * Goethe der Ãkonom? Wer in der Gegenwart Goethe für einen ernst zu nehmenden Naturwissen- schaftler hält, muss mit Lächeln oder Achselzucken rechnen; wer ihn gar als Ãkonomen ausgeben möchte, wird voraussichtlich nicht einmal dieses erwarten können. Und doch: Der âOlympierâ hat nicht nur die doppelte Buchführung â und zwar ernst gemeint und begründet â eine der âschöns- ten Erfindungen des menschlichen Geistesâ genannt1, er hat auch in den bildhaft-dramatischen Aussagen seines Faust recht präzise zu den Fragen des Geldwesens unserer modernen Gesellschaft und ihren Problemen mit dem Kapitalismus Stellung genommen. Wir wollen sehen, wo und wie. Aber vorab: Was ist Geld? Unter Bezugnahme zugleich auf die volkswirtschaftlichen Anschauungen Rudolf Steiners (und derjenigen, die seinen Ansatz fortentwickelt haben)2, kann man Geld â neben den von ihm geforderten assoziativen Orga- nisationsformen des wirtschaftlichen Lebens â als das gesellschaftliche Organisationsmittel ansehen, mit dem diese Gesellschaft das Füreinander- tätigsein der Menschen auf wirtschaftlichem Felde organisiert. Weltweit arbeitsteilig ausgebreitet arbeiten Menschen für Menschen, stellen sie ihre Arbeitsfrüchte, ihre Lebenszeitergebnisse anderen zur Verfügung â und leben selbst von den Leistungen anderer, die diese ihnen im Wege des (entgeltlichen) Austausches oder der (unentgeltlichen) Zuwendung zuflie- Ãen lassen. Man kann in diesem lebensvoll organisierten gesellschaftlichen Füreinandertätigsein den Leistungs- oder Wertschöpfungsstrom einerseits und den Geldstrom andererseits unterscheiden. Von der Naturgrundlage ausgehend arbeiten Menschen an der Natur und schaffen Werte, geben * Erschienen in: Perspektiven, Zeitschrift für Wissenschaft, Kultur und Praxis der Universität Witten/ Herdecke, Nr. 28/März 1992, S. 36ff. 1 J. W. V. GOETHE: Wilhelm Meisters theatralische Sendung, 2. Buch, 8. Kapitel. 2 RUDOLF STEINER: Nationalökonomischer Kurs, GA 340; STEFAN LEBER (Hrsg.) u.a.: Wesen und Funktion des Geldes. Stuttgart 1989; oder Ders.: Die wirtschaftlichen Assoziationen. Stuttgart 1988; BENEDIKTUS HARDORP: Elemente einer Neubestimmung des Geldes und ihre Bedeutung für die Finanzwirtschaft der Unternehmung. Heidelberg 1972. 72 73 die geschaffenen Werte â in der Regel Rohprodukte â an andere Unter- nehmen weiter, die das Wertschöpfungsgeschehen stufenweise fortset- zen: So entsteht arbeitsteilig ein Strom konsumfähiger Werte, der durch den gegenläufigen Geldstrom angeregt, geordnet und dabei zwischen den an der Wertschöpfungserstellung beteiligten Unternehmen in Preisen abgerechnet wird. Die geldliche Abrechnungsform bleibt aber für dieses Geschehen nicht neutral, sondern entbindet durch die neuen (geldlichen) Finanzierungsformen für âneue Kombinationenâ (Schumpeter) ihrerseits neue produktive Kräfte; zugleich wird der Leistungsaustausch weltweit â zur Weltwirtschaft, zur âMenschheitswirtschaftâ tendierend â möglich. Der dem Leistungsstrom entgegenflieÃende Geldstrom macht die Abrech- nungsverhältnisse des Leistungsstromes in der Preisbildung â und in den weiteren Geldvorgängen des Leihens und Schenkens â gesellschaftlich bewusst und ermöglicht neue Produktions- und Austauschverhältnisse, die in einer Naturalwirtschaft so noch nicht möglich gewesen wären: Das Geld ist zum gesellschaftlichen Organisationsmittel des Wertschöpfungsstromes geworden. Trotzdem: Das Geld selbst wird nie konsumiert, hat insoweit keinen âEi- genwertâ â auch wenn mit ihm gehandelt, wenn es scheinbar zur âWareâ gemacht wird. Die eigentliche Bedeutung des Geldes liegt vielmehr nach wie vor darin, dass es die Beziehungen der beteiligten Menschen im Wert- schöpfungsgeschehen bewusst und handhabbar macht â gerade, weil es nicht selbst zum Wertschöpfungsstrom gehört. Geld ist â für sich gesehen â nie Konsumwert, sondern immer nur Zwischen- stufe, Anweisung, Vermittler im Wertschöpfungsstrom. Es organisiert die- sen in seinen Leistungsstufen und sorgt für die âFolge-Richtigkeitâ dieser Stufen im direkten Leistungsaustausch oder Kaufgeschehen â man kann es insoweit (mit Steiner) als âKaufgeldâ bezeichnen. Es dient in einer sich ent- wickelnden Wirtschaft darüber hinaus auch den Prozessen zur Schaffung und Erneuerung von Produktionskapazitäten â der Investitionsfinanzierung der Unternehmen; auf diesem Gebiete ermöglicht es die gesellschaftlich bewusste Handhabung aller Anleihe- und Beteiligungsfinanzierungsfor- men zur Bewältigung des nötigen und gewollten Entwicklungsgeschehens im Wirtschaftsbereich; man kann es gesellschaftlich als âLeihgeldgebietâ bezeichnen. SchlieÃlich muss unsere Gesellschaft in der Gegenwart noch lernen, die zusätzlichen (Sach-)Erträgnisse ihrer vermehrten Produktions- bemühungen den Zwecken zu widmen, die ihr gesellschaftlich lohnend 72 73 erscheinen, für die sie leben will, für die sie ihre Mehrerträge erwirtschaf- tet hat. Wer Mehrerträge immer nur âgewinnbringend anlegenâ will, das heiÃt Mehrerträge nur zur Erzielung von Mehrerträgen (âWenn Geld Geld bringen sollâ) verwenden will, bringt sich letztlich um die Frucht seines Bemühens; mit Goethe formuliert: Er… âist wie ein Tier auf dürrer Heide von einem bösen Geist im Kreis herumgeführt und ringsumher liegt schöne grüne Weideâ.3 Unsere Gesellschaft hat, wie wir an dieser Stelle sehen, die vom Geldwesen ermöglichte âneue Produktivitätâ noch nicht voll begriffen, wenn sie die erzielten Mehrerträge nicht lohnenden Zielen widmet: kulturellen Initia- tiven, die das gesellschaftliche Leben voranbringen und es fortschreiten lassen (zum Beispiel in kreativen Formen von Schule und Hochschule usw.). Solche Initiativen treten äuÃerlich als reine Verbraucher auf; in Wirklichkeit führen sie dem sozialen Organismus aber neue Kräfte zu und halten ihn auf Dauer leistungsfähig, beleben ihn. Dies rechtfertigt und begründet es, ihnen â unentgeltlich, schenkweise und möglichst direkt (unter Vermeidung des Steuerweges) â Mittel zu- zuwenden. Hier liegt auch der gesellschaftlich-ökonomische Sinn von Schenkungen und ihren Finanzierungsformen. Investitionsfinanzierungen im engeren Sinne dagegen halten den Leistungsprozess der wirtschaftlich orientierten Unternehmen unmittelbar in Schwung. In allen ist aber das Geld die â um mit Steiner zu sprechen â das Gesamtgeschehen bewusst machende âflieÃende Weltbuchhaltungâ.4 Das Geld und seine Gefährdungen Dieses Geld unterliegt aber vielerlei Gefährdungen. Viele Menschen ma- chen sich das durch eine spontane, naive Ablehnung des Geldes als in seinem Wesen âkulturfremdâ (oder auch âkulturfeindlichâ), als âTeufels- werkâ oder in anderen undurchdachten Ablehnungen des Kapitalismus (âbloÃes Profitstrebenâ usw.) ungenügend bewusst. Aber auch der gegen- 3 Faust I, Studierzimmer, Vers 1.831 – 1.833 4 STEINER, RUDOLF, wie Anm. 2 74 75 wärtig weltweit gefeierte âSieg des Kapitalismus über den Sozialismusâ bringt das Verständnis â für beide â nicht viel weiter. Man kann zwar bei solchen Empfindungen als Problemindikatoren anknüpfen, darf aber nicht bei einer naiven Deutung des Sachzusammenhangs stehen bleiben. Wie hat Goethe â um unser Thema direkt anzugehen â solche Gefährdungen des sozialen Lebens im Bereich von Geld und Kapital gesehen, wie hat er sie dargestellt und gedeutet? Zwei Beispiele: In seinem Faust schildert Goethe die inneren Probleme des Menschen als Erkenntnisringen, als moralisches Verhalten oder Fehlverhalten und â âin der Tragödie zweitem Teilâ â als sozial sich ausprägendes Folgegeschehen dieses Verhaltens. In dieses greifen mit eigenen Zielsetzungen geistig in der Welt wirksame Mächte â die Folgen menschlichen Handelns verstär- kend, sie unter Umständen vergröbernd â ein. Eingriffsort solcher Mächte sind insbesondere menschliche Unzulänglichkeiten, ist das ungenügende Bewusstsein für Inhalt und Folgen dieses Handelns. Eine solche Macht wird von Goethe als Mephistopheles dargestellt; sie âdientâ im Faust bei bestimmten Problemlösungen: bei der Geldbeschaffung am Kaiser- hof zum Beispiel (Zweiter Teil, Erster Akt, âLustgarten â Morgensonneâ) oder bei der Herrschaftssicherung des alten Faust und der damit zusam- menhängenden Vermögensbildung (Zweiter Teil, Fünfter Akt, â Palast â Ziergarten â Kanalâ). Auf jeden Fall: Mephisto ist, Faust inspirierend, dabei. Was wird nun an den erwähnten beiden Stellen geschildert? Verfälschung des Geldwesens durch Inflation Von der ersten Stelle behaupten angesehene Kommentare5: Es handle sich um die von Mephisto inszenierte âErfindung des Papiergeldesâ. Stimmt das? Und wenn: Wäre das denn âteuflischâ? Es wäre doch eigentlich höchst nor- mal; denn es ist ja viel sinnvoller Geld in Banknoten, auf Buchhaltungskonten oder sogar auch âchipsâ zu dokumentieren, als in âechtenâ Goldmünzen oder in âgoldgedecktemâ Notengeld.6 Die Erfindung des Papiergeldes kann 5 Zum Beispiel K.J. SCHROER, bearbeitet von 0. PROSKAUER, Basel 1982, S. 94 und S. 101; diese Faustausgabe wird nachfolgend zitiert. 6 Vgl. HARDORP: Anm. 2, S.166ff. 74 75 nur jemanden schrecken, der an Uraltauffassungen des Geldes wie der des âMetallismusâ noch naiverweise festhält. Goethe schildert im Grunde genommen auch etwas ganz anderes, näm- lich: Wesen und Funktionieren der Inflation. Zu ihr gehört, dass sich ihre Einleitungsvorgänge dem Bewusstsein der betroffenen Menschen in der Regel entziehen. Ihre âErfindungâ (Einleitung) wird beim âFlammengau- kelspielâ des Karneval-Mummenschanzes â der Vorgang wird nur nach- träglich berichtet, selber nicht szenisch dargestellt â gemacht. Sie besagt im Ergebnis: Es werden Geldnoten ausgegeben aufgrund der nach wie vor im Boden vergrabenen, ungehobenen Schätze: âDer Boden ist des Kaisers, der sollâs habenâ.7 Mit anderen Worten: Die Geldseite des gesellschaftlichen Leistungskreislaufes wird durch die neuen Geldnoten vermehrt; auf der Leistungsseite tut sich aber nichts; man träumt vielmehr von verborgenen âSicherheitenâ für das neu ausgegebene Geld, die in noch nicht aufgefundenen vergrabenen Schätzen gegeben sein sollen. Diejenigen, die das neue Geld empfangen â der Kaiser verschenkt es zur Probe8 â haben allerdings nur ihre Freizeitinteressen und vermehrten Kon- sum im Sinn: âIch lebe lustig, heiter, guter Dinge.â âIch schaffe gleich dem Liebchen Kettâ und Ringe.â âVon nun an trinkâ ich doppelt bessre Flasche.â âDie Würfel jucken mich schon in der Tasche.â Usw. usf. â¦9 Niemand verspürt, wie der Kaiser bedauernd feststellt, âLust und Mut zu neuen Tatenâ, das heiÃt niemand unternimmt etwas ökonomisch Ver- antwortungsvolles, investiert etwa in âneue Produktionsumwegeâ (im Schumpeterschen Sinne), um so den Werteinsatz der Investitionen durch ein vermehrtes, konsumfähiges Leistungsangebot zu rechtfertigen und auszugleichen. Die Leistungsseite des wirtschaftlichen Kreislaufes bleibt vielmehr gleich, die Geldseite schwillt an; infolgedessen sinkt zwangsläufig der Geldwert: Wir haben Inflation. Inflation bedeutet (hier): Diejenigen, 7 Faust II, wie Anm. 5, Vers 4.938 8 Vers 6.143 ff. 9 Vers 6.145 â 6.172 76 77 die sich die Autorität anmaÃen, über die Notenpresse (oder auf dem gleichbedeutenden Wege der Kreditschöpfung) Geldzeichen auszugeben, verschaffen sich die Leistungen anderer (ohne deren Einverständnis) und ohne eigene Gegenleistung an die Betroffenen. Die positiv und negativ Be- troffenen â sie verfügen über mehr Geld, andere erhalten entsprechende Minderleistungen â sind während des Vorganges in mummenschanzähnli- cher Hochstimmung und bemerken nicht, was tatsächlich geschieht. Nicht Mehrproduktion, sondern dem Bewusstsein entzogene Umverteilung ist angesagt: Das Umverteilungsergebnis wird in Euphorie geboren und in Euphorie vertan; man lebt von der âKneteâ und denkt nicht darüber nach, woher die stammt â wie der âHeermeisterâ im Faust: âFragt der Soldat doch nicht, woher es kommt.â10 Die eigentlichen Verursacher werden nicht erkannt. So vollzieht sich dies bis heute. Wirtschaftliche Umverteilung durch âBeihakelnâ Die andere Gefährdung des sozialen Organismus wird im fünften Akt ge- schildert. Es scheint nicht mehr die âMorgensonneâ, es bläst vielmehr der âAbendwindâ11; Mephistopheles gibt seinen âGeschäftsberichtâ; man hat natürlich âErfolgâ gehabt: âNur mit zwei Schiffen ging es fort, Mit zwanzig sind wir hier im Port. Was groÃe Dinge wir getan, Das sieht man unsrer Ladung anâ12, aber man hat selbst nichts für Andere geleistet. Dafür hat man die freie (Markt-?) Wirtschaft erfunden â und vor allem: die Lehre vom âBeiha- kelnâ13. âDas freie Meer befreit den Geist, Wer weià da, was besinnen heiÃt! Da fördert nur ein rascher Griff, Man fängt den Fisch, man fängt ein Schiff, Und ist man erst der Herr zu drei, 10 Faust II, Thronsaal, Vers 4.946 11 Faust II, Palast, Vers 11.164 12 Vers 11.173 â 11.176 13 Vers 11.177 â 11.188 76 77 Dann hakelt man das vierte bei; Geht es denn dem fünften schlecht, Man hat Gewalt, so hat man Recht. Man fragt ums Was? und nicht ums Wie? Ich müsste keine Schifffahrt kennen: Krieg, Handel und Piraterie, Dreieinig sind sie, nicht zu trennen.â Mit dieser Lehre findet man auch heute Anklang: Wer möchte nicht die âschnelle Markâ verdienen? Wer intelligent ist, wer ârationalâ denkt und handelt, der verlegt sich â so lehrt uns seit Adam Smith auch die National- ökonomie â, wennâs denn möglich ist, als âhomo oeconomicusâ aufs Bei- hakeln; selber zu arbeiten, Werte für Andere zu schaffen und im Austausch der eigenen Leistungen von Leistungen Anderer zu leben, das ist mühsam! Die âerste Millionâ, das âdritte Schiffâ wird â wie âein Fischâ, mit âraschem Griffâ â gefangen; das nächste âhakeltâ man dann schon âbeiâ. Es geht eben âhartâ zu in der Realität: âMan fragt ums Was? Und nicht ums Wie?â In der Homunculus-Szene hieà es noch: âDas Was bedenke, mehr bedenke Wieâ,14 man ist schlieÃlich kein âWohlfahrtunternehmenâ; Handel und Piraterie sind eben nicht leicht zu trennen. Anders gewendet: Es wird âum- verteiltâ, man verschafft sich die Leistungen Anderer gewaltsam â und wennâs geht, unauffällig, drauÃen auf dem âfreien Meereâ. Mephisto weiÃ, wie manâs macht. Die Gegenwart kennt viele Beispiele für dieses Beihakeln: Abschreibungs- gesellschaften aller Art, Börsenspekulationen (mit Insiderkenntnissen), Unternehmenskäufe in Zwangslagen usw. Der osteuropäische Sozialismus und seine Folgeprobleme â âSeilschaftenâ einerseits, wirtschaftliche Ero- berung im Wege des Beihakelns (âRaffenâ) andererseits â liefern derzeit neue Anschauungsbeispiele. Man muss freilich von dieser Tätigkeit des Bei- hakelns den produktiven, den Wert schaffenden Unternehmerbeitrag im gesellschaftlichen Wertschöpfungsprozess unterscheiden können. Ohne diesen würde das wirtschaftliche Leben stillstehen, ohne ihn könnte nichts gehen. Der produktive Unternehmer, der âSchafferâ, muss vom Umver- teiler, vom âRafferâ, unterschieden werden, wenn wir die wirtschaftliche 14 Faust II, Laboratorium, Vers 6.992 78 79 Welt verstehen wollen. Goethe hat dies in der erläuterten Szene als Er- kenntnisaufgabe des Menschen der Gegenwart deutlich gekennzeichnet, indem er die gesellschaftliche Bedeutung und angewandte Methodik des scheinbar so groÃartigen âGeschäftserfolgesâ (des Mephistopheles) als gesellschaftliches Schmarotzertum offenlegt, besser: entlarvt. Goethe der Ãkonom, Goethe der Kritiker des âmodernenâ Kapitalismus? Etwa nicht? 78 79 5 Preis, Einkommen, Steuer â anthroposophische Perspektiven zu Ãkonomie und Ethik* Das Thema âÃkonomie und Ethikâ scheint â allerorten â aktuell gewor- den zu sein. Das zeigt nicht nur diese Vortragsreihe, die sich ausdrücklich diesem Thema widmet, das zeigen auch viele andere Fragestellungen und Begebenheiten. Man kann, um sich dies zu verdeutlichen, an ökologische Verantwortungsfragen anknüpfen, man kann die Probleme zwischen den Industrienationen und den âarmenâ Ländern, das Nord-Süd-Gefälle, ins Auge fassen, man kann an die âneue Armutâ in den reichen Ländern denken oder an die Schwierigkeit der Finanzierung sozialer Initiativen. Im Bewusstwerden dieser Fragen, der Probleme unserer Welt, kommt offen- sichtlich eine neue Sensibilität für die ethische Dimension unseres Lebens herauf. Wir können uns von den angesprochenen gesellschaftlichen Fra- genbereichen nicht mehr einfach abkehren; wir fühlen uns jedenfalls nicht wohl, wenn wir das tun. Wie aber soll man die genannten Probleme gesellschaftlich angehen? Gibt es in unserer Welt geeignete ethische Instanzen mit der erforderlichen Autorität, bei denen man richtiges Verhalten abfragen kann? Moderne Sybillen etwa? Oder Ethik-Kommissionen? Ist das Christentum eine solche Instanz â und können die Kirchen für dieses sprechen? Oder sind vielleicht, als Alternative zu den vorgenannten Institutionen, die Anthroposophie und die von ihr geprägten Menschen, Bewegungen und Einrichtungen geeignet und berufen, hier die nötigen Auskünfte zu geben, zu sagen, wie man es machen soll? Gerade kürzlich ist eine solche Erwartung im Hinblick auf das anthroposo- phische âGanzheitsdenken in der Wirtschaftâ im Wirtschaftsteil der FAZ ausgesprochen worden.1 Man betont da â welch neuer Ton â die umfas- sende Betrachtungsweise Steiners, sein Hinblicken auf Leib, Seele und Geist des Menschen, seine Lehre von den drei Bausteinen der Gesellschaft, dem Geistesleben, dem Rechtsleben und dem Wirtschaftsleben. Man lobt * Erschienen in: Ãkonomie und Ethik. Moral des Marktes oder Kritik der reinen ökonomischen Vernunft. Hrsg. CHRISTINA MATHIESSEN. Freiburg i. Br. 1990 (Hochschul-Verlag), S. 97ff 1 KARL OHEM, FAZ vom 5.6.1989, S. 13 80 81 dieses alles als ein âSystemâ, als einen Weg zur âHarmonieâ im gesell- schaftlichen Leben. Aber man entdeckt auch gleich den Pferdefuà der Sa- che: Dieser Steiner braucht für seine (löblich ausgedachte) Welt âeine Art neuen Menschenâ, den es natürlich nicht so ohne weiteres gibt, âwährend der Liberale mit dem unvollkommenen Menschen rechnetâ. Idealismus gegen Realismus: Da ist doch klar, wie es ausgeht; der Realismus (dieser Art) wird recht behalten und überleben. Dennoch: Man muss sich mit den anthroposophisch orientierten Leuten, die an so vielen Stellen â Unterneh- merschulung, Waldorfschulen, Medizin, ökologische (biologisch-dynami- sche) Wirtschaftsweise usw. â Erfolg haben, ein Stück weit arrangieren. Sie tun ja nichts Schlechtes. Sie sollen ein bisschen Recht haben â auch wenn sie (unschädliche) Idealisten sind: âDas ganzheitliche Denken ist [. . .] nur ein Weg unter vielen, auf denen auch in der Wirtschaft Menschen suchend weiterschreiten.â Also: Schaden tut der anthroposophische Ansatz sicher nicht, aber durchgreifend wird er nicht sein! Ist das richtig? Ist diese â offensichtlich sehr positiv gemeinte Stellung- nahme â im Kern zutreffend? Kann der anthroposophische Ansatz für Ãkonomie und Ethik in dieser Weise charakterisiert werden? Gehören die Anthroposophen zu der gesellschaftlichen Nachhut, die die offenen gesellschaftlichen Probleme immer wieder ein Stück weit zudecken hilft, ohne doch deren Ursachen zu verändern? Werden hier löbliche kulturelle âSanitätshilfsdiensteâ geleistet, während der Krieg, der âKampf ums Da- seinâ in der Gegenwartszivilisation weitergeht? Ist Rudolf Steiner der gute Mensch, der in schönen Ideenwelten lebt und die reale Welt nicht kennt? Oder hat man â umgekehrt â ihn selbst und seinen Ansatz nicht richtig verstanden? Wir müssen leider für Letzteres plädieren. Rudolf Steiner wartet gerade nicht mit ethischen Ermahnungen im Sinne einer inhaltlichen Tugendlehre, im Sinne ethischer Forderungen von vollkommenen Menschen an weniger entwickelte auf. Er geht die Sache vielmehr in wissenschaftlicher Weise an und zeigt, was im Menschen lebt: Negatives und Positives, soziale und antisoziale Kräfte. Ihm ist die Egoität des Menschen kein Geheimnis. Aber sein Wissen endet nicht bei ihr. Er weiÃ, was aus der Egoität, wenn sie al- lein herrscht, im gesellschaftlichen Leben werden muss: Elend, Armut, Not. Er weià aber auch, wie dem entgegengewirkt werden kann, wenn das, was im Menschen als realer Geist â verborgen oft â doch vorhanden ist, erweckt und wirksam gemacht wird. Er kennt das eine, das Gewöhnliche; 80 81 aber er weià auch, wie das andere, das AuÃergewöhnliche, das Höhere, das ihm entgegenwirkt, entwickelt werden kann. Er nennt die Bedingun- gen solcher Entwicklung und die Mittel zu ihrer Förderung. Und er rechnet damit, dass es Menschen gibt, die das Leben sowohl in seinen tieferen Zielen als auch in den Hemmnissen vor ihnen verstehen und es von seinen Wurzeln her im Sinne sinnvoller menschheitlicher Zielsetzungen ändern wollen. An die Einsichtsfähigen wendet er sich. Rudolf Steiner, der Erkenntniswissenschaftler und Freiheitsphilosoph, verlangt von keinem Menschen, dass er sich ethischer gibt, als ihm das realerweise möglich ist. Er zeigt aber, wie ethischer Wille, wenn und so- weit er vorhanden ist, wirksam gemacht werden kann. Er entwickelt für das individuelle wie für das gesellschaftliche Leben Verfahren, in denen individuelle Menschen (gemeinsam) gesellschaftsverändernd tätig werden können, wenn sie es wollen. Er predigt keine Moral, sondern zeigt, wie man mit den gegebenen Kräften â sachlich und ethisch â vorankommen kann. Aus der Anthroposophie heraus, die den Menschen als geistiges We- sen in seinen Stärken und Schwächen nimmt, wie er ist, aber seine Stärken entwickelt und damit seine Schwächen bekämpft, zeigt er die für die Ge- sellschaft möglichen und nötigen Verfahren auf, in denen den Nöten der Menschheit begegnet werden und in denen sich menschliches Verhalten ethisch entwickeln kann. Anthroposophie ist in dieser Hinsicht eine Ver- fahrenslehre für die Entwicklung von Mensch und Welt, die Bedingungen und Handlungsstrategien für dieses Leben aufzeigt, die Menschen aber zugleich freilässt, wieweit sie von ihr und wovon im Einzelnen sie Gebrauch machen wollen. Anthroposophie ist kein âProgrammâ zu gesellschaftli- chem Wohlverhalten oder für fixiert gedachte âidealeâ Verhältnisse, sie ist kein âWort zum Sonntagâ. Versuchen wir, uns das damit Angesprochene im thematisierten Sachzu- sammenhang von âPreis, Einkommen, Steuerâ deutlich zu machen. Mit diesen Begriffen sind Kardinalprobleme des wirtschaftlichen Lebens der Gesellschaft der Gegenwart angesprochen. Worum geht es in diesem Wirtschaftsleben heute? In der Sprache der Nationalökonomie würde man sagen, um die Befassung mit den knappen Mitteln zur Deckung des Be- darfs in marktmäÃig oder verwaltungsmäÃig geregelten gesellschaftlichen Verfahren. Allgemeiner formuliert können wir davon sprechen, dass es im Wirtschaftsleben um die Bedingungen und das Zustandekommen der wirtschaftlichen Wertschöpfung geht, das heiÃt um den Ausgleich zwi- 82 83 schen den Mangel- und Ãberflussorten dieses gesellschaftlichen Lebens, um den Wertschöpfungsprozess zwischen Produktion und Konsum. Wir können dabei an die Sachverhalte und an die Technik anknüpfen, in der zum Beispiel im Umsatzsteuerrecht die gesellschaftliche Wertschöpfung (der âadded valueâ, der âMehrwertâ) erfasst wird. Da fördert zunächst ein Unternehmen zum Beispiel Rohstoffe oder es erntet Naturprodukte wie Getreide, Früchte, Holz usw. und bearbeitet sie, veräuÃert sie als Rohprodukte an weiterverarbeitende Unternehmen. Diese stellen daraus Waren her und vertreiben sie über den GroÃhandel an den Einzelhandel bis zum Verbraucher. Die umsatzsteuerliche Betrachtung richtet ihren Blick in diesem Geschehen auf den jeweils in den einzelnen Unternehmen dieser Wertschöpfungs- oder Unternehmerkette entstehen- den Wertschöpfungsbeitrag, der als Leistung dieses Unternehmens an die Folgeunternehmen â und am Ende an die Verbraucher â in Preisen abge- rechnet wird. Auf diese Abgabepreise, das umsatzsteuerliche Entgelt, wird die Umsatzsteuer berechnet und erhoben. Sie erfasst jeweils die zusätzliche Wertschöpfungsleistung jedes Unternehmens als Steuertatbestand, indem sie von der Steuer auf die Ausgangsleistungen (Umsätze) die Steuer auf die Eingangsleistungen (Vorumsätze) als âVorsteuerâ (§ 15 UStG) absetzt. Das Unternehmen zahlt auf diese Weise eine Umsatzsteuer in Höhe des von ihm erarbeiteten Wertschöpfungsvolumens oder Wertschöpfungsbeitra- ges an den Fiskus. So wird es jedenfalls in der Bundesrepublik Deutschland seit der Umsatzsteuerreform 1968 gehandhabt; so ist die Umsatzsteuer auch zu ihrem Zusatznamen âMehrwertsteuerâ gekommen. Dabei will sie eigentlich gar nicht den Mehrwert der jeweiligen Wertschöp- fungsstufe erfassen, sondern den Konsum, den Endverbrauch am Ende der arbeitsteiligen weltwirtschaftlichen Wertschöpfungskette. Sie erreicht dies auch, weil sie die jeweilige, auf den einzelnen Wertschöpfungsstufen erho- bene Umsatzsteuer als Vorsteuerabzug dem nachfolgenden Unternehmer wieder erstattet, so dass bei dieser Steuerart eine Steuererhebung in den Vorstufen des Wertschöpfungsprozesses â im Sinne eines tatsächlichen Steueraufkommens für den Staat â in Wirklichkeit gar nicht stattfindet. Ein Steueraufkommen (für den Staat) entsteht bei dieser Steuer vielmehr erst, wenn eine unternehmerische Leistung an einen (nicht mehr vorsteuerbe- rechtigten) Endverbraucher abgegeben und von diesem im Endverbrau- cherkaufpreis âhonoriertâ wird. Die wichtigste wirtschaftliche Wirkung der Umsatzsteuerreform 1968 in der BRD war â das wollen wir hier gleich 82 83 hervorheben â also vor allem: die vollständige Beseitigung der Steuererhe- bung in den Vorstufen des Wertschöpfungsprozesses und die Verlagerung dieser (Umsatz-)Steuererhebung auf das Ende des gesamtwirtschaftlichen Wertschöpfungsprozesses, den Konsum. Der Konsument soll diese Steuer tragen â und er muss sie tragen. Verfolgt man diesen gesamtgesellschaftlichen Wertschöpfungsprozess in der genannten Verlaufsrichtung von der Urproduktion bis zum End- verbraucher, so sieht man, wie in den jeweiligen Wertschöpfungsstufen (Unternehmen) die Vorleistungen der unternehmerischen Vorstufen im Wertschöpfungsprozess aufgenommen und durch den eigenen Wert- schöpfungsbeitrag vermehrt werden, um schlieÃlich im Abgabepreis an die (mögliche) nachfolgende Wertschöpfungsstufe (Unternehmen) abgerechnet und letztlich vom Endverbraucher im endgültigen Endver- braucherpeis (einschlieÃlich Steuer) bezahlt zu werden. Das einzelne Un- ternehmen verrechnet dabei die empfangenen Vorleistungen (Waren- und Materialeinkauf, Sachkosten) und die eigene Einkommens- und Kapital- bildung (einschlieÃlich sonstiger Steuerzahlungen) in seine Abgabepreise. Gesamtwirtschaftlich ist eine Wertschöpfung ja nur zustande gekommen, wenn sie von einem Endkonsumenten honoriert (bezahlt) wird. Er muss den vollen Kaufpreis (einschlieÃlich Steuer) entrichten und vergütet damit im Endergebnis alle Abrechnungsbestandteile aller Vorstufen des Wert- schöpfungsprozesses: also auch aller â offen oder verdeckt abgerechneter â Steuern. Mit dem so gerichteten Bewusstsein verfolgen wir â âentlangâ der Unternehmerkette â im Allgemeinen den wirtschaftlichen Wertschöp- fungsprozess. Ergänzend zu dieser Bewusstseinseinrichtung â der âAbrechnungsrich- tungâ â können wir den vorgenannten Prozess aber auch einmal in der Gegenrichtung verfolgen, das heiÃt gewissermaÃen von ârückwärtsâ, von der Kaufpreiszahlung des Endkonsumenten her. Fragt man nämlich den letzten Unternehmer in der Wertschöpfungskette (âUnternehmerketteâ), wie sein Abgabepreis denn zustande gekommen ist und was er enthält, so wird er â wenn er uns richtig aufklärt â zur Antwort geben, was wir uns vorher schon vergegenwärtigt haben: In seinen Verkaufspreis sind die Vorleistungen anderer Unternehmen (Sachaufwendungen), die von seinem Unternehmen (und ihm persönlich) zu zahlenden Steuern und die Einkommen der im Unternehmen Tätigen â im Wesentlichen â ein- gegangen. In allen Dienstleistungsbetrieben liegt der Hauptanteil dieser 84 85 âKostenbestandteileâ ganz überwiegend in der Einkommensbildung für die im Unternehmen tätigen Menschen. Sie müssen ja aus den Umsätzen des Unternehmens finanziert werden, wenn das Unternehmen auf Dauer bestehen und sich entwickeln soll. Das Unternehmen kann nur Bestand haben, wenn es auch alle anderen Verpflichtungen gegenüber den Vor- stufen des Wertschöpfungsprozesses und gegenüber dem Staat (in der Steuerentrichtung) erfüllt. Geht unser Frager dann über den letzten Unternehmer dieser Kette hinaus und fragt er die Unternehmer in den Vorstufen des Wertschöpfungspro- zesses in gleicher Weise, so erhält er jeweils auch dort eine gleichartige Antwort: Immer sind Sachaufwendungen des Unternehmens für die Vorleistungen und die Einkommensbildung der im Unternehmen mitarbei- tenden Menschen in die Abrechnung, in die Preisbildung eingegangen. So löst sich, wenn man das Fragen fortsetzt oder die Sache zu Ende denkt, letztlich jeder Sachaufwand einer Stufe in die Einkommensbildung einer der Vorstufen auf. Es gibt am Ende nichts anderes â als Kosten- oder Preisbestandteil â als die in die preisliche Abrechnung eingegangene Einkommensbildung der Menschen in den Vorstufen des wirtschaftlichen Prozesses. Die Natur selbst, die am Ausgang des Wertschöpfungsprozesses als Rohstoff oder Naturprodukt stand, kostet nichts. Bestenfalls musste man irgendwo irgendwelchen Menschen das Recht der Nutzung ihres Bo- dens mit einem Pachtzins vergüten: Womit der Grundsatz, dass alles sich in Einkommen auflöst, nur bestätigt wird. Die Frage, wie man ein solches âarbeitslosesâ Einkommen (aus der Bodenverpachtung) bewertet, ist da- mit freilich noch nicht beantwortet. Wenn wir uns das damit Gesagte ganz verdeutlichen, so wird uns klar: Im Wirtschaftsleben geht es um nichts anderes als einzig um die Organi- sation dieses Wertschöpfungsprozesses, das heiÃt um das Gestalten der Austauschverhältnisse zwischen den â in den jeweiligen Unternehmen kollektiv zusammenwirkenden â Menschen, es geht um die Gestaltung des Austauschverhältnisses dieser Menschen in den Vorstufen des Wert- schöpfungsprozesses mit denen in den Folgestufen (oder umgekehrt), es geht um die Relationsbildung (Preisbildung) im Füreinanderwirken der Menschen im gesamten gesellschaftlichen Wertschöpfungsprozess oder im Wirtschaftskreislauf. Es gibt gar keine andere wesentliche Aufgabe im Wirtschaftsleben als: Diese Relationsbildung herzustellen und ihr in den entsprechenden Abrechnungsverfahren und -formen Ausdruck zu 84 85 verleihen. Wirtschaften heiÃt, die Lebenslagen der Menschen in den un- ternehmensweisen Stufen und Vorstufen des Wertschöpfungsprozesses im Verhältnis zueinander assoziativ zu gestalten. Kurz: Wirtschaften ist das Assoziieren von menschlichen Lebenslagen. Denn Art und Ausmaà der Ein- kommensbildungsprozesse auf allen Stufen des Wertschöpfungsprozesses bestimmen ja schlieÃlich die Lebenslage der Menschen, die dort tätig sind â und die ihrer mit zu versorgenden Angehörigen. Nur Menschen sind füreinander tätig und nutzen dabei die Naturgrundlage â und bemerken heute, dass sie dies pfleglich tun sollten. Da kann es natürlich ganz unterschiedlich zugehen auf den unterschiedli- chen Vorstufen des Wertschöpfungsprozesses, die in ganz anderen Teilen der Welt, in armen Ländern, im âArchipel Gulagâ â oder wo immer â lie- gen und zustande kommen mögen. Mancherlei Unschönes, Unrühmliches würde man da gewahr werden, wenn man genau hinschauen könnte (und wollte), wenn man die dortigen Lebenslagen genau sich zu vergegenwär- tigen vermöchte. Kinderarbeit, Gefangenenarbeit, ausbeuterische Gestal- tungen werden da womöglich vor unserem Blick auftauchen, wenn wir ihn so weit richten (könnten). Manches tauchte vor unserem Blick auf, das wir keineswegs billigen mögen und billigen würden. Im Gegenteil: Wüssten wir etwas von diesen (unschönen) Tatsachen, so würden wir vielleicht Protest gegen vieles davon erheben. Aber wohltätige âMarktmechanismenâ und âMarktgesetzeâ haben uns den Blick verstellt, haben den Schleier âgüns- tigerâ Einkaufspreise vor das Wahrnehmen und Erkennen dieser menschli- chen Lebenslagen, dieser Lebenslagerelationen jener fernen Menschen zu uns selbst, vor uns verdeckt. Wir können uns zunächst über das âUnrecht in der Weltâ mit voller innerer Ãberzeugung weiter erregen; wir können es leider nicht wirklich sehen; wir müssen uns daher nicht real damit befassen. Wir können es auch als Einzelne gar nicht wahrnehmen, weil wir die Wert- schöpfungsverhältnisse in den Vorstufen des Wertschöpfungsprozesses nicht konkret zu Gesicht bekommen. Wollte man der Wertschöpfungsverhältnis- se, der Lebenslagen der Menschen in den Vorstufen des Wertschöpfungs- prozesses wirklich ansichtig werden, so müsste man dazu erhebliche organi- satorische Beobachtungs- und Vergegenwärtigungsprozesse in Gang setzen. 2 Eine Entwicklung dieses Assoziationsbegriffes aus der nationalökonomischen Theorie heraus findet sich in der Arbeit des VERFASSERS: âElemente einer Neubestimmung des Geldes und ihre Bedeutung für die Finanzwirtschaft des Unternehmensâ. Dissertation, Freiburg 1958, S. 277 ff. 86 87 Das würde viele Menschen und Einrichtungen beschäftigen (müssen), wenn es zustande kommen sollte. Wenn es aber möglich würde, so könnten wir wenigstens sehen, wie die Lebenslageverhältnisse der Menschen sind, von deren Arbeitsfrüchten wir â vielleicht ganz unbedacht, wenn wir âgünstig einkaufenâ â leben. Vielleicht könnten wir in vielen Fällen auch akzeptie- ren, was wir da wahrnehmen; wir können unser mögliches Beurteilungs- ergebnis aber weder positiv noch negativ vorhersagen, solange wir die zu- grundeliegenden Lebenslagesachverhalte schlicht nicht kennen. Wenn wir also tatsächlich an der Humanität des wirtschaftlichen Lebensbereiches un- serer gesellschaftlichen Verhältnisse etwas ändern wollten, so müssten wir die â weiter weg liegenden â tatsächlichen Lebensverhältnisse der für uns tätigen Menschen erst kennenlernen, sie sodann beurteilen und schlieÃ- lich im Sinne unserer dabei gefundenen Urteilsbildung auch verändern. An ein solches Vorgehen hat Rudolf Steiner tatsächlich gedacht. Er nannte die Bewusstseinsbildung, die gewissermaÃen ârückwärtsâ vom Endver- brauch aus den Wertschöpfungsprozessen in seine Vorstufen zurückver- folgt, um der dort gegebenen Lebenslageverhältnisse ansichtig zu werden, eine assoziative Bewusstseinsbildung und er nannte die Organisationen und Gremien, die solche Bewusstseinsbildung herbeiführen sollen, âAsso- ziationenâ. Mit solchen Begriffen und Vorschlägen war gemeint, dass aus den unterschiedlichen Stufen des Wertschöpfungsprozesses Menschen, die in diesen Stufen tatsächlich leben und dort tätig sind, das heiÃt: die die Lebensverhältnisse jeweils aus eigener Anschauung kennen und beurteilen können, sich in solchen assoziativen Gremien zusammenfinden, um sich den gesamten Wertschöpfungsprozess in seiner menschlichen Wertigkeit und in seiner tatsächlichen Gestaltbarkeit gemeinsam zu vergegenwärtigen2. Was aus einer solchen Vergegenwärtigung hervorgehen würde, wollte Steiner nicht voraussagen oder vorweg âvon obenâ bestimmen. Es ging ihm bei der assoziativen Gestaltung des Wirtschaftslebens vielmehr darum, dass die Menschen, die an den jeweiligen Prozessen mitwirken, nicht nur die eigene Lebenslage kennen, verstehen und zur Geltung bringen, sondern dass sie dies auch für die, von denen â und für die â sie leben, zu tun beginnen. Denn jede Preisbildung bedeutet ja, dass ein Stück Lebenszeit anderer Menschen (unerkannt zunächst) hinter einer solchen AbrechnungsgröÃe 3 Vgl. ADOMEIT: Gesellschaftsrechtliche Elemente im Arbeitsverhältnis; in: Juristische Arbeits- blätter, Heft 4, April 1988, S. 173 ff. 86 87 steht. Nichts anderes sind ja die Preise, in denen Lebenslageverhältnisse ab- gerechnet und damit bestätigt, stabilisiert oder auch destabilisiert werden. Steiners Anliegen war, die gegebenen Verhältnisse für die eigene Einsicht der Beteiligten anschaubar und einsichtig zu machen, die tatsächlichen Lebenslagen-Relationen auf den Tisch zu bringen und dann abzuwarten, was sich in den Menschen, die diese Wahrnehmungen machen, an morali- scher oder ethischer Kraft regt; darauf zu warten, was sie tun: Ob sie zum Beispiel finden, dass es in den vorgefundenen Formen so ganz in Ordnung sei oder ob sich in ihnen der Wille regt, Veränderungen der gegebenen Verhältnisse (schrittweise) herbeizuführen, weil ihnen das Leben erst durch solche Veränderungen erträglich erscheinen oder gar tatsächlich erträgli- cher werden würde. Denn das Wahrnehmen der Lebenslage anderer Men- schen und das real erzeugte Bewusstsein des Leistungsempfängers, dass er vom Ergebnis des Lebenszeiteinsatzes anderer Menschen, die er nun kennt, lebt, kann ihn womöglich moralisch nicht gleichgültig lassen; es könnte ihn ja zu Verhaltensweisen, zu Lageveränderungen aufrufen, die er mit seinem eigenen moralischen Status in Ãbereinstimmung finden möch- te und folglich dann auch ertragen will. Verhaltensweisen dagegen, die er selber unerträglich findet, würde er ja zu ändern sich bestreben. Solche Veränderungen kann er zwar nicht als Einzelner allein bewirken; er kann sie aber in den sozialen Prozess assoziativer Bewusstseinsbildung, der sich in den eingerichteten Organisationen geltend machen würde, einbringen. Denn diese Assoziationen â als Organisationsformen dieses Prozesses â wür- den aus diesem konkreten Wahrnehmen heraus die Angemessenheit der Preisbildung zwischen Unternehmen im Hinblick auf deren Lebenslagefolgen letztlich ganz anders beurteilen â und indem ihr Urteil wirksam wird â mitge- stalten können. Diese Assoziationen würden den Menschen zeigen, in wel- chen sozialen Relationen sie leben, wie sie ihre Mitmenschen tatsächlich im Ergebnis einschätzen und wie sie daraufhin ihr eigenes Verhältnis zu ihnen gestalten. Das Aufmerksamwerden auf diese konkreten Lebenslagen und Lebenslagerelationen war mit dem â der französischen Revolutionssprache entlehnten â Terminus der âBrüderlichkeit im Wirtschaftslebenâ gemeint. Keinen moralischen Aufruf sollte dies enthalten, sondern es meinte das gemeinsame Wahrnehmen und Beurteilen von Lebenslagen zwischen Men- schen (und Menschengruppen oder Unternehmen) und das daraus folgende reale Sich-ins-Verhältnis-Setzen zu diesen anderen Menschen. Brüderlichkeit im Wirtschaftsleben durch assoziative Bewusstseinsbildung, durch Assozi- ationen bewirkt, sollte bedeuten: Das Verfahren zur Wahrnehmung dieser 88 89 Lebenslagen in Gang zu setzen und damit die in den Menschen vorhande- nen moralischen und ethischen Qualitäten zur Beurteilung und Gestaltung dieser Verhältnisse zu entwickeln. Kein bestimmtes, so oder so geartetes Ergebnis verlangte dies; es handelte sich vielmehr darum, ein Verfahren zu praktizieren, in dem die Welt, in der wir leben, von uns selbst beeinflusst und so gestaltet wird, wie wir sie haben wollen: nicht besser, aber auch nicht schlechter. Dieser so angesprochene wirtschaftliche Gesamtvorgang konkretisiert sich, wie wir gesehen haben, an zwei Punkten: an der Preisbildung zwischen Un- ternehmen und an der Einkommensbildung in Unternehmen. Preisbildung bedeutet in dieser Auffassungsart: gesellschaftliche Vorstrukturierung der Einkommensbildungsfähigkeit von Unternehmen. Das jeweilige Unterneh- men muss durch den Preis, der seinen Umsatz bestimmt, den Spielraum er- halten, der es zu angemessener Einkommensbildung für die in ihm tätigen Menschen (und für die, die von diesen zu versorgen sind) instand setzt. Einkommensbildung ist insoweit Folge der Preisbildung, ist Feinstrukturie- rung des mit der Preisbildung Vorstrukturierten. Auf die Vorstrukturierung der Einkommensbildung in der Preisbildung durch deren Beurteilung in den Assoziationen muss sich deren Blick und Gestaltungskraft richten; auf die Feinstrukturierung der für die Einkommensbildung verfügbaren Wertschöpfungsanteile des Unternehmens muss dessen Innenorganisation in einer dem jeweiligen Bewusstseinsstand und Kulturkreis angemessenen Weise reagieren. Für die mitteleuropäische Welt hatte Rudolf Steiner diese Feinstrukturierung als âErtragsteilungsverfahrenâ in Unternehmen bezeich- net. Wir kennen das im Prinzip in der Praxis als Gewinnverteilungsabreden unternehmerisch beteiligter Menschen an gemeinschaftlich getragenen Unternehmen (Gesellschaften); der Ansatz Steiners war, diese zunächst nur für wenige in gesellschaftlichen Formen ausgestalteten Verteilungs- prozesse so weit wie möglich auszudehnen und in ein der Gewinnvertei- lung ähnliches Konsensverfahren der âErtragsteilungâ zu bringen. Das bedeutet â rechtlich gesprochen â zugleich, dass die arbeitsvertraglichen Regeln unserer sozialen Welt zunehmend gesellschaftsrechtliche Elemente aufnehmen und entwickeln sollten: ein Thema, das gegenwärtig in der Arbeitsrechtslehre entwickelt und bearbeitet wird.3 Unser letztes Themenstichwort dieses Vortrages â âSteuerâ â greift nun in der realen Steuererhebung in die Gestaltung des Wertschöpfungsprozes- ses und in die Aufgabe der assoziativen Durchleuchtung dieses Prozesses, 88 89 um ihn beurteilbar zu machen, in erheblichem Umfange hemmend ein. Wenn wir uns dies vergegenwärtigen wollen, müssen wir grundsätzlich zwei verschiedene Besteuerungseingriffe, zwei Formen dieses Staatsein- griffes in die Gestaltung der Wertschöpfungsverhältnisse unterscheiden: den traditionellen Besteuerungseingriff der indirekten und direkten Be- steuerung, der in die Abrechnungsformen, das heiÃt in die Preisbildung mit eingehen muss, einerseits und den Steuereingriff, der erst am Ende des Wertschöpfungsprozesses â zum Beispiel in Form der gegenwärtigen Umsatzsteuer â erhoben wird, andererseits. Alle Steuern, die im Wert- schöpfungsprozess erhoben werden, trägt ja letztlich der Endkonsument, weil diese in das Abrechnungsverfahren der Preisbildung â und damit in die Endverbraucherpreise â eingehen. Dies gilt auch für die Umsatzsteuer des Endkonsumenten, bei der es für Letzteren â im Gegensatz zu anderen Steuerarten â erkennbar werden kann, wenn er danach fragt. Wir können alle wissen, ob wir 7 oder 14 Prozent (oder welchen Steuersatz immer) an Umsatzsteuer bezahlen im Preis; der Unternehmer muss es uns sagen oder muss es auf seine Rechnung schreiben, wenn wir es verlangen (§ 14 UStG). Besteuerung ist insoweit immer Verbrauchsbesteuerung â nur wird uns dies in der Regel erst bei den am Ende des Wertschöpfungsprozesses erhobenen Konsumsteuern deutlich. Besteuerung bedeutet gesamtgesell- schaftlich ja nichts anderes als: ein Teilungsverhältnis für die gesellschaft- liche Wertschöpfung einzurichten und zu gestalten zwischen dem Staat und seinen Bürgern. Der dem Staat zugedachte Wertschöpfungsanteil wird über Besteuerungsverfahren für die öffentliche Hand verfügbar ge- macht; der Rest verbleibt in der Verfügung der Unternehmen und (oder) der Bürger (der Privaten). Die bisher im Wesentlichen â in Form direkter und indirekter Steuern â übliche Steuererhebung in den Vorstufen des Wertschöpfungsprozesses (mit Abwälzungseffekt) hat nun zur Folge, dass der erforderliche assozia- tive Bewusstseinsprozess gehemmt und nahezu unmöglich wird, weil die Steuererhebungsquote (als Preisbestandteil) in der Praxis so gut wie nie im Vorhinein ausreichend zu übersehen ist. Sie hängt ja von der Ertragslage der Unternehmen ab und von der Ertragslage vieler Unternehmen in vielen Vorstufen, so dass sie praktisch kaum abschätzbar und nachvollziehbar sein wird. Weil dies auf dem Gebiet der Umsatzsteuer als wettbewerbsfeindlich â und eine sinnvolle Preisbildung störend â angesehen wurde, hat man sich am Ende der sechziger Jahre für die Systemänderung der Umsatzsteuer in ganz Europa â EG und darüber hinaus â von der alten Bruttoumsatzsteu- 90 91 er zur heutigen Nettoumsatzsteuer (Mehrwertsteuer) entschlossen. Man wollte damit erreichen, dass es nicht von Anzahl und Ausmaà der Wert- schöpfung in den Vorstufen des Wertschöpfungsprozesses abhängt, in welchem Ausmaà sich die Steuer im Verlaufe des Wertschöpfungsprozes- ses in den Preisen aufkumuliert. Man wollte mit dieser Besteuerungsform vielmehr die Wettbewerbsneutralität der Steuererhebung erreichen und man hat dies â für diese Steuer wenigstens â auch erreicht, weil man die Steuererhebung an das Ende des Wertschöpfungsprozesses verlegte (mit der Technik des Vorsteuerabzuges im Unternehmerbereich). Der geschilderte Mangel ist aber für die anderen Steuerarten bestehen ge- blieben. Sie werden nach wie vor verdeckt in den Preisen auf den Endkon- sumenten abgewälzt und von ihm getragen. Der Gesellschaft ist dies prak- tisch kaum bewusst. Diese Unkenntnis und dieses Verfahren wirken heute einem assoziativen Urteil, einem Erkennen der realen Lebensverhältnisse zwischen Menschen entgegen. Wollte man zu einer Bereinigung dieser ge- sellschaftlichen âNebelbildungâ der Steuererhebung in den Vorstufen des Wertschöpfungsprozesses kommen, wollte man diese âgesellschaftliche Umweltverschmutzungâ, die Ergebnis dieses Undurchschaubarmachens der gesellschaftlichen Abrechnungsverhältnisse durch die Steuererhebung alter Art im Wertschöpfungsstrom ist, beseitigen, so müsste man für das gesamte Steuersystem das tun, was man bei der Umsatzsteuerreform Ende der sechziger Jahre für diese Steuer getan hat: die Steuererhebung aus dem Wertschöpfungsprozess heraus an dessen Ende verlegen. Es geht da- bei nicht etwa darum, die Staatsquote an der Wertschöpfung zu verändern (das kann auch eine Folge sein, wenn die Bürger es wollen), es geht viel- mehr darum, die gesellschaftlichen Verhältnisse durchschaubar und damit für die Bürger gestaltbar zu machen. Es würde nämlich auf diesem Wege deutlich, dass es sich bei jeder Steuererhebung um ein Teilungsverhältnis zwischen dem Staat und seinen Bürgern für die erarbeitete Wertschöpfung handelt; und die Bürger würden erkennen, welchen Wertschöpfungsanteil insgesamt sie dem Staat geben und was dieser damit tut: ob sie es billigen können oder nicht, und wie sie daran â in der Konsequenz ihrer Mitbeur- teilung â mitgestalten wollen. Die soziale Welt würde bei einer assoziativen Gestaltung des Wirtschaftslebens so menschlich, so âbrüderlichâ werden, wie Menschlichkeit und Brüderlichkeit in den einzelnen Bürgern entwickelt sind und folglich durch sie wirksam werden können. Niemand würde dabei über die Messlatte fremder Ethiknormen springen müssen: Nur die eige- nen ethischen MaÃstäbe der Menschen würden in diesem Prozess wirksam 90 91 werden. Die Menschen würden sich aber einverstanden erklären können â und müssen! â mit dem, was durch sie selber (als deren Ursachen) in der sozialen Welt geschieht, weil sie es als die Folgen ihres eigenen Handelns erkennen würden und die Fehler, die sie beklagen, bei sich selber suchen müssten. Einkommen, Preis, Steuer sind damit Themen, an denen deutlich wer- den kann, was der anthroposophische Denkansatz im wirtschaftlichen Bereich zu Tage fördern kann und will: Verfahren zur Wahrnehmung und Beurteilung der tatsächlichen Verhältnisse von Menschen untereinander. Verfahren zum Wahrnehmen, Beurteilen und Gestalten der Relationen des Füreinandertätigseins von Menschen, aus dem der Soziale Organismus letztlich besteht, in denen er lebt. Keine menschenfremden MaÃstäbe würden in Assoziationen wirksam werden können. Was gestaltet wird, ergibt sich aus dem freien Willen der Beteiligten, nicht aus ethischen In- stanzen, die oberhalb der menschlichen Individualitäten angesiedelt sind oder werden sollen. Andere Instanzen als die der mitwirkenden Menschen können nur wirksam werden, wenn Menschen sich deren MaÃstäbe und Ziele willentlich zu eigen machen. Im Vorgenannten liegt der anthroposophische Ansatz zu Ãkonomie und Ethik: keine Fremdbestimmung von Menschen, sondern: Schaffen von Ver- fahren, in denen freie Entscheidungen wirksam werden können. Anthro- posophie will die Menschen nicht zu einem âgutenâ Verhalten anleiten, das sie sich etwa für diese ausdenken würde und das die beteiligten Men- schen (wahrscheinlich) nicht selber wollen würden; sie will nur Menschen fähig machen, die reale Lage wahrzunehmen und ihre menschlichen Ent- scheidungen an der Lagewahrnehmung nach eigenem Urteilsvermögen zu bilden und wirksam zu machen. Sie will die menschliche Selbständigkeit in der sozialen Welt fördern und den Menschen als selbständiges Wesen in diese Welt eingliedern helfen. So kann der anthroposophische Erkenntnis- und Gestaltungsansatz für die Fragen von Ãkonomie und Ethik gedacht und verstanden werden. 92 93 92 93 6 Die Entkopplung von Arbeit und Einkom- men als Weg zu selbstmotivierter Arbeit Naheliegende Perspektiven sozialer Standortbestimmung für Menschen mit Führungsaufgaben* Verehrte Zuhörer â vielleicht fällt mein heutiger Vortrag anders aus, als Sie es zunächst erwar- ten. Sie werden von dem, was ich sagen möchte, vielleicht âent-täuschtâ sein â und dies entweder ärgerlich finden oder es begrüÃen. Ich gehe zu- nächst einmal nicht so sehr in die sogenannten âpraktischenâ Realitäten, die Welt der Tricks, von denen Herr Sprenger gestern versucht hat, uns ein Stück Distanz zu vermitteln.1 Ich schlieÃe damit an das an, was wir gestern gehört haben, und versuche aufzuzeigen, dass in dem Gebiete der Men- schenführung und des Zusammenarbeitens eine Art âVerfahrensumkehrâ notwendig wird. Herr Sprenger hat uns gezeigt: In der Mitarbeiterführung will man in der Regel motivieren, und indem man das ganz bewusst tut, demotiviert man tatsächlich. Man erkennt immer deutlicher, dass das, was man in guter Absicht zu tun versucht, sich unversehens immer wieder ins Gegenteil verkehrt und dass in diesem Ablauf sogar eine gewisse GesetzmäÃigkeit liegt. Man kommt erst im Laufe der Zeit darauf, aber man kann sich auf diese âVerkehrungâ des gut Gemeinten ins Gegenteil verlassen. Und man beginnt zu bemerken: Wenn man es mit Menschen zu tun hat, wenn es um menschliche Zusammenarbeit geht, gibt es noch eine andere Art von GesetzmäÃigkeit, und die ist ebenfalls zwingend. Es ist vielleicht schon ein erster Ausdruck solcher GesetzmäÃigkeit, wenn es ânicht so läuft, wie man sich das gedachtâ hatte, â jedenfalls dann nicht läuft, wenn man sich in seiner Leitungsfunktion auf dem Stuhl des âChefsâ fühlt und seine Mitarbeiter, seine âUntergebenenâ, von dort aus âmotivierenâ will. Man gibt sich vielleicht persönlich gröÃte Mühe â aber es läuft anders. Auf diese zumeist übersehene Ebene des Menschen, auf solcherart âwiderläufigeâ GesetzmäÃigkeit muss man aufmerksam wer- * Ãberarbeitete Fassung eines Referates im MMM-Club München am 17.11.1992. 1 Vgl. REINHARD SPRENGER: Mythos Motivation â Wege aus einer Sackgasse. Frankfurt 1991. 94 95 den. Es gibt offenbar solche âandersartigenâ GesetzmäÃigkeiten. Und unsere Frage wird, wie man zu den so entdeckten GesetzmäÃigkeiten, zu dieser anderen Ebene des menschlichen Wesens einen einigermaÃen gesicherten, vielleicht sogar einen wissenschaftlichen Zugang bekommen kann. Unser heutiges Wissenschaftsverständnis ist in der Regel der naturwis- senschaftlichen Wissenschaftshaltung nachgebildet. Man fühlt sich als Beobachter einer Sache, die sich unabhängig von einem selbst abspielt und die man in Ruhe â ganz âobjektivâ â anschauen kann: Man versucht sich zu vergegenwärtigen, wie die Dinge liegen, wo die Kausalitäten zu suchen sind und wie diese aussehen. In dem Moment aber, wo man es mit personalen Dingen zu tun bekommt, mit Menschen, muss man sich klarmachen: Man ist selbst mit drin â und kann nicht mehr nur neutraler Beobachter von auÃen sein. Herr Dr. Sprenger hat, glaube ich, gezeigt, dass man infolgedessen in diesem Bereich auf das âMit-Tricks-Umgehenâ verzichten muss, wenn man weiterkommen will, dass eine andere Form des âobjektiven Ernstnehmens der Subjekteâ erforderlich wird, wenn man es mit Menschen zu tun hat, und dass man erst lernen muss, sich darauf einzulassen. Normalerweise arbeiten wir freilich mit Tricks und können uns das auch schwer abgewöhnen. Goethe lässt seinen Faust in solchem Sinne einmal sagen: âKönntâ ich Magie von meinem Pfad entfernen, die Zaubersprücheâ â die Tricks â ââganz verlernen, … dann wärâs der Mühe wert ein Mensch zu sein.â Wir sind alle solche âZaubererâ, versuchen es zumindest immer wieder zu sein und erleiden damit â Gott sei Dank â irgendwann Schiffbruch. Dann kommt es vielleicht, wenn wir lernfähig sind, zum ersten Aufmerksam- werden, Erwachen für die angesprochene Problematik. Man bemerkt: Die Tricks nützen uns nicht viel â und man muss sich in dieser Hinsicht zum Beispiel schon die Frage stellen, ob man ein Thema wie âPersonalentwick- lungâ überhaupt wählen, ob man das Gemeinte nicht zumindest anders formulieren sollte. Ist die Formulierung âPersonal…â (-entwicklung, -abtei- lung, -förderung usw.) nicht selbst schon hochmütig, weil man sich mit dieser Formulierung schon âobenâ fühlt und sein âPersonalâ entwickeln will? Ist es die richtige Formulierung für das, was eigentlich angegangen werden muss? 94 95 Wir sind damit bei der Frage, ob wir unsere Beobachtung schulen wollen für Sachverhalte, die wir jetzt entdecken und die sich nicht mehr so einfach in die Welt physikalischer und naturwissenschaftlicher GesetzmäÃigkeiten einordnen lassen, ob wir also für die notwendige seelische Beobachtung den Blick auszubilden bereit sind. Versuchen wir dies, so bemerken wir, dass der Mensch kein so einfach zu verstehendes Wesen ist. Wenn wir auf uns selber blicken, nach uns selber fragen, haben wir es schon schwer, uns selbst zu verstehen. Zunächst meinen wir ja, wir kennen uns ganz gut. Was aber wird uns deutlich, wenn wir â so fragend â auf uns selber den Blick richten? Wir blicken zunächst auf das, was wir in der Vergangenheit geworden sind. Wenn wir uns zum Beispiel irgendwo vorstellen sollen, schreiben wir unse- ren âLebenslaufâ, das heiÃt, wir sagen unter welchen Welt- und Lebens- bedingungen wir der geworden sind, der wir jetzt sind. Der Mensch ist ja â wie wir dabei bemerken â ein Wesen, das sich selbst aus der Zeit heraus- reiÃt, das âzeitraffendâ ist, über das Zeitliche hinauskommt; denn in ihm ist alles, was er gewesen ist, was er durchlebt hat, auf seltsame Art noch gegenwärtig. Wir schauen â so blickend â auf dieses Ich und identifizieren uns mit dem, was wir im Laufe der Zeit so geworden sind: Wir sind jetzt zum Beispiel Unternehmer, Personalleiter, Wirtschaftsprüfer, Steuerberater, Kaufmann, Familienmitglied oder irgendetwas anderes und begründen auf das, was wir geworden sind, unsere persönliche Identität. Das ist auch berechtigt â und notwendig; es ist nur nicht alles. Denn das so Wahrgenommene entstammt der Vergangenheit, wenn diese auch ein Stück wesenhaft geworden ist in uns. Aber zu dem allem kommt noch etwas ganz anderes hinzu, nämlich das, was wir erst werden wollen, was wir jetzt noch gar nicht sind. Das, was wir schon heute in uns verspü- ren, als die treibende Kraft, die uns in die Zukunft, in âunsereâ Zukunft führt. Aber diesem alt gewordenen Ich tritt ein immer erst noch werden- des, ein âWerde-Ichâ, ein flüchtiges, schwer zu fassendes, gegenüber. Die Vergangenheit ist in und für uns ein Stück unseres Selbstes, unserer Identität geworden â und zunächst so hinzunehmen; die Zukunft ist uns nur ahnungsweise bekannt, aber sehr lebendig und noch beeinflussbar, gestaltbar. In unserer zielhaft erfassten Zukunft liegt vielleicht das Wesentliche von uns, denn aus ihr heraus gestaltet der Mensch sich selbst in die Ge- 96 97 genwart, âseine Zeitâ, hinein. Die Zeit läuft â so erlebt â nicht von der Vergangenheit in die Zukunft, sondern im Bereich unserer wesenhaften Selbstverwirklichung läuft sie von der Zukunft â Gegenwart bewirkend â in die Vergangenheit â und âschichtetâ sich in dieser auf, wird âGeschichteâ unseres Werdens. Jeder, der planvoll handelt, versetzt sich in die Zukunft und bewirkt von dort aus sozusagen ânetzplantechnischâ die Gegenwart, seine Gegen- wart. Die Zukunft ist insoweit schon immer in uns anwesend, sie gehört zu unserem Wesen, ist aber als solche noch nicht voll erfassbar, noch nicht fertig, noch nicht eindeutig fassbar, noch voller Hoffnung. Darin bemerken Sie eine Art Doppelnatur des menschlichen Ich: Da ist der Teil des Wesens, der Vergangenheit geworden, der fest ist und sich zum Beispiel Tricks an- gewöhnt hat auf allen Gebieten. Mit ihm setzt sich unser Zukunftswesen, unser besseres, werdendes Ich, ständig auseinander â mal unterliegend, mal obsiegend. Wenn Sie sich Goethes Faust vergegenwärtigen, wie er sich mit Wagner â seinem Gegenbild â auseinandersetzt, so spricht er von dieser Doppelnatur unseres Ichs: âZwei Seelen wohnen ach in meiner Brust â¦â Der Mensch kann also, wenn er den Weg â nicht immer angenehmer â Selbsterkenntnis beginnt, neben dem Alltags-Ich, dem gewordenen, in sich auch ein Zukunftswesen, ein erst noch werdendes Ich, dem er als seinem eigenen Ziel zustrebt, entdecken und aus dem heraus zielvolle, un- ternehmerische Wirksamkeit entwickeln. Die beiden Ich-Formen sind nicht auf den ersten Blick zu unterscheiden, es kostet Mühe, den Unterschied zu sehen und festzuhalten. Da haben es die Dichter leichter als wir Praktiker, weil man von ihnen nicht immer gleich genaue Nachweise und Beweise verlangt. Ihnen gesteht man zu, dass sie Sachverhalte intuitiv erfassen, in ein Bild ver-dichten und dies aussprechen. Dies lässt man â ohne allgemei- ne Verbindlichkeit freilich â auch als persönliche Wahrheit gelten. Diese Tatsache, dass das eine vom anderen â das gewordene Ich vom erst werdenden â nicht so einfach zu unterscheiden ist, hat zum Beispiel Con- rad Ferdinand Meyer bemerkt und in einem gleichnishaften Naturgedicht sehr schön beschrieben, welches am Ende auf die eigentliche Wesens- frage, die uns auch hier beschäftigt, zuführt. Er beschreibt ein Erlebnis, âMöwenflugâ nennt er es: 96 97 âMöwen sah um einen Felsen kreisen ich in unermüdlich gleichen Gleisen, auf gespannter Schwinge schweben bleibend, eine schimmernd weiÃe Bahn beschreibend. Und zugleich, im tiefen Meeresspiegel, sah ich um dieselben Felsenspitzen eine helle Jagd gestreckter Flügel unermüdlich durch die Tiefe blitzen. Und der Spiegel hatte solche Klarheit, dass sich anders nicht die Flügel hoben, tief im Meer als hoch in Lüften droben, dass sich völlig glichen Trug und Wahrheit. Allgemach beschlich es mich, wie grauen Schein und Wesen so verwandt zu schauen, und ich fragte mich, am Strand verharrend, ins gespenstische Geflatter starrend: Und du selber? Bist du echt beflügelt â oder nur gemalt und abgespiegelt? Gaukelst du im Kreis mit Fabeldingen oder hast du Blut in deinen Schwingen?â Das war auch, wenn ich es richtig verstehe, die Frage, die Herr Dr. Sprenger gestern an Sie gestellt hat: Gaukelst du im Kreis mit Fabeldingen, benützt du Tricks â oder bist du echt, hast du Blut in deinen Schwingen? Beginnt man von dieser Wesensebene des Menschen zu sprechen, dann verändern sich, wie wir sahen, manche GesetzmäÃigkeiten, die bisher so einfach, klar, einleuchtend erschienen. Man beginnt zu verstehen, dass sich an solchen Grenzerlebnissen eine Welt neuer GesetzmäÃigkeiten aus- zusprechen beginnt â nämlich die, wo die Ursache sich nicht ins Gegenteil mehr verkehrt, wenn sie zur Wirkung wird. Es ist zunächst eine notwen- dige Folge, dieses âSich-ins-Gegenteil-Verkehrenâ: Man denkt sich etwas aus, probiert es â und: Ein-, zwei-, dreimal geht es gut; doch dann funkti- onieren die gut eingeübten Tricks auf einmal nicht mehr und man bewirkt plötzlich das Gegenteil von dem, was man bewirken wollte. âDie Leute sind nicht richtig gestrickt, sind undankbarâ, denkt man viel- leicht zuerst und projiziert das Unerklärliche, den Fehler, die Unfall-Ursache zunächst in die Anderen hinein, bis man merkt, man muss sich mit sich 98 99 selbst beschäftigen, den Fehler bei sich selber suchen. Da wirdâs zumindest unangenehm; man fühlt sich gefordert, weicht zunächst aus. So ist der hier angesprochene Zusammenhang von Arbeit und Einkommen â verbunden mit der These, sie seien zu entkoppeln â, wohl auch so ein Reizthema für viele. Es versucht, aus diesem eben angesprochenen anderen Bereich her- aus zu sagen, dass das, was für viele als ganz selbstverständlich gilt: dass man Arbeit bezahlt, dass Arbeit und Einkommen verkoppelt sein müssen, kein allgemeingültiges âGrundgesetzâ ist, ja, dass es schlicht falsch ist, nicht stimmt. Im Gegenteil, es wird demgegenüber geltend gemacht, die Sache sei â gerade umgekehrt â um so besser, je mehr man lernt, Regeln und Verfahren zu entwickeln, die diese beiden Dinge voneinander trennen. Sie sind ja wirklich unterschiedlich, wenn sie auch beide den Menschen in die gesellschaftlichen Zusammenhänge hereinstellen: die Arbeit leistend, das Einkommen empfangend. Rudolf Steiner, der Begründer der Anthroposophie, hat die diesbezüglichen Zusammenhänge bereits im Jahre 1905/06 dargestellt. Er bezeichnete es als eine Art âsoziales Hauptgesetzâ2 für eine gesunde Gestaltung, der so- zialen Welt, dass man deren Zustände nur dann verbessern und âheilsamâ gestalten könne, wenn man eine Grundregel, die wie ein Gesetz wirkt, beachtet: Man muss zwei Dinge trennen lernen, die man gewöhnlich für âunzertrennlichâ hält: ein Einkommen erzielen und eine Arbeit leisten. Herr Sprenger hat es gestern auf seine Art gesagt: Je mehr selbstbestimm- te Menschen man im Unternehmen hat, die nicht darauf warten, ein âLohnsignalâ von oben zu erhalten, sondern die selbstmotiviert, selber initiativ sind, desto besser läuft es, desto mehr Fruchtbares geschieht. Je mehr Menschen man hat, die nur soviel tun, wie sie glauben, Geld dafür zu erhalten, und die sofort aufhören, wenn sie für ihre Tätigkeit nichts mehr bezahlt bekommen, um so schlechter geht es. Verständlich: denn letztere sind âunselbständigâ tätig, fremd motiviert, hängen (psychisch) am Tropf, werden mit der Zeit âTröpfeâ. Man kann den Zusammenhang verstehen. Dieses âGesetzâ besagt nicht, wie man sich verhalten soll, enthält keine Anweisung, ist kein neues Motivationsprogramm, sondern beschreibt einen Zusammenhang, der 2 RUDOLF STEINER: Geisteswissenschaft und soziale Frage. GA 34. 98 99 notwendigerweise besteht, den man jedoch missachten und an dem man âvorbeihandelnâ kann. Was dann als Folge eintritt, nämlich: dass die sozi- alen Verhältnisse schwierig und â auch ökonomisch â schlechter werden, je mehr man Arbeit bezahlt, je mehr man meint, man müsse sich für die Interessen der so unselbständig Gewordenen (Gemachten?) einsetzen, je âsozialistischerâ man glaubt sein zu müssen â je âunsozialerâ, selbstge- rechter, âselbstversorgerhafterâ, arbeitsteilungsfeindlicher wird das soziale Leben; das ist eine GesetzmäÃigkeit, der man nicht ausweichen kann. Wenn man den Zusammenhang jedoch kennt, von der GesetzmäÃigkeit vorher weiÃ, muss man es nicht erst falsch machen und âUn-sinnigesâ etwa erst noch âausprobierenâ. Tut man es trotzdem, sollte man sich wenigstens in die Lage versetzen, aus den Fehlern zu lernen, sie als solche zu erkennen, damit das Experiment wenigstens einen Sinn gehabt hat. Sonst wird man es voraussichtlich solange wiederholen, bis die Erkenntnis doch eingetreten ist. Von dieser âParadoxieâ des gesellschaftlichen Lebens werde ich jetzt mehr ökonomisch sachverhaltlich zu sprechen versuchen: Warum ist das eigentlich so? Können wir das â mit âBordmittelnâ â nachvollziehen? Dazu möchte ich die folgenden Sachverhalte Schritt für Schritt vor Ihnen aufblättern, an denen der Zusammenhang vielleicht noch in anderer Weise deutlich werden kann. Wenn wir im Wirtschaftsleben stehen, wissen wir, wie wir dort arbeitsteilig für den Konsum produzieren. Zwischen Produktion und Konsum entsteht eine Wertschöpfungsrichtung, ein Wertschöpfungsstrom, der überall be- ginnen kann und der zum Konsum hin flieÃt. Wer solche Sachverhalte etwa umsatzsteuerlich zu denken gewohnt ist, der weiÃ, dass und wie in jedem Unternehmen zunächst ein Wertschöpfungsbeitrag erarbeitet und dann an das nächste Unternehmen weitergegeben wird; wie dieses seiner- seits zu der bezogenen Vorleistung seinen eigenen Wertschöpfungsbeitrag dazugibt usw. bis am Ende der Wertschöpfungskette eine konsumfähige Leistung erzielt worden ist. Seit einiger Zeit entwickelt sich im Steuerwesen eine neue Bewusstseins- form gesamtwirtschaftlicher Art; man kann sie sich an der Mehrwertsteuer (Nettoumsatzsteuer) vergegenwärtigen. Die alte Brutto-Umsatzsteuer (Allphasensteuer) gibt es seit 1968 nicht mehr; die Mehrwertsteuer trägt zwar noch diesen Namen, weil sie geschichtlich aus einer Umsatzsteuer 100 101 entstanden ist. Wir haben aber heute in der Mehrwertsteuer eine wich- tige Form der Konsumbesteuerung. Ihr Ziel ist es, den Ãbergang in den Endkonsum zu besteuern. Sie ist eine Steuer, die zum ersten Mal einen ge- samtwirtschaftlich definierten Tatbestand, den Ãbergang einer arbeitsteilig erbrachten Leistung in den Endkonsum, zum Steueranknüpfungspunkt macht und nicht â wie die Einkommen- oder Körperschaftsteuer â nur auf gesellschaftliche Einzelwirtschaftsverhältnisse (den Steuerpflichtigen, das Unternehmen usw.) schaut, sondern immer fragt: Ist die Wertschöpfung gesamtwirtschaftlich, gesellschaftlich ans Ende angekommen: ja oder nein? Ist sie nicht am Ende: Vorsteuerabzug, Vorsteuererstattung, keine Steuererhebung! Ist sie am Ende: endgültige Steuererhebung. Das heiÃt auch: Im ganzen, dem Konsum vorgelagerten Wertschöpfungs- geschehen wird nur zum Schein Umsatzsteuer erhoben, da dem nächsten Unternehmer (Abnehmer) in der Kette genau die Steuer erstattet wird, die der Vormann gezahlt hatte. Steuererhebung findet also im Bereich der unternehmerischen Wertschöpfungskette noch nicht statt. Das ganze heu- te praktizierte Verfahren hat mehr traditionelle Gründe, zum Beispiel die Steueraufkommenssicherung usw. Aber: Man könnte sich vom Ziel dieser Besteuerung her darauf beschränken, nur beim Konsum diese Steuer zu erheben. Wenn wir uns das vergegenwärtigen, dann haben wir in denkender An- schauung den gesellschaftlichen Wertschöpfungsstrom vor uns, der die Leistungs- oder Wertschöpfungsbeiträge stufenweise weitergibt. Das heiÃt: Eine erste Wertschöpfung wird produziert in einem Unternehmen; sie wird einem zweiten, einem dritten, einem vierten, einem fünften weitergereicht und ergänzt. In der Abrechnung müssen in jedem Unternehmen der Kette alle Kosten, die entstehen, letztlich in Preisen vergütet werden; gelingt das nicht mehr, so ist das Unternehmen am Ende. Der Geldstrom (Umsatz) flieÃt also der Wertschöpfung entgegen und bewirkt die gesellschaftliche Abrechnung der jeweiligen Leistungen. Für uns kommt es im Folgenden darauf an, diesen Wertschöpfungsstrom auch einmal in der Gegenrichtung rückwärts, zu verfolgen, â so, wie das Geld flieÃt, um den hier gemeinten Zusammenhang noch besser zu verstehen. Zunächst: Wir haben uns klargemacht, dass alle Lieferantenkosten letzt- lich im Preis der Ware (oder Leistung) verrechnet werden müssen. Weitere Wertschöpfungsbestandteile â ich vereinfache bewusst â sind die Einkom- 100 101 men der Mitarbeiter, dann die Steuern, welche aus dem Ertrag gezahlt werden müssen (nicht die Umsatzsteuer!) sowie die anteiligen Kosten der Investitionen (oder der Kapitalbildung). Es muss immer ein Teil der Wertschöpfung auch für die Regeneration des Unternehmens, für seine Investitionen eingesetzt werden. Die in einem Unternehmen erarbeitete Wertschöpfung kann in ihm nicht ganz verbraucht oder in Einkommen umgewandelt werden; es muss auch â wir nennen das Investitionsfinanzierung â ein Teil bleiben für die Zukunft. Man kann auch sagen: Diese Entscheidung, die Wertschöpfung zu trennen in Einkommen einerseits und in den Kapitalbildungsanteil andererseits (nach Verrechnung der Lieferantenkosten und der Steuern) ist eine Ent- scheidung, wie sie beispielsweise ein Landwirt trifft, wenn er nach der Ernte die Verbrauchsquote trennt von der Saat für das kommende Jahr. Aus der gesamten Ernte â der Wertschöpfung â muss ein Teil als Saatgut, als Investition für die Zukunft reserviert werden. Dies ist eine erste, in je- dem Unternehmen zu leistende Ertragsteilung. Diese Teilungsentscheidung hat es immer gegeben, an ihr kommen wir auch heute nicht vorbei. Mag unsere Gesellschaft so industriell verfasst sein, wie sie will: Das Prinzipielle ändert sich dadurch überhaupt nicht. Erkennt man aber in der Wertschöpfung deren Hauptelemente: die Ein- kommensbildung einerseits und alle Sachkosten andererseits â worin ich hier vereinfachend die Vorleistung der Lieferanten einschlieÃlich der Beschaffung von Investitionsgütern und das, was man nicht beeinflussen kann, rechne: die Steuern â so haben Sie als Hauptelemente Sachkosten und Einkommen in der Wertschöpfung. Immer lösen sich im Wertschöp- fungsprozess aber die Sachkosten der nachfolgenden Stufen in Einkom- mensanteile der Vorstufen (und deren Sachkosten) an der Wertschöpfung auf, bis sich am Ende in der zurückverfolgten Wertschöpfungskette alles in Einkommen aufgelöst hat. Wir erkennen: Alle Sachkosten sind (immer) Einkommen von Menschen in den Vorstufen des Wertschöpfungsprozesses. Und mit dem Leistungsbe- zug unseres Unternehmens, mit dessen Kosten, werden die Einkommen der Vorstufen im Wertschöpfungsstrom auf uns weitergewälzt. Die Preise (Geldbeträge), welche Sie Ihren Lieferanten zahlen, sind die Einkommen der Menschen in den Vorstufen dieses Prozesses, an dem Ihr Unterneh- men an späterer Stelle âMit-Gliedâ ist. Einkommensbildung ist daher 102 103 das eigentliche Thema der Wirtschaft, sonst gibt es im Grunde gar kein Thema. Wirtschaften heiÃt somit: Organisation des Füreinandertätigseins von Menschen im arbeitsteiligen Weltwirtschafts- oder Wertschöpfungs- geschehen, Organisation der Einkommensbildung aller. Wenn wir akzeptieren können, dass es sich im Wirtschaftsleben ganz überwiegend um das Thema der Einkommensbildung handelt, dann kön- nen Sie vielleicht auch die Bedeutung unseres Themas â die Entkoppelung von Arbeit und Einkommen â ermessen. Je mehr menschliche Initiative entfaltet wird im Wertschöpfungsprozess, je mehr beigetragen wird zur tatsächlichen Wertschöpfung (Leistung), desto mehr Ertrag wird am Ende erzielt, desto mehr gibt es letztlich in der Gesellschaft zu verteilen. Oder anders: Je mehr Leistung zurückgehalten wird, etwa mit der Vorstellung, ich erhalte sie nicht voll bezahlt, desto weniger Ergebnis ist am Ende da, desto mehr sinkt im Gesamtergebnis der gesellschaftliche Wohlstand; gesamtgesellschaftlich ist das eine Selbstverständlichkeit. Armut in der Ge- sellschaft ist dagegen eine Folge des Grundsatzes: Lieber nichts erzeugen, wenn es nicht â nach meinem Dafürhalten â richtig verteilt wird; dann verhungern wir lieber! Verstehen Sie aber den Menschen als ein Wesen, das sich entwickelt und entfaltet in seiner Tätigkeit für Andere, verstehen Sie dieses ei- gentliche Ich-Wesen des Menschen, sein zukünftiges Ich, das, was er erst werden will : Er wird es dadurch, dass er tätig wird. Je mehr Tätigkeitsfelder er für sich findet, je mehr Herausforderungen und Tä- tigkeitsfelder die Gesellschaft ihm bietet, desto mehr Ich-Entwicklung findet statt. Je mehr dieses Geschehen begrenzt wird von auÃen â zum Beispiel durch Arbeitslosigkeit â oder von innen, weil der Einzelne sich sagt: Es lohnt nicht mehr tätig zu sein, ich begrenze meine Tätigkeit mangels angemessenem Lohn â desto mehr Verhinderung von mög- licher Ich-Entwicklung, von personell-persönlicher Entwicklung des Einzelnen ist die Folge. Es gibt da in jedem Menschen eine Sphäre seines Wesens, es gilt da für jeden eine GesetzmäÃigkeit seiner menschlichen Ich-Entwicklung, von der man nur richtig berichtet, wenn man â wie es das Neue Testament zum Beispiel tut â sagt: âGeben ist seliger als Nehmen.â Die meisten Menschen meinen, es sei anders. In Schwaben â und âSchwa- 102 103 benâ ist sehr groà â soll der Satz gelten: âMer kann nie gânug heimbrin- ge!â â und die Schwaben handeln gelegentlich auch danach. Für die see- lische Entfaltung des Menschen, für seine Ich-Entwicklung, ist es wichtig, zunächst tätig zu sein, ohne dies von vornherein davon abhängig zu ma- chen, was er dafür bekommt. So versuchen wir, unsere Kinder zu erziehen: dass sie tätig sein wollen um der Tätigkeit, nicht um der Entlohnung willen; denn wer nur um der Entlohnung willen tätig ist, macht sich abhängig von dem, der ihn entlohnt. Arbeitsbezahlung dagegen schafft Hierarchie. Es geht gar nicht anders â das heiÃt: Es geht doch anders. Und zwar wie und wo? Zwischen Selbstän- digen, zwischen Unternehmern! Unternehmer finden nämlich niemanden, mit dem sie einen Vertrag machen können darüber, welchen Lohn sie für ihre Arbeit erhalten, sondern sie werden zunächst einmal initiativ tätig und warten ab, was dabei herauskommt. Sie gehen ins Risiko. Wenn es mehrere gemeinsam so machen, treffen sie eine gesellschaftsrechtliche Vereinbarung, einen Gesellschaftsvertrag. Selbständige, die sich selber Ziele setzen, arbeiten auch deshalb zusammen, weil sie feststellen, dass andere die gleichen Ziele haben wie sie selber, dass man gemeinsam besser vorankommt; mit ihnen âgesellenâ sie sich. Dabei stellen sie die âSchnitt- mengeâ ihrer individuellen, selbständigen Initiative fest und beschreiben diese Gemeinsamkeit als Vertrag. Der Jurist nennt das vielleicht auch eine âSatzungâ. Satzungszwecke beschreiben, was mehrere Menschen gemeinsam wollen: Ihr Unterneh- mensziel und die Regeln, die sie sich für dessen Verfolgung geben: wel- chen Beitrag der Einzelne leistet und wie er am Ertrag â so erzielt â be- teiligt wird. So ist ja überhaupt unser Gesellschaftsrecht, etwa auf dem Gebiet der Personengesellschaft, entstanden, und so entsteht auch das Recht der Körperschaften. Unternehmer arbeiten gemeinsam an einem Ziel, sie âer-zielenâ Ertrag, und sie haben Regeln, wie sie ihn unter sich aufteilen, wie jeder seinen Wertschöpfungsanteil â als Einkommen oder Kapitalanteil â erhält. Preise, die zwischen Unternehmen über die Ab- rechnung von Leistungen vereinbart werden, beschreiben letztlich über die mit dieser Preisbildung vorgenommene Relationsbildung (Teilung) der gesellschaftlichen Wertschöpfung die Lebenslagen der Menschen in den jeweiligen Stufen (Unternehmen) des Wertschöpfungsprozesses. Der Preis zwischen zwei Unternehmen bildet die Relation â er ist eine Hie- roglyphe, ein Zeichen dafür â zwischen der Lebenslage der Menschen in 104 105 den Vorstufen des Wertschöpfungsstromes zur Lebenslage der (anderen) Menschen in den nachfolgenden Stufen dieses Stromes â bis hin zum Konsum, zum Endkonsumenten. Der Preis ist insoweit nichts anderes als ein Mittel zur Vorstrukturierung der Einkommensbildung, und zwar der danach âfeintariertâ, im Unter- nehmen selbst als weiterer Ertragsteilungsstufe vorzunehmenden end- gültigen Einkommenszumessung jeweils für die Gruppe der Menschen in diesem Unternehmen. Denn aus der Preisbildung für Waren oder Leis- tungen bildet sich der Umsatz dieses Unternehmens, und durch dessen Umsatz entsteht und begrenzt sich die Fähigkeit eines Unternehmens, Einkommen für die in ihm tätigen Menschen zu bilden. Das Rechtsver- hältnis, das Sie zu ihren nichtselbständigen Mitarbeitern haben, indem Sie deren Arbeit bezahlen, macht diese im Grunde zu Lieferanten. Als Lieferant hat der Mitarbeiter sogar eine âbevorrechtigteâ Forderung im Konkurs; Unternehmer hingegen haften als Mitgesellschafter auch für den Verlust des Unternehmens, verlieren unter Umständen alles â und können nicht einfach ihrer âFirmaâ zum Quartalsende kündigen. Sie kön- nen nur die gemeinsam vereinbarte Zusammenarbeit auflösen, müssen das Unternehmen dann aber noch liquidieren. Solche Verpflichtungen gibt es im Arbeitsrecht nicht. Auf den Unterschied der gesellschaftsrechtlichen und der arbeitsrechtli- chen Regelung der Zusammenarbeit können wir auch noch in folgender Weise hinblicken. Wir haben zwei Formen, mit denen wir das Unterneh- men heute beschreiben: die handels- oder gesellschaftsrechtliche Form und die der sozialen Einheit des âBetriebesâ, die das Betriebsverfassungs- gesetz zum Beispiel ins Auge fasst. Von Letzterem werden die Mitarbeiter als Menschen gesehen, die mit dem âBetriebâ des Unternehmens etwas zu tun haben. Das Gesellschaftsrecht hat allerdings die Mitarbeiter in der Regel aus dem Blick verloren; sie sind âirgendwo untenâ, sind rechtlich Lieferanten ihrer Arbeitskraft, erhalten âdafürâ â das heiÃt nach dem Maà ihrer Arbeitsleistung â ihren âLohnâ. Arbeits- (Betriebsverfassungs-) und Gesellschaftsrecht müssen einander angenähert werden. Das Erstere bewegt sich längst auf das Letztere zu. Die Unternehmer aber trennen bereits, wie wir gesehen haben, Arbeit und Einkommen, sie verkoppeln es nicht. Sie trennen es vielmehr voneinander, haben Regeln dafür, wie sie einerseits leisten und andererseits im Erfolgsfalle am Ertrag partizi- pieren. 104 105 Worum geht es uns daher bei diesem Thema âEntkoppelung von Arbeit und Einkommenâ? Im Grunde genommen darum, wie man Verhältnisse schafft, in denen das Arbeitsrecht schrittweise überwunden wird, in denen es langsam gesellschaftsrechtliche Formen annimmt. Die Einkommenszu- messung muss â in Zukunft bewusst â immer wertschöpfungsbezogener werden. Derartiges beginnt ja auch bereits: mit den entsprechenden Forderungen der Industrieverbände nach âwertschöpfungsbezogener Lohn- und Gehaltsfindungâ, mit Orientierung der Einkommensbildung am gemeinsam erwirtschafteten Ertrag, mit Entwicklung aller Arten und Formen von Gewinn- und Vermögensbeteiligungsverfahren. Man muss bei dieser allerdings die Spreu vom Weizen trennen können. Wenn man menschlich und gesellschaftlich sinnvoll handeln will, muss man dafür sorgen, dass soziale Verhältnisse entstehen, unter denen Menschen ihre Tätigkeit möglichst voll entfalten können â das hängt mit dem âWerde-Ichâ jedes Menschen zusammen und verlangt in der Zukunft immer deutlicher sein Recht. In der Arbeitswissenschaft wird heute thema- tisiert, wie âgesellschaftsrechtliche Elemente im Arbeitsrechtâ (Adomeit) entwickelt werden können â oder schon entwickelt worden sind.3 Es sollte auch bewusstes Selbstverständnis der zusammenarbeitenden Menschen im Unternehmen werden, dass Arbeit und Einkommen entkoppelt werden müssen, denn das bringt gesellschaftlich insgesamt mehr Ertrag und wird zu sinnvolleren, menschlicheren Formen der Zusammenarbeit führen im Unternehmen. Denn dies entspricht den WesensgesetzmäÃigkeiten des Menschen; wir müssen uns üben, beobachtungsfähig dafür zu werden und danach sachgerecht zu handeln. Fichte etwa beginnt in seiner âWissenschaftslehreâ, solche Beobachtungs- formen für das Ich-Wesen des Menschen â er gilt ja als der groÃe âIch-Phi- losophâ â zu beschreiben, er nennt das âintellektuelle Anschauungâ. Das ist etwas, was man als sich entwickelnde Bewusstseinsfähigkeit in den Blick nehmen sollte: Wie man das, was noch nicht ist, denken kann, wie man dafür Aufmerksamkeit entwickelt: Aufmerksamkeit für das Werde-Ich des Menschen, nicht für das Gewordene allein (das können wir einigermaÃen). Und wir müssen uns darauf konzentrieren, wie man die gesellschaftlichen Verhältnisse der Gegenwart so gestaltet, dass sie Initiative (Ich-Entwick- 3 K. ADOMEIT: Gesellschaftsrechtliche Elemente im Arbeitsverhältnis. In: Juristische Arbeits- blätter. 1988, S. 173 ff. (Heft 4). 106 107 lung) fördern. Das werdende Ich des Menschen wird gefördert, indem Sie es fordern. Jedoch nicht âvon oben herabâ, sondern: als Gleicher unter Gleichen. Das schlieÃt Führung nicht aus, wenn sie akzeptiert oder gar gesucht wird, wenn sie helfender Art ist. Wir werden auf das Wesen des Anderen, auf unseren wahren Schicksalsbezug zu ihm erst aufmerksam, wenn wir uns davon trennen können zu meinen, wir könnten seine Arbeit bezahlen. Die Arbeit eines Menschen entspringt aus seinem verborgenen Wesen, sie ist letztlich unbezahlbar. Wir können nur sagen: Wir arbeiten zusammen und erwirtschaften ge- meinsam einen Ertrag. Das muss grundsätzlich nach den Regeln des Gesell- schaftsrechts â nach allen Seiten â erfolgen. Machen Sie die Ertragsteilung zum Thema: Dann beginnen Sie, Arbeit und Einkommen zu entkoppeln. Je mehr Sie diese beiden verkoppeln, desto mehr beschränken Sie den Ein- zelnen auf das Bewusstsein, er sei nur für sich verantwortlich, er habe nur mit sich selbst zu tun. Sie machen ihn gesellschaftlich zum Selbstversorger, zu einer überholten Figur, die in der arbeitsteiligen Wirtschaft ein atavisti- sches Element, ein Kontrathema ist. Sie schlieÃen ihn von der geforderten Entwicklung aus; sie fördern ihre Mitarbeiter nicht. Sie müssen sie vielmehr zu Beteiligten â zum Teilhaber und Teilgeber â an dem Prozess der gemein- samen Werterstellung, des gemeinsamen Arbeitslebens machen. Das wäre der Impuls in dieser Sache, der von der Zeit gefordert wird. Demjenigen, der in den bisherigen Denkweisen bleibt, wird das (vielleicht) lächerlich erscheinen. Für den, der versucht zu verstehen, wie die Entwick- lungslinien laufen, kann es aber sehr vernünftig sein und Ansatzpunkte bieten, eine sinnvolle soziale Welt unter uns Menschen miteinander zu entwickeln. Auf Dauer wird die Oberhand behalten, wer entwicklungsge- recht handelt. 106 107 7 Anspruch und Zuspruch Rentensicherheit und soziales Hauptgesetz* Rentensicherheit und Geburtenrückgang Die mitteleuropäische Gesellschaft der Gegenwart â etwa in der Bun- desrepublik Deutschland â ist in wirtschaftlicher Hinsicht von Paradoxien gekennzeichnet: Sie ist Ãberfluss- und Mangelgesellschaft zugleich. Sie ist Ãberflussgesellschaft und kommt mit diesem Ãberfluss nur schwer zurecht: Milchsee, Butterberg, Wein- und Weizenschwemme, das heiÃt landwirtschaftliche Produktion, die keinen Abnehmer erreicht, und ähnli- ches kennzeichnen sie in dieser Hinsicht. Um den Bauern ein Einkommen zu garantieren, das sie in der Industriegesellschaft als politisch verlässliche Gruppe bei Laune hält und nicht politisch âabdriftenâ lässt, lassen wir die Landwirtschaft produzieren, ohne zu wissen, wie ihre Produkte in gesell- schaftlich vorausbedachter, sinnvoller Weise mögliche Abnehmer erreichen können. Wenn die Butter lange genug gelagert hat, muss man sie im Wege des Notverkaufes nach dem Osten abschieben, wo sie den westlichen Markt nicht stören soll. Was am Ende eintritt, hätte man sich am Anfang nicht vornehmen dürfen: Die Voraussage wäre skandalös gewesen. Das vorher- sehbare Ergebnis, das am Ende in die Welt nicht passt, wird â zunächst in Kühl- oder Lagerhäuser und aus unserem Bewusstsein â verdrängt. Neben der abnehmerlosen landwirtschaftlichen Ãberproduktion haben wir noch eine andere: die Rüstung. Sie wird von den Abnehmern nicht bestellt und bezahlt. Diese ahnen entweder nichts von ihr oder fürchten sich vor ihr. Am günstigsten ist auf diesem Industriesektor noch, wenn der Ãberfluss wieder verschrottet wird, bevor man ihn braucht. Nur zur Demonstration der Stärke â und zur Erhaltung von Arbeitsplätzen â ist der Ãberfluss nötig, heiÃt es. Jedenfalls Ãberfluss auch hier. Gleichzeitig sind wir aber auch Mangelgesellschaft. Bei den festen Summen, die für landwirtschaftliche und militärische Ãberproduktionen gebraucht werden, führen auch vorübergehende wirtschaftliche Stagnationen oder Re- zessionen zu mangelnden Staatseinnahmen, die dann durch finanzielle Kür- * Erschienen in: Das soziale Hauptgesetz. Sozialwissenschaftliches Forum, Band I. Hrsg. STEFAN LEBER. Stuttgart 1986, S. 181 ff â auch: DIE DREI 3/1986, S. 188ff. 108 109 zungen auf dem Gebiete von Bildung, Erziehung, sozialer Arbeit und sozia- ler Verpflichtungen ausgeglichen werden müssen. Es muss gespart werden. Man muss die Orte suchen, wo dies am ehesten zumutbar ist; man findet sie auch. Das Geldsparen setzt sich im Menschensparen fort: Zurückgeschraub- te Dienstleistungen im Sozialbereich, durch Rationalisierung eingesparte Arbeitsplätze setzen Menschen frei. Unter punktueller Betrachtungsweise ist das Sparen in den zu klein gedachten Verantwortungsbereichen geglückt. Hinter den angedeuteten Mangelproblemen unserer Gesellschaft erschei- nen dunkle Riesen: die Hungerkatastrophen, wirtschaftliche Ausbeutung und Raubbau an der Natur in der Dritten Welt; Waldsterben bei uns. Wir kommen als Gesellschaft weder nach der Seite des Ãberflusses noch nach der Seite des Mangels mit unseren Problemen zurecht. Wir sind desorientiert; es fehlt uns der Durchblick. Weil es am Zielbewusstsein fehlt, setzen wir auch nicht unsere volle Kraft ein: Damit die Arbeitslosigkeit in Grenzen bleibt und nicht noch mehr Arbeitsplätze vernichtet werden, soll der technische Fortschritt begrenzt werden. Würde er nicht eine bessere Versorgung möglich machen? Einerseits ja, andererseits nein. Ja, weil mehr Produkte vorhanden sein können, wenn zur menschlichen Arbeit noch Ro- boter und Maschinen hinzukommen, um bei der Gütererzeugung zu helfen. Nein, weil wir nicht wissen, wie wir die erzielten Erlöse und Gewinne in Einkommen umsetzen können, damit das Erzeugte auch gekauft werden kann; schlieÃlich kann man es ja nicht verschenken! Wir sind bei der Frage der Bezahlung der Arbeit angelangt, für die die überkommenen Instrumente und Grundsätze nicht mehr tauglich sind, weil uns die überlieferte Form der Verbindung von Arbeit und Einkommen ins Leere führt: Die Arbeit geht uns aus; die Einkommen fehlen, um die Mehrprodukte kaufen zu können; wir verhungern in der Fülle (Faust 11, Vers 11 462). Die hier zu erwähnenden Fakten haben der Verfasser und andere in dem Buch âArbeitslosigkeit â Ur- sachen und Auswegeâ behandelt, es darf daher hier auf diese Darstellungen Bezug genommen und verwiesen werden.1 Ein Punkt aber wäre hinzuzufügen. Als wenn all das Geschilderte nicht genü- gen würde, kommt neues Unglück auf uns zu. Wir haben eine Bevölkerungs- entwicklung zu verzeichnen, die es in dieser Art bisher noch nie gegeben hat. Es gab in der Vergangenheit Kriege, Seuchen, Naturkatastrophen. Sie haben dazu geführt, dass in ganzen Gebieten die Bevölkerung ausstarb oder ab- 1 STEFAN LEBER, u. a.: Arbeitslosigkeit. Stuttgart 1984. 108 109 nahm: Junge und Alte; sie haben dazu geführt, dass die männliche Bevölke- rung in Kriegen dezimiert wurde; noch nie aber hat es das Faktum gegeben, dass praktisch innerhalb weniger Jahre durch einen ganz ungewöhnlichen Geburtenrückgang sich die nachwachsende Generation im Ganzen plötzlich verkleinerte. Zunächst wurde dies als Befreiung der Frauen von unwürdigem Hausfrauen- und Familiendasein gefeiert; dann wurden die Kindergärten leer, danach die Schulen; jetzt werden die Lehrer, die zuvor ausgebildet wurden, nicht mehr eingestellt, weil es viel weniger Schüler zu unterrichten gibt. Der Schülerberg hat sich in einen Studentenberg verwandelt; in wenigen Jahren wird aus der Ãberlast der Ausbildungssituation, aus der Ãberlast der Uni- versitäten eine Ãbernachfrage nach jungen Arbeitskräften, eine Suche nach studier- und fortbildungswilligen Menschen werden, die das Daseinsrecht der Institutionen âbelegenâ müssen. Unerwartete Wandlungen, Häufung der Probleme an immer neuen Stellen. Und dies alles geschieht in einer Zeit, in der die Lebenserwartung der Menschen deutlich gestiegen ist: Die Jungen werden weniger, die Alten werden (relativ) mehr und älter. Werden die wenigen Jungen die vielen (künftigen) Alten, die wir sind oder werden, auch ernähren und versorgen können? Wohl, werden wir sagen, denn wir leben ja in einer Ãberflussgesellschaft! Die Steigerung der Leistungsfähigkeit unseres Produktionsapparates, die Steigerung der Leistungsfähigkeit unserer Landwirtschaft gibt das doch alles her und kann in wenigen Jahren bei gleich- mäÃigem oder gar beschleunigtem technischem Fortschritt sogar noch viel mehr leisten! Güter- und leistungsmäÃig müsste die Versorgung sicherzustel- len sein. Beruhigend? Nicht ganz; denn: Wie sollen wir das alles finanzieren? Können wir den jungen, dann arbeitenden Menschen so hohe Abzüge von ihrem Arbeitseinkommen machen, dass sich daraus das Renteneinkommen der Alten finanzieren lässt? Hinter jedem jungen und arbeitenden Menschen steht dann ein alter und will mitversorgt werden. Das jeweils Erarbeitete ge- hört aber doch den Jungen! Kann man ihnen zumuten, von ihrem âschwer verdienten Geldâ soviel abzugeben, dass davon alle Alten miterhalten wer- den können? Sollen die Jungen denn alles herschenken? Werden sie dann überhaupt noch zur Arbeit bereit sein oder wird der Arbeitsunwille so groÃ, dass man sich dem Leistungsprozess entzieht, weil dieser ânichts bringt?â. Ist dann das Nichtstun â bei garantiertem Mindesteinkommen möglichst â nicht viel sinnvoller, wenn die Arbeit so sehr âbestraftâ wird? â Aber die Alten haben ja schlieÃlich gute Rechte, einwandfrei erworbene Ansprüche! Haben sie nicht ein Arbeitsleben lang selbst von ihrem Arbeitseinkommen, wenn die Sätze auch niedriger waren, abgegeben und die damals Alten dadurch mit unterhalten? Kann man ihnen ihre Rechte nehmen? Die grauen Panther 110 111 werden kommen und sich wehren! Es droht ein Krieg der Generationen. Die Sorgen der Jungen um ihr schwer verdientes Arbeitseinkommen, die Sorgen der Alten um ihre erworbenen Ansprüche führen zu schwer überbrückbaren Gegensätzen. Frau Sorge â bei Goethe in Faust II â hatte recht: Wir âverhun- gern in der Fülleâ. Woher kommt diese Paradoxie des Mangels im Ãberfluss, die Paradoxie der Versorgungsschwierigkeiten im Lande des Produktions- überschusses? Es ist eigentlich einfach zu sehen: aus dem Grundsatz der Bezahlung der Arbeit. Er verwirrt den Blick auf die Fakten. Er führt uns zu der Meinung, dass das Erarbeitete den Arbeitend-Tätigen allein gehöre und dass es ungerecht sei, ihnen einen Mehrwert wegzunehmen. Er kommt von der Meinung, dass die Alten ja durch ihre Arbeit und die Versicherung, die sie davon bezahlt haben, nun einen Anspruch haben aus früheren Tagen. Nach- dem, was sie früher getan und verdient und âgeklebtâ haben, sollen sie jetzt ihr Alters-einkommen beziehen. Die Verwirrung kommt von der Meinung, dass das Ziel der Arbeitenden sei und sein müsse, durch Arbeit â und ergän- zend auf Kosten anderer â es zu was zu bringen, reich zu werden, jemand zu sein, das heiÃt dem alten schwäbischen Grundsatz zu genügen: âMer ka nie gânug heimbringeâ. Dies wurde Grundsatz und MaÃstab sozialen Handelns und der Einrichtungen; wir kleben an unseren Ansprüchen. Wird dieser Grundsatz bei der aufgezeigten Bevölkerungsentwicklung von den Jungen nun gleichzeitig geltend gemacht, so geht die Rechnung nicht auf. Denn es wird übersehen, dass die Alten bisher nur scheinbar nach dem MaÃe dessen ihr Alterseinkommen erhielten, was sie früher verdient hatten. Denn in Wirklichkeit handelte es sich immer schon um eine Umlage bei der Einkommenszumessung, bei der Einkommensverteilung, durch die gegenwärtig verfügbares Einkommen auf nicht mehr Arbeitende, auf die Alten, übertragen wurde, so dass sie in ihrer jeweiligen Lebensgegenwart die erforderlichen (realen) Existenzmittel erwerben konnten. Die Illusion, man würde dadurch oder aufgrund dessen, was man früher in die Ver- sicherung eingezahlt hatte, versorgt sein, lebte nur im Bewusstsein vieler Beteiligten. Den Eingeweihten war seit langem klar, dass es sich nur noch um ein Umlagesystem der Rentenfinanzierung handelte mit geringfügigen, manchmal beängstigend zur Neige gehenden Zwischenerträgen, genannt âRücklagenâ. Bei zunehmender Zahl von Erwerbstätigen, bei wachsender Wirtschaft ging diese Finanzierungsform einigermaÃen auf. Sie kommt aber auf der Basis dieses Denkansatzes in erhebliche Schwierigkeiten, wenn zur Rentenfinanzierung von Arbeitseinkommen der Tätigen die Hälfte und nicht mehr ein Fünftel gebraucht wird. Die Beitragssätze müssten aus dem gegen- 110 111 wärtigen System heraus so enorm steigen, dass sich die Tätigen dagegen zu wehren beginnen; oder es müssten die Rentenleistungen so deutlich absin- ken, dass sich die Alten ungerecht behandelt fühlen. Im alten System â das heiÃt im Sinne eingeübten Verhaltens, ohne Verständigung über ein ganz anderes Konzept â läuft die Sache auf Konfliktlagen, auf Unfinanzierbarkeit der Alterseinkommen, auf âRentenbetrugâ usw. hinaus. Unter dieser Vor- aussetzung müssen unsere Renten als weitgehend ungesichert gelten. Anders könnte die Sache nur werden, wenn wir andere Grundsätze entwi- ckeln würden, wenn wir uns zu Folgendem bekennen könnten: â meine Arbeit dient â de facto â den Anderen; â ich lebe â de facto â von den Arbeitsfrüchten anderer Menschen; â die arbeitsteilige Weltwirtschaft lässt dieses Faktum immer stärker hervor treten: Unser steigender Wohlstand bedeutet gleichzeitig immer gröÃere Abhängigkeit von der Arbeit und den Arbeitsfrüchten anderer; â je mehr wir diese faktische auch als Sachorientierung ernst nehmen, je mehr wir dasâFaktische als Theorieâ (Goethe) anerkennen und bejahen können, je mehr wir unsere Arbeitsantriebe aus den Interessen der Ande- ren entwickeln lernen, desto gröÃer müsste der Wohlstand einer Gesell- schaft güter- und leistungsmäÃig werden; desto mehr muss auch zu ver- teilen sein; desto besser kann auch für den Einzelnen gesorgt werden. Mit anderen Worten: Je mehr mein Arbeitsertrag ganz den Anderen zugute kommt und ich auf eine noch zu findende Weise von der Sozialität erhalten werde, desto besser lässt sich ein Ausgleich zwischen Versorgungsbedarf und Produktionsergebnis (Produktionsüberschuss) erzielen, desto eher kann der faktische Ãberfluss unserer Gesellschaft auch genutzt werden. In unserer jetzigen Lage sind wir dagegen âwie ein Tier auf dürrer Heide von einem bö- sen Geist im Kreis herumgeführt und rings umher liegt schöne grüne Weideâ (Faust I, Vers 1833). Wir haben uns damit den sozialgesetzmäÃigen Zusam- menhang vergegenwärtigt, der von Rudolf Steiner als soziales Hauptgesetz bezeichnet worden ist.2 2 RUDOLF STEINER: Geisteswissenschaft und soziale Frage. In: Luzifer-Gnosis, GA 34, Dornach 1960. 112 113 In unserem jetzigen Bewusstsein von und für Rentensicherheit lebt das Bewusstsein des Anspruches aufgrund vergangener Tätigkeit, lebt das Bewusstsein vom Einzelmenschen als sozialem Atom: Wer viel zurück- gelegt hat, hat auch viel zum Aufzehren (âHamster-Theorieâ der Alters- sicherung). So hat der liebe Gott es den Hamster im Wechsel zwischen Sommer und Winter gelehrt, so haben wir es uns für die Menschenwelt mit Hilfe des Geldes und der Altersversicherung ebenfalls zurechtgelegt. Die Anspruchsform der Alterssicherung, die Bewusstseinsform der Ren- tenversicherung geht jedoch bei der heutigen demografischen Bevöl- kerungsentwicklung nicht auf. Die Rücklagen der Rentenversicherung sind keine volkswirtschaftliche güter- oder leistungsmäÃige Realität; sie sind reiner Rechenvorgang und in der Weise der Illusion, die dieser erweckt hat, nicht erfüllbar. Dagegen kann eigentlich kein Zweifel beste- hen, dass die Versorgungsleistung an sich â güter- und leistungsmäÃig â erbracht werden kann, weil die Produktivität unserer wirtschaftlichen Sozialverfassung eher zur Ãberproduktion als zum Gegenteil neigt und der technische Fortschritt Weiteres an Produktivität erwarten lässt, wenn nur das Rad der arbeitenden und produzierenden Wirtschaft in Schwung gehalten wird, wenn die Arbeitswilligen sich wirklich an der Produktion auch beteiligen können, die derzeit von der Mitwirkung ausgeschlossen werden, weil unsere Spielregeln der Einkommenszumessung für ihre Be- teiligung nicht ausreichen. Es wird also deutlich, dass wir nicht verhungern müssten, wenn wir ein neues Konzept entwickeln könnten, wie wir den Zusammenhang der ar- beitsteiligen Wirtschaft in Schwung halten und, die vorhandenen Möglich- keiten nutzend, die Existenzmittel so verteilen, dass alle versorgt sind und zugleich auch alle mitarbeiten können. In der Lösung dieser Frage müssen wir selbst ein Ziel sehen, das sich begründen und erreichen lässt, wenn wir jeden Menschen als ein auf einer Lebensreise, auf einem Entwicklungsweg sich befindendes geistiges Wesen anerkennen können, dessen Mitarbeit â oder auch nur: dessen Existenz als Menschen â wir brauchen und auf den wir nicht verzichten wollen und können. Das soziale Hauptgesetz legt für diesen Lösungsweg nur die Gesetzmä- Ãigkeit dar: Es sagt selbst nicht, was im Einzelnen zu tun ist und welche Formen richtig sind und welche falsch. Gut, dass es dies nicht tut! Es lässt uns frei. Es sagt lediglich, dass das Heil einer Gruppe von Menschen umso gröÃer wird, je mehr sie zwei Dinge trennt: für die Anderen arbeiten und 112 113 ein Einkommen beziehen. Gerade weil es ein Gesetz ist, gibt es unendlich viele Möglichkeiten, es durch soziale Phantasie in Regeln von Menschen- gruppen, das heiÃt in Realitätsformen, umzusetzen â wie es unendlich viele Möglichkeiten gibt, unter Beachtung des Gesetzes der Schwerkraft Maschinen, Apparate und Fahrzeuge zu konstruieren; keines dieser Fahr- zeuge oder Geräte ist falsch oder richtig: Es hat nur das Gesetz besser oder schlechter, so oder anders, berücksichtigt, eine elegantere oder weniger elegante Lösung im Rahmen der GesetzmäÃigkeit gefunden. Das soziale Hauptgesetz ist kein sozialer Imperativ. Es kann auf unendlich viele Weisen, in unendlich vielen Formen Berücksichtigung finden; ein Beispiel soll uns das vergegenwärtigen. Das Zusprechverfahren der Pfarrer in der Christengemeinschaft â ein Beispiel In der Christengemeinschaft gab es vor einigen Jahren Anlass, das Verhält- nis der Pfarrer, die bis dahin freiberuflich tätige, selbständige Pfarrer waren, zur Christengemeinschaft als sozialem Verband (Gemeinde, Körperschaft öffentlichen Rechts usw.) zu überdenken und neu zu gestalten. Das überkommene rechtliche Verständnis eines freiberuflich tätigen Pfarrers zu einer rechtlich sich unabhängig von ihm konstituierenden Gemeinde und die Ausgestaltung dieses Verhältnisses durch Honorarabreden usw. entsprach ersichtlich nicht dem Angestrebten. Der Pfarrer einer Gemeinde konnte eigentlich nicht rechtlich als auÃerhalb dieser Gemeinde stehend gedacht werden. In diesem Widerspruch steckte die Aufgabe. Die freibe- rufliche Tätigkeitsform war zunächst in der Gründungsphase der Christen- gemeinschaft aus einer damals unvermeidlichen Improvisationslage heraus geschaffen worden. Diese Improvisationsform sozialer Gestaltung hatte sich durch die Beeinträchtigungen der religiösen Arbeit im Dritten Reich (und durch das folgende Verbot der Christengemeinschaft) und nach dem Kriege schlieÃlich in der erneuten Improvisationslage des Wiederaufbaues der Arbeit ungewöhnlich lange erhalten und eine ganze Gründergenerati- on von Pfarrern in ihrem Leben und Verhalten geprägt. Positiv daran war, dass die Einzelnen voll bereit waren, das Risiko ihrer Tätigkeit und ihrer wirtschaftlichen Versorgung zu tragen und im Ganzen abzuwarten, was sich als Existenzmöglichkeit aus der Opferbereitschaft der entstehenden Gemeinden ergab (die Christengemeinschaft erhebt, obwohl sie es könn- te, bewusst keine Kirchensteuer). An Einkommensansprüche oder gar an 114 115 eine rechtliche Regelung der Altersversorgung war dabei kaum zu denken und ist auch kaum gedacht worden. Die Altersversorgung ging trotzdem auf, weil diese Pfarrer durch die von ihnen mit vollzogene Gemeindebil- dung lebendige soziale Beziehungen hatten, die es undenkbar erscheinen lieÃen, dass ein Pfarrer im Alter nicht versorgt wurde: nicht reichlich zwar, aber sozial akzeptabel. Die Pfarrer kamen auch kaum auf die Idee, aus der Arbeit auszuscheiden; ihre Arbeitsform konnte sich wandeln im Alter, aber sie begriffen sich immer als Tätige. Dennoch wurde der Zustand des rechtlich neben der Gemeinde stehend gedachten Pfarrers als unangemessen empfunden; er warf auch faktische Probleme auf, indem die Bezüge der Pfarrer von den Gemeinden wegen der Selbständigkeit der Pfarrer zum Beispiel der Umsatzsteuer zu unter- werfen waren und diese Last sich mit zunehmender Bedeutung der Um- satzsteuer als Mehrwertsteuer zu kumulieren begann und weil andererseits die rechtlichen Formungen auf Seiten der Gemeinde immer deutlicher zu sozialen Gebilden von Gewicht heranwuchsen. Von Bundesland zu Bun- desland erhielt die Christengemeinschaft die Anerkennung als Körper- schaft des öffentlichen Rechts und regelte ihre eigenen Angelegenheiten in diesem Rahmen in dem grundgesetzlich geschützten und erforderlichen AusmaÃ. Die Pfarrerschaft wirkte zwar durch ihre Vertreter in den Organen der Körperschaften mit; ihr eigentliches Wirken war aber wie verdeckt, es war nicht direkt anschaubar in den gemeindlich organisierten Körper- schaften. Das war ein Unding. Es musste darauf gesonnen werden, wie die Pfarrerschaft rechtlich eindeutig und sozial verständlich in die inzwischen entstandenen Körperschaften der Christengemeinschaft integriert werden konnte. Aus diesem Grunde wurde das Konzept entwickelt, die Pfarrerschaft der Christengemeinschaft als ein Organ der Körperschaft öffentlichen Rechts in diese selbst einzugliedern und in der Form der binnenrechtlichen Aus- gestaltung des Körperschaftsrechtes alle für die Berufsausübung erforder- lichen Rechte und Möglichkeiten im Wege der rechtlichen Binnenregelung zu gestalten. So ist auch verfahren worden; die Pfarrerschaft ist seit dem 1. 1. 1982 überall Organ der Körperschaft.3 3 Vgl. die ausführlichere Schilderung in den âMitteilungen der Christengemeinschaftâ zu Mi- chaeli 1982 mit dem Beitrag des VERFASSERS: âEinkommensgestaltung und Rechtsstellung der Pfarrer in der Christengemeinschaft im Rahmen der neuen Körperschaftsverfassung.â 114 115 Bei dieser Integration sollte aber das alte Element der Eigenverantwortlich- keit und der unternehmerischen Selbstverantwortung auch in wirtschaft- licher Hinsicht beibehalten werden. Zugleich sollte die Einkommensrege- lung voll, das heiÃt einschlieÃlich der Einkommensregelung im Alter, in die Verantwortung der Christengemeinschaft übernommen werden, ohne dass man hierzu auf traditionelle Versicherungsformen der Gesellschaft in Form der Rentenversicherung usw. zurückgreifen wollte. Das Rentenversi- cherungsrecht sieht derartiges für Körperschaften öffentlichen Rechts auch vor, wenn die getroffene Regelung erkennen lässt, dass die betreffende Körperschaft die wirtschaftliche Verantwortung für die zu ihr Gehörigen voll übernimmt und diese nicht am Ende der öffentlichen Hand wieder zur Versorgung zurück überweist. Rechtlich formuliert heiÃt das: Sie musste eine beamtenrechtlichen Grundsätzen âentsprechendeâ Altersversorgung aufweisen. Das schien zunächst ein Hindernis zu sein, denn genau das wollte man ja nicht: beamtenmäÃige Rechte, Sicherungen und Ansprüche begründen. Bei näherem Hinsehen zeigte sich dann aber, dass das alte Beamtenrecht im Hinblick auf die Versorgung der Beamten eigentlich seit langem sehr vernünftige Grundsätze enthält: Es bezahlt nämlich nicht die Arbeit oder die Leistung, sondern gewährt demjenigen, der eine bestimmte Aufgabe, eine Pflicht übernimmt, eine angemessene Versorgung. Darum wird zum Beispiel das Beamtengehalt am Monatsanfang, nicht am Monatsende gezahlt: Es soll keine Vergütung für die während des Monats geleisteten Dienste sein; es wird vielmehr zur Verfügung gestellt, damit der Betref- fende in die Lage kommt, seine Aufgabe auch bei einer ausreichenden Existenzsicherung ausfüllen zu können. Vom Ansatz her werden daher im Beamtenrecht, in der Beamtenversorgung die zwei Dinge: eine Arbeit leisten und ein Einkommen beziehen, grundsätzlich getrennt. Dieser Grundansatz des Beamtenrechtes ist nur leider allmählich im Bewusstsein der Beteiligten weitgehend verlorengegangen, und man hält es heute eher für âmodernâ, Leistungsgesichtspunkte in die âBeamtenbezah- lungâ hereinzunehmen, eine leistungsgerechte Vergütung als Fortschritt einzuführen. Gesellschaftlich gesehen sind derartige Neuerungen jedoch in Wahrheit soziale Rückfahrkarten. Das Beamtenrecht ist in gewissem Sinne besser als sein Ruf. Es muss nur erneut durchdacht und neu ge- griffen werden. Dann lässt sich womöglich auf seiner Basis auch Neues gestalten. 116 117 Diese Aufhellung machte es möglich, für die Pfarrer in der Christengemein- schaft folgendes Konzept zu entwickeln und zu realisieren: â die Pfarrerschaft erhält eine organschaftliche Stellung in der Körperschaft des öffentlichen Rechts; â sie organisiert in eigener Verantwortung eine Einkommenszumessung nach MaÃgabe der ihr zur Verfügung stehenden Mittel bedarfsorientiert an den Lebens- und Aufgabenverhältnissen der einzelnen Pfarrer und ihrer Familien durch Zuspruch des Einkommens; der einzelne Pfarrer hat keinen so oder so bemessenen Anspruch; â dieses Zuspruchsverfahren (kein Anspruchsverfahren) gilt von der Weihe bis zur Bahre, das heiÃt es schlieÃt die Einkommenszusprechung im Alter voll mit ein (einschlieÃlich einer Einkommensregelung für zu unterhalten- de Hinterbliebene), kennt keinen Unterschied der Einkommenszumes- sung nach dem MaÃstab geleisteter Arbeit. Das fand Zustimmung sowohl in der Christengemeinschaft als auch bei den die Rechtsaufsicht führenden Behörden, so dass der Christengemeinschaft die eigenverantwortliche Regelung der Einkommensbildung im Alter über- lassen, das heiÃt die Pfarrer der Christengemeinschaft von der Rentenversi- cherung befreit wurden. Praktisch wird die Sache so gehandhabt, dass den einzelnen zumeist örtlichen Konventen der Pfarrerschaft ein Gesamtbetrag für die Einkommensbildung der Pfarrer aus den Gegebenheiten und dem wirtschaftlichen Aufkommen der Gemeinden zur Verfügung gestellt wird, und dass diese sich untereinander im Rahmen des Verfügbaren und im Hinblick auf das aus den jeweiligen Lebens- und Aufgabensituationen her- aus Nötige ein Einkommen zusprechen. Der einzelne Pfarrer hat also nicht einen Anspruch nach diesem oder jenem Tarif, nach diesen oder jenen äuÃeren Merkmalen, nach diesen oder jenen Leistungsergebnissen usw. Es muss vielmehr von den unmittelbar Beteiligten ständig neu ein Konsens über Art und Höhe der Einkommenszumessung im Konvent gefunden werden, auf die kein bestimmter Anspruch besteht. Jeder Konvent ist frei, entsprechende Regeln unter sich für die Einkommenszumessung zu ent- wickeln und auch wieder zu verändern. Es gibt keine Regelung von oben. Im Rahmen des Vorhandenen und des Möglichen besteht volle Selbstver- antwortung und Selbstverwaltung der Betroffenen. Nicht ein Merkmal der Leistung oder des Arbeitseinsatzes entscheidet über das Einkommen, nicht 116 117 ein selbst geltend gemachter Bedarf; sondern: die Beurteilung des Bedar- fes des Einzelnen durch die Kollegen in vergleichbarer Lebens- und Aufga- benstellung, die ihrerseits ebenfalls von einem solchen Urteil abhängen. Ein Anspruch besteht nicht; die Einkommensgestaltung erfolgt durch das Zusprechen aus der im Rahmen der Christengemeinschaft organisierten Sozialität. Das alles ist ein Anfang; aber er ist gemacht. Er kann sich entwickeln und kann über die Pfarrer in der Christengemeinschaft hinaus auch die Mitarbeiter der Gemeinden und vielleicht diese selbst in Zukunft erfassen, wenn das von den Beteiligten gewollt wird und die Formen dafür selbst entwickelt werden. Vielleicht gibt es noch Hindernisse aus dem gesell- schaftlichen Umfeld zu beseitigen â und das wird dann Zeit erfordern. Alle sozialen Formen sind aber einmal daraus entstanden, dass Menschen be- stimmte Auffassungen von ihrer Aufgabe, von ihrem gemeinschaftlichen Leben und dessen sozialen Formen hatten. Ist es sachgerecht und wird es ernsthaft gewollt, so setzt es sich im Laufe der Zeit auch durch und findet früher oder später die erforderliche Anerkennung. Das Beispiel ist sicher nicht kopierbar. An anderen Orten muss von anderen Menschen wieder anderes originär entwickelt werden. Aber es ist ein Bei- spiel dafür, wie in einer konkreten sozialen Situation für einen konkreten Rahmen und für konkrete Menschen eine Lösung aus dem Bewusstsein der sozialen GesetzmäÃigkeit gefunden werden kann, die im sozialen Hauptgesetz ihren Ausdruck gefunden hat. Und dass hier dieser Weg ge- funden wurde, kann zu der Hoffnung berechtigen, dass an anderer Stelle ein anderer Weg aus dem gleichen Geiste, unter Beachtung der gleichen GesetzmäÃigkeit gefunden wird. Wesentlich ist für uns alle, dass es ein Beispiel dafür ist, dass das Einkommen sich aus dem ergibt, was verfügbar ist, und dass die Regeln des Zusprechens sich an diesem orientieren dür- fen und müssen: Kam es nicht darauf auch gerade im GroÃen an? Lässt sich nicht aus diesem Geiste auch ein Weg in den auf uns zukommenden Problemen der Rentensicherung, der Einkommensgestaltung im Alter in unserer Gesellschaft im GroÃen finden? 118 119 Das Zusprechverfahren als gesellschaftlicher Lösungsansatz zur Einkommensgestaltung im Alter? Einkommensgestaltung und Alterssicherung müssen in Zukunft aus einem Denkansatz gelöst werden. Die Trennung zwischen Arbeitseinkommen und Alterseinkommen beruhte ja nur auf dem Grundsatz der Arbeitsbezah- lung, der für die Erwerbszeit ein âvertretbaresâ Prinzip zu haben glaubte und dieses Prinzip über die Anspruchskonstruktion im Versicherungswege auf das Alterseinkommen ausdehnte, obwohl man dort eben âeigentlichâ nichts mehr âverdientâ, weil man nicht mehr tätig ist. Wir arbeiten für die Anderen, die Anderen arbeiten für uns. Wir arbeiten, sobald wir uns als Menschen dafür durch Lernen fähig gemacht haben und uns als Menschen durch die Arbeit in den Menschheitszusammenhang aktiv hereinstellen können; die Arbeitsfrüchte kommen den Anderen zugute. Diese handeln ebenso â und wir leben selbst von ihren Arbeitsfrüchten. Wir haben bisher nur rechenhaft so getan, als wenn jeder für sich selbst arbeiten würde, als wenn jeder âsein Geldâ verdienen würde (und es âaufessenâ könnte), obwohl es de facto nie stimmte und auch nicht möglich war und immer weniger möglich sein wird, wenn wir nicht in ganz primitive naturalwirt- schaftliche Zustände der Gesellschaft zurückfallen wollen. Das zureichende Bewusstsein der tatsächlichen Realitäten wird in Zukunft zum Prüfstein; ein Mindestbewusstsein des Realen wird zum âPreis des Fortschrittsâ; die Zeit des sozialen Träumens geht zu Ende. Das Missverständnis, das un- zureichende Bewusstsein, lag bisher darin, dass wir meinten, für unsere Tätigkeit eine Gegenleistung aushandeln zu müssen, mit unserer Tätigkeit einen Anspruch zu erwerben. Was stattfand, war lediglich: Austausch der Arbeitsfrüchte. Dieser Austausch der Arbeitsergebnisse, der Arbeitsfrüchte wird auch weiter stattfinden. Er wird auch durch eine angemessene Preis- gestaltung, das heiÃt mit geldlichem Ausdruck, stattfinden â das ist an sich nicht schädlich. Es muss nur mit der Preisbildung eine assoziative Bewusst- seinsbildung, eine soziale Beurteilung der Relation der Lebenskreise und Lebensleistungen der Einzelmenschen und Menschengruppen untereinan- der stattfinden: Das ist die Form der assoziativen Wirtschaft, dass alle Men- schen versorgungsmäÃig in das Wirtschaftsleben eingegliedert sind und sich ihrerseits arbeitsmäÃig in den Produktionsprozess eingliedern werden. Assoziatives Bewusstsein â das schafft den gesellschaftlichen Rahmen, das ist mit âBrüderlichkeit im Wirtschaftslebenâ gemeint. 118 119 In dieser assoziativen Wirtschaftsgestaltung liegt das gleiche Element, das zuvor als Zusprechverfahren geschildert wurde. Diesem Verfahren liegt die Beurteilung der Lebenslage des Einzelnen durch die mit ihm verbunde- nen Anderen zugrunde, eine Regelung zur Teilung des Verfügbaren, zur Teilung des gemeinschaftlichen Arbeitsertrages. Dieses Teilungsverfahren Iässt sich auch in Formen vorstellen, die wir aus dem Gesellschaftsrecht als âGewinnverteilungsregelnâ kennen; das Zusprechverfahren ist nur eine bewusstere, menschlichere Ausgestaltungsform des Vorganges. Jede Ertragsverteilung, Gewinnverteilung geht aber davon aus, dass nur Verfüg- bares verteilt werden kann, dass rechenmäÃige, theoretische Ansprüche auf nicht Vorhandenes und nicht Bereitgestelltes keinen Sinn ergeben, sondern bestenfalls Konflikte heraufbeschwören.4 Insofern kann am Zu- sprechverfahren der gesellschaftliche Kunstgriff deutlich werden, den wir in der Zukunft insbesondere bei der Frage der Einkommenszumessung im Alter benötigen: Auch dort können wir uns nur an dem jeweils in der Ge- genwart leistungsmäÃig Vorhandenen orientieren und dieses an die jeweils lebenden Menschen so verteilen, dass alle versorgt sind und im Leben und gemeinsamen Wirken einen Sinn erblicken. Das Leben der Alten und ihr Beitrag zur gesellschaftlichen Bewusstseinsbildung ist wichtig, weil dieser Beitrag aus dem Erfahrenen hervorgeht und übersehen kann, wie manches an Lebensvorgängen und Prozessen ausgeht, das von Jüngeren, noch nicht so Erfahrenen ganz anders eingeschätzt wird. Das Leben der Jüngeren und ihr Beitrag ist wichtig, weil sie die Kraft haben, die Lebenstatsachen kon- kret zu gestalten und zu leisten, was andere brauchen; sie wachsen selber an dem, was sie für andere tun. Ihre Lebensleistung für andere ist ihr In- dividualitätszuwachs, ihr Individualitätsgewinn. Und schlieÃlich: Was wäre eine Welt ohne Kinder, ohne ihren Lerneifer, ohne ihre Lebenserwartung, ohne ihr unvoreingenommenes, spielerisches, unerfahrenes Infragestellen alles Bisherigen? Wie sollte Neues werden in der Welt ohne sie? Aus einer Welt ohne Kinder wäre die Sinnerfüllung auch für die Alten geschwunden; wir sprechen ihnen Einkommen zu, wir versorgen sie auf die allerverschie- denste Weise, aber auf jeden Fall (Kinderzulage zum âArbeitseinkom- menâ, Kindergeld, notfalls Sozialhilfe) mit, weil wir sie lieben, weil wir sie erwartet haben, weil wir mit ihnen für die Zukunft rechnen, weil wir uns über sie freuen. Geht das nicht auch für die Erwachsenen, geht das nicht 4 Im Rentenbegriff liegt im Ãbrigen â insoweit er sich an der tatsächlichen Lebenszeit ori- entiert, die sich ja nicht nach der GröÃe der erarbeiteten Ansprüche richtete â bereits diese Orientierung am Tatsächlichen. 120 121 auch für die Alten? Wir werden uns diesen Fragen noch in diesem Jahr- hundert stellen müssen. Je mehr wir die Gegenwartsprobleme bedenken und die Zukunftsproble- me herankommen sehen auf dem Gebiete der Einkommensgestaltung, der Altersversorgung, der Rentensicherheit, desto mehr wird uns deutlich, mit welcher Zielsicherheit Rudolf Steiner am Anfang dieses Jahrhunderts die Denkansätze entwickelt hat, die wir nun, zum Jahrhundertende, in den groÃen Fragen unserer Gesellschaft brauchen werden. Er hat nicht nur die Gedanken allgemein entwickelt, die hier nötig sind, sondern er hat auch mit einer gewissen Hoffnung hingeschaut auf Menschen und Menschen- gruppen, die dazu fähig sind, in diesem Sinne in der Gesellschaft etwas zu bewirken. Er spricht davon, âdass in einzelnen Fällen gröÃere Menschen- gemeinschaften eine besondere Anlage dazu besitzen, mit ihrer Hilfe in der angedeuteten Richtung einen gröÃeren Erfolg auf einmal zu erzielen. Es gibt auch jetzt schon bestimmte Menschengemeinschaften, in deren Anla- gen sich dergleichen vorbereitet. Sie werden es möglich machen, dass mit ihrer Hilfe die Menschheit gleichsam einen Ruck, einen Sprung in sozialer Entwicklung vollbringt ⦠Und es gibt ja auch Mittel, gröÃere Menschen- massen zu einem solchen Sprung, der wohl gar in absehbarer Zeit gemacht werden kann, vorzubereitenâ.5 Aus anthroposophischer Sicht haben wir also in zwei Richtungen zu bli- cken: auf die Fragen und Probleme, die sich aus dem Menschheitsleben stellen â die Rentensicherheit war hier unser Beispiel â auf der einen Seite und zum anderen auf die Menschengruppen, die dazu veranlagt sind, âin der angedeuteten Richtung einen gröÃeren Erfolg auf einmal zu erzielenâ. Von den Problemen können wir uns unschwer überzeugen; finden wir aber auch die Menschen und Menschengruppen, die auf die Lösung dieser Fragen vorbereitet sind, die zu ihrer Lösung âveranlagtâ sind? Wo wären sie zu finden? Sind sie (wieder) da? Wo haben sie sich diese Veranlagung erworben? Wo haben sie sich, wo sind sie vorbereitet worden? â In den gemeinschaftlichen Lebensformen des Urchristentums, von denen die Apostelgeschichte berichtet? 5 RUDOLF STEINER: Geisteswissenschaft und soziale Frage, a. a. 0. 120 121 â In den Ketzerbewegungen des Mittelalters, die dem kirchlichen Pomp ge- genüber das einfache, evangelische Leben gemeinschaftlich leben woll- ten (Beispiel: Waldenser)? â Bei den Tempelrittern, die persönliche Armut und Entwicklung eines in der damaligen Zeit menschheitlichen Geldwesens verbinden konnten? â In den mittelalterlichen Bettelorden, etwa der Franziskaner und Domi- nikaner, die â auf die âketzerischenâ Herausforderungen eingehend â ein Leben lang übten, sich von allen Ansprüchen zu trennen und von dem zu leben, was ihnen von der Sozialität schenkweise zugesprochen wurde? â Von den Menschen, die in der übersinnlichen Welt geistig belehrt und auf ihre Aufgaben in diesem Jahrhundert vorbereitet wurden? Ob wir sie erkennen, wenn wir in dieser Gegenwart um uns blicken oder wenn wir in anderer Weise geistig nachforschen? Die geistigen Grundla- gen jedenfalls für die erkennbaren Aufgaben sind â in langen Zeiträumen â entwickelt. Die Ereignisse des Jahrhunderts beginnen deutlicher, dringli- cher nach Lösungsansätzen zu rufen. 122 123 122 123 8 Steuerreform im Zeitalter der Globalisierung* Am 11. Februar dieses Jahres fand im renommierten âWirtschafts-Club Rhein-Mainâ in Frankfurt anlässlich einer gut besuchten Veranstaltung ein Podiumsgespräch unter breiter Einbeziehung der Teilnehmer statt. Die drei Podiumsreferenten waren: der Mannheimer Wirtschaftsprüfer und Steu- erberater Dr. Benediktus Hardorp, der Heidelberger Finanzwissenschaftler Prof. Dr. Manfred Rose und der frühere kroatische Finanzminister (heute Bankpräsident) Bozo Prka. Prof. Rose und Minister Prka hatten vor sechs Jahren in Kroatien â unter fördernder Mitwirkung der deutschen Finanzver- waltung â ein neues, konsumbasiertes Steuersystem erfolgreich eingeführt. Es liegen sehr positive Erfahrungen daraus vor, über die berichtet wurde1. Wir können an dieser Stelle nur das einleitende Grundsatzreferat von Dr. Hardorp über âOffene und verdeckte Steuerlasten im Bewusstsein der Gesellschaftâ, das für eine anthroposophisch interessierte Leserschaft von Bedeutung sein kann, wiedergeben. Es greift unter anderem Anregungen Rudolf Steiners zur Ausgaben- oder Konsumsteuer auf. Prof. Rose stellte sein Konzept einer âzinsbereinigten (marktorientierten) Einkommensteuer, die in Ergänzung einer 22%igen Mehrwertsteuer in Kroatien eingeführt wurde, vor. Beide Steuern haben sich in Kroatien als konsumbasiertes Steuersystem bewährt. Präsident Prka berichtete sodann konkreter von dem administrativ einfachen und aufkommensmäÃig befriedigenden kro- atischen Steuersystem, das Kapital und Beschäftigung ins Land zieht, und zu einem bemerkenswerten Wiederaufbau und Wirtschaftswachstum in diesem Lande seit 1992 geführt hat. Das Referat von Dr. Hardorp haben wir an dieser Stelle bewusst in der unmittelbareren Form der mündlichen Rede belassen. Es will insbesonde- re die Bedeutung des gesellschaftlichen Bewusstseins von den tatsächli- chen Steuerlasten â den offenen wie den verdeckten â ansprechen und damit das Veränderungspotential dieses Bewusstseins zur Schubkraft der gegenwärtigen Steuerreformdebatte machen. Es hatte folgenden Wortlaut: * Erschienen in: DIE DREI 3/1999, S. 45ff und Sonderdruck. 1 FAZ vom 13.02.99, S. 16. 124 125 Sehr verehrte Anwesende, es ist âWeiberfastnachtâ heute â und das ist ein guter Tag für unser Thema; man ist geneigt, dem einen oder anderen, der sein Thema auf dem Gebiete der Besteuerung â an dessen Bedeutung gemessen â etwas leichtfertig behandelt, an die Krawatte zu gehen! In diesem Sinne wollen wir Ihnen heute von diesem Tische aus deutlich machen: â welche zentrale Bedeutung das gesellschaftliche Bewusstsein von der Steuererhebung für das Selbstverständnis dieser Gesellschaft hat, â wie man mit einem klaren Konzept auf diesem Felde auch aus der ver- worrenen Gegenwartslage Richtung Zukunft sinnvolle Schritte machen kann, â und wie dies in Kroatien schon ein Stück besser als bei uns gelungen ist. Mein Part in diesem Dreiklang ist der erste Ton: die Bedeutung des ge- sellschaftlichen Bewusstseins für die Steuererhebung. Auch dies kann im hier verfügbaren Rahmen nur an einem Beispiel verdeutlicht werden: dem Bewusstsein unserer Gesellschaft davon, wer die realen Steuerlasten denn am Ende â und in welcher Höhe â trägt. Die alte Nationalökonomie hat hierzu bekanntlich den Grundsatz aufge- stellt, ein gutes Steuersystem, eine gute Steuer, solle möglichst unmerk- lich erhoben werden, die Betroffenen sollen wenig oder nichts von ihr merken (wissen?). Damit ist gewissermaÃen ein Besteuerungsprinzip der Täuschung aufgestellt â eine Täuschung freilich, die man für gerechtfertigt hält, weil sie ja vom Staat verantwortet wird. Bei dieser angestrebten Un- merklichkeit der Steuer ist es, wie Sie wissen, in der Folge nicht geblieben, sie ist vielmehr im Laufe der Zeit sehr merklich geworden, so merklich, dass inzwischen manches Unternehmen schon aus steuerlichen Gründen seine Produktion ins Ausland verlagert oder seinen Firmensitz dorthin verlegt hat â und damit die Zuständigkeit für die Gewinnbesteuerung. Der deutsche Fiskus schaut hinterher â und im Inland wird nach âSchlupflöchernâ im Steuerzaun gesucht. Wir sind inzwischen durch das Merklichwerden des unmerklich Gemeinten als Volkswirtschaft in einen globalen Wettbewerb der Steuersysteme hereingekommen, der die Bundesrepublik als steuerlich nachteiligen Standort mit zu hohen Steuerlasten für seine Unternehmen 124 125 ausweist. Sie wissen das, ich brauche es hier nicht im Einzelnen zu be- legen2. Unsere Finanzminister â ob sie Waigel oder Lafontaine heiÃen, spielt dabei keine Rolle â reisen in die Nachbarländer und wollen bei ihren Kollegen dort erreichen, dass diese ihre eigenen Standortvorteile (uns gegenüber) aufgeben, deutsche Unternehmen und inländische Beschäftigung nicht mehr zu sich â ins Ausland â abwerben oder wenigs- tens die verlagerten Einkünfte ins Inland zum Zwecke der Besteuerung melden. Wir dürfen zweifeln, dass das sehr gut klappen wird, denn die wirtschaftliche Welt ist längst ein System global kommunizierender und vernetzter Röhren und der Hase des Fiskus hetzt dem Swinegel hoff- nungslos hinterher! Ist das darin zum Ausdruck kommende Konzept â âHelft uns, es wie bisher zu machenâ â denn überhaupt sinnvoll? Muss man, wenn man die Steuer- lasten in Europa (oder darüber hinaus) überhaupt harmonisieren will, über- all die gleiche Höhe der Steuer für alle Unternehmen sicherstellen â oder sind nicht möglichst niedrige direkte Steuern als Harmonisierungsziel we- sentlich besser geeignet? Werden deshalb derzeit nicht die Falschen von unseren Finanzministern zur Ordnung gerufen, schwimmen wir mit dem alten Konzept nicht gegen den Strom, wenn wir das deutsche Steuersys- tem â gewissermaÃen über eine Art âAmtshilfeâ vom Ausland â absichern wollen? Wir müssen offenbar unser Besteuerungskonzept grundsätzlich überdenken. Ich will die Sachverhalte, die dazu Anlass geben, mit einigen einfachen Gedanken verdeutlichen. Wenn wir auf das reale, global sich gestaltende Wirtschaftsgeschehen â unter AuÃerachtlassung seiner sich verselbständigenden Finanzwelt zunächst â blicken, auf das weltweite Füreinandertätigsein der Men- schen, das wir Wirtschaft nennen, so fällt unser Blick zunächst auf den durch Einsatz von Arbeit und Kapital entstehenden Wertschöpfungs- oder Leistungsstrom der Gesellschaft, in dem Menschen gemeinsam Werte schaffen und sie â von Stufe zu Stufe in ihrem Wert steigernd â zum Kon- sum führen. Alle wirtschaftliche Wertschöpfung muss auf diesem Wege irgendwann ihr Konsumziel erreichen â oder sie war keine. In diese, in selbständige Unternehmenseinheiten gegliederte Wertschöpfungskette 2 Vgl. vom VERFASSER: Vom Wettbewerb der Steuersysteme global â und was daraus zu ler- nen ist. GOETHEANUM 33/1997, S. 425 ff; oder: Mehrwertsteuer und Steuerharmonisierung im gemeinsamen Markt. BETRIEBSBERATER 5/1967, S. 173 ff. 126 127 greift nun die Steuer ein und beansprucht Teile der so geschaffenen Werte als Finanzierungsbeitrag für die Allgemeinheit, für den Staat. Die Unter- nehmen zahlen. Sie verrechnen danach allerdings die gezahlten Steuern in die Kosten ihrer Wertschöpfung; sie müssen es auch tun, wenn sie auf Dauer bestehen wollen. Die bezahlten Steuern kommen auf diese Weise â auch über unsere Landesgrenzen â als âTransportgutâ höherer Art und damit als Wertschöpfungsbestandteil im Preis der Güter und Leistungen beim Konsumenten an. Bei der Mehrwertsteuer, die wirtschaftlich ja erst auf der letzten Stufe des Wertschöpfungsprozesses erhoben wird (die Steuerlast der Vorstufen wird bei ihr ja über den Vorsteuerabzug wieder aufgehoben), kennt der Konsu- ment die Last, den Anteil dieser Steuer am Endpreis der Waren oder Leis- tungen oder er kann sie kennen: 7 %, 16 % â oder andere Belastungssätze in anderen Ländern â sind es. Er sieht dagegen nicht die im Preis der Ware verdeckt weiter gewälzten Steuerlasten, die als Ertrags-, Vermögens- oder sonstige -Steuern zuvor in die Wertschöpfungsabrechnung eingegangen sind. Er zahlt und trägt aber beide Steuerlasten: die offenen und die ver- deckten. Die verdeckten hält er für ein Ergebnis wirtschaftlicher, vielleicht marktwirtschaftlicher Preisbildung; die offenen führt er auf die staatliche Steuerfestsetzung zurück. Wir tragen durch dieses Verfahren beim Import auch die ausländische Steuerlast mit und wir berechnen umgekehrt dem ausländischen Kunden so die hier erhobenen Steuern. Dem zuvor geschilderten Wertschöpfungs- oder Leistungsstrom flieÃt der gesellschaftliche Geldstrom entgegen; er macht den Wertschöpfungs- strom für uns messbar, bewertbar, abrechenbar. Geldmittel der Abnehmer flieÃen als UmsatzgröÃen den leistenden Unternehmen zu; aus den da- durch entstehenden Wertschöpfungsanteilen der Unternehmen werden die Geldeinkommen der dort tätigen Menschen gebildet, die ihnen zum Konsum â auch zum Sparen oder Investieren â zur Verfügung stehen. Der zu den privaten Haushalten flieÃende Einkommensstrom wird nun eben- falls steuerlich â durch den Lohnsteuerabzug zum Beispiel â belastet und reduziert die Kaufkraft bevor sie kaufen kann oder genauer: Es wird diese Kaufkraft insoweit schon vor dem privaten Konsum von den Bürgern auf den Staat umgelenkt. Anstelle der privaten Einkommensempfänger kann nun â dem MaÃe der Steuererhebung entsprechend â der Staat für seine Ziele Nachfrage entwickeln. 126 127 Im Marktgeschehen treffen sich daher die durch die vorherige Steuererhe- bung im Unternehmensbereich â im Wertschöpfungsgeschehen â preislich aufgeblähten Leistungsergebnisse einerseits, die in den Preisen dieser Leistungen dem Konsumenten abgerechnet werden, mit der durch Steuer- erhebung reduzierten Kaufkraft der privaten Haushalte andererseits. Jede Steuererhebung wirkt also auf dem einen oder anderen Wege auf den Konsum, jede Steuererhebung fordert, wie Prof. Rose gerne sagt, einen Konsumverzicht, einen Konsumrücktritt der privaten Haushalte zugunsten der öffentlichen Hand3, besser: zugunsten der Aufträge, die wir dieser öf- fentlichen Hand zur Regelung unserer gemeinsamen Angelegenheiten als Bürger gegeben haben. Allerdings: Erkennbar und verständlich werden das Ausmaà der Steuererhebung und die wirklichen Belastungsorte (Steuerträ- ger) nicht; kaum jemand blickt durch. Das Ganze ist, bei Lichte betrachtet, ja ein Teilungsvorgang zwischen dem Staat und seinen Bürgern. Staat und Bürger teilen sich, indem Steuern erhoben werden, die zuvor erarbeitete Wertschöpfung, den âKuchenâ. Der Staat erhält seinen An-âteilâ. So unübersichtlich und vielfältig oder sogar sinnwidrig die Steuer im Einzelnen auch sein mag: Sie bewirkt gesamthaft diesen Teilungsvorgang â im Zeitalter der Globa- lität zunehmend unter Einbeziehung des Auslandes. Dies wird den am Markt- und Sozialgeschehen Beteiligten aber nicht voll bewusst, weil der GroÃteil der Steuern âverstecktâ auf die Konsumenten abgewälzt wird, nur ein kleiner Teil â wie die Mehrwertsteuer, vielleicht noch die Mineralölsteuer (man kann es bei den Tankstellen oft lesen) â wird für ihn erkennbar. Einen sinnvollen Zusammenhang von Preis und Teilung als be- wusst gehandhabtes Instrument ordnungspolitischen Handelns vermag der Verbraucher jedoch nicht zu erkennen; er kann an ihm auch nicht mitgestalten. Es wird ihm nicht bewusst, dass dieses Teilungsverhältnis ja einen Sinn hat: die von uns selbst als öffentliche oder gemeinschaftliche Aufgaben definierten Zwecke auch zu finanzieren. Er erlebt die Steuern ausschlieÃlich als Last, der er ausweichen möchte; er erlebt nicht, dass Steuererhebung auch ihm selbst dient. Die âUnmerklichkeitâ der Steuer- erhebung führt zum Steuerwiderstand; das System führt sich damit auf Dauer ad absurdum. 3 Vgl. MANFRED ROSE: Plädoyer für ein konsumbasiertes Steuersystem. In: M. ROSE (Hrsg.): Kon- sumorientierte Neuordnung des Steuersystems. BerlinâHeidelberg 1991, S. 7 ff. â Dort auch GÃTZ WERNER: Zur Konsumbesteuerung aus unternehmerischer Sicht, S. 3 ff, oder BENEDIKTUS HARDORP: Konsumsteuer und Gesellschaft, S. 85 ff. 128 129 Die Idee eines konsumorientierten Steuersystems will angesichts des an- gesprochenen Durcheinanders der MaÃnahmen und Prinzipien auf diesem Felde, angesichts der faktischen Verschleierung des Sinn- und Wirkungs- zusammenhanges der Steuererhebung Licht in das Dunkel bringen; sie will die verdeckten Steuerlasten zu offenen machen; sie will das soziale Geschehen erkennbar und damit demokratisch beurteilbar wie gestaltbar machen4. Das auf diese Weise entstehende Steuersystem wird dann so gerecht sein, wie die Menschen es sind, die es schaffen bzw. wie die sind, die es im Folgenden erneuern. Denn sie können sehen, was sie bewirken; sie werden für ihr Handeln verantwortlich. Ich kann an dieser Stelle nicht näher ausführen, wie das im Einzelnen möglich wird; es kann auf sehr vielen Wegen erreicht werden. Ich möchte dagegen von mir aus noch deutlich machen, dass dies zu einer Art Neuorientierung aller Werte im Steuerwesen und damit für die Gesellschaft führen wird, die dieses Thema anfasst5. â Denn man kann aus dem dargestellten Sachzusammenhang im Grunde ablesen, dass es wenig sinnvoll ist, im Unternehmensbereich Steuern zu erheben und sie anschlie- Ãend in den Preisen der Wertschöpfung wieder an die Verbraucher abzu- rechnen6. Das bedeutet nicht, dass zukünftig keine Steuern mehr erhoben werden sollen; es bedeutet lediglich: Sie sollten offen erhoben werden und zwar dort, wo sie wirken: beim Konsum. Deswegen ist eine konsum- orientierte Besteuerung erforderlich. Die Steuerlasten â alle â sollen dem Bewusstsein der Gesellschaft zugänglich gemacht werden. Wir haben ein Jahrhundertbeispiel dafür vor 30 Jahren miteinander um- gesetzt: die Mehrwertsteuerreform. Diese bedeutete in wirtschaftlicher Hinsicht, dass die Besteuerung, die bisher verdeckt in den einzelnen Wertschöpfungsstufen (Unternehmen) des Leistungsstromes stattgefun- den hatte, durch den Vorsteuerabzug aus diesen Wertschöpfungsstufen herausgenommen und die Steuererhebung auf diesem Felde ganz an das Ende der gesellschaftlichen Wertschöpfung, das heiÃt auf den Konsum- punkt, gelegt wurde. Das war die Lehre der Umsatzsteuerreform 1968 â und sie ist es noch! Es ist nicht nur ihre Lehre, es war auch ihr deutlich erklärtes Ziel: Denn die damalige Steuerreform war so gemeint: Sie sollte 4 Wie Anmerkung 2. 5 Vgl. RUDOLF STEINER: Soziale Zukunft (Vortrag vom 25.10.1919). Bern 1950, oder BENEDIKTUS HARDORP: Anthroposophie und Steuerreform, DIE DREI 9/1988. 6 Wie Anmerkung 1. 128 129 nicht verzerrend auf den Wettbewerb einwirken, sie sollte wirtschaftliche Leistungen marktgerecht miteinander austauschbar machen, sie sollte wettbewerbsneutral sein. Wir müssen heute nur mit dem gesamten Steu- ersystem machen, was wir mit der Umsatzsteuer damals schon gemacht haben â dann haben wir die Lehre Mehrwertsteuerreform erst voll verstan- den. Wir müssen den Schritt von der Besteuerung des reinen Geldeinkom- mens (und Geldvermögens) zur Besteuerung des echten Realeinkommens, dem individuellen Verbrauch, tun. So einfach das zu begreifen scheint, so schwer wird dennoch seine Um- setzung sein. Der Ãbergang wirtschaftlicher Leistungen in den Konsum â das Realeinkommen â muss Ort der Steuererhebung werden. Dies kann steuertechnisch auf dem Wege der Umsatz- oder der (konsumbasierten) Einkommensteuer erfolgen. Nicht die Technik der Steuererhebung ist ent- scheidend, sondern das Bewusstsein von deren Lasttragung und von ihrem Ziel: der gesellschaftlichen Teilung der Wertschöpfung zwischen Staat und Bürgern. Wir erreichen zudem etwas ganz Entscheidendes dabei in dem MaÃe, in dem wir in der Richtung einer konsumorientierten Besteuerung voranschreiten: Wir verbessern â gerade in der globalen Vernetzung â den Standort Deutschland; pointierend formuliert: Wir machen das Land, in dem dies stattfindet, zur âSteueroaseâ. Wir exportieren dort nämlich mit der Wertschöpfung nicht mehr die Steuerlasten des betreffenden Landes verdeckt zum Abnehmer und in das Ausland; wir machen vielmehr umge- kehrt Industrie und Handel des Landes, das seine Steuererhebung offen auf das Ende der Wertschöpfung, auf den Konsum, verlagert, wettbewerbsfä- higer im globalen Umfang. Wir ziehen damit Beschäftigung und Kapital ins Land â soweit jedenfalls, wie wir sie durch falsche SteuererhebungsmaÃ- nahmen bisher aus dem Inland ins Ausland vertrieben haben. Der Wett- bewerb unter steuerentlasteter Preisbildung führt zu marktwirtschaftlich richtiger Allokation der Produktivkräfte. Wenn Beschäftigung im Lande ist, so wird dort auch konsumiert, weil die Beschäftigten nicht (allein) von Luft und Liebe leben. Wenn einige von Ihnen ihre Ersparnisse mit ins Ausland nehmen und dort im Urlaub oder am Lebensabend konsumieren, so bestel- len Sie einen GroÃteil ihres Konsums erfahrungsgemäà in dem Land, aus dem sie stammen. Oder es treten andere â im Austauschwege â an Ihre Stelle. Das wirtschaftliche Leben ist immer global vernetzt und gleicht seine Positionen langfristig aus. 130 131 Lassen Sie mich zusammenfassen: â Ich habe von der Konsumorientierung unseres Steuersystems und dem Weg dorthin, nicht von einer Alleinsteuer, gesprochen; â die Konsumsteueridee ist auf diesem Wege der Polarstern, der die Rich- tung angibt, die uns das Navigieren â auch âgegen den Windâ â erst ermöglicht; das Ziel kann freilich nicht in wenigen Schritten erreicht wer- den; â die Konsumbesteuerung macht, soweit sie erreicht wird, die demokrati- sche Gestaltung, die Selbstfindung einer Gesellschaft, erst möglich, er- laubt ihr soziale Identifikation; â sie erweist sich im Wettbewerb der Steuersysteme als eine Steuererhe- bungsmethode, die Beschäftigung im Lande lässt oder sogar in das Land zieht; sie wird diese jedenfalls nicht aus steuerlichen Gründen aus dem Lande vertreiben; â sie zieht aus dem gleichen Grunde Kapital und Investitionen ins Land, weil Gewinnergebnisse hier niedriger besteuert werden (Tendenz âNullâ) als in anderen Ländern. Die Entwicklung wird daher zwangsläufig in diese Richtung führen. Wir machen insoweit keine Hypothesen, wir sagen nur, was kommt. Richten wir uns beizeiten darauf ein! 130 131 9 Konsumsteuer und Gesellschaft Zum erforderlichen steuersystematischen Bewusstseinswandel* Steuererhebung als Selbstreflexionsform des gesellschaftlichen Lebens Will man sich die Bedeutung einer künftigen, vielen wünschenswert er- scheinenden Konsumsteuererhebung, welche dieser Kongress sich zum Thema genommen hat, und ihre denkbare Wirkung auf das Leben unserer Gesellschaft vor das Bewusstsein rücken, will man also den dazu erfor- derlichen steuersystematischen Bewusstseinswandel vor sein Bewusstsein rufen, so tut man gut daran, sich zunächst zu vergegenwärtigen, dass ja jede Form von Steuererhebung ein â wie auch immer zu bewertendes â Be- wusstseinsverhältnis der Gesellschaft zu sich selbst herstellt und darstellt. Jede Steuererhebung in jeder denkbaren Form bedeutet ein Stück Selbstre- flexion von Gesellschaft; alle vorfindbaren Steuererhebungsformen stellen solche â oft aus lange vergangener Zeit stammenden â Selbstreflexions- leistungen der Gesellschaft dar, mit denen diese sich Instrumente für die Bewältigung ihres eigenen gesellschaftlichen Lebens, für die Regelung des Verhältnisses des Individuums zu diesem Gesamt der Gesellschaft schafft. Als Ausdruck solcher gesellschaftlicher Bewusstseinsschritte können wir auch die Geschichte der Steuererhebung begreifen. Sie hat schon in der Vergan- genheit viele Wandlungen und Entwicklungen durchgemacht, so dass der heute erforderliche Bewusstseinsschritt, der gegenwärtig wohl nötige steuer- systematische Bewusstseinswandel nur ein weiterer Schritt auf diesem Wege â und sicher nicht der letzte â sein kann. Indem wir versuchen, uns diese bewusstseinsgeschichtliche Seite der Steuererhebung zu vergegenwärtigen, beginnen wir zugleich, uns für den von der Gesellschaft der Gegenwart zu leistenden Schritt den nötigen Ãberblick zu schaffen. Dieser ist nämlich für die Lösung unserer Aufgabe unabdingbar, weil wir uns sonst in der Abhandlung steuertechnischer Einzelheiten verlieren würden; deren Erörterung und Lösung kann aber erst einen Sinn aus einem solchen Ãberblick, aus einem erkennba- ren Ziel, erhalten. Ein solcher Ãberblick kann naturgemäà nur skizzenhaft ge- geben werden; er sollte deswegen auch nur als solcher genommen werden. * Erschienen in: Konsumorientierte Neuordnung des Steuersystems. Hrsg. M. ROSE, Heidel- berg 1991, S. 85 ff (B-01-13). 132 133 Denn wir haben mit dem Thema dieses Kongresses â einer konsumorien- tierten Neuordnung des Steuersystems â mehr als nur steuertechnische Einzelfragen zu klären. Unsere Sorge als Finanz- und Gesellschaftswissen- schaftler kann nicht Vorderhand sein, wie wir dem Staate â unmerklich möglichst, einfach und elegant â Einnahmen verschaffen und diese steigern können; unsere Sorge muss vielmehr sein, wie diese zweifellos notwendige Steuererhebung in eine Form gebracht wird, die der heutigen Menschheits- gesellschaft in ihren nationalen und kontinentalen Gliederungen in Staaten und Staatengemeinschaft dienlich â und nicht hinderlich â ist. Allzu leicht geht ja von der Wegnahme verfügbarer Güter und Werte â bei den Bürgern für den Staat â Hinderung und Lähmung des gesellschaftlichen Lebens für die genannten beiden Pole des gesellschaftlichen Ganzen aus. Wenn dies vielleicht auch in gewissem Umfang hingenommen werden muss, so muss doch das Hauptaugenmerk der Finanzwissenschaft darauf gerichtet sein (oder werden), wie das Leben des Einzelnen in der Gesellschaft, wie das Verhältnis dieses Lebens zum Ganzen, wie das Leben des Ganzen zu seinen Gliedern sich möglichst sinnvoll aufeinander abstimmen und auch einrichten lässt. Wenn die Konsumbesteuerung einen erforderlichen Schritt in der Ent- wicklung der Steuererhebung darstellen soll, so muss sie ihre Rechtfertigung vor allem aus den damit angesprochenen gesellschaftlichen Sachverhalten und Zusammenhängen erhalten. Wir wollen uns daher im Folgenden der gesellschaftlichen Vernetzung einer solchen Steuererhebungsform in ihren wesentlichen Grundzügen zuwenden. Es geschieht dies aus der Sicht eines mit der Praxis der unternehmerischen Steuerberatung, mit der Sicht der Betroffenen also, ein Berufsleben lang verbundenen steuerlichen Beraters, den die Frage, immer wieder beschäftigt hat, wie dieser besondere Aspekt des gesellschaftlichen Lebens â die Steu- ererhebung â in dessen Gesamtlebensbezüge einzuordnen ist und welche Ergänzungen dies auf anderen Gebieten des gesellschaftlichen Lebens for- dert, wie Durchschaubarkeit der Lebensbereiche hergestellt und damit seine Akzeptanz bei den betroffenen Bürgern möglich werden kann. Im Zuge dieser Befassung ist ihm die Notwendigkeit einer Konsumorientierung des Steuersystems deutlich geworden. Zugleich haben ihn wenig bekannte, aber grundsätzliche Hinweise Rudolf Steiners aus dem Jahre 1919 zu den Fragen der Steuererhebung1 â und dessen anthroposophischer Wissenschaftsansatz 1 Vgl. STEINER (1950), S. 63 ff. 132 133 auf den Weg geführt, der für die genannten Zusammenhänge des gesell- schaftlichen Lebens vielleicht hilfreich sein kann. Weder mit dem einen noch mit dem anderen so gemachten Hinweis wird damit hier ein besonderer Anspruch erhoben. Der Leser soll lediglich auf den Erfahrungshintergrund des Verfassers und auf seine geistigen Quellen â wissenschaftlichem Brauche gemäà â hingewiesen sein. Das Vorge- brachte soll nur durch sich selbst überzeugen. Von vorangehenden Stadien dieses Weges und von der dabei geleisteten Auseinandersetzung mit der Sache zeugen im übrigen eine Reihe von Veröffentlichungen, auf die ver- wiesen sei.2 An dieser Stelle soll nur deren Quintessenz im Hinblick auf die angesprochenen gesamtgesellschaftlichen Bezüge der Steuererhebung ins Auge gefasst und â in groÃen Linien â dargestellt werden. Entwicklungsschritte der Steuererhebung: indirekte und direkte Steuern Wenn wir uns das volle Gewicht des fälligen Entwicklungsschrittes zur Kon- sumbesteuerung hin und den dafür erforderlichen steuersystematischen Bewusstseinswandel vergegenwärtigen wollen, so müssen wir diesen heute geforderten Schritt gegen die vorausgegangenen, zurückliegenden Schrit- te abheben und uns zugleich damit das bewusstseinsgeschichtliche Erbe verdeutlichen, das uns verblieben ist und das es neu zu formen gilt. Im hier gegebenen Zusammenhang kann das nur in allerknappster Form gesche- hen â aber doch so deutlich, dass die Entwicklungslinien hervortreten können. In weiter zurückliegenden geschichtlichen Zeiten war die Gesellschaft in der Regel wie selbstverständlich hierarchisch verfasst. Der völkischen oder staat- lichen Führung wurden zugleich geistige Würden oder vergleichbare Akzi- denzien zugebilligt, die sich noch bis in die für uns erinnerbare geschichtliche Gegenwart als âGottesgnadentumâ monarchischer Repräsentanten und in ähnlichen Relikten erhalten haben. Diesem Anspruch hat in früheren Zeiten sicher auch ein Stück akzeptierbare Realität entsprochen: Die äuÃeren Re- 2 Vgl. HARDORP (1967), S. 173 ff., (1972), S. 30 ff., (1984), S.639 ff., (1985), (1986 b), S. 168 ff., (1988a), S. 61 ff., (1988 b), S. 726 ff. 134 135 präsentanten völkischer oder staatlicher Macht waren bis in geschichtliche Zeiten hinein mit den sozialen Lebensgeheimnissen vertraute Menschen, die durch besondere geistige Wege und Lebenserprobungen den sie hervorhe- benden geistigen Ãberblick erworben hatten. Dies machte sie geeignet, Identitätselement oder Identitätsort sozialer Verbände zu sein. Solche Qualitäten werden den heutigen Repräsentanten staatlicher Gewalt nur noch bedingt zuerkannt. Denkt man sich aber in Zeiten zurück, in de- nen solche Rollen die nötige gesellschaftliche Akzeptanz fanden, so kann man auch in der hierarchischen Herrschaftsverfassung jener Tage eine ge- sellschaftliche Selbstreflexionsform erkennen, in der sich das gesellschaftli- che Allgemeine repräsentierte. Die Zugriffe solcher Herrschaftsformen auf die materiellen Ressourcen â als erste Formen der Steuererhebung â wur- den daher in der Regel gebilligt â auch wenn dem naturgemäà im Einzel- fall (erheblicher) Widerstand entgegengesetzt wurde. Die staatliche Macht wurde dennoch als ausreichend legitimiert erlebt und ihre steuerlichen Zu- griffe wurden daher hingenommen. Diese hierarchische Herrschaftsform greift unmittelbar zu, wo sich dafür geeignete Ressourcen der Gesellschaft zeigen. Diese findet man in Aufwandsdemonstrationen des Einzelnen oder in solcher von Gruppen. An solchen Aufwandsdemonstrationen wird ein entsprechender Anteil gefordert: So kann man die im Zugriff wenig diffe- renzierende Besteuerungsform der indirekten Steuer verstehen. Sie muss sich an äuÃere Gegebenheiten halten (die GröÃe des Grundbesitzes zum Beispiel, die Zahl der Fenster zur StraÃenfront, die Menge der erzeugten Güter, das Ausmaà der Ernte bis zum Hubraum des Automobils) und diese Merkmale zum Anknüpfungspunkt für ihre Steuererhebung machen. Die- se Form der Steuererhebung kann auch nicht fragen, welche wirtschaftli- che Leistungskraft sich im Einzelnen in solchen Aufwandsdemonstrationen zeigt, ob dabei mit Gewinn oder Verlust gearbeitet wird. Für differenziertere Bewertungen fehlt es an Anknüpfungspunkten (zum Beispiel Rechnungs- legungsformen). Die Leistungskraft wird einfach vermutet; es wird auf das sich Zeigende, auf die Aufwandsdemonstration, unmittelbar zugegriffen. Ein neuer Entwicklungsschritt der Besteuerung wird möglich, wenn das ge- sellschaftliche Leben es (dem Staat) â durch die inzwischen erworbene und ausreichend verbreitete Kulturtechnik der Buchführung â möglich macht, die Summe der wirtschaftlichen Vorgänge eines Einzelsubjektes in eine in- dividuelle wirtschaftliche Gesamtwertung einzubeziehen. Die Besteuerung begibt sich nun einen Schritt mehr und bewusster in die wirtschaftlichen 134 135 Prozesse hinein und vollzieht deren Abrechnung als Gewinn oder Verlust mit, indem es das Ergebnis des Wirtschaftens â den kaufmännischen Er- folg â zum Anknüpfungspunkt der Steuererhebung macht. Jetzt bildet sich eine Bewusstseinsform aus, die den Einzelnen mit seiner Lage (Erfolg oder Misserfolg) im Verhältnis zum Staat sieht und ihn von daher zu messen versucht. In dem sich dabei ausbildenden veränderten MaÃbewusstsein haben wir gewissermaÃen die Bewusstseinslage der aufgeklärten Monar- chie vor uns, die sich fragt, wie sie ihre Untertanen denn gerechterweise besteuern soll, was sie ihnen an Opfer zumuten kann. Das Ausmaà der staatlichen Haushaltserfordernisse wird dabei kaum hinterfragt und als nicht der öffentlichen Kontrolle unterliegend angesehen. Diese Kontrolle entwickelt sich aber mit den Anfängen der parlamentari- schen Mitwirkung gerade an diesem Vorgang: an der Regelung der Besteu- erung als öffentlicher Angelegenheit. Die Einkommensteuer, die Gewerbe- steuer â alle Ertragsteuerformen â und ergänzend die Vermögensteuer (als Ertragskontrollsteuer) werden zur neuen staatlichen Zugriffsform, werden zur Steuererhebungsform für die einzelnen Wirtschaftssubjekte. Bei ihnen wird in der nun entwickelten steuerlichen Veranlagung ihrer Verhältnisse die an der Aufwandsdemonstration allein nicht erkennbare wirtschaftliche Leistungsfähigkeit dieser Einzelwirtschaft â in Gewinn und Vermögen â zum Anknüpfungspunkt der Steuererhebung gemacht. Voraussetzung hierzu ist die buchführungsmäÃige Darstellung von Erfolg und Vermögen â und sie ist jetzt auch möglich. Die direkte Besteuerungsform entsteht in dieser Bewusstseinslage; sie wird als deutlicher Fortschritt gegenüber allen vorausgegangenen indirekten Besteuerungsformen erlebt â auch wenn letztere noch neben den neuen und âzeitgerechtenâ Formen der Besteue- rung weiterexistieren und sich sogar noch weiterentwickeln. Man hat jetzt aber das Bewusstsein, dass man die Einzelsubjekte nach deren Leistungsfä- higkeit besteuern soll und besteuern kann. Man dünkt sich dem Ziel einer âleistungsgerechtenâ Besteuerung nahe. An Sinn- und Zweckhaftigkeit gerade dieser Besteuerungsform(en) sind allerdings in der Gegenwart Zweifel entstanden, weil das wissenschaftliche und gesellschaftliche Bewusstsein gesamtwirtschaftliche Zusammenhänge zu erfassen beginnt und sich mit ihnen auseinandersetzt. Wie wirkt eine Besteuerungsform denn im Zyklus der Konjunkturentwicklung? Wie wirkt eine Besteuerungsform auf das wirtschaftliche Wachstum, auf die gesell- schaftliche Beschäftigung? Stellt sie nicht die Unternehmen und Wirt- 136 137 schaftssubjekte, die in ihrer wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit zurückfal- len und (zeitweise) keine Gewinne erzielen oder gar Verluste machen, von der Besteuerung vorübergehend oder ganz frei, obwohl diese doch gesell- schaftliche Ressourcen in Anspruch nehmen? Und werden nicht gerade die Wirtschaftssubjekte und Unternehmen, die neu in die wirtschaftliche Arena treten und â auch aus gesamtgesellschaftlichen Perspektiven heraus â eher der Förderung ihrer eigenen Anfangskapitalbildung bedürfen, in dieser Entwicklung sofort durch eine ungewöhnlich hohe und belastende Steuer- erhebung in ihrer meist recht guten Rentabilität beschnitten? Ist es nicht gesamtwirtschaftlich unsinnig, die jungen, kapitalbildekräftigen Initiativen in ihrer Entwicklung durch Auferlegung der vollen Ertragsteuerlast gleich beim Start zu bremsen â und die alten und ermattenden (renditelosen) Initiativen von dieser Last freizustellen? Liegt darin nicht â entwicklungs- mäÃig gedacht â eine gesamtgesellschaftliche Kapitalfehlleitung? Lähmt dies nicht gerade das Wachstum und fördert es nicht den Schlendrian? Sind die Instrumente dieser Besteuerungsform â Anhebung oder Senkung der Steuersätze für die Gewinn- oder Vermögensbesteuerung, Zulassung periodenweise wechselnder erhöhter oder verminderter Abschreibungen usw. â nicht zu umständlich, zu langsam wirkend, ein reines âstop and goâ für die Wirtschaftsentwicklung? All das sei hier nur angesprochen, um damit anzudeuten, dass mit den neuen, gesamtgesellschaftlichen Fra- gestellungen der bisher erreichte Fortschritt zugleich wieder fragwürdig wird. Die Frage nach Sinn und Wirkung (scheinbar) steuerlicher Einzel- fallgerechtigkeit im Gesamtwirtschaftsrahmen deutet auf einen erneuten Bewusstseinswandel hin.3 Der neue Schritt: Verständnis von Steuer als Teilungsverfahren für die gesamtgesellschaftliche Wertschöpfung â Steuererhebung am Ende des Wertschöpfungsprozesses Positiv kündigt sich der angesprochene Bewusstseinswandel â fast wie unbeabsichtigt, aber mit überraschender Selbstverständlichkeit â in der Entwicklung einer Steuerform an, die für viele Ertragsteuerbefürworter wie ein Rückschritt in die Stufe der indirekten Besteuerung erscheint: der Umsatzsteuer in der Form der Mehrwertsteuer. Diese in alten steu- 3 Diese Entwicklungen werden in TIMM (1987), POLLAK (1987) und FOLKERS (1987) geschildert, insbesondere im Beitrag des Letzteren. 136 137 erlichen Kleidern einhergehende neue Steuerform darf natürlich nicht überschätzt und als einziger Ausdruck dieses gesellschaftlichen Bewusst- seinsschrittes verstanden werden â sie ist aber ein gutes Beispiel, an dem Entscheidendes deutlich werden kann. Denn erstmals knüpft eine wichtige Steuer an einen gesamtwirtschaftlich definierten Tatbestand an: an das Ende der arbeitsteiligen, gesellschaftlichen Wertschöpfung. Diese ist zuvor (in der Regel) in einem langen arbeitsteiligen Verfahren von Unternehmen zu Unternehmen, in der âWertschöpfungsketteâ (Un- ternehmerkette), in dem volkswirtschaftlichen âWertschöpfungsstromâ zustande gekommen. Die umsatzsteuerliche Abrechnungsform folgt diesem Entstehen der Wertschöpfung â auch in möglichen negativen Zwischenschritten â Schritt für Schritt im Wertschöpfungsstrom zwischen Produktion und Verbrauch, zwischen gesellschaftlicher Wertentstehung und Wertvernichtung. Formal erfasst die Umsatzsteuer dabei zunächst den jeweils hinzukommenden Wertschöpfungsschritt und dessen Ausmaà (daher âMehrwertâ-Steuer); ihr Besteuerungsziel ist aber das Ende des Wertschöpfungsprozesses. Zeigt sich daher anhand der Verwendung empfangener Vorleistungen, dass der Wertschöpfungsprozess in der arbeitsteiligen Wertschöpfungskette der Unternehmen doch fortgesetzt wird, so wird die gesamte Steuerlast der bis dahin entstandenen Wertschöpfung im Wege des Vorsteuerabzuges für das nachfolgende Unternehmen wieder aufgehoben. Die abschnitts- weise Steuerhebung dieser Steuerform hat also nur mit der Sicherung des Steueraufkommens, nicht mit dessen Besteuerungsziel zu tun. Dieses liegt eindeutig darin, bei Beendigung der Wertschöpfung den vorgesehenen Anteil der öffentlichen Hand für letztere aus den Gegenleistungen der Verbraucher, aus deren Konsumausgaben, abzuzweigen. Der Fiskus fragt gleichsam bei jedem Umsatz: âIst das Ende der Wertschöpfung erreicht oder nicht?â â und je nachdem erhält er ein Steueraufkommen oder er erstattet die irrtümlich (zu früh) erhobene Steuer im Wege des Vorsteuer- abzuges. Die Vorstufen des Wertschöpfungsprozesses â oder dieser selbst â sollen ja steuerfrei bleiben. Diese qualitativ neue Form â das Abstellen auf ein gesamtgesellschaftlich definiertes Faktum âEnde der Wertschöpfungâ â hat die Umsatzsteuer erst mit der Reform zur Mehrwertsteuer angenommen. Die alte Bruttoum- satzsteuer hatte nämlich noch eine ganz andere wirtschaftliche Wirkung, weil sie sich unterschiedlich â je nach Anzahl und Ausmaà der Wertschöp- 138 139 fungsstufen und der auf diesen angewandten Steuersätze â bis zum Ende des Wertschöpfungsprozesses aufkumulierte, ohne dass diese Kumulati- onswirkung ausreichend übersehbar war oder von der öffentlichen Hand gesteuert werden konnte. Sie war auch â ihrem Wesen nach â eine echte (alte) indirekte Steuer. Das hatte seinerzeit erkennbar wettbewerbsschä- digende, konzentrationsfördernde Folgen, weil die Steuerlast mit jeder (wirtschaftlich unter Umständen sehr sinnvollen) Verlängerung der Un- ternehmerkette zunahm oder sich umgekehrt mit zunehmender Produk- tionstiefe des Einzelunternehmens (wettbewerbsfeindlich) abschwächte. Denn die jeweils erhobene Steuer musste ja in die Kosten des jeweiligen Unternehmens und damit in die Preisbildung eingehen, ohne dass man den auf diese Weise bereits abgezweigten Anteil der öffentlichen Hand an der erst entstehenden gesellschaftlichen Wertschöpfung in seinem Aus- maà abschätzen konnte. Die Umsatzsteuerreform von der alten Allphasenbruttoumsatzsteuer zur neuen Nettoumsatzsteuer (Mehrwertsteuer) hat dagegen bewirkt, dass die Folgen der Umsatzsteuererhebung aus den Gestaltungsformen des Wert- schöpfungsprozesses wirtschaftlich ganz verschwunden und an dessen Ende verlagert worden sind. Der Endkonsument kann heute grundsätzlich wissen, welche Umsatzsteuerlast auf der Art seines jeweiligen Konsums (Verbrauchsweges) liegt â auch wenn unterschiedliche Umsatzsteuersätze für einzelne (unterschiedliche) Verbrauchswege erhoben werden. Er kennt damit â für diese Steuerart â den Anteil der öffentlichen Hand an der Ge- samtwertschöpfung und kann diese Steuererhebung als gesellschaftliches Teilungsvefahren für diese Wertschöpfung beurteilen lernen. Für die am Wertschöpfungsprozess beteiligten Unternehmen dagegen spielt die Umsatzsteuererhebung grundsätzlich keine Rolle mehr, da sie ja innerhalb des Wertschöpfungsprozesses erstattet, das heiÃt jeweils wieder aufgehoben wird; sie rechnen daher zu Preisen ohne Umsatzsteuer unter- einander ab und kalkulieren ohne diese. Erst der letzte Unternehmer in der Wertschöpfungskette zieht den vorgesehenen Umsatzsteueranteil an der Wertschöpfung für den Fiskus (als âehrenamtlicherâ Steuereinnehmer) ein und führt ihn an diesen ab. Damit werden durch diesen Besteuerungs- vorgang letztlich die Konsumausgaben des Endverbrauchers erfasst und auch, wenn er hinsieht, für diesen erkennbar belastet: soweit und sofern er (noch) kauft. 138 139 Die Mehrwertsteuer hat in den letzten Jahrzehnten einen erstaunlichen âSiegeszugâ durch die Länder Europas (auch der übrigen Welt) gemacht â und er dauert wohl noch an. Erklärt sich dies nicht dadurch, dass sich die- se Steuerform â national wie international â mit ihren Wirkungen aus der Produktionsverfassung der Wirtschaft weitest möglich heraushält und nur den Endkonsum trifft: dort, wo er stattfindet? Das ist im internationalen Wandel sehr zweckmäÃig: Ob eine Ware im Inland oder Ausland produ- ziert worden ist, spielt nun keine Rolle mehr; die früher zu bedenkenden Wirkungen der Steuererhebung über die Grenze entfallen â weil entweder die Exportleistungen umsatzsteuerfrei sind oder sich ein Vorsteuerabzug über die Grenze entwickelt.4 Der Bestimmungsort und der Verbrauchs- weg entscheiden allein über die Höhe der Steuerlast für die betreffende Wertschöpfung, die sich in einer Ware oder Dienstleistung konkretisiert. Die Umsatzsteuer ist auf diese Weise international wettbewerbsneutral geworden; sie nimmt keinen Einfluss mehr auf Art und Form der Arbeits- teilung zwischen Unternehmen â gleichgültig, wo diese ihren Standort haben. Auch die Rechtsform der Unternehmen spielt für diese Steuerform keine Rolle mehr. Ein Konzernunternehmen kann in rechtliche Einzelunter- nehmen aufgegliedert sein, wie es will: Ãber das Institut der Organschaft (Unternehmenseinheit) wird das von der wirtschaftlichen Willensbildung her einheitliche Unternehmen als solches behandelt und eine mehrstufige Steuererhebung im Konzern unterbunden. Die Steuererhebung ist einfach geworden; die Steuerberatungsaufgaben â auch zur âLückenfindungâ â nehmen ab. Warum auch nicht? Könnte, was sich hier bei einer einzelnen Steuerart abgespielt hat, ein Lehrstück für das gesamte Steuersystem sein? Wäre es nicht sinnvoll, wenn auch diejenigen Steuern, die heute noch â wie früher die alte Allphasenbruttoumsatzsteuer â in den Preis der Waren mit eingehen (müssen), die im Preis der Waren über die Grenze mitexportiert werden, ebenso aus dem Wertschöpfungsprozess herausgenommen und mit ihrer Erhebung an das Ende des gesellschaftlichen Wertschöpfungsprozesses verlegt werden, wie dies bei der Umsatzsteuer für eine Steuerart schon geschehen ist? Diese Frage wird mit einer âkonsumorientierten Neuord- nung des Steuersystemsâ zugleich deutlich. Auf ein solches Ziel â gleich- gültig, mit welcher steuerlichen Erhebungstechnik gearbeitet und wie 4 Zu den neuerlichen Diskussionen zu diesem Punkt vgl. FORST (1989), S. 73ff. 140 141 viele Steuerformen eingesetzt werden â hebt die neue Thematisierung der Verbrauchsbesteuerung letztlich ab. Sie fasst damit im Grunde genommen ins Auge, die Steuererhebung auch der Form nach dem anzugleichen, was sie der Sache nach sowieso ist: eine Einschränkung des persönlichen Verbrauchs (der Bürger) zugunsten des Be- darfes der öffentlichen Hand.5 Steuererhebung bedeutet immer, zwischen dem privaten Konsum der Bürger und dem Bedarf der öffentlichen Hand ein Teilungsverhältnis an der Gesamtwertschöpfung zu schaffen. Nur wird dieses Verhältnis deswegen gesellschaftlich oft nicht anschaubar und für Bürger und Ãffentlichkeit nicht bewusst, weil die Steuererhebung bereits in den Vorstufen des Wertschöpfungsprozesses stattfindet und â wie eine Art steuerlicher Umweltverschmutzung â in verdeckter Form und für das Bewusstsein der Beteiligten in kaum bekannter Höhe in den Wertschöp- fungsprozess eingeht. Dies hat zur Folge, dass sich die gesellschaftliche Ar- beitsteilung nicht, wie sie es sollte, nach wirtschaftlichen Gegebenheiten, sondern (teilweise) stattdessen nach steuerlichen Standortvorteilen richtet, was im Ergebnis eine rationelle Wertschöpfung erschwert. Form und Ausmaà des Teilungsverhältnisses zwischen Bürgern und Staat an der ge- sellschaftlichen Wertschöpfung werden undeutlich, obwohl jede Steuerer- hebung â wie schon deutlich wurde â ja nur den Sinn und die Folge haben kann, den Anteil der öffentlichen Hand an der Gesamtwertschöpfung zu regeln. Je deutlicher dies â auch durch die Art der Steuererhebung â wird, umso besser ist es für die gesellschaftliche Akzeptanz der Besteuerung. Ein Konsumsteuersystem würde diesen (gegebenen) gesellschaftlichen Sachverhalt auch in der Steuererhebungsform zum Ausdruck bringen und damit Form und Inhalt der Steuererhebung âharmonisierenâ. Die Steuer wäre nicht mehr eine der vorgegebenen Bedingungen im gesellschaftli- chen Wertschöpfungsprozess, sondern eine gesellschaftlich gestaltbare Folge am Ende dieses Prozesses. Steuererhebung bedeutet: gesamtgesell- schaftliche Regelung eines (unvermeidbaren) Teilungsverfahrens an dieser gesellschaftlichen Wertschöpfung insgesamt. Ein Steuersystem, das die tatsächlichen Verhältnisse durchsichtig macht und für das Bewusstsein der Gesellschaft offenlegt, ermöglicht dieser Verständnis für sie und â demzufolge â Mitwirkung an ihr. Das Urteil der Bürger wird möglich und 5 Dieser Grundgedanke ist von M. ROSE mehrfach herausgearbeitet worden; zusammenfas- send in ROSE (1987 a), S. 869 ff. oder auch (in Thesenform) in ROSE (1987 b). 140 141 kann damit auch wirksam werden; die Bürger eines Staates können die Steuererhebung für ihren Staat als eine notwendige Angelegenheit des gesellschaftlichen Lebens und zugleich als Ergebnis ihres eigenen urteilen- den Mitwirkens verstehen lernen. Steuererhebung kann für den Bürger akzeptabel werden. In diesem Wandel liegt der fällige bewusstseinsgeschichtliche und steuersystematische Schritt, den die gesellschaftlichen Verhältnisse der Gegenwart fordern, damit das Steuersystem insgesamt wieder zu einem bewusst gehandhabten Element der gesellschaftlichen Selbstregulierung, der gesellschaftlichen Selbstreflexion und Selbstfindung werden kann. Diese â erreichbare â Steuererhebungsform ist mit der Konsumbesteu- erung gemeint, für die es sicherlich unterschiedliche Steuererhebungs- techniken geben kann. Die einführende Anknüpfung an die bekannte Form und Erhebungstechnik der Umsatzsteuer liegt in der Gegenwart nahe, weil sich diese Steuerform gerade in den letzten Jahrzehnten in- ternational durchgesetzt und groÃe Akzeptanz gefunden hat.6 Andere Steuererhebungsformen â etwa eine Lebenseinkommensbesteuerung7 usw. â könnten gleiche oder ähnliche Wirkungen haben und insofern im Rahmen des Gesamtzieles einer Konsumbesteuerung ebenfalls in Betracht gezogen werden. Die Diskussion darüber kommt ja gerade erst in Gang; ihre Richtung und ihr Ergebnis kann und sollte zunächst abge- wartet werden. Entscheidend ist, dass die Wirkung der Steuererhebung aus dem Wertschöpfungsstrom verschwindet, dass gesellschaftliche Wertschöpfung ohne steuerliche Bedingungen und Anreize zustande kommt und dass die Steuererhebung in den Bereich der durchschaubaren Selbstregulierungsformen der Gesellschaft gehört und gerechnet wird, um deren soziale Akzeptanz zu ermöglichen. Folgen der Konsumbesteuerung für den Bereich des wirtschaftlichen Lebens Wenn wir für Zwecke dieser Darstellung hier einmal unterstellen, es wäre eine solche Veränderung der Steuererhebung, das heiÃt eine Verlagerung der Steuererhebung von den Ertrags-, Vermögens- und Verkehrssteuern 6 Hierauf weist FOLKERS (1987, S. 194 f.) insbesondere hin. 7 Vgl. MITSCHKE (1985), (1986, S. 461 ff.), (1987) und âKRONBERGER KREISâ (1989). 142 143 (insbesondere Erbschafts- und andere Vermögenstransfersteuern) in einem langfristigen Generationenprozess â aber mit klarem Ziel â möglich, so wird rasch einsehbar, welche bisher bestehenden Hauptprobleme der Be- steuerung auf diesem Wege gelöst werden könnten: Die Steuererhebung würde national und international wettbewerbsneutral, sie würde auch un- ternehmensformneutral, der Kapitaltransfer zwischen Unternehmungen usw. wäre steuerlich unbelastet; unser ganzes Gemeinnützigkeitsrecht, dessen mittelalterliche âStandes-Philosophieâ (âZweiter Standâ) und dessen zweifelhafte Abgrenzungsformen wären überflüssig.8 Doch mit der Klärung dieser Fragen werden sogleich neue Problemgebiete deutlich, mit denen wir uns in der Folge befassen müssen. Der Vorteil, der in der Beseitigung der zuvor genannten steuerlichen âNebenkriegsschauplätzeâ liegt, würde zugleich eine neue groÃe Aufgabe vor die Gesellschaft hin- stellen, die ebenso wie die der Steuererhebungsform(en) zu den groÃen Selbstreflexionsproblemen der Gesellschaft gehört: die gesellschaftliche Bedeutung der Kapitalbildung. Diese Kapitalbildung wird ja, wenn die Besteuerung â wie geschildert â aus den Vorstufen des Wertschöpfungsprozesses herausgelöst wird und sich an dessen Ende verlagert, von der Besteuerung nicht mehr erfasst. Denn Kapitalbildung bedeutet ja vom Sachverhalt her grundsätz- lich: Rückversetzung von bereits geschaffenen, aber dem Verbrauch noch nicht zugeführten Werten im Wertschöpfungsprozess und Nutzung als Produktionsmittel, als Investition. Anders formuliert: Produktionsmittel- bildung bedeutet immer Umwidmung, Umwendung von im Wertschöp- fungsprozess gebildeten Werten von der unmittelbaren Richtung auf den Konsum hin in die âGegenrichtungâ oder in die neue Nutzungsform des Arbeits- und Produktionsmittels. Letzteres verzehrt sich im Regelfall im weiteren Wertschöpfungsprozess, es erreicht also â bei ânormalemâ Produktionsverlauf und eingetretener Konsumbesteuerung â als solches die Steuerschwelle des Endkonsums nicht mehr. Sinnvolle (investive) Ka- pitalbildung setzt zwar voraus, dass sich die Summe der konsumfähigen Werte letztlich (mit entsprechender Zeitverzögerung) insgesamt erhöht â sonst ârechnetâ sich die Investition nicht. Der Kapitalbildungsprozess selbst â rechtlich: die Bildung von Eigentum an Produktionsmitteln â bleibt aber unbesteuert. 8 Vgl. SCHMIDT (1986); zum Gemeinnützigkeitsrecht auch HARDORP (1986 a), S. 2341ff.. 142 143 Ist das sinnvoll, ist das sozial verträglich? Hier müssen wir uns auf die Stan- dardantwort beschränken: Das kommt darauf an. Einerseits ist es für das Wachstum und für die Förderung der wirtschaftlichen Entwicklung sicher- lich sinnvoll, wenn die notwendige Kapitalbildung erleichtert und nicht erschwert wird. Denn ist sie produktiv angesetzt, das heiÃt handelt es sich überhaupt um eine solche, so fruktifiziert sie den Wertschöpfungsprozess, indem sie das Ausmaà der letztlich konsumfähigen Werte, das heiÃt den Wohlstand der Gesellschaft, erhöht. Die öffentliche Hand brauchte sich in dieser Hinsicht, das heiÃt wegen der Höhe ihres eigenen Steueranteils, kei- ne Sorgen zu machen, wenn sie erst am Endergebnis der Wertschöpfung, an den konsumfähigen Werten partizipiert: Deren Menge wird ja nicht kleiner, sondern gröÃer, wenn erfolgreich investiert wird. Der Staat erhält also auf jeden Fall seinen Anteil, der im demokratischen Konsensverfahren für ihn vorgesehen ist oder festgesetzt wird. Führt diese steuerliche Freistellung der Kapitalbildung aber nicht zu einer neuen âMachtballungâ im Bereich des Wirtschaftslebens, handelt es sich da nicht um eine âsoziale Rückfahrkarteâ ins 19. Jahrhundert? Die Frage nach der Besteuerung der Kapitalbildung lässt sich natürlich nicht dadurch beantworten, dass man die Kapitalbildung zunächst erschwert und dies mit der Geste versieht: âSeht hin â wir treffen auch die Unternehmer (als Kapitaleigner)â. So kann man nur denken, wenn man die Unternehmer als gesellschaftliche Partei, nicht als notwendige (unverzichtbare) Mitgestalter des gesellschaftlichen Lebens erlebt. Denn wenn ihr gesellschaftlicher Ge- staltungsauftrag sinnvoll ist, muss man ihnen auch die Mittel für den ihnen erteilten (gebilligten?) Auftrag zur Verfügung stellen; man muss nur auch die Richtigen, die für diese Aufgaben Fähigen, finden. In den hierfür aus- zubildenden Verfahren liegen die eigentlichen Probleme unserer Gegen- wartsgesellschaft auf diesem Felde. Erbschaft und Familienbindung kann in Zukunft nicht mehr als Ausweis gesellschaftlich erforderlicher Führungs- oder Unternehmerqualitäten gelten. Denn Fähigkeiten haben immer nur individuelle Persönlichkeiten â und solche Fähigkeiten müssen demgemäà auch individuell festgestellt werden. Wer kann dies, wer soll dies tun? Die heutige Gestaltung dieses gesellschaftlich neuralgischen Punktes (Re- gelung der Unternehmernachfolge), des darin liegenden Kapitaltransfers von alten auf junge unternehmerische Initiativen bzw. die darin liegende Regelung des Zugangs zu den Produktionsmitteln für unternehmerisch befähigte Kräfte durch die Erbschaftsbesteuerung ist im Grunde gesell- 144 145 schaftlicher Schwachsinn. Denn die bei solchen Ãbergängen â faktisch für die Nachfolger â festgesetzten Steuern vermindern durch den Kapitalent- zug im Unternehmen Basis und Beitrag der nachfolgenden Unternehmer- generation und lassen deren Einsatz nicht im gesellschaftlich möglichen Umfange wirksam werden. Beim Kapitaltransfer ist gesellschaftliche Qualitätsbeurteilung unternehmerischer (individueller) Qualitäten gefragt, nicht der Nebel einer â vom rationalen Gehalt her gesehen â ScheinmaÃ- nahme (wie der Erbschaftsteuer). Die Gesellschaft schädigt sich mit solcher gesellschaftlich unreflektierten Steuererhebung selbst. Der an dieser Stelle womöglich unterdrückte Beitrag neuer unternehmerischer Initiative hätte nämlich das gesellschaftliche Leben voranbringen und zusätzliche Werte schaffen können. Jede Besteuerung der Kapitalbildung â in welcher Weise auch immer (Ertrags- oder Erbschaftssteuer) â ist unsinnig, wenn dadurch ein möglicher (geforderter) unternehmerischer Leistungsbeitrag und un- ternehmerische Initiativen gehindert oder unterdrückt werden. Sind solche Kräfte in dieser Lage aber nicht vorhanden, so ist die Erbschaftsteuerbe- lastung kein Mittel, sie zu finden, und eher zu gering. Denn Unfähigkeit sollte gesellschaftlich nicht gefördert werden. Die Gesellschaft braucht Verfahren, die den einen Fall (der Fähigkeit) vom anderen (der Unfähigkeit) unterscheiden; sie braucht keine Vernebelung der Fragestellung. Objektiv brauchbare unternehmerische Qualitäten werden nicht dadurch besser und wirksamer, dass man ihnen die Instrumente ihres Wirkens vorenthält; objektiv unbrauchbare sollte man besser gar nicht erst zulassen. Allerdings muss man fragen: Sind solche unternehmerischen Kräfte sich auch in ausreichendem MaÃe ihres gesellschaftlichen Auftrages bewusst und verwechseln sie nicht die Verfügungskompetenz, die man ihnen im Hinblick auf ihren unternehmerischen Beitrag im Wertschöpfungsprozess übertragen hat, mit sich selbst als bürgerlichen Individuen (Konsumen- ten)? Die Erleichterung der Kapitalbildung, die notwendige Folge der angesprochenen Ãnderung der Steuererhebungsform wäre, und die von ihr begünstigten Unternehmen müssten sich der Sozialverpflichtung und Sozialbindung des von ihnen (treuhänderisch) verantworteten Kapitals bewusst sein. Denn die mit einer Konsumsteuererhebung verbundene Erleichterung der Kapitalbildung wird sozial nur dann akzeptabel und umsetzbar werden, wenn unsere Gesellschaft eine Differenzierung der Eigentumsformen für das Eigentum an Produktionsmitteln einerseits und für das konsumfähige Privateigentum andererseits vorsieht. Das Eigentum an Produktionsmitteln muss aufgabengebunden sein und bleiben und im 144 145 Unternehmensverantwortungsbereich aufgabenbezogen übertragen und in einer diesem Ziele Rechnung tragenden Form âvererbtâ werden: Wenn ein Unternehmer seine Leitungsaufgaben aufgibt, so muss für ihn ein Nachfolger (âErbeâ) eingesetzt werden, der diese Unternehmeraufgabe nach ihm als Unternehmer â das heiÃt treuhänderisch für die Gesellschaft â verwaltet. Eigentum an Produktionsmitteln hat der Sache nach Lehenscharakter, ist aufgabenbezogen. Unsere Gesellschaft hatte in früheren Jahrhunderten dafür â und für die damaligen Aufgaben- und Zeitverhältnisse â entspre- chende, brauchbare Rechtsformen entwickelt. Die moderne Gesellschaft muss für die unternehmerischen Aufgaben und die Aufgaben des Kapi- taltransfers ebenfalls lehensartige, aufgabenbezogene Eigentumsformen entwickeln, die sich vom persönlichen Eigentum im Privatbereich (des persönlichen Konsums) unterscheiden müssen. Diese (rechtsgestaltende) Aufgabe wird zumindest deutlich.9 Unser gegenwärtiger Eigentumsbegriff ist gesellschaftlich nur für den persönlichen (Konsum-)Bereich ausreichend entwickelt und für diesen geeignet. Alle Eigentumsformen im Unterneh- mensbereich, die den zu engen Privateigentumsbegriff hier zugrunde legen, werden daher von anderen Rechtsformen, die den Umgang mit dem Eigentum regeln und binden, überlagert und verändert: von Ge- werbeordnungsvorschriften, von Betriebsverfassungsbestimmungen etwa und von ähnlichen Rechtsregeln. In ihnen bildet sich ein Stück der verfas- sungsrechtlich ja vorgesehenen sozialen Eigentumsverpflichtungen (Art. 14 Grundgesetz) aus. Dieser Prozess bedarf der Beschleunigung und der bewussten Durchdringung; der Wandel des Bewusstseins für Steuererhe- bung als gesellschaftlicher Selbstreflexionsform â und andere gute Gründe â fordert dies. Der Beitrag der Konsumbesteuerung zum Rechtsfrieden auf nationaler und internationaler Ebene Wenn man sich die Wirkung voraus zu vergegenwärtigen versucht, die eine allgemeine Konsumbesteuerung â nicht nur in der Bundesrepublik Deutschland oder den Ländern der europäischen Wirtschaftsgemeinschaft, 9 Es muss zulässig sein, diese Aufgabenstellung zunächst nur zu benennen, ohne sie im glei- chen Atemzuge (voreilig) mitzulösen; sie muss aber erkannt werden. 146 147 sondern über die Welt hin, für das gesellschaftliche Leben haben kann (oder wird), so kann man sich dies â über das bisher Dargestellte hinaus â an vier Einzelthemen deutlich machen, die hier stellvertretend für weitere stehen mögen: â am Problem der nationalen Haushaltsautonomie bei Einbindung der Einzelstaaten in kontinentale Staatenzusammenschlüsse mit föderati- vem Charakter, â an der Frage der internationalen Steuerharmonisierung im Hinblick auf die Schaffung übernationaler Binnenmarktverhältnisse, (A) â an der Möglichkeit, eine Konsumbesteuerung sozial gerecht â zum Beispiel nach Leistungsfähigkeitskriterien â zu erheben (B) und â an deren Auswirkung auf die Rechnungslegung für Gesellschaftsrecht und Ãffentlichkeit. (C) Da die beiden ersten Fragen stark ineinander greifen, sollen sie hier ge- meinsam behandelt werden. A. Nationale Haushaltsautonomie und internationale Steuerharmo- nisierung Steuererhebung ist in erster Linie zunächst ein nationales Problem, weil sie auf den unterschiedlich gewachsenen nationalen Kulturen, auf dem unterschiedlichen Verständnis der Nationen für das, was ureigene An- gelegenheit ihrer Bürger einerseits und was Angelegenheit ihres Staates für sie andererseits sein soll, aufbauen muss. Dem Wirtschaftsleben sind nationale Grenzen dagegen seinem Wesen nach fremd; es interessiert sich nur für zwei Dinge: wofür es auf der einen Seite Bedarf gibt und wie es auf der anderen Seite am besten für diesen produzieren kann, wie Absatzwege erschlossen und gestaltet werden können. Nationale Grenzziehungen mit allen ihren Folgen sind â aus wirtschaftlicher Sicht â immer Ãrgernis und Störung. Aus diesen Gegenläufigkeiten von Staat und Wirtschaft folgt, dass sich der Staat mit seiner Steuererhebung aus dem Bereich der wirt- schaftlichen Wertschöpfung, aus ihrer Produktionsverfassung möglichst 10 Vgl. HARDORP (1967) und (1986 b), in denen dieser Zusammenhang im Einzelnen darge- stellt worden ist. 146 147 ganz heraushalten sollte, weil er mit ihr eher hindernd und lähmend auf die wirtschaftliche Produktivität und den Wirtschaftsverkehr wirken wird. Dieser Grundanforderung entspricht die Konsumbesteuerung, weil sie die Steuererhebung an das Ende des Wertschöpfungsprozesses verlegt und so dem Staat aus dem jeweils erzeugten Wertschöpfungsergebnis im Wege eines gesellschaftlichen Teilungsverfahrens den ihm demokratisch zuerkannten Teil zukommen lässt. Die Konsumbesteuerung verhält sich dadurch neutral gegenüber der wirtschaftlichen Wertschöpfung und lässt diese aus ihren eigenen Bedingungen so optimal wie möglich zustande kommen; jedenfalls enthält sie sich deren Störung durch steuerliche Ein- griffe. Sie ist wettbewerbsneutral im besten Verständnis und vergröÃert so im Ergebnis das Wohlfahrtspotential und damit auch die âSteuerkraftâ der Gesellschaft. Eine Störung der wirtschaftlichen Prozesse und Verhältnisse geht dagegen immer von denjenigen Steuerarten aus, die â nach welchem Grundsatz auch immer â im Wertschöpfungsprozess selbst erhoben werden. Denn sie gehen in diesen Prozess ein, werden in der Regel weitergewälzt und verstellen damit den Blick auf die ausschlieÃlich wirtschaftlichen Kompo- nenten der Preisbildung, weil sie ein âfremdesâ (nicht wirtschaftliches) Kostenelement in die Preisbildungsprozesse hereinbringen und den Wert- schöpfungsstrom gewissermaÃen im Ausmaà der weitergewälzten Steu- erbelastung schon auf den Vorstufen des Wirtschaftsprozesses âverunrei- nigenâ und ihn im Hinblick auf die soziale Durchschaubarkeit verdunkeln (âverschmutzenâ). Man hat diese Steuererhebung auf den Vorstufen des Wertschöpfungs- prozesses auch âSteuern nach dem Prinzip des Ursprungslandesâ (Kos- tensteuern) genannt, um damit deren Einfluss auf den internationalen Werteaustausch â den âHandel über die Grenzenâ â zu charakterisieren. Die âKostensteuernâ in diesem Sinne schaffen überhaupt erst das Problem der Steuerharmonisierung auf internationaler Ebene, weil sie die Steuerlast des Produktionslandes der Tendenz nach als Preisbestandteil (der Waren- und Dienstleistungen) in das Gebiet des Bestimmungslandes weiterwälzen. Das Harmonisierungsproblem besteht dabei einerseits in dem unterschied- lichen Ausmaà dieser Steuerüberwälzung, das (verdeckt) in den Waren- 11 Der britische Schatzkanzler Nigel Lawson scheint hier â für sein Land â eine realitätsge- rechtere Sicht zu haben; vgl. FORST (1989), S. 75. 148 149 und Dienstleistungspreisen steckt, und â zum andern â im möglichen steuerlichen Doppelzugriff zweier Staaten auf das weltweit oder in seinem Hoheitsgebiet angefallene Nominaleinkommen (in allen hierfür denkbaren Erscheinungsformen). Das Problem des steuerlichen Doppelzugriffs kann dabei für unsere Zwecke (durch Doppelbesteuerungsabkommen) als letzt- lich noch lösbar (oder gar gelöst) angesehen werden; das Problem des ver- deckten âSteuerexportsâ bleibt dagegen bestehen. Würde es nur Steuern nach dem âPrinzip des Bestimmungslandesâ (Konsumsteuern) geben, so entfiele das Problem der internationalen Steuerharmonisierung überhaupt (und damit zugleich der ganze Regelungsaufwand internationaler Doppel- besteuerungsabkommen). Denn wenn ausschlieÃlich der Konsum â und dieser nur am Bestimmungsort (Verbrauchsort) â besteuert wird, so bedarf es (mangels Steuerüberwälzung) keiner MaÃnahmen zur Steuerharmoni- sierung und (mangels direkter Besteuerungsformen) keiner Doppelbesteu- erungsabkommen zur Vermeidung solcher steuerlichen Doppelerfassun- gen. Jeder Staat regelt dann das Ausmaà der Steuererhebung nach seinen Rechtsregeln und in seinen Verhältnissen â und zwar in gleicher Weise für Produkte, die in seinem Gebiet und für Produkte, die im Gebiet anderer Staaten erzeugt worden sind. Dies â und nur dieses â entspricht dem Wirtschaftsstil der Gegenwart, der auf internationale Arbeitsteilung und internationale Wertschöpfungsver- hältnisse angelegt ist. Was die Bürger eines Landes für sich selbst als Kon- sumwerte aus dieser über Landesgrenzen hinweg erzeugten gesamtge- sellschaftlichen Wertschöpfung entnehmen, das macht der einzelne Staat bei der Konsumbesteuerung zum Gegenstand seines Steuerzugriffs, für den er seine eigenen MaÃstäbe (Belastungshöhen) festlegt. Wie andere Staaten die gleiche Frage regeln, kann diesen überlassen bleiben. Eine Konsumbesteuerung vermeidet daher schon von ihrem Ansatz her jeden (steuerlichen) Streit auf internationalem Gebiete. Sie ermöglicht aber er- staunlicherweise gerade damit â trotz der Entwicklung zu übernationalen Staatenverbänden â eine nationale Haushaltsautonomie jedes einzelnen der föderativ verbundenen Einzelstaaten und entschärft insoweit die in- ternationalen Beziehungen. Jede Steuererhebung in den Vorstufen des Wertschöpfungsprozesses macht dagegen, wenn sie Wettbewerbsneu- tralität anstreben will, die allergröÃten Anstrengungen zur âParallelisie- rungâ zumindest der Steuerlast für den Waren- und Leistungsexport nötig â und läuft damit letztlich einem unerreichbaren Ziel nach. Sie kann ihr Ziel nicht erreichen, weil eine solche Parallelisierung sich der Regulierung 148 149 und Administration entzieht. Denn kein Staat kann die wirtschaftliche Kumulation der Steuerlast in den Waren- und Leistungspreisen übersehen oder zuverlässig regeln. Jede Steuererhebung in den Vorstufen des Wert- schöpfungsprozesses wirkt aber belastend auf die Exportleistungen eines Landes; umgekehrt wirkt die Belastungsenthaltung für die im Ausland erzeugten Güter und Leistungen (fehlende Vorbelastung an der Grenze) fördernd auf deren Import; sie schwächt mit beidem die eigene nationale Wirtschaftskraft und kommt damit einer ungewollten Zollpolitik mit ne- gativem Vorzeichen gleich, weil sie das eigene Land schädigt, statt es zu schützen. Die Konsumbesteuerung weist dagegen solche Mängel nicht auf. Nun kann man allerdings auf dem Gebiete der Steuerharmonisierung ei- nen Kardinalfehler begehen, wenn man die Möglichkeiten zur nationalen Haushaltsökonomie, die die Konsumbesteuerung (international) schafft, durch eine technisch verkehrt ausgestaltete Steuerharmonisierung zunich- te macht.10 Das soll offenbar gegenwärtig in der europäischen Wirtschafts- gemeinschaft geschehen, weil man meint, man müsse mit der Steuerhar- monisierung auf dem Gebiet der Mehrwertsteuer als einer international geregelten Form der Besteuerung beginnen. Damit zeigt man, dass man den geschichtlichen Schritt, den die Konsumbesteuerung darstellt, und das mit ihr anzustrebende Ziel nicht verstanden hat â oder insgeheim hegemo- niale Zustände zum Beispiel in der europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (als neuem âheiligen römischen Reich europäischer Nationenâ) herstellen möchte. Denn die Steuerharmonisierung ist, wie gezeigt wurde, ein ausschlieÃ- liches Problem der Steuerarten, die im Preis der Waren und Leistungen über Landesgrenzen hinweg überwälzt werden (Ursprungssteuern). Für diese Steuern besteht ein Harmonisierungsbedarf: am besten bei Null, denn dann wäre das Problem erledigt. Statt das Problem aber bei den Steuerarten aufzugreifen, bei denen es tatsächlich vorliegt, beginnt man unsinnigerweise, die Mehrwertsteuer (hinsichtlich ihrer Steuersätze) in Europa zu harmonisieren. Für diese besteht ein Harmonisierungsproblem bei Licht besehen aber nicht! Man erzielt damit, soweit diese unsinnige Harmonisierung dennoch umgesetzt wird, die Wirkung, dass man sich gerade auf dem Gebiet (der Bestimmungslandbesteuerung) die Freiheit zur nationalen Haushaltsautonomie verbaut, auf dem eine solche nati- onale Haushaltsautonomie ohne Schaden für die internationalen wirt- 150 151 schaftlichen Beziehungen möglich wäre. Auf dem Gebiet der Ursprung- steuern wäre eine wirtschaftlich relevante Steuerharmonisierung nicht einmal mit einer völligen âParallelisierungâ dieser Steuern erreichbar, weil der verdeckte Steueranteil an der Wertschöpfung (per Grenze) doch immer verschieden hoch sein wird. Regelungstechnisch läuft man mit solchen MaÃnahmen einem Phantom nach; man kämpft gegen Wind- mühlenflügel. Insgesamt führt dieser Weg zudem zu einheitsstaatlichen, zentralistischen Zuständen in der Europäischen Gemeinschaft â statt zu föderalistischen Verhältnissen ihrer Nationalstaaten untereinander. Die immer wieder vorgebrachte Begründung für den eingeschlagenen (unsinnigen) Weg der Steuerharmonisierung ist, dass das Problem des steuerlichen Grenzausgleiches von vielen Menschen als störend emp- funden wird.11 Die gegenwärtig praktizierte Entlastung des Exports von der Belastung mit Mehrwertsteuer und die damit korrespondierende Belastung des Imports durch eine entsprechende Einfuhrumsatzsteuer macht allerdings administrative MaÃnahmen an den Grenzen nötig. Staaten haben aber nun einmal Grenzen â sonst gäbe es sie nicht. Die Steuererhebung ist eben ein Element des einzelnen Staates zur Sicherung eines Anteils der gesellschaftlichen Wertschöpfung seines Landes â gemessen am privaten Verbrauch â für seine demokratisch legitimierten Zwecke. Dieser Steuerzugriff muss deswegen auch an den Staatsgrenzen haltmachen und darf sie nicht (verdeckt) im Wege des âSteuerexportesâ überschreiten. Solange man staatliche Autonomie bejaht und aufrechterhalten will, solange wird es auch Grenzprobleme der Besteuerung an den Staatsgrenzen geben (müssen). Regelungsziel kann an dieser Stelle nur sein, die wirtschaftlichen Wertschöpfungsverhältnisse international von jedem Steuereinfluss frei- zuhalten und erst das Wertschöpfungsergebnis in dem Staat, in dem es genutzt wird, dem Steuerzugriff zu öffnen. In der europäischen Wirtschaftsgemeinschaft ist man derzeit leider dabei, im Hinblick auf die Steuerharmonisierung das Pferd am Schwanz aufzuzäumen, indem man mit der Steuerharmonisierung dort beginnt, wo sie am wenigsten nötig ist (unter Umständen sogar ganz unterbleiben kann): bei der Mehr- wertsteuer â während man sie dort nicht angeht, wo sie gelöst werden muss: bei den Steuern nach dem Prinzip des Ursprungslandes (den direkten Steuern im Wesentlichen). Man huldigt damit der alten Forderung: âWasch mir den Pelz und machâ mich nicht nass!â â aber man löst dafür auch die anstehenden Probleme Europas nicht. 150 151 B. Zur Frage der sozialgerechten Besteuerung Ein weiteres groÃes Problem jeder Besteuerung ist das ihrer Sozialgerech- tigkeit. Hier hat sich, weil man die Konsumbesteuerung wenig auf ihre diesbezügliche Gestaltungsmöglichkeiten hin durchdacht hat, das Gerücht verbreitet, eine Konsumbesteuerung würde vor allem âdie Armen treffenâ, weil diese Steuer nicht leistungsgerecht zu gestalten sei. Die Möglichkeit, eine leistungsgerechte Steuererhebung zu realisieren, wird dagegen den Ertrags- und Ursprungssteuern zuerkannt. Das genaue Gegenteil ist al- lerdings richtig und möglich. Man muss nur die in der Sache liegenden Möglichkeiten auch ergreifen. Die folgende Ãberlegung kann das deutlich machen. Hinsichtlich der leistungsgerechten Erhebung von Ertragssteuern kann man zunächst gerne zugestehen, dass es Fälle geben kann, wo die Steuererhebung so erfolgt (und ihre wirtschaftliche Wirkung dem auch entspricht), wie man sich das bei der Konstruktion von Steuergesetzen und Steuertarifen vor- gestellt hatte. Der Einkommensbegriff unseres Steuerrechts erfasst aber unterschiedslos das Konsum- wie das (investive) Unternehmereinkommen, besser: es unterscheidet nicht zwischen gesellschaftlichen Verbrauchs- und Kapitalbildungstatbeständen. Das (alte) Ertragsteuerrecht bietet dann zwar einige Hintertüren für eine unterschiedliche Behandlung beider Sachver- halte in der Differenzierung der verschiedenen Einkunftsarten und in der Gestaltung der jeweiligen Bemessungsgrundlagen â das heilt aber letztlich seinen Grundmangel nicht. Denn in dem MaÃe, in dem es sich um eine Einkommens- oder Ertrags- besteuerung im Unternehmensbereich â und zwar in den Vorstufen des Wertschöpfungsprozesses â handelt, muss das betroffene Unternehmen versuchen, die gezahlte Steuerlast weiterzuwälzen. Soweit ihm dies ge- lingt, ist die Wirkung der âleistungsgerechtenâ Steuererhebung durch- kreuzt und aufgehoben. Denn in diesem MaÃe wird die Steuer nun vom âunbekannten Verbraucherâ getragen. Pointiert formuliert heiÃt dies: Nur dort, wo die Einkommensbesteuerung im Konsumbereich erhoben wird, kann auch ihre tatsächliche Wirkung mit ihrer geplanten Zielsetzung über- einstimmen; oder anders gewendet: im Konsumbereich kann sogar die Einkommensteuer leistungsgerecht erhoben werden! Wird sie dagegen in den Vorstufen des Wertschöpfungsprozesses erhoben, so wird dies der Tendenz nach zu einer Abwälzung der theoretisch erdachten und dem- entsprechend erhobenen Steuerlast (einschlieÃlich der damit verbundenen 152 153 âSteuergerechtigkeitâ) führen. Noch deutlicher formuliert: Nur soweit eine Einkommenbesteuerung zugleich Konsumbesteuerung ist, ist sie sozial ge- staltbar; soweit sie dies nicht ist, klaffen die Gerechtigkeitserwägungen im Steueransatz und die tatsächliche gesellschaftliche Steuerwirkung ausein- ander; die Steuer wird schlicht weitergewälzt bis sie (endlich) einen Konsu- menten trifft, das heiÃt bis sie im Ergebnis doch Konsumbesteuerung wird. Wenn sie aber auf diesem Wege (ungewollt) doch Konsumsteuer wird, so hat sie doch einen entscheidenden Nachteil: Sie ist hinsichtlich ihrer Leis- tungsgerechtigkeit nicht mehr kontrollierbar. Gesamtwirtschaftlich ist jede Besteuerung â auch wenn dies nicht gesehen wird â ihrer Wirkung nach sowieso (unkontrollierte) Konsumbesteuerung; sie ist es â oft genug â auch im Einzelfall: Wenn eine Abwälzung nicht gelingt oder nicht möglich ist. Wer also eine kontrollierbare leistungsgerechte Besteuerung will, muss sie auf dem Gebiet der Konsumbesteuerung verwirklichen â anderenfalls ist er ein Träumer, der zwischen seiner guten Absicht und der mit der tatsäch- lichen (Einkommens-) Besteuerung erzielten Wirkung nicht unterscheiden kann. Es kann hier nicht der Ort sein, verschiedene Denkansätze einer leistungs- gerechten Besteuerung auf dem Gebiet der Konsumbesteuerung im Ein- zelnen aufzuzeigen. Das wird die Phantasie und den Ehrgeiz ganzer Gene- rationen von Finanzwissenschaftlern und Staatsdienern noch beschäftigen müssen. Es ist aber leicht zu sagen, wo man ansetzen kann, wenn man dieses Ziel erreichen oder sich ihm nähern will: Man muss sein Augenmerk darauf lenken, wieweit der mögliche Konsum des Einzelnen durch die Steuererhebung eingeschränkt und sein Lebensraum von ihr tangiert wird. Man muss ins Auge fassen, was der Einzelne ânach Steuernâ (real) noch an konsumierbaren Werten übrig behält, wie sich sein Realeinkommen â nicht sein nur âvorläufigesâ geldliches Nominaleinkommen â stellt.12 Die wahre Leistungsfähigkeit des Einzelnen muss man daran messen, was er an Leis- tungen der Gesellschaft für sich persönlich, das heiÃt für seinen persönli- chen Konsum (einschlieÃlich der von ihm zu versorgenden Angehörigen) beansprucht. Die Tatsache, dass er ein hohes Nominaleinkommen hat, wel- ches er nicht für seinen persönlichen Verbrauch verwertet, sollte noch nicht Anknüpfungspunkt der Steuer sein. Denn mit seinem Konsumverzicht 12 Dieser Gedanke geht schon auf HOBBES (1651) zurück (zitiert nach FOLKERS,1987, S. 105 ff.) und auf MILL (1871). Er wurde neuerlich auch von HORN (1970), S.146 ff. dargestellt. 152 153 ermöglicht er bei sich selbst oder an anderen Orten der Gesellschaft die Finanzierung von Investitionen, die Finanzierung von Produktionsumwe- gen. Das ist aber der Sache nach ein Beitrag für die Entfaltung der gesell- schaftlichen Produktivkräfte. Solange ein Geldeinkommensbezieher dies tut, sollte er auch steuerlich ungeschoren bleiben. Aber irgendwann, viel- leicht wenn die Produkte aus den von ihm mitfinanzierten Produktionsum- wegen konsumreif geworden sind, wird auch er konsumieren. Zu diesem Zeitpunkt sollte er dann auch seinen Beitrag zum Bedarf der öffentlichen Hand in Form einer Steuer nach dem Ausmaà seines persönlichen Kon- sums zahlen. Unsere Gesellschaft muss die persönliche Leistungsentnahme aus dem gesellschaftlichen Wertschöpfungsprozess, nicht den individuel- len Leistungsbeitrag zu diesem â auch wenn er schon im Geldeinkommen honoriert wird â besteuern. Gesamtwirtschaftlich gesehen bedeutet ein Geldeinkommen ja lediglich einen (noch unverwirklichten) Konsuman- spruch (eine âKonsumvormerkungâ wie die âAuflassungsvormerkungâ nach Abschluss eines Grundstückskaufvertrages). Für eine solche Besteuerung kann man den Ansatzpunkt der unterschied- lichen persönlichen Verbrauchswege wählen. Man besteuert dann den Grundlebensbedarf niedrig und den gehobenen Konsum entsprechend höher.13 Das würde sich â einer der denkbaren Ansätze â über eine Um- satzbesteuerung mit konsumwegbezogenen, gestaffelten Steuersätzen ermöglichen lassen; viele Länder kennen solche Differenzierungen bereits (in unterschiedlichem Umfange). Man kann eine solche Steuer auch nach dem Ausmaà der einem Bürger in seiner Lebenszeit insgesamt zur Ver- fügung stehenden (in Anspruch genommenen?) Konsumausgabenquote bemessen (Lebenseinkommensbesteuerung usw.).14 In letzterem Fall würde man sich mehr der herkömmlichen Technik der Einkommensbe- steuerung bedienen, im anderen Fall mehr derjenigen der Umsatzbesteu- erung. Vielleicht lassen sich auch noch andere Steuertechniken finden, mit denen das Ausmaà des persönlichen Konsums im hier ins Auge gefassten Sinne getroffen werden kann. Für den Zustand der Gesell- schaft insgesamt ist nicht die Steuertechnik, sondern das sachgerechte wirtschaftliche Ergebnis entscheidend. Zu diesem führen mit Sicherheit verschiedene Wege. 13 So kann man grundsätzlich die Differenzierung der Umsatzsteuersätze â Regelumsatzsteu- er und ermäÃigter Satz in der BRD zum Beispiel â verstehen. 14 Vgl. MITSCHKE (1985), (1986), (1987) und KRONBERGER KREIS (1989). 154 155 C. Konsumsteuer und Rechnungslegung Als Letztes soll schlieÃlich noch der Bereich der Rechnungslegung von Unter- nehmen angesprochen werden, die heute durch die Steuererhebung, die an das Gewinn- oder Verlustergebnis des Unternehmens anknüpft, ständig ver- fälscht wird. Welche Kunststücke der Rechnungslegung müssen nicht erdacht und erbracht werden, um das Besteuerungsergebnis im Unternehmensin- teresse niedrig und das Kapital im Betrieb zu halten! Wer auf diesem Gebiet beruflich tätig ist, kennt die Bandbreite solcher (legalen) Bemühungen. Sie haben aber das bedauerliche Nebenergebnis, dass auch der Ertrag eines Unternehmens nicht in vollständiger Form für die am Unternehmen selbst Beteiligten deutlich wird. So werden auch nicht alle Elemente der vereinbarten oder vorgesehenen Gewinn- oder Ertragsteilung, die zum Wesen des Gesellschaftsrechtes gehören, unter den Beteiligten offenge- legt. Zugleich wird eine negative Kameraderie der Unternehmensbetei- ligten zu Lasten des Staates gefördert: denn jeder versteht ja, dass man âSteuern sparenâ muss â bis zu dem Extrem gelegentlich, dass man auch selber nichts mehr verdient oder erhält. Wie anders sähe die Welt auf die- sem Gebiet aus, welch andere Verständigungsformen zwischen Unterneh- mensbeteiligten (Gesellschaftern und Mitarbeitern) würden Platz greifen können, wenn der verfälschende steuerliche Einfluss auf die Rechnungsle- gung entschärft werden könnte oder ganz verschwinden würde! Die heu- tige Steuererhebungsform der Ertragsbesteuerung hat dazu geführt, dass der Fiskus faktischer, aber ungeliebter Mitgesellschafter aller Unternehmen geworden ist. Gegen diesen ungebetenen und ungeliebten Dritten im Unternehmen verbündet man sich in allen erdenklichen Formen. Welcher Wandel würde hier eintreten, wenn man den Staat als ungebetenen Mit- gesellschafter nicht mehr bei den Unternehmensentscheidungen mit am Tisch hätte, sondern wenn die Steuererhebung aus dem Unternehmens- bereich der Wirtschaft ganz entfernt und an das Ende der gesellschaftli- chen Wertschöpfung verlagert wäre? Eine ungeahnte Versachlichung aller Probleme würde eintreten. Der rechtliche Friede zwischen Gesellschaftern, Mitarbeitern und den Finanzbehörden gewönne. Die Entbindung gesellschaftlicher Initiativkräfte Das allerwichtigste Moment vielleicht, das wir im Zusammenhang unseres Themas â der Vernetzung der Konsumbesteuerung mit dem gesellschaftli- 154 155 chen Leben insgesamt â zu behandeln haben, ist die Wirkung, die von der gegenwärtigen Ertragsbesteuerung auf die Entfaltung der individuellen Initiativkräfte in den Menschen unserer Gesellschaft ausgeht bzw. der Wegfall einer Lähmung, die bei der schrittweisen Verlagerung der Steuer- erhebung von der Ertrags- zur Konsumbesteuerung, bei der Entfernung der Steuererhebung aus den Vorstufen des Wertschöpfungsstromes ein- tritt. Beklagt sich unsere Gesellschaft heute zurecht über die lähmenden Wirkungen des bestehenden Steuersystems, wenn sie von der Verlagerung von Produktionsorten in das Ausland, von Schattenwirtschaft im Inland, vom Erlebnis der Fruchtlosigkeit des individuellen Arbeitseinsatzes (weil jedes Arbeitsmehrergebnis sogleich überdurchschnittlich besteuert wird), eingehend spricht, so hätte sie im MaÃe des Ãbergangs zur geforderten Konsumbesteuerung über solche Erscheinungen weit weniger oder nicht mehr zu klagen. Denn der Kardinalfehler unseres heutigen Steuersystems ist, dass die Besteuerung zu stark an geldliche Zuflüsse â als nominales Zwischenäqui- valent (âDepotâ) für spätere faktische Gegenleistungen â anknüpft und die Geldform der Einkommensbildung (als solches Zwischenäquivalent) zu sehr in den Vordergrund schiebt. Der Empfang einer geldlichen (vorläufi- gen) Gegenleistung ist ja nur eine Art Verbuchungsakt (âVormerkungâ) des Wirtschaftssystems, mit dem es festhält, wer noch keine faktische Gegenleistung für seinen Leistungsbeitrag erhalten und daher noch An- spruch auf einen solchen Ausgleich hat. Geldbesitz, Geldvermögen drü- cken insoweit gerade den Stand der noch nicht abgerechneten materialen Leistungen der Gesellschaft aus. Es hat jemand geleistet, ihm fehlt noch die Gegenleistung: dies wird durch den Geldbesitz vermerkt. Der Bürger, der schon beim Empfang einer geldlichen Gegenleistung seine Steuer ent- richten soll, empfindet das so, dass der Staat sich mit seinem Steuerzugriff in der âVerbraucherschlangeâ vor ihn selbst mit seinem Konsumanspruch drängt. Das verdrieÃt. Der Bürger fühlt sich folglich dazu motiviert, sich der geldlichen Abrechnungsform der Gesellschaft immer wieder und immer mehr (womöglich ganz) zu entziehen und seine Gegenleistung auÃerhalb des leicht besteuerbaren geldlichen Abrechnungssystems zu erhalten: in Naturalbezügen aller Art, durch Leistungsaustausch ohne geldliche Ab- rechnungsformen; Schwarzarbeit und Schattenwirtschaft entstehen auf diese Weise und aus diesem Grunde. Dagegen ist die Beitragsleistung zur Erhaltung des Gemeinwesens in Form der Steuerzahlung für den Einzel- nen faktisch viel akzeptabler, wenn sie zugleich und am MaÃstab seines 156 157 eigenen persönlichen Leistungsbezuges aus der Gesellschaft, den er sehr konkret vor Augen hat, erfolgt. Unsere Gesellschaft besteuert nämlich, wie bereits dargelegt, mit der Er- fassung des Geldflusses schon den Leistungsbeitrag des Einzelnen zur erst entstehenden gesellschaftlichen Wertschöpfung, nicht â wie die Konsum- steuer â seine Leistungsentnahme aus der abgeschlossenen, vollendeten gesellschaftlichen Wertschöpfung. Sie wirkt damit lähmend auf die Entfal- tung des individuellen Leistungsbeitrages: Sie mindert damit (ungewollt) zugleich den gesellschaftlichen Wohlstand. Die Konsumbesteuerung dagegen, die zunächst die Entfaltung des Leistungsbeitrages unbesteuert zustande kommen lässt, führt auch durch ihre Handhabung schon zum Bewusstsein von der (tatsächlichen) Teilung des gesamtgesellschaftlichen Leistungsergebnisses zwischen dem einzelnen Bürger und der öffentlichen Hand. An dem Lebenspunkt, an dem der Einzelne selber etwas für sich empfängt, das heiÃt gesellschaftliche Leistungen in Anspruch nimmt, ist er viel aufgeschlossener dafür, dass auch andere, die für die Ordnung des gesellschaftlichen Lebens und für dessen Sicherheit tätig sind, die dafür erforderlichen Mittel und den ihnen dafür gebührenden Anteil an der gesellschaftlichen Wertschöpfung erhalten. Er ist bereitwilliger zu teilen. Die Besteuerung des Leistungsbeitrages ist dagegen eine Art âKnospenfre- velâ an der Entfaltung der gesellschaftlichen Initiativkräfte der Bürger. Die Steuer fällt wie eine Art von Nachtfrost über die sich gerade entfaltenden Initiativkräfte her. Ist dagegen die Wertschöpfung zustande gekommen, ist Erntezeit und das Ausmaà der Ernte zu übersehen, so ist die Teilung des gesellschaftlichen Leistungsergebnisses ein verständlicher Akt. Sie mindert nicht mehr die Entfaltung von Initiative, sondern entscheidet lediglich über deren Früchte im Sinne einer gerechten Aufteilung zwischen Bürgern und Staat. Die hier geschilderte Entfaltung der gesellschaftlichen Initiativkräfte (im Hinblick auf die von ihnen ausgehende Vermehrung des gesellschaftlichen Wohlstandes insgesamt) wurde zuvor schon bei der Freistellung der Kapi- talbildung von der Besteuerung in anderer Weise geschildert. Sie erscheint mit der eben vorgenommenen Blickerweiterung in den noch allgemeine- ren Grundsatz der Initiativförderung in der Gesellschaft einbezogen, von der sie letztlich nur Teil, wenn auch ein wesentlicher, ist. 156 157 Konsumbesteuerung als fälliger Beitrag zur gesellschaftlichen Selbstfindung Blicken wir am Ende unseres Beitrages auf dessen Ausgangspunkt zurück, so hat uns der Gedankengang im Laufe seiner Entfaltung wieder zur Aus- gangsidee der gesellschaftlichen Selbstreflexion, der gesellschaftlichen Selbstfindung in den Formen des von der Gesellschaft selbst hervorge- brachten Steuerwesens geführt. Das Steuerwesen ist ein Teil der Formen, durch die und mit denen die Gesellschaft ihr Verhältnis zu sich selbst fin- den und gestalten kann. Das Steuerwesen insgesamt hat den Charakter eines institutionalisierten gesellschaftlichen Bewusstseinselementes, eines Elementes, das Deutlichkeit, Ãberschaubarkeit und damit Akzeptanz in das gesellschaftliche Leben hereinbringen soll. Das gesellschaftliche Leben muss sich in gegliederten Gruppen der Völker und Regionen entfalten, die ihrerseits wiederum die Lebensgrundlage für die individuelle Entwicklung des einzelnen Menschen darstellen und darin ihren Sinn finden. Unser bisheriges Steuersystem, das zu sehr auf die geldliche Zwischenform des Leistungsbeitrages des Einzelnen zur gesamtgesellschaftlichen Wert- schöpfung abhob, trägt unter den heutigen Gegebenheiten weltweiter Arbeitsteilung zu wenig zu dieser gesellschaftlichen Selbstfindung bei, weil es die gegebenen Realitäten der faktischen Konsumbesteuerung verkennt und stattdessen überlebte Bewusstseinsformen gesellschaftlicher Selbstre- flexion als Steuerwesen in eine Gegenwart tradiert, die tragfähigerer und demokratischerer â das heiÃt neuer â Elemente für diese Selbstfindung bedarf. Besteuerung ist eben immer Einschränkung des persönlichen Kon- sums und damit Verbrauchsbesteuerung: Das Steuersystem im Ganzen muss diese Realität zeigen. Steuererhebung bedeutet: einen Teil der ge- sellschaftlichen Wertschöpfung dem Staat zuzuordnen; das Steuerwesen muss diese Realität bewusst und damit demokratischen Beteiligungsver- fahren der Bürger zugänglich machen. Die Gesellschaft der Gegenwart erlebt sich nicht mehr so, dass diese Gesellschaft als solche wichtiger ist als der Einzelne; vielmehr wird heute umgekehrt im Ausmaà des Entfaltungs- raumes der einzelnen Individualität in der Gesellschaft der MaÃstab für die Menschlichkeit des Gemeinwesens selber gesehen.15 15 Steiner nennt dies ein âsoziologisches Grundgesetzâ. Vgl. STEINER (1898), S. 180 ff. 158 159 Das Steuerwesen darf daher die Initiativentfaltung des Einzelnen nicht lähmen, wenn es nicht deren Sinn beeinträchtigen und die wesentlichen Produktivkräfte der Gesellschaft zunichte machen will. In der Beachtung dieser Elemente, die in der Gegenwart durch eine Konsumbesteuerung sachgerecht zu gestalten sind, liegt der heute geforderte Beitrag des Steu- erwesens zur Selbstfindung der Gesellschaft. Die Erkenntnis dieses Zusam- menhanges und seine Verwirklichung bedeuten: den für die Gesellschaft der Gegenwart erforderlichen steuersystematischen Bewusstseinswandel mit herbeiführen zu helfen. Fassen wir zusammen: Das Steuerwesen der modernen Gesellschaft hat mit der Mehrwertsteuer erstmals eine Steuer entwickelt, die nicht mehr an Einzeltatsachen oder an Einzelwirtschaftsphänomene (des Unternehmens usw.) anschlieÃt, sondern die einen gesamtgesellschaftlich definierten Sachverhalt zum Anknüpfungspunkt der Steuer macht. Sie fragt: Ist die Wertschöpfung beendet oder noch nicht? Sie will den privaten Endver- brauch nach Beendigung der arbeitsteiligen gesellschaftlichen Wertschöp- fung erfassen. In der Umsatzsteuerreform (von der alten Bruttoumsatz- steuer zur Nettoumsatzsteuer in Form der Mehrwertsteuer) ist â wie in einem Jahrhundertzeichen â deutlich geworden, worauf es grundsätzlich für das Steuerwesen unserer Gesellschaft ankommt: auf die Verlagerung der Steuererhebung an das Ende des Wertschöpfungsprozesses, auf die Befreiung des Wertschöpfungsprozesses von allen Steuererhebungsmän- geln und -formen. Für die Gestaltung des Steuerwesens bedeutet dies: Die gesamte Steuererhebung muss aus dem Wertschöpfungsstrom der Gesellschaft verschwinden und an dessen Ende verlegt werden. Die Kon- sumbesteuerung vollzieht dies. Sie ist wettbewerbsneutral â auch über die Grenzen. Sie ist unterneh- mensformneutral und belastet nicht den Kapitaltransfer. Sie bewirkt Er- leichterung und Freistellung der Kapitalbildung von der Besteuerungslast. Sie ermöglicht nationale Haushaltsautonomie für die Einzelstaaten eines Staatenverbundes (zum Beispiel EG) und entschärft (oder löst) das Problem der Steuerharmonisierung zwischen ihnen. Sie befreit die wirtschaftliche Rechnungslegung der Unternehmen von den Verfälschungstendenzen der gegenwärtigen Steuererhebung für diese Rechnungslegung und lässt (erstmals) eine wirkliche Besteuerung nach der Leistungsfähigkeit zu. Sie fordert die Sozialbindung des Kapitals in der Entwicklung angemesse- ner Eigentumsformen für das Eigentum an Produktionsmitteln, die den 158 159 â gesellschaftlich gesehen â treuhänderischen Charakter der Verwaltung dieser Mittel beachtet. Sie fördert die Demokratisierung der Gesellschaft, weil sie das Bewusstwerden der Gesellschaft in den Formen ihres Steuer- wesens durchschaubar gestaltet und damit zur Sozialakzeptanz des Staates und seines Steuerwesens beiträgt. Die Konsumbesteuerung führt dadurch zu einer neuen Bewusstseinsbildung der Gesellschaft für sich selbst, das heiÃt zu ihrer eigenen Selbstfindung in ihren institutionalisierten Bewusst- seins-elementen (wie dem Steuerwesen). Die so durchschaubar werden- den Lebensformen der Gesellschaft fördern die individuelle Lebensentfal- tung ihrer Bürger; damit nimmt auch der gesellschaftliche Wohlstand â des Einzelnen wie des Ganzen â tendenziell zu. Literatur FOLKERS, C. (1987), Wandlungen der Verbrauchsbesteuerung. In: K. HÃUSER (Hrsg.), Wandlungen der Besteuerung, Schriften des Vereins für Socialpolitik, Band 160, S. 89-102. FORST, C. (1989), Zum Stand der Umsatzsteuerharmonisierung in der EG, UR, S. 73-76. HARDORP, B. (1967), Mehrwertsteuer und Steuerharmonisierung im Gemeinsamen Markt, Be triebsberater, S. 173-177. HARDORP, B. (1972), Siegeszug der Mehrwertsteuer in Europa?, Ãsterreichisches Kuratorium für Wirtschaftlichkeit. HARDORP, B. 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Aufgrund seiner langjährigen Tätigkeit für Unternehmen aller Art verfügt er über einen reichen Erfahrungsschatz auf wirtschaftlichem Felde. Er sieht die Notwendigkeit, einen Umbau unseres Steuersystems von der Ertrags- zur Konsumbesteuerung voranzutreiben, um die wirtschaftliche Initiative der Menschen zu stärken und zugleich die steuerlichen Standortbedingungen der BRD zu verbessern. Doris Kleinau-Metzler: Die Themen Arbeitslosigkeit und die hohen, eventuell weiter steigende Abzüge vom Arbeitslohn durch Steuern und Krankenkassen- und Rentenbeiträge beschäftigen Politik und Medien. Selbst junge Menschen blicken voll Sorgen in die Zukunft. Wie sehen Sie, Herr Hardorp, die derzeitige wirtschaftliche Situation? Benediktus Hardorp: Es besteht kein Grund zur Sorge, wenn man nicht nur klagt, sondern auch die Chancen der Lage nutzt. Unsere gesellschaft- liche Situation macht deutlich, dass wir infolge der groÃen Veränderungen im Altersaufbau unserer Bevölkerung auf allen Feldern neu teilen lernen müssen. Das zeigt sich einerseits in der Steuerpolitik, aber natürlich auch in den Fragen unserer Altersvorsorge. Es geht das Schreckgespenst um, dass wir die Lasten der Alterseinkommen bald nicht mehr tragen können, weil hinter jedem Tätigen ein Rentner stehen wird. Es wird leider zu oft übersehen, dass gleichzeitig mit der Zunahme alter Menschen auch unsere Produktivität aufgrund des technischen Fortschritts so stark gewachsen ist, dass die zukünftig erforderlichen Renten durchaus tragbar und zu finanzie- ren sind. Wir haben gegenwärtig mindestens die achtfache Produktivität wie in der Nachkriegszeit; die Unternehmen könnten leicht noch mehr erzeugen â sie haben eher die Sorge, ob sie genug Absatz für ihre Mehr- produktion finden würden. * Erschienen in: Magazin a-tempo 9/2003 (C-03-42). 162 163 DKM: Welche Rolle spielt die Produktivität bei der wirtschaftlichen Ent- wicklung des Steuersystems? Hardorp: Die Steuer kann Produktivität und Werteflüsse belasten oder erleichtern; sie ist letztlich ein Teilungsverhältnis über die gesellschaftliche Wertschöpfung. Mit der Besteuerung entscheiden wir, wie viel wir von der gesellschaftlichen Wertschöpfung für öffentliche Aufgaben bereitstellen und wie viel in der Verfügung der Bürger bleibt. Der Ausdruck âSteuer- systemâ ist eigentlich eine Ãbertreibung, denn unser gegenwärtiges âSys- temâ ist eher ein âWildwuchsâ. Wenn man heute auf die Wirkung der Besteuerung unter Globalisierungsbedingungen blickt, so muss man zwei Gruppen unterscheiden: Die Steuern, die auf den Inlandskonsum wirken einerseits â und die Steuern, die wir in Leistungspreisen auf unsere auslän- dischen Abnehmer abzuwälzen versuchen andererseits. Zur ersten Gruppe, die auf den Inlandskonsum wirkt, gehört vor allem die Mehrwertsteuer (MWSt). Diese Steuer erfasst formal jede Produktionsstufe; durch die Tech- nik des Vorsteuerabzugs bleibt die Wertschöpfung in der Unternehmens- kette aber bis zum Konsum unbesteuert. Erst der inländische Konsument, der âEndabnehmerâ, trägt letztlich die Steuerlast von zum Beispiel 7 oder 16 % MWSt. Die andere groÃe Gruppe von Steuern sind die Steuern, die im Wertschöp- fungsprozess der Unternehmen erhoben und sogleich wieder in deren Preisen weiterverrechnet werden â die Gewerbesteuer der Unternehmen zum Beispiel, die Körperschaftssteuer, bei Personengesellschaften die Ein- kommensteuer auf Unternehmenserträge. DKM: Welche Bedeutung hat die Ausfuhr von Waren, der Export, für die Wirtschaft Deutschlands? Hardorp: Deutschland ist in hohem MaÃe in die Weltwirtschaft integriert. Um die deutschen Produkte auf dem Weltmarkt konkurrenzfähig zu halten, müssen die Preise auf dem Weltmarkt mit den dortigen Konkurrenzpreisen Schritt halten können. Das ist zum Beispiel ein Grund dafür, warum ein sozialdemokratischer Bundeskanzler die Ertragssteuern der Unternehmen, die Körperschaftssteuer, schrittweise von 53 auf 25 % zu senken bereit ist. Die Leistungsfähigkeit der deutschen Industrie auf dem Weltmarkt steht nämlich auf dem Spiel â und zugleich die Verhinderung der Abwanderung von Produktion und Unternehmen ins Ausland. Unternehmen sind eben ihrem Wesen nach âsteuerfreiâ. Sie sollen mit 162 163 möglichst geringen Aufwendungen gute Erträge erzielen â das ist ihre Auf- gabe. Wenn man ihnen künstliche Kosten wie Steuern auferlegt, macht man es ihnen schwer, denn sie müssen diese Kosten ihrerseits wieder an ihre Abnehmer verrechnen. Aufgrund der Exportorientierung unserer Wirtschaft ist es wichtig zu sehen, dass wir mit unseren Wertschöpfungs- leistungen auch unsere Unternehmenssteuern über unsere Grenzen ex- portieren. Jedes Land sollte aber selbst entscheiden, welche Infrastruktur an öffentlichen Leistungen es haben will â die aber müssen seine Bürger dann auch selbst bezahlen, und nicht ihre ausländischen Abnehmer dafür heranzuziehen versuchen. DKM: Also sollen Unternehmen, selbst wenn sie vielleicht hohe Gewinne machen, keine Steuern mehr bezahlen? Hardorp: Wir müssen uns klar machen, dass wir als Verbraucher die Steu- ern, die im Unternehmensbereich erhoben werden, postwendend wieder im Preis der Waren zurückbekommen â jede Steuer im Unternehmensbe- reich muss weiterberechnet werden und wirkt daher wie ein Bumerang auf den Konsum. Der Konsument zahlt bei dem bisherigen Verfahren diese Steuern in einem AusmaÃ, das er nicht kennt. Unternehmen und Unter- nehmer brauchen aber Gewinne ânach Steuernâ, um ihre Unternehmen zu finanzieren und in diese zu investieren. Gewinne zeigen die Wachstums- fähigkeit der Wirtschaft eines Landes; sie sind deren Entwicklungsraum. Das wird oft verdeckt durch den Umstand, dass das Verbrauchs- wie das Investitionseinkommen der Unternehmer in unseren Statistiken unter- schiedslos als âUnternehmergewinnâ bezeichnet wird. Eigentlich weià ja jeder Bauer: Ein Teil seiner Ernte ist zum Verbrauchen da und ein anderer Teil der Ernte muss Saatgut werden (Investition). Unternehmer müssen nicht nur ihr persönliches Einkommen erwirtschaften, sondern vor allem ihre Investitionen finanzieren. DKM: Wie steht es aber mit der Erbschaftssteuer? Ist die sozial gerechtfer- tigt, obwohl hinter dem Erbe in der Regel keine eigene Leistung steht? Hardorp: Das verhält sich, wenn Erbschaftssteuern zum Beispiel im Unter- nehmensbereich erhoben werden, letztlich genau wie mit den anderen Un- ternehmenssteuern â sie müssen im Laufe der Zeit im Preis der Leistungen weitergegeben werden. Bei der Erbschaftssteuer auf Unternehmensanteile (im Falle eines Generationenwechsels) kann es sein, dass Unternehmen 164 165 verkauft werden müssen, um die Steuern entrichten zu können. Die Frage dabei ist: Wird es dadurch besser, wird das Unternehmen danach besser geführt â oder löffeln in diesem letztlich die Beschäftigten die Suppe der steuerlichen Mehrkosten aus der Erbschaftsbesteuerung durch âEinspa- rungenâ aus? Die Grundfrage ist, ob diese Erben Unternehmensanteile überhaupt als persönlichen Besitz hätten erben sollen â das ist aber eine Frage der Rechts- ordnung und nicht allein der Besteuerung. In Artikel 14 der Verfassung der Bundesrepublik steht, âEigentum verpflichtetâ. Das hat bisher kaum Folgen gehabt. Es wäre aber verfassungsrechtlich durchaus zulässig, hier Entspre- chendes zu regeln: Müssen Unternehmen immer persönlicher (privater) Besitz von Menschen sein? Unternehmen sind Verantwortungseigentum, das man eigentlich nur für die Zeit halten sollte, wo man die damit verbun- dene Verantwortung auch tragen kann. Heute gehen Unternehmen zu- nehmend in die Stiftungsform; dann gehört der Besitz niemand persönlich. DKM: Wenn aber keine Unternehmenssteuer, keine Erbschaftssteuern, keine Gewerbesteuern, keine Einkommenssteuern mehr anfallen â und auch keine Lohnsteuer â, wie sollen dann die notwendigen Ausgaben des Staates bezahlt werden? Hardorp: Wie bisher: aus der Belastung des Konsums â nur offen, das heiÃt bewusst gehandhabt. Zwei Drittel des Steueraufkommens in der Bundesrepublik Deutschland stammen derzeit bereits aus Mehrwertsteuer (Verbrauchsbesteuerung) oder Lohnsteuer (die als Konsum einschränkende Kaufkraftabschöpfung wirkt). Was wir vom Staat an Leistungen erwarten, müssen wir natürlich auch bezahlen wollen â auch wenn es oft als Last empfunden wird. Auch Bund, Länder und Gemeinden müssen untereinan- der neu teilen lernen â wie die ganze Gesellschaft derzeit zum Beispiel in der Rentenfrage, das heiÃt bei Zumessung der Alterseinkommen. Eine Umstellung des Steuersystems auf eine Verbrauchsbesteuerung â sie ist übrigens schon 1919 von Rudolf Steiner vorgeschlagen worden â wür- de zur Transparenz der Steuerlast und zur Entbürokratisierung des Be- steuerungsverfahrens beitragen und Leistungsreserven bei den Menschen wecken. Wir müssen nur mit dem ganzen Steuersystem machen, was wir 1968 schon mit der Umsatzsteuer gemacht haben: die Unternehmerkette steuerfrei lassen! â Im Ãbrigen: Steuerliche Regelungen zur Gemeinnützig- keit, zu Spenden und zu Schenkungen würden ganz überflüssig. Auch die âSchwarzarbeitâ würde verschwinden. 164 165 DKM: Müsste aber die Mehrwertsteuer nicht viel höher sein, wenn alle Gemeinwesenaufgaben über sie finanziert würden? Hardorp: Sicher brauchte man an dieser Stelle ein höheres Aufkommen â was aber nicht heiÃt, dass wir insgesamt mehr Steuern zahlen, wie ich vorher an dem Bumerang-Effekt der Unternehmenssteuern deutlich ge- macht habe. Zudem könnten wir die Verbrauchsbesteuerung selbst sozial gerechter gestalten: Entweder kann man dies durch verschieden hohe Um- satzsteuersätze auf unterschiedliche Verbrauchsgüter oder -wege lösen, wie das ja schon im ermäÃigten Steuersatz auf Lebensmittel oder Grundle- bensbedarf angelegt ist, höhere Steuersätze dagegen auf den gehobenen Bedarf, noch höhere vielleicht auf âLuxusbedarfâ. Die andere Möglichkeit zu sozial abgestufter Belastung zu kommen, wären Steuer-Rückerstattun- gen (Transferleistungen) für diejenigen, denen man aus sozialen Gründen etwas zuwenden will. Auch das ist ja im Gange (Zusammenlegung Sozial- oder Arbeitslosenhilfe zum Beispiel). DKM: Also eine Art Grundeinkommen für sozial Schwache und Erwerbs- lose? Hardorp: Ja für Schwache oder für alle: je nachdem wie sich die Gesell- schaft entscheidet. Früher hat man die Verhältnisse, auch die wirtschaftlichen, eher statisch gesehen, heute fragt man, wo eine Produktion (Wertschöpfung) beginnt und zu wem sie â als Konsum â führt. Man denkt zunehmend in Prozes- sen. Das ist auch weltwirtschaftlich so â ohne die globalisierten Prozesse der Wertschöpfung und des Geldes könnten wir nicht so hochtechnisiert produzieren, hätten wir für Massenprodukte keine entsprechenden Ab- satzmärkte, hätten wir nicht unseren Wohlstand. Man braucht nur auf die Ursprungszertifikate seiner eigenen Kleidung oder nach dem Herstellungs- land der Turnschuhe, in denen man joggt, zu schauen, die aus Taiwan, China oder Südafrika zum Beispiel kommen. Wir haben die Globalisierung seit langem erstrebt, aber wir beherrschen sie sozial noch nicht. Wir haben heute alle Realbeziehungen zu Menschen in allen Weltteilen, ohne dass wir diese Menschen kennen. Dieses âKen- nenâ könnte jedoch noch sehr viel bewusster gehandhabt werden durch assoziative Wirtschaftsformen, wie Rudolf Steiner sie nach dem ersten Weltkrieg angeregt hat: In solchen Assoziationen würde der sinnvolle welt- weite Austausch unserer Leistungen geregelt. Anfänge davon sind zum 166 167 Beispiel in Weltwirtschaftskonferenzen, in Klimakonferenzen, aber auch in der Tätigkeit von Konsum- und Verbraucherschutzverbänden zu sehen. âWirtschaftâ ist nämlich letztlich nichts anderes als die Organisation des Füreinander-Tätig-Seins der Menschen. Selbstversorgung wird zur Rander- scheinung des modernen Wirtschaftslebens. Wir leben immer mehr von den Leistungen Anderer. Wir leisten real immer mehr für Andere â immer weniger für uns selbst. 166 167 11 Ausgaben- statt Einkommensteuer Zum Finanzierungsverständnis des Grundeinkommens* Die neuartige Fragestellung Rudolf Steiners 1919 Zu Beginn meines Studiums der Wirtschaftswissenschaften (1951) hat mich eine radikale, aber für mich nicht sogleich voll verständliche Aus- sage Rudolf Steiners â im Anschluss an einen Dreigliederungsvortrag1 â zum Erstaunen und zum Nachdenken herausgefordert. Die Formulie- rung schien allem direkt entgegenzulaufen, was man bisher über eine sinnvolle und gerechte Besteuerung â zumeist im Sinne der traditionellen Einkommensteuer â gedacht hatte und noch weithin bis heute zu denken pflegt. Rudolf Steiner wurde da gefragt, wie denn das Steuerwesen, die Steuererhebung, im dreigliedrigen Sozialen Organismus künftig aussehen werde. Seine lapidare Antwort war: weg von der Einkommensteuer, hin zur Ausgabenbesteuerung! Wie war das zu denken, wie war das gemeint? Das galt es zu klären! Ich begann Schritt für Schritt damit. Der Weg, der sich so ergab, führte in ein neues, wie ich meine realitätsgerechteres An- schauen der sozialen Welt als bisher â insbesondere eben auf dem Felde des Steuerwesens. Es ist eine lebenslange Beschäftigung mit dem Thema daraus geworden. Aufgetürmtes Theoriegestrüpp musste gelichtet und beiseite geräumt wer- den; der Leitstern auf dem Wege sollte dabei die wissenschaftliche Grund- maxime Goethes sein: Das Höchste wäre zu erkennen, dass alles Faktische schon Theorie ist. Es wurde immer deutlicher, dass mit der inhaltlichen Aussage Steiners â und der Methode Goethes â etwas höchst Einfaches, Sinnvolles, Erreichbares gemeint war und sich zu erschlieÃen begann. So hat mich dies Thema auch in meinem Beruf und darüber hinaus in das beratende Mitwirken auf manchem Felde der Steuerpolitik in Deutschland geführt. Es hat mein Leben wesentlich bestimmt. Wie aber ist dieser Weg â weg von der Einkommen-, hin zu der Ausgabenbesteuerung â konkret zu denken? Dies soll hier in knapper Form nachgezeichnet werden. * Referatmanuskript für den Tagungsband anlässlich der Michaeli-Tagung 2006 am GOETHEANUM, Dornach (C-03-56). 1 Am 25.10.1919 in Zürich, vgl. GA 332a (âSoziale Zukunftâ). 168 169 Die globalisierte Wirtschaft â ein weltweites Füreinandertätigsein Die von uns allen in den letzten Jahrhunderten angestrebte, in den letzten Jahrzehnten in mancher Beziehung auch erreichte Welt- oder Mensch- heitswirtschaft der Gegenwart hat zu einem weltweiten Füreinandertä- tigsein der Menschen und Nationen â und zu unserem westlichen Wohl- stand â geführt. Wenn wir uns manchen Erscheinungen der eingetretenen Entwicklung nicht voll gewachsen fühlen, sie unzureichend durchschauen und handhaben, benennen wir sie ängstigend oft mit dem Wort âGlobali- sierungâ. Der Fakt ist jedoch: Fast jeder von uns hat in der Gegenwart reale Leistungsbeziehungen zu Menschen in aller Welt, ohne dass er diese Men- schen kennt und ohne dass diese ihn kennen. Wir liefern aus Europa und Nordamerika Industrieprodukte höchster Technologie in die fernsten Enden der Welt; wir beziehen dafür Waren und Leistungen von dort; wir sehen aber kaum das konkrete Leben der Menschen in und hinter diesem Ge- schehen. Das meiste von diesem Leben verbirgt sich unserem Bewusstsein, wenn wir es genauer fassen wollen. Wir kennen zwar in geldlich-grauen Bewusstseinsformen das Grundsätzliche unserer gegenseitigen Leistungs- beziehungen, wir haben aber keinen Eindruck und kein Urteil darüber, wie unsere Tätigkeit konkret auf Leben und Lebensformen von Menschen in diesen anderen Teilen der Welt wirkt â und sie haben es umgekehrt nicht von uns. So geht es uns â hier wie dort â ähnlich. Unser Bewusstsein hinkt hinter den Tatsachen und unserem Handeln her! Tatsächlich geht ein Strom von Leistungen von uns zu anderen Menschen in fernen Ländern und ein gleichartiger kommt â als Antwort â von dort zu uns zurück. Der dem Leistungsstrom jeweils entgegenlaufende Geldstrom macht uns unsere gegenseitigen Realbeziehungen wenigstens anfänglich fassbar, das heiÃt er macht sie abrechenbar. Der Geldstrom macht den jeweiligen Stand des Leistungsaustausches zwischen Leistungserbringern einerseits und Leis- tungsempfängern andererseits â wir sind immer zugleich beides! â auch ohne differenziertes Urteil über die Lebenslage der jeweils Anderen wenigs- tens in grober Form sichtbar. Nur ganz undeutlich ganz von Ferne hören wir von der Armut und Not in anderen Weltteilen. Unser westlicher Wohlstand scheint uns ânormalâ und selbstverständlich zu sein; die Lebensumstände in anderen Bereichen der Welt sind offenbar durch âMarktgesetzeâ oder durch andere wirtschaftlich âobjektiveâ Zwänge bedingt oder sie rühren von Mächten her, die sich unserem Zugriff entziehen. Sie scheinen nicht än- derbar für uns zu sein; wir empfinden zunächst keine Verantwortung für sie! 168 169 Die von allen Nationen überall in der Welt notwendigerweise praktizierte Erhebung von Steuern wirkt in all dies Geschehen drängend oder hemmend herein. Dies ist aber in Ursache, Sinn und Wirkung wenig nachvollziehbar und verständlich für uns. Fördern oder hindern die Besteuerungseingriffe den weltweiten Leistungsaustausch, der uns doch gut zu sein scheint? Sind sie ein notwendiges Ãbel, dem wir â wo immer möglich â auswei- chen? Können wir die Formen dieser Besteuerung gar als Ausdruck einer menschheitlichen Bewusstseinsentwicklung â und wenn ja: welcher? â ver- stehen? Knapp gesagt: Wir könnten es. Wir haben da zunächst die ganz alten, aber auch heute noch gebräuchlichen Besteuerungsformen, die eine wirtschaftliche Aufwandsdemonstration (die Zahl der Fenster eines Hauses zum Beispiel, das Hubraumvolumen unseres KfZ-Motors und dergleichen mehr) ins Auge fassen und die wir so zum Ausgangspunkt unserer Be- steuerung nehmen. Wir nennen sie indirekte Steuern. â Zu diesen haben sich im Laufe der Geschichte in dem MaÃe, in dem wir wirtschaftliche Vorgänge begrifflich in Aufwand und Ertrag, in Vermögen und Schulden zu fassen und zu verstehen gelernt haben, die direkten Steuern gesellt, die den wirtschaftlichen Erfolg des einzelnen Unternehmens, des einzelnen Kaufmanns zu Grunde legen und diesen mit den Formen der modernen doppelten Buchführung erfassen. Hat das Unternehmen Ertrag und Ge- winn, so wird daraus ein Steuergegenstand gemacht; die Ertragssteuern (Einkommen-, Gewerbe-, Körperschaftsteuer usw.) entstehen so. Ob der Gewinn einer bestimmten Unternehmensstufe in der ganzen Kette des gesellschaftlichen Wertschöpfungsgeschehens auch in den nachfolgenden Stufen Gewinn (oder Verlust) bedeutet, spielt für diese (direkte) Besteue- rung keine Rolle; das Bewusstsein des Fiskus und der Beteiligten erstreckt sich nicht soweit, es sieht die Menschen verbindende ganze Wertschöp- fungskette noch nicht. Jedes Unternehmen scheint für sich â und nur für sich â verantwortlich. Ganz anders ist es bei der Umsatzsteuer â heute in der Form der Mehr- wertsteuer. Sie hat sich aus Gründen der Wettbewerbsneutralität des Steuerwesens und zur Abwehr von unternehmerischen Konzentrations- entwicklungen aus dem Wertschöpfungsgeschehen zwischen Naturgrund- lage und Konsum ganz zurückgezogen â und will das unternehmerische Geschehen gerade nicht mehr âsteuernâ. Sie wird deswegen erst ganz am Ende der wirtschaftlichen Wertschöpfungskette â beim Ãbergang eines konsumreifen Gutes oder einer konsumreifen Leistung aus dem Werte erzeugenden Bereich in den privaten Verbrauch (oder Besitz) â erhoben. 170 171 Diese Steuer wartet, bis ein Gut, eine Leistung, das konsumierbare Brot âreifâ geworden ist und dem menschlichen Bedarf dienen kann â und besteuert nicht schon den âTeigâ, das unfertige Produkt oder die halbfer- tige Leistung. Technisch geschieht dies trotz Besteuerung jedes Umsatzes in der Unternehmerkette durch den Vorsteuerabzug, das heiÃt durch die Erstattung der auf der Vorstufe erhobenen Umsatzsteuern auf der jeweils nachfolgenden Stufe bis zum endgültigen Ãbergang einer Leistung in den privaten Konsum. Bei diesem Umsatz gibt es keinen Vorsteuerabzug mehr (für den Konsumenten). Bei ihm kommt infolgedessen zum ersten Mal im ganzen Wertschöpfungsverlauf ein Steueraufkommen für den Staat aus einer Leistung auf. Damit ist die Mehrwertsteuer eine ganz neue Art der Steuererhebung, die nicht mehr auf eine bloÃe Aufwandsdemonstration, nicht mehr auf den begrenzten Erfolg eines Einzelnen oder eines Unternehmens (wie die Körperschafts-, Einkommens- und Gewerbesteuer zum Beispiel) abstellt, sondern darauf, dass eine Wertschöpfung weltwirtschaftlich zum Ende gekommen ist â gleichgültig, in welchem Teil der Erde dieser Wertschöp- fungsprozess begann und an welcher Stelle er schlieÃlich zu Ende kommt. Die Mehrwertsteuer besteuert dadurch keine im Ergebnis verlustbringende Tätigkeit; sie besteuert auch die Investitionstätigkeit der Unternehmen (die Schaffung von Wertschöpfungsinstrumenten und âArbeitsplätzenâ) nicht. Sie ist eine Besteuerungsform, die nicht auf den Leistungsbeitrag â die Arbeit der Menschen und ihren Erfindungsgeist â zum Wertschöpfungsge- schehen, sondern auf die Leistungsentnahme aus dem Wertschöpfungsge- schehen durch den Konsumenten, der über ein geldliches Einkommen ver- fügt, abstellt. Sie ist im Zeitalter der zunehmenden auÃenwirtschaftlichen Bezüge, des weltweiten Leistungsaustausches und der Arbeitsteilung auch wettbewerbsneutral, obwohl sie die für die öffentliche Hand erforderlichen Mittel, wie jede Besteuerung dies tut, aus dem Wertschöpfungsvorgang letztlich entnimmt. Es ist damit eine für das Zeitalter der Weltwirtschaft geeignete Erhebungsform. Nationale Autonomie in der globalisierten Welt? In einer modernen Welt mit weltwirtschaftlicher Arbeitsteilung und welt- wirtschaftlichem Leistungsaustausch über die ganze Erde hin wünschen wir uns dennoch eine jeweils differenzierte nationale und kulturelle Au- 170 171 tonomie für die Völker. Ihr finanzieller Ausdruck müssen letztlich unter- schiedliche nationale Haushalte (oder Steueraufkommen) in Relation zum jeweiligen Volkseinkommen sein. Jedes Volk, jeder kulturell unterscheid- bare und Autonomie beanspruchende Raum, muss für sich bestimmen können, was er unter seiner Kultur verstehen und dafür auch aufwenden will. Jedes Volk muss entscheiden, welcher Anteil der national verfügbaren Wertschöpfung für öffentliche Zwecke bereitgestellt werden und welcher andere Anteil in der Hand der Bürger bleiben soll. Denn in den Anforde- rungen nationaler und kultureller Art â in deren wirtschaftlich-finanziellen Abschattung â kommen diese ja zum Ausdruck. In ihnen wird deutlich, was die jeweiligen Völker für ihr eigenes Zusammenleben, für ihre Identität einsetzen wollen. Hierüber müssen auch nur die betroffenen Angehörigen der entsprechenden Volksgemeinschaften entscheiden; andere Völker dürfen dies dafür bei und für sich entscheiden. Nur so kann es auf Dauer friedlich in der globalisierten Welt zugehen. Werden Steuern unter solchen Umständen in Form der Aufwands- oder Ertragssteuern â der ersten oder zweiten der geschilderten Besteuerungs- form â erhoben, so erzeugen sie notwendiger Weise Kosten für den von ihnen ausgehenden, grenzüberschreitenden Wertschöpfungsstrom. Steu- ern sind ja in der unternehmensweisen Haushaltsrechnung Kosten, die in die Preise ihrer Leistungen eingehen und so letztlich zu den Abnehmern weitergewälzt werden. Anders ausgedrückt: Sie müssen aus dem jewei- ligen Umsatz der Unternehmen finanziert werden. Steuern sind insoweit immer schon Konsumsteuern, weil sie offen oder verdeckt an den Endab- nehmer weiterberechnet (an ihn weitergewälzt) werden (müssen). Es geht â bei Lichte besehen â nicht anders. Ein Unternehmen, das die Abwälzung der ihm auferlegten Steuerlasten nicht mehr zustande bringt, geht, wie wir wissen, über kurz oder lang unter. Wenn wir also im Zeitalter des globalisierten Leistungsaustausches ein nationales Haushaltsaufkommen ohne Schaden für den weltwirtschaft- lichen Wettbewerb erheben wollen, so müssen wir die gesellschaftliche Leistungserbringung, die stets für andere erfolgt, von der Besteuerung freistellen und stattdessen den Leistungsbezug, den individuellen Konsum im Inland, besteuern. Das ist letztlich der ökonomische Kern der zunächst nicht sogleich verständlichen Aussage Steiners im Jahre 1919 gewesen: weg von der Ertrags- und Einkommensteuer, hin zur Ausgaben- oder Konsumbesteuerung. Eine internationale Harmonisierung der (direkten) 172 173 Steuern, die als Kosten in die Wertschöpfungsabrechung eingehen, eine Parallelisierung oder âGleichregulierungâ dieser Lasten â internationale Abkommen versuchen dies immer wieder â ist faktisch nicht möglich2; da schlüpft man gegebenenfalls lieber durch die âSchlupflöcherâ, die âgütigeâ Gesetzgeber für die Steuerpflichtigen geöffnet haben! Eine Steuererhebung, die ausschlieÃlich auf den inländischen Verbrauch, auf den inländischen Leistungsbezug der privaten Haushalte abstellt, stört dagegen die weltwirtschaftlichen, die auÃenwirtschaftlichen Beziehungen der Wirtschaftssubjekte, da sie erst am Ende im Inland zugreift, nicht â ihr kann man (legal) auch kaum ausweichen3. Wir können in Zukunft immer weniger â wie heute â erwarten, dass die Kosten der jeweils inländischen Infrastruktur, die Kosten der nationalen Identität (die unterschiedlichen öffentlichen Ausgaben), vom ausländischen Abnehmer getragen oder mitgetragen werden sollen. Die internationale Fairness verbietet dies. Die Last der eigenen öffentlichen Aufgaben â die Kosten eines jeden staat- lichen Autonomieraumes â muss und soll die jeweilige nationale Einheit selbst tragen. Autonomie und national differenzierte Staatshaushalte sind aber bei der Konsumbesteuerung â und nur bei ihr â auf einen Nenner zu bringen. Die Ausgabensteuer beseitigt Leistungshindernisse Die Ausgabenbesteuerung oder die Besteuerung des Konsums nach dem Prinzip des âBestimmungslandesâ einer Leistung, nach ihrem Ziel (nicht nach dem Prinzip des Herkunfts- oder âUrsprungslandesâ) â befreit die Wertschöpfungserstellung vom Einfluss der bestehenden, für den Wett- bewerb nachteiligen indirekten oder direkten Besteuerung. Alle von den Unternehmen erhobenen Lasten müssen von diesen stets in die Kosten des jeweiligen wirtschaftlichen Leistungsprozesses und dessen Preisstel- lung eingerechnet werden. Nur wenn sie die private Kaufkraft vor dem Konsum abschöpfen â wie bei der Erbschaftsteuer, der Vermögensteuer, 2 Das war schon eine Kernaussage meines Aufsatzes über âMehrwertsteuer und Steuer- harmonisierung im Gemeinsamen Marktâ, BETRIEBSBERATER 1967, S. 167 ff., in deren Entste- hungsjahr. Sie ist in einer langen Reihe von nachfolgenden Veröffentlichungen nach weiteren Gesichtspunkten erörtert und âdurchdekliniertâ worden; diese sind einsehbar im Internet unter http://www.hardorp-schriften.de. 3 Von Konsumeinkäufen hinter der Grenze, die â wie früher die âButterfahrtenâ auf hoher See â mehr ein Freizeitvergnügen darstellen und weltwirtschaftlich nicht entscheidend sind, sehen wir hier ab. 172 173 der Einkommensteuer auf geldliche Einkünfte (aus Vermögen zum Beispiel) usw. â gehen diese Steuern nicht in die Preise der Unternehmensleistungen ein. Dennoch wirken sie durch die Kaufkraftabschöpfung auf den Konsum. Ãber die weggesteuerte Kaufkraft verfügt jetzt der Staat. â Die Ausgaben- steuer ist wirtschaftlich eine âgeduldigeâ Steuer. Sie wartet, bis eine Wert- schöpfung konsumreif zustande gekommen ist; sie greift nicht schon vorher â wie dies die Unternehmenssteuern sonst tun â âaufblähendâ in die Preis- bildung der Wertschöpfungsleistungen ein. Diese anderen Steuern haben den Konsum definitionsgemäà nicht im Auge, obwohl sie auf ihn wirken. Die Mehrwertsteuer wartet dagegen âden richtigen Momentâ ab; sie fragt auf jeder Stufe des Wertschöpfungsprozesses, ob eine Wertschöpfung an ihr Ende gekommen ist, dann Steuerzugriff, oder ob dies noch nicht der Fall ist, dann: Erstattung der eventuell zuvor erhobenen Umsatzsteuer (die Erstattung anderer Unternehmenssteuern erfolgt dagegen âwirtschaftslen- kendâ-politisch, insgesamt jedoch systemwidrig durch âSubventionenâ).4 Der Prozess der heute fälligen â und im Gang befindlichen â Umstellung unseres Steuersystems von der Einnahmen-(Einkünfte-)Seite der Bürger auf deren Ausgabenseite â die Verwendung ihrer Geldeinnahmen â (Konsumsteuer) ist keine theoretische Forderung, sondern macht deutlich, was gegenwärtig in der Bundesrepublik Deutschland faktisch, wenn auch zumeist unverstanden, längst geschieht. Man erkennt dies zum Beispiel daran, dass gegenwärtig (zum 1. Januar 2007) die Mehrwertsteuer von der deutschen Bundesregierung erhöht und gleichzeitig die Unter- nehmensteuern gesenkt werden; andere Länder â die skandinavischen zum Beispiel â haben diesen Weg schon früher beschritten. Dies sollte aber konzeptionell, das heiÃt sich gegenseitig ausgleichend, gedacht werden, um den Schritt auch verstehbar und akzeptabel zu machen. Andernfalls muss man sogleich â wie mit einem Echo â mit der populistischen Frage rechnen: Werden damit die Reichen nicht immer reicher und die Armen im- mer ärmer? Wer so argumentiert, hat nicht begriffen, dass die Kategorien von âarmâ und âreichâ nur im Konsumbereich einen Sinn ergeben, nicht dagegen im Unternehmensbereich, wo es um eine effektive, kostengüns- tige Produktion geht.5 4 Man denke nur an das âStop and goâ steuerlicher Aufbau- und Investitionsförderung mit nachfolgenden Abwrack- oder Stilllegungsprämien (oder âSonderabschreibungspolitikâ). 5 Vgl. vom VERFASSER: âArm und reich â und die Steuergerechtigkeit.â In: GOETHEANUM 23/02, S. 431 ff. 174 175 Denn Unternehmen sind â im Hinblick auf ihre Zielsetzung â nicht arm oder reich, sondern lediglich zureichend oder unzureichend mit Finanzmitteln ausgerüstet. Sie sind ihrem Wesen nach eben steuerfrei, weil sie, wie zuvor dargelegt, ihre Steuerkostenlast auf die Endverbraucher abwälzen müssen, wenn sie auf Dauer bestehen wollen. Alle Steuern, die im Unternehmens- bereich erhoben werden, werden am Ende an den letzten Abnehmer oder Konsumenten der weltwirtschaftlichen Leistungserbringung abgerechnet, der sie im Produkt- oder Leistungspreis schlieÃlich trägt.6 Der Konsument kann im Grunde nur entscheiden, ob er den hier vorliegenden Fakt â die Höhe der Steuerlast in den Preisen der Produkte â wissen will oder nicht; ändern kann er es nicht. Er gleicht, wenn er sich gegen die Einsicht sperrt, einem Sisyphus, der ständig neue Anstrengungen unternimmt, um den alten, für ihn selbst unleidlichen Zustand (seines Bewusstseins) stets wieder herzustellen. Wir müssen ihm daher helfen zu begreifen, was geschieht, weil wir selbst sonst als Gemeinschaft unter dem Nichtverstehen solcher Uneinsichtiger leiden werden. Die eingetretene Entwicklung von der Er- trags- zur Ausgaben- oder Konsumbesteuerung ist nicht aufzuhalten, noch auf Dauer zu leugnen, weil das Gewicht der Tatsachen dies erzwingt. Mit unserer These zur Steuererhebungsumstellung beschreiben wir daher nur, was in Wirklichkeit längst geschieht. Kluge Politiker haben das auch begrif- fen; sie haben meist nur Sorge, dass sie ihr Wissen nicht früher preisgeben, als ihre Wähler das mitvollziehen und goutieren. Jede Besteuerung ist ein gesellschaftliches Teilungsverfahren â immer! Für die Vorstellungsbildung zur Finanzierung eines bedingungslosen Grund- einkommens ist es von entscheidender Bedeutung, die Besteuerung insge- samt als Teilungsverfahren der gesellschaftlichen Wertschöpfung zu begrei- fen. Tut man dies nicht, so wird man stets verführt, die gegenwärtig (und künftig) stattfindende Anhebung der Mehrwertsteuer als eine Erhöhung der volkswirtschaftlichen Steuerlast oder Staatsquote misszuverstehen und nicht den methodisch erforderlichen Systemwechsel der Besteuerung darin zu erkennen. Man denkt dann: Die Mehrwertsteuer wird erhöht, die Steuer- satzerhöhung dieser Steuer wird auf die Preise aufgeschlagen â also zahlen 6 Vgl. meinen Aufsatz âSteuererhebung im Zeitalter der Globalisierungâ. In: DIE DREI 3/1999, S. 45 ff. 174 175 wir sie, also ist es doch so, wie wir immer schon dachten! Zu dieser schlich- ten â aber falschen â Denkfigur wird man immer kommen, wenn man sich die Frage der Finanzierung des Ganzen, die Frage der Steuerwirkung, am Einzelfall vergegenwärtigen will, wenn man diesen nicht als Beispiel für das Ganze nimmt. Sieht man die Sache dagegen gesamtwirtschaftlich (auf na- tionaler Basis zunächst), so wird leicht verstehbar, dass die Umstellung der Besteuerung von der Ertrags- zur Konsumbesteuerung die Steuerlastquote, die auf dem Volkseinkommen insgesamt liegt, keineswegs durch diese Umstellung erhöhen muss. Das Ganze sollte und könnte vielmehr, wenn es richtig âgesteuertâ wird, durchaus aufkommensneutral erfolgen. Es bleibt dann allerdings die Frage, wie der Umstellungsprozess, der stets die âSchnäppchenjägerâ (oder âGewinnmitnehmerâ) aktiviert, so gestaltet werden kann, dass die Letzteren â und ihr Handeln â bekannt werden. Das mögen solche âRumpelstielzchenâ nämlich gar nicht; für sie ist es âge- schäftsschädigendâ! Die Verdeutlichung der unvermeidlichen Kostenwir- kung der Unternehmenssteuern und die befreiende Wirkung der Entlastung von ihnen, die bei ihrem Wegfall (Senkung) eintritt, bedürfen der medien- wirksamen öffentlichen Begleitung und des Verständnisses. Denn: Bleibt die Staatsquote an der gesellschaftlichen Wertschöpfung (oder am Volksein- kommen) gleich, so muss ein geschultes und aufgeklärtes Bewusstsein die Preis- und Wertschöpfungswirkungen â das Preisniveau im Ganzen â stabil halten können, wenn, wie gesagt, die Staatsquote nicht erhöht wird. Bei den volkswirtschaftlich wesentlichen Wertschöpfungsvorgängen groÃer Unternehmen wird schon der Wettbewerb und die ergänzende (gesetzli- che) Pflicht zur Offenlegung der wirtschaftlichen Verhältnisse (Publizität der Rechnungslegung) für eine Weitergabe der durch Unternehmenssteuersen- kungen erzielten Kostenvorteile der Steuerrücknahmen führen. Steuern sind ja nur einer von vielen Kostenfaktoren der Unternehmen; diese sind es gewohnt, mit Kostenveränderungen unternehmerisch umzugehen. Wer gegen die Mehrwertsteuer (Konsumsteuer) mit dem platten Argument einer Preis- oder Lastenerhöhung, die im Ergebnis durch die Senkung von Unter- nehmenssteuern wieder aufgehoben wird, polemisiert oder die Frage stellt, wie denn das Grundeinkommen zusätzlich zu den bestehenden Sozialtrans- ferleistungen von derzeit rd. 800 Mrd. ⬠p. a. zu finanzieren sei, der zeigt nur, dass er die Besteuerung als gesellschaftliches Teilungsverfahren, den methodischen Systemwandel der Steuererhebung und die bürgerschaftliche Intention des Grundeinkommens nicht verstanden hat oder sie nicht will. Es geht hier letztlich nicht um die Frage des Könnens, sondern um eine solche 176 177 Frage des Wollens. In diesem Punkte sollten wir uns das Fichteâsche Wort zu Herzen nehmen: âDer Mensch kann, was er soll â und wenn er sagt, er kann es nicht, dann will er nichtâ. So ist es nämlich. Die öffentlichen Finanzen und das Gemeinwesen erfahren Die öffentlichen Finanzen, wir bezeichnen sie hier, um es noch einmal zu sagen, zusammenfassend als âStaatsquoteâ, gliedern sich gegenwärtig in den Teil der Steuern im herkömmlichen Sinne und in den anderen der ge- setzlich verpflichtenden Sozialabgaben (Transferleistungen). Beiden kann der Bürger in der Regel (legal) nicht ausweichen. Die Grenze zwischen dem einen und dem anderen ist aber in der Praxis längst flieÃend geworden, weil die Sozialsysteme durch die demografische Entwicklung zwangsläu- fig defizitär geworden sind und aus dem allgemeinen Steueraufkommen zunehmend aufgefüllt werden müssen. Stellen wir unser Steuerwesen auf die Konsumbesteuerung um und wollen wir ein Grundeinkommen bedin- gungsloser Art finanzieren, so muss dieses Grundeinkommen steuerfinan- ziert sein. Ein verfassungsmäÃig gesicherter bürgerrechtlicher Anspruch kann sich nur gegen die öffentliche Hand richten. Es liegt daher â nicht nur aus diesem Grunde â nahe, beide (gesetzlichen) Finanzierungswege zu ei- nem systematisch schlüssig gedachten âbreitenâ Wege zusammenfassen. Diese Entwicklung ist, wie aufgezeigt, in der Bundesrepublik Deutschland faktisch im Gange. Die Sozialsysteme werden bereits heute zunehmend steuerfinanziert. Diese Entwicklung (zum Beispiel im gesetzlich geregelten Gesundheitswesen) wird gerade gegenwärtig auch im politischen Raum gefordert. Denken wir die begonnene Entwicklung konsequent zu Ende, so sollten wir die beiden bisher (scheinbar) getrennt verlaufenden Finanzie- rungswege der Steuererhebung und der gesetzlichen Sozialabgaben, denen die betroffenen Bürger nicht ausweichen können (bestenfalls die Unterneh- men können es â insbesondere auÃerhalb der deutschen Grenzen), infolge- dessen zusammenlegen. Das würde heiÃen: Die gesetzlich verpflichtenden Sozialtransfersysteme werden formal in die Besteuerung â die Erhebung der âStaatsquoteâ â mit einbezogen.7 Zur Finanzierung des Grundeinkommens und ggfs. weiterer verbleibender Transferleistungen entsteht dann diese 7 Die Zusammenfassung bedeutet keine Erhöhung der Last, sie wird im Gegenteil Synergie- effekte (Verwaltungs-, Kostensenkungen) erbringen. 176 177 eine einheitliche âStaats- oder Finanzierungsquoteâ der Bürger für ihr Gemeinwesen. Denn die Finanzierung aller öffentlichen Leistungen ein- schlieÃlich des bürgerschaftlichen Teilhaberechtes, das sich wirtschaftlich als Grundeinkommen darstellt, hat letztlich immer den Charakter einer Erstattung zuvor vom Staat erhobener Steuern (oder Abgaben) einerseits oder andererseits der Erbringung von Realleistungen gemeinwirtschaft- licher Art (Schulwesen, Gerichtsbarkeit, Sicherheit usw.). Insoweit ist es durchaus richtig, wenn dieser Vorgang etwas unvollkommen (weil begriff- lich meist nur auf eine Steuerart bezogen) als ânegative Einkommensteuerâ (negative Steuererhebung = Erstattung) bezeichnet wird. Alle öffentlichen Leistungen einschlieÃlich des gesetzlich geregelten Sozialtransfers, sind letztlich ânegative Steuernâ. Was sollten sie sonst auch sein? â Wird die öffentliche Hand zum Beispiel ausschlieÃlich aus der Konsumbesteuerung finanziert, so macht dies naturgemäà auch neue Konsensverfahren zur Zu- teilung des Steueraufkommens auf die Steuergläubiger (Bund, Länder und Gemeinden) im Bereich der öffentlichen Hand notwendig. Letzteres wird im Ãbrigen bei den sogenannten âGemeinschaftssteuernâ des Bundes und der Länder schon heute bereichsweise (âübungsweiseâ) angewandt. Insgesamt wird so der Gesamtfinanzierungsvorgang unseres Gemein- wesens als Teilungsverfahren für das Volkseinkommen durchschaubar und für die Bürger verständlich. Denn die Bürger treten durch jede Art von Besteuerung einen Teil der von ihnen erarbeiteten gesellschaftlichen Wertschöpfung für Zwecke der â ebenfalls von ihnen bestimmten â öffent- lichen Aufgaben an den Staat ab; sie beauftragen damit ihre öffentliche Hand, diejenigen gesamtheitlichen gesellschaftlichen Zwecke zu verfolgen und zu verwirklichen, die die Bürger vom Staat â nicht der Staat von den Bürgern! â erwarten. Das öffentliche Steuerwesen ist letztlich ein bürger- schaftliches Gestaltungsinstrument, keine Form von âerlaubtem Raubâ â wie man dies in der scholastischen Philosophie wohl noch gesehen hat. In der demokratischen Festlegung der öffentlichen Aufgaben erfahren wir letztlich das Wesen unserer Gemeinschaft, gestalten wir die nationale und kulturelle Eigenverfassung, bereiten wir die âsoziale Leiblichkeitâ unserer spirituellen Identität. Wir erfahren unsere kulturelle Mission im mensch- heitlichen Zusammenhang. Auch auf den Einzelnen und seine individuelle Entwicklung wirkt eine solche Veränderung des Steuerwesens, wenn dieses, wie hier umrissen, aus einem Guss gestaltet wird, in wesentlicher und lebensbestimmender 178 179 Weise zurück. Denn die Konsumbesteuerung fragt â auch den âegonzen- triertenâ â Bürger nicht mehr, wie die alte Ertrags- oder Einkommensteuer das tat: Wo hast du dein Geld verdient? (Echo: Muss ich denn wirklich alles angeben?) Sie fragt vielmehr: Wo willst du hin im Leben? â du zeigst es durch die Art, wie du dein Geld ausgibst, wofür du es einsetzt. Das sind deine wirklichen Lebens- und Tatenziele! Das Steuerwesen regt damit zugleich eine sinnvolle Lebensorientierung an. Die Geldeinnahmen des Einzelnen sind, wenn es gut geht, die Folge seiner früheren Leistungstaten oder Lebensumstände; ihm steht nach dem gesellschaftlichen Konsens für seine Leistung vielleicht noch eine Gegenleistung zu. Solange er diese nicht in Anspruch genommen hat, haben wir einen gesellschaftlichen âSchwe- be-â oder âZwischenzustandâ, den wir Geld nennen.8 Dieser oder dieses vermittelt die beiden genannten Leistungen zu einem realen Ergebnis. Dieser soziale Zwischen- oder Beziehungszustand wird im Gelde dokumen- tiert (Münze, Noten, Giralgeld usw.). Geld ist ein sozialer âZwischenraumâ zwischen früheren Leistungen und späterer Gegenleistung. Soziale Realität wird aus diesem Schwebezustand durch das Ausgeben des Geldes. Durch das vorgängige Geldeinnehmen wird der Schwebezustand erzeugt. Das Lebensziel, zu dem der Geldbesitz führen kann oder soll, ist gleichsam noch âlatentâ, ist ein noch unstabiler, keimhafter Zustand, der auf eine nach- folgende Realität â einen âbreak downâ â zustrebt. Die Einkommensteuer fragte den Bürger in diesem Geschehen hinsichtlich seines Geldeinkom- mens: Wo kommst du her? Die Konsumbesteuerung fragt den Menschen umgekehrt: Wo gehst du hin, wo siehst du deine Zukunft, wo findest du deine Ziele?9 Wer nach seinen Zielen gefragt wird, antwortet anders als der, der nach seinen Einnahmequellen in der Vergangenheit gefragt wird. Jeder Steuerberater kennt das; jeder Seelsorger könnte es kennen. Wie lernen wir, das Denkbare zur sozialen Realität zu gestalten? So wie wir hier über ein neues, durchgreifendes Verständnis des Steuerwe- sens im Zusammenhang mit der individuellen Entwicklung des Menschen gesprochen haben, wird zugleich deutlich, dass wir das Steuerwesen über seinen unmittelbaren Zweck hinaus vor allem als ein Selbstfindungssystem 8 Vgl. das Buch des VERFASSERS: âElemente einer Neubestimmung des Geldes und ihre Bedeutung für die Finanzwirtschaft der Unternehmungâ, Heidelberg 1972 9 Vgl. vom VERFASSER: âDas Steuerwesen auf dem Hintergrund der inneren Entwicklung des Menschenâ. In: GOETHEANUM Nr. 20/21 vom 13.05.2005, S. 5 ff. 178 179 der menschlichen Gesellschaft in ihren jeweiligen nationalen Gruppen be- greifen müssen. In ihm gestalten wir unsere Welt. Nicht weil wir das heute neu herbeiführen wollen, sondern weil es immer schon, wenn auch oft unverstanden, so war, ist und sein wird. Alle gesellschaftlichen Formen, die von Menschen geschaffen wurden, wirken unvermeidlich wieder auf sie zurück; jede individuelle Entwicklung des Menschen bringt umgekehrt am Ende ihrerseits neue soziale Beziehungen und soziale Formen hervor. Kein Mensch kann oder will für sich selbst leben. Eine Besteuerungsform wie die Konsumbesteuerung ist initiativfördernd für den Einzelnen in der menschlichen Gesellschaft; sie weckt dessen Interesse am anderen Men- schen, während die Ertragsbesteuerung â man kann es an jedem jungen Unternehmen beobachten â in der Regel hemmend auf die Entfaltung der unternehmerischen Initiative wirkt. Eine Konsumbesteuerung macht dabei eine die Unterscheidung der Motive der Menschen in gewerbliche (eigennützige) und andere, die wir gemein- nützig (altruistisch) nennen, überflüssig, weil sich ja in der Seele jedes Men- schen entscheidet, ob er eine Tat eigennützig oder uneigennützig erbringt; für andere ist sie in unserer heutigen arbeitsteiligen Welt in beiden Fällen bestimmt. Man sieht es einem Tun nicht unbedingt von auÃen an, welche Motive jeweils das wirksame Handeln tragen. Auf dem Gebiete der (steuer- lichen) Gemeinnützigkeit gibt es heute zwangsläufig viel âScheinheiligkeitâ, die von der Besteuerungstechnik der alten Einkommens- oder Ertragsbe- steuerung mitbewirkt wird. Im Zeitalter der Konsumbesteuerung werden wir aber kein Gemeinnützigkeitsrecht mehr brauchen, weil die Leistungsentfal- tung in keinem Falle mehr besteuert wird und die notwendige Besteuerung erst dann erfolgt, wenn eine Geldeinnahme â aufgrund einer Leistung, eines ererbten Vermögens oder aufgrund einer Zuwendung zum Beispiel â zu einer Konsumausgabe führt. Erst dort entscheidet sich, was der Staat als Anteil für die Wahrnehmung seiner öffentlichen Aufgaben für die Bürger aus dem gesellschaftlichen Teilungsverfahren der Besteuerung erhält. Das steuerrechtliche Feld ist damit in Hinblick auf die heute von ihm ausgehen- den moralischen Gefährdungen wesentlich entschärft; das Problem der abgabenrechtlichen und lohnsteuerlichen âSchwarzarbeitâ verschwindet ganz. Nur der letzte Unternehmer in der Wertschöpfungskette, der mit seiner Umsatzsteuererklärung zugleich die (Real-)Einkommensteuererklä- rung der Bürger abgibt, bleibt dem Finanzamt erhalten und wie bisher verpflichtet. 180 181 Wie setzen wir das alles um? Wir müssen die Menschen und ihr Verständ- nis für das Dargestellte gewinnen! Damit kann jeder Leser dieser Zeilen gleich heute â wie an jedem anderen Tage â beginnen. Keine Macht der Welt kann uns daran hindern â auÃer unser unzureichender eigener Ãber- zeugungswille. Es kann also gehen. 180 181 12 Finanzielle Aspekte eines bedingungslosen Grundeinkommens* Thesen zum Thema 1. Ein bedingungsloses Grundeinkommen muss ein verfassungsrechtlich gesichertes Bürgerrecht sein; der Anspruch daraus kann sich daher nur gegen die öffentliche Hand richten. Das Grundeinkommen muss daher steuerfinanziert sein. Die Frage ist: Soll dies über die herkömmliche Einkommen- und Ertragsbesteuerung oder über die Mehrwertsteuer (Konsumsteueransatz) umgesetzt werden? 2. Zunächst bedeutet dieser Schritt, dass die heute mehr versicherungsar- tig aufgefassten â aber aufgrund gesetzlicher Regelungen wie Steuern abzuführenden â Beiträge für den erforderlichen Sozialtransfer in die Steuererhebung einbezogen werden sollten. Es entsteht damit eine ein- heitliche âStaatsquoteâ an der gesellschaftlichen Wertschöpfung. Dies ist bereits heute faktisch durch die Defizittragungspflicht des Staates für die von ihm geschaffene Sozialversicherung (âBundeszuschüsseâ in der BRD zum Beispiel) funktionell vorgebildet. Das öffentliche Bewusst- sein hat den Tatbestand aber noch nicht genügend nachvollzogen. 3. Die âSelbstversorgungsâ-Begründung der gesetzlich geregelten (zwangs- weisen) Sozial-âVersicherungâ auf Altersrente, Arbeitslosen- und Kran- kengeld (âmein Beitrag schafft meinen Anspruchâ) ist finanziell durch die gesellschaftlichen Entwicklungen (langfristiges Schrumpfen der Be- messungsgrundlage) obsolet geworden. Das darauf beruhende System ist dadurch angesichts des demografischen Wandels (aufgabenlose Er- satzleistung für die wegfallenden Einkommen aus bezahlter Erwerbsar- beit) auf Dauer nicht haltbar (â20:80-Gesellschaftâ). Das Problem bleibt: Die Anzahl der Beitragszahler nimmt ab (und damit die Einnahmen), die Summe der Zahlungsverpflichtungen für nötige und erwartete Leistun- gen steigt (weiter). Der Systemansatz ist â im Hinblick auf die zu erfül- lende Aufgabe â untauglich. Er spricht die Initiativseite der Menschen, deren Mitwirkungsintention â und damit ihre Würde â nicht an. * 24 Thesen für eine Konferenz im Europäischen Parlament am 03.07.2007 in Brüssel. 182 183 4. Altersvorsorge inklusive des Unterhalts Nichterwerbstätiger (Kinder, Kranke, Auszubildende, Studierende usw.) beruht realiter immer auf Teilhabe an der gesellschaftlichen Wertschöpfung (Grundsatz der Soli- darität). Diese Tatsache kann sinnvoll (und faktisch, das heiÃt realitäts- gerecht) nur durch Umlageverfahren abgebildet werden. Die jeweils in der Wertschöpfung tätig Beteiligten erhalten (finanzieren) stets das soziale Ganze: das heiÃt sich selbst und alle übrigen zu Versorgenden (zum Teil mit versicherungstechnisch gedachten egozentrischen Irritati- onen). Daran kann sich leistungsseitig-real nichts ändern. 5. Das gegenwärtig für Vorsorgefragen als âmodernâ gepriesene Kapital- deckungsprinzip (âEigenverantwortungâ) ist gesamtgesellschaftlich für die Lösung der Altersversorgungsfrage ungeeignet, weil es nur finanz- theoretisch â nicht aber leistungsmäÃig-real â konzipiert ist und die ge- sellschaftliche Realität nicht abbilden kann. Dies tut das real gedachte Umlageverfahren, nicht die Kapitaldeckung. Diese lässt die Problematik der Geldanlage (mit ihren Gefahren) nicht erkennen.1 Eine kapitalge- deckte Rente kann nur â in gesellschaftlich beschränktem Umfange â als individuelle (selbstversorgerisch gedachte) Ergänzungslösung in Betracht kommen. 6. Das Umlageverfahren entspricht dagegen stets dem real Möglichen und ist auch deswegen keine Ãberbeanspruchung der Folgegeneratio- nen (das heiÃt sozial gerecht), weil die Leistungsfähigkeit unserer heute gegebenen gesellschaftlichen Produktionsverfassung (aufgrund ihrer investiven Basis) dies der nachfolgenden Generation als âErbeâ hinter- lässt. Die so ererbte Produktivität ist keineswegs auf die gegenwärtig im Wertschöpfungsprozess tätigen Menschen allein zurückzuführen, sondern beruht faktisch in weitem Umfange auf den kreativen Leistun- gen vorausgegangener Generationen. Diese wirken im gegenwärtig vorhandenen Fähigkeitspotenzial unserer Gesellschaft ertragbringend fort. Das gegenwärtige Versorgungsproblem besteht gerade nicht in dem Mangel an Gütern und Dienstleistungen oder an der Fähigkeit, sie herzustellen, sondern vielmehr darin, einerseits dieses Potenzial zu nut- zen und andererseits eine sinnvolle gesellschaftliche Teilhabe an seinen Früchten zu ermöglichen. 1 Man könnte hier auf das Neue Testament Bezug nehmen (Lukas XII, 16-28). 182 183 7. Anders gewendet: Wir schränken gegenwärtig die Produktion von Gütern und Dienstleistungen künstlich ein (vernichten eventuell vor- handene noch leistungsfähige Kapazitäten), weil wir uns nicht darüber verständigen können, wem der mögliche (verhinderte) Ertrag aus ihnen â aus der weithin zurückgestauten Kapazität â zugemessen werden soll. Dieses entbindbare Potential kann zur Erbringung von frei gewähl- ter Zukunftsarbeit (Familien-, Kultur- und Sozialarbeit) genutzt werden. Die hier gemeinte Initiativ- und Produktivitätsentfaltung scheint unter dem heute herrschenden Einkommensgrundsatz der Arbeitsbezahlung nicht finanzierbar zu sein, bricht sich aber dennoch Bahn. Bezahlte Lohnerwerbsarbeit tritt, da auf diesem Felde wenig geeignet, dem- gegenüber zurück. Die heute gegebene Paradoxie, dass wir mögliche Leistungen deswegen unterlassen, weil wir nicht teilen können, muss aufgehoben werden. Wir nutzen anderenfalls unsere Fähigkeiten schlecht oder gar nicht und erzeugen das Unglück, unter dem wir lei- den, selbst. Das Grundeinkommen kann den Weg weisen. 8. Würde eine Grundteilhabe als Bürgerrecht für die nicht an der Erzeu- gung der gesellschaftlichen Wertschöpfung unmittelbar beteiligten Menschen verfassungsrechtlich über die Steuererhebung sichergestellt, kämen wir aus dem finanziellen Dilemma der gegenwärtigen schrump- fenden Beitragsfinanzierung unserer Sozialtransfersysteme heraus. Wir würden an ihrer Stelle eine mitwachsende Bemessungsgrundlage (den Konsum) schaffen. 9. Der realökonomische Vorgang der Versorgung aller nicht unmittelbar an der Wertschöpfung tätig Beteiligten aus dieser hat schon immer das entsprechende Zurücktreten (oder Zurückdrängen) der Konsu- mansprüche der Tätigen zugunsten einer Teilhabe der zur Zeit ânoch nichtâ oder ânicht mehrâ Tätigen an der gegebenen Wertschöpfung bedeutet. Dies gesellschaftliche Teilungsverfahren findet â zumeist un- bemerkt â schon immer in jeder Art von Besteuerung heute statt. 10. Die Besteuerung ist also ein solches Teilungsverfahren für die gesell- schaftliche Wertschöpfung. Sie teilt den Teil dieser Wertschöpfung, der den öffentlichen Aufgaben dienen wird, von dem anderen Teil, der in der unmittelbaren Verfügung der Bürger verbleibt. Die Mehrwertsteu- er (als Konsumsteuer verstanden) bildet dies für das öffentliche Be- wusstsein auch verfahrensmäÃig erkennbar â und damit demokratisch 184 185 gestaltbar â ab. Diese Tatsache stärkt die bürgerschaftliche Mitwirkung der Menschen im Staat. Die Mehrwertsteuer ist daher zur Finanzierung des bedingungslosen Grundeinkommens wie geschaffen. 11. Die Mehrwertsteuer lässt, wie wir wissen, den Wertschöpfungspro- zess der leistenden Unternehmen in allen Vorstufen dieses Prozesses unbesteuert. Sie verpflichtet lediglich den letzten Unternehmer in der Wertschöpfungskette, den für die gesetzlich festgelegten öffentlichen Aufgaben erforderlichen Anteil an der gesellschaftlichen Wertschöp- fung von den Verbrauchern â nach dem Ausmaà ihrer Inanspruchnah- me dieser Wertschöpfung (das heiÃt nach deren Verbrauchsausgaben) â einzubehalten und für diese Aufgaben verfügbar zu machen. Dieser (steuerliche) Anteil an den Einnahmen des letzten Unternehmers in der Wertschöpfungskette ist von diesem Unternehmer an die öffentlichen Kassen (Finanzämter) abzuführen. Eine persönliche Einkommensteuer- erklärung der Bürger erübrigt sich. 12. Beim Export inländischer Leistungen an ausländische Abnehmer ent- fällt diese Erhebung (und Abführung) der Konsumsteuer. Das hat im- mense Folgen: In dem MaÃe, in dem ein Land seine Besteuerung von der leistungshemmenden Einkommens- oder Ertragsbesteuerung auf die Initiative fördernde Konsumbesteuerung umstellt (wie es gegen- wärtig in meist unverstandenen Schritten geschieht), wird es mit seinen Leistungen auf dem Weltmarkt wettbewerbsfähiger, weil die wettbe- werbsschädlichen verdeckten Kostenfolgen der Ertragsbesteuerung (Unternehmenssteuern) aus der Abrechnung grenzüberschreitender Wertschöpfungsleistungen der Unternehmen (bei deren Preisbildung) im Wertschöpfungsstrom verschwinden. 13. Umgekehrt wird die ins jeweilige Inland importierte ausländische Wertschöpfung mit der im Inland geltenden â dann im Zweifel höheren â Mehrwertsteuer in den inländischen Markt eingeführt (Einfuhrumsatzsteuer). Sie wird damit in gleichem MaÃe wie die inländische Wertschöpfung steuerlich belastet. Das erhöht letztlich die Fairness der globalen Weltwirtschaft. Nur die Bürger des (jewei- ligen) Inlandes zahlen und tragen die Infrastruktur ihres Landes auf diese Weise selbst; der ausländische Abnehmer muss keinen Beitrag mehr zu ihr geben. 184 185 14. Die Mehrwertsteuer ist die erste Steuerform, die einen weltwirtschaft- lich definierten Steuertatbestand zeigt. Sie stellt ihrem Wesen nach weder eine indirekte noch direkte Steuer dar, sondern hat den indivi- duellen Verbrauch â die Leistungsentnahme der Bürger aus der Wert- schöpfung, nicht die geldliche Spiegelung ihres Leistungsbeitrages â im Auge. Sie besteuert damit das Realeinkommen, nicht die geldlichen Nominaleinkünfte; bei ihr fallen Steuerzahlung und Steuertragung â im Gegensatz zur Einkommens- und Ertragsbesteuerung â zusammen. Die auf die Realentnahmen erhobene Konsumsteuer ist auch nicht abwälz- bar â wie das bei der Nominalbesteuerung im Wertschöpfungsprozess grundsätzlich der Fall sein kann2. 15. Sie ist auch â durch differenzierte Steuersätze auf unterschiedliche Ver- brauchswege â real progressiv gestaltbar. Sie kann den Grundlebens- bedarf niedrig (bis Null bei vollem Vorsteuerabzug) besteuern und den gehobenen (bis Luxus-)Bedarf mit steigenden Steuersätzen belegen (im ermäÃigten Steuersatz der Umsatzsteuer ist dies angelegt). Ihre Belas- tungswirkung ist, weil wir die Verbrauchswege der Leistungen in den Endverbrauch (wenigstens gesamthaft) kennen, sozial (besser als die realen Wirkungen der Einkommensteuer) abschätzbar (kontrollierbar). 16. Die Mehrwertsteuer belastet zudem nicht die Investitionen â und ent- lastet damit die Kapitalkosten der Wertschöpfung. Sie ist â in ihrer Auf- kommenswirkung â zugleich inflationsneutral und mit vergleichsweise geringem administrativem Aufwand jederzeit änderbar3. Sie kann sich veränderten Haushaltslagen (Bedürfnissen) der öffentlichen Hand rasch â ohne langen (unter Umständen mehrjährigen) âBremswegâ wie bei der Ertragsbesteuerung â anpassen, ohne den internationalen Wettbe- werb dadurch zu stören, weil sie stets nur den inländischen Verbrauch â gleichgültig ob inländischer oder ausländischer Herkunft â erfasst. Jede Doppelbesteuerungsproblematik, die ausschlieÃlich der nominel- len Ertragsbesteuerung anhaftet, entfällt. 2 âAusgaben- statt Einkommensteuerâ. In: PAUL MACKAY / ULRICH RÃSCH (Hg.) Grundeinkom- men für jeden Menschen, Dornach 2007. Diese Perspektive ergibt sich aus einer Anregung Rudolf Steiners aus dem Jahre 1919. Vgl. GA 332a. 3 Vgl. âVerbrauchsbesteuerung als Orientierungspunkt der Steuerpolitikâ. In: DIE WIRTSCHAFTS- PRÃFUNG Nr. 23/24/1984, S. 639 ff. 186 187 17. Die inländische Wertschöpfung (oder ihr Gegenwert) entgeht der (inländischen) Besteuerung letztlich auch nicht â weder durch Sparen, durch Gewinntransfer ins Ausland noch durch Verbrauchsausgaben von Inländern im Ausland. Denn Sparen (Geldanlage) bedeutet ge- samtwirtschaftlich lediglich, dass an die Stelle eines konsumberech- tigten Bürgers ein Unternehmen mit Kreditbedarf tritt, das â als Inves- tor â Einkommen für seine Mitarbeiter (das heiÃt von Verbrauchern an anderer Stelle, meist in der Investitionsgüterindustrie) schafft. Sparen heiÃt insoweit: âUmleitungâ von Kaufkraft an andere Verbraucher für deren Konsum. 18. Der steuerfreie Gewinntransfer (nach Wegfall oder Senkung der Er- tragsbesteuerung) von geldlichen Inlandsgewinnen ins Ausland ent- geht letztlich ebenfalls nicht der Inlandsbesteuerung (des Konsums), weil der geldliche Gewinntransfer ökonomisch zunächst ein âschwe- bendes Geschäftâ bleibt. Der Gewinnerzielende hat ja noch keine reale Gegenleistung erhalten. Sein unerfüllter Anspruch harrt der Einlösung durch reale Leistungen des Inlandes. Gewinnansprüche (Guthaben) von Ausländern gegen das Inland stellen international lediglich Forde- rungen gegen das Inland dar â und treten notwendiger Weise in der Folge ökonomisch als Nachfrage von Auslandskäufern, die ihre âDevi- senâ im Ausland erworben haben, wieder im Inland auf. Sie schaffen letztlich über diesen Umweg doch inländische Nachfrage, weil sich ihre Nachfrage zu verbrauchsorientierten Einkommen bei den Mitarbeitern des aus dem Inland leistenden Exportunternehmen wandelt. Die Ver- brauchsausgaben dieser Mitarbeiter (und ihrer Angehörigen) unterlie- gen aber ihrerseits der inländischen Verbrauchsbesteuerung. Einziger Sonderfall wäre: Der ausländische Berechtigte macht seine Gegenleis- tungsforderung nicht geltend und verzichtet damit faktisch auf diese Forderung gegen das Inland (löst seine Gutschrift nicht ein). In diesem Falle liegt ökonomisch eine Schenkung durch Forderungsverzicht vor, die der Umsatzsteuer nicht unterliegt. Der inländische Auslandstourist (oder Altersrentner) ist im Ãbrigen nur ein weiterer Unterfall dieses Tat- bestandes. Man muss nur in Geldkreisläufen zu denken beginnen.4 4 Der Konsumkauf (Einkauf) eines Inländers im Ausland unterliegt dort der ausländischen Mehrwertsteuer bzw. der jeweiligen Besteuerung. Umgekehrt unterliegt der Konsumkauf ei- nes Ausländers im Inland der inländischen Konsumbesteuerung â das ist sowohl plausibel als international gerecht! Es flieÃt aber der geldliche Gegenwert des Auslandskaufes â vielleicht über viele Zwischenstufen (selten direkt) wieder als Auslandsanfrage ins Inland. 186 187 19. Das Land, das die geschilderten Zusammenhänge und Tatsachen in seiner Steuerpolitik beherzigt, wird â solange andere Nationen bei der überholten Ertragsbesteuerung bleiben â international zur âSteuero- aseâ; es wird ein lohnender Investitionsstandort; es zieht Kapital und Beschäftigung ins Inland; jedenfalls baut es die überflüssigen (selbst- geschaffenen) Wettbewerbshindernisse der Ertragsbesteuerung durch den Ãbergang zur Konsumbesteuerung ab. Anderen Ländern steht dieser Weg aber jederzeit offen. 20. International löst sich zugleich das Problem der Steuerharmonisierung, denn die Wettbewerbsstörungen der Ertragsbesteuerung (direkte Steuern), die wirtschaftlich eine solche Harmonisierung der Steuer- systeme fordern, entfallen. Die Konsumbesteuerung bedarf, da nicht wettbewerbsstörend, international keiner solchen Harmonisierung. Die Konsumbesteuerung in der Form der Mehrwertsteuer ermöglicht vielmehr unterschiedliche nationale Haushaltsaufkommen der Staaten, das heiÃt unterschiedliche Staatsquoten der Länder, die dennoch den ökonomischen Wettbewerb unbehelligt lassen. Sie ist dadurch die geeignete Steuerform für ein âEuropa der Vaterländerâ. Die Ertragsbe- steuerung hat dagegen tendenziell zentralstaatliche Folgewirkungen5. 21. Die Finanzierungsbasis eines national differenzierten bedingungslo- sen Grundeinkommens wird aus dem Aufkommen der Mehrwert- steuer zudem auf eine mit der jeweiligen ökonomischen Entwicklung (Verbrauchsausgaben) mitwachsende, von inflationären (oder defla- tionären) Entwicklungen unabhängige breite Grundlage gestellt 6, die das âScheren-Dilemmaâ der heutigen Sozialtransferfinanzierung (Rückgang der Beitragsbemessungsgrundlage bei zunehmenden Leis- tungsanforderungen = Beitragssteigerung!) nicht mehr kennt. Eines der wichtigsten Probleme einer flexiblen wie sicheren Sozialsystemfi- nanzierung könnte so gelöst werden. 22. In dem MaÃe, in dem die nicht mehr gehemmte, sondern durch ein Grundeinkommen (unter Wegfall der administrativ aufwändigen 5 Beitrag des Verfassers âMehrwertsteuer und Steuerharmonisierung im gemeinsamen Marktâ. In: BETRIEBSBERATER 5/1967, S. 173, oder âVom Wettbewerb der Steuersysteme global â und was daraus zu lernen istâ. In: GOETHEANUM 33/1997, S. 425 ff. 6 Wie Anm. 2. 188 189 âSchnüffelstaatverwaltungâ) entbundene Initiativkraft zu Wohlstands- gewinnen der Gesellschaft führt (was erwartet werden darf)7, kann das Grundeinkommen von der heutigen ersten Ausgangsbasis schrittweise angehoben werden, sodass es von einer zunächst nur die Existenz sichernden Höhe zu einem kulturellen Teilhabeeinkommen aufsteigt. Was hier möglich wird, kann nur die Erfahrung lehren; die aufgezeigte Entwicklungsrichtung ist aber davon unabhängig verständlich und ein- sehbar. âAlles, was leistbar ist, ist auch finanzierbar, wenn es gewollt wirdâ, hat Oskar von Nell-Breuning hierzu bemerkt. Leistungsreserven sind aber sowohl in stillgelegten Produktionskapazitäten wie in âstill- gelegtenâ arbeitslosen Menschen vorhanden. 23. Im Ãbrigen ist hinsichtlich der kostenmäÃigen Wirkungen auf Export und Import zu beachten, dass die Gewährung eines bedingungslosen Grundeinkommens sich grundsätzlich in einer entsprechenden Abnah- me der âArbeitskostenâ der Unternehmen niederschlagen wird, das heiÃt die gleichen Folgen wie die Steuererhebung auf die Konsum- besteuerung â Kostenentlastung des Exports â zeigt, ohne dass die individuellen Einkommen im Inland dadurch abnehmen. 24. Für alle Steuerreformschritte hat die Umsatzsteuerreform bei Ein- führung des Systems der Mehrwertsteuer Vorbildcharakter 8. Bei deren Einführung in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts wurden die kostenwirksamen Folgen der Brutto-Umsatzbesteuerung aus den Vorstufen des Wertschöpfungsprozesses (Technik: Vorsteuerabzug) herausgenommen und die Steuerlast an dessen Ende gelegt. Das Gleiche muss heute mit allen übrigen Steuern â durch Umstellung auf die Konsumbesteuerung (oder: Einbezug in die Mehrwertsteuer) erfolgen! Das ist das Konzept! Nicht anders ist ja der gegenwärtige Prozess in der Bundesrepublik Deutschland â Absenkung von Unter- nehmenssteuern, Anhebung der Mehrwertsteuer von 16 auf 19 % zu Beginn 2007 â letztlich zu verstehen9. Er wird sich fortsetzen. 7 Vgl. âEin Initiative weckendes Steuerrechtâ. In: GÃTZ WERNER/ANDRà Presse: âGrundeinkom- men und Konsumsteuerâ, Karlsruhe 2007, S. 96 ff. (Universitätsverlag). 8 Vgl. âSiegeszug der Mehrwertsteuer in Europa?â In: Ãsterreichisches Kuratorium für Wirt- schaftlichkeit, 1972, S. 30 ff. 9 Dies gilt auch trotz anderweitiger Begründung durch die zuständige Finanzverwaltung. Anderslautende Begründungen dienen oft nur der politischen Selbstverteidigung. 188 189 13 Unternehmenswert und Eigentumsverfassung Markt und Moral â sind Unternehmen handelbare Ware?* Haben Unternehmen einen Wert? Für viele Menschen gibt es in der heutigen Zeit genügend Anlässe zu fra- gen: Welchen Wert hat das Unternehmen eigentlich, in dem ich tätig bin oder für das ich mich interessiere? Die Frage kann für manchen existenziell werden; sie führt durch sich selbst zu der weiteren Frage nach dem Wert der Beteiligung an einem Unternehmen oder nach dem Wert von dessen An- teilszertifikaten (Aktien, GmbH-Anteile, Anleihen, Genussscheinen usw.). Denn der Bewertung von Wertpapieren oder Anteilen liegt im Normalfall der Wert des ganzen Unternehmens zugrunde. Die Frage nach dessen Wert erscheint daher wie selbstverständlich: Wer solche Anteile besitzt oder erwirbt, darf doch erfahren, was diese, wie man sagt, wirklich wert sind. Soll zum Beispiel ein Unternehmen (oder Anteile an ihm) erworben oder veräuÃert werden, so fragt man wie naturgemäà nach diesem Wert oder zumindest nach einem entsprechenden Wertfindeverfahren.1 Eine solche Bewertung scheint auch in sozialer Hinsicht bedeutsam zu sein, weil man so vielleicht etwas über die soziale Stabilität unserer Gesellschaft und seiner Unternehmen in Erfahrung bringt. Wenn zum Beispiel â wie dies häufig geschieht â von der âSchere zwischen Arm und Reichâ gespro- chen wird, die sich auftut oder schlieÃt, käme es ja darauf an, von richti- gen âvalidenâ Werten auszugehen. Aktienkurse sind dafür aber oft nicht aussagekräftig genug. Bei solchen Betrachtungen â und den Folgerungen daraus â geht man zwar in vielen Fällen der Einfachheit halber (und man- gels genaueren Einblicks in die Rechnungslegung der Unternehmen selbst) * Zuerst erschienen unter dem Titel: âMythos Unternehmenswertâ in: Goetheanum, Nr. 18/2007 und der herausgeschnittene Teil âMerkuraspektâ unter dem Titel âUnternehmenshandel â Führungswechselâ in: Goetheanum 19/2007. 1 Ãber die heute üblichen Methoden der Unternehmensbewertung kann man sich in allen gängigen Varianten und Einzelheiten zum Beispiel bei CLAUDIO LODERER (Hrsg.): Handbuch der Bewertung, Zürich 2007 (4) unterrichten oder im Praxishandbuch der Unternehmensbewer- tung, Herne/Berlin 2005 (3), hrsg. von VOLKER H. PEEMÃLLER. Für den hiesigen Gedankenzu- sammenhang kommt es jedoch nicht so sehr auf diese â in der Praxis nötigen â Ãberlegungen an, sondern auf das Aufmerksamwerden auf die sozialen Bezüge und Ausstrahlungen dieser Thematik auf die wenig problematisierten Folgen für die Eigentumsverfassung â vor allem der westlichen Welt â an. 190 191 von den meist leicht feststellbaren Börsenwerten der Unternehmen aus. In ihnen soll ja der objektive âechteâ Unternehmenswert â die âMarktbewer- tungâ des Unternehmens â zutage treten. Dieser Wert kann natürlich im konkreten Fall durch allerlei spekulative Elemente nach oben âgejubeltâ oder âin den Kellerâ gezogen werden, was dann zu beachten ist. SchlieÃ- lich interessiert sich auch die zuständige Steuerverwaltung (der âFiskusâ) für den Wert eines Unternehmens oder seiner Anteile, wenn zum Beispiel bei Erbübergängen Erbschaftsteuer auf Basis dieses Wertes erhoben wer- den soll oder eine Vermögensbesteuerung vorzunehmen ist. All dies führt immer wieder neu zu der Frage, was ist denn nun der richtige â oder für bestimmte Zwecke maÃgebliche â Wert eines Unternehmens, der von dem bilanziell ausgewiesenen Eigenkapital eines Unternehmens (dem âNetto- oder Reinvermögenâ) erheblich abweichen kann. Man greift bei einer Bewertung zwar zunächst sicherlich auf den Jahresabschluss des Un- ternehmens zu (oder auf eine Reihe solcher Jahresabschlüsse bzw. Planungs- rechnungen). Mancherlei Einflüsse der Gegenwart â vom Steuerrecht bis zur internen Unternehmenspolitik (Ausschüttungsbereitschaft) â bewirken aber, dass man über die vorliegenden Bilanzwerte hinaus zu ergänzenden Bewertungsschritten kommt. Es gibt insofern keine objektive âeisenfesteâ Beantwortung der Frage nach dem ârichtigenâ Unternehmenswert â es gibt im Wesentlichen nur Usancen und Handelsbräuche, mit denen man sich der gesuchten GröÃe nähert oder zu nähern glaubt. â Wäre damit nicht bereits alles klar? Oder müssen wir â auch angesichts einer ganzen âBewertungswissenschaftâ â nicht dennoch fragen: Wie kommt es eigent- lich, dass man von einem Unternehmenswert sprechen kann? Wie wird die entsprechende Wertfindung begründet? Wie kommt sie zustande? Die Wertquellen Woraus also ergibt sich der Wert eines Unternehmens? Die Frage scheint im ersten Moment naiv zu sein. Dem Unternehmen gehört doch eine ganze Menge: seine Grundstücke, seine Gebäude, seine Maschinenan- lagen, seine verschiedenen Rechte, sein Know-how, seine Vorräte, sein Geldvermögen usw. Wenn man vom Wert all dieser Aktiva das auf der Passiv-Seite der Bilanz verzeichnete Fremdkapital (die Schulden des Unter- nehmens) abzieht, so kommt man zum Eigenkapital, für das es mancherlei bilanzielle Einzelbezeichnungen (Agio, Kapitalrücklagen, Gewinnrückla- gen usw.) gibt, deren Differenzierungen uns hier aber nicht interessieren 190 191 müssen. Es ist zunächst eine Menge Vermögen da und man hat lange Zeit bei der Unternehmensbewertung aus diesem Realvermögen heraus den âSubstanzwertâ des Unternehmens als gesuchte GröÃe ermittelt. Die betriebswirtschaftliche Lehre und die Praxis sind aber in den letzten Jahrzehnten immer mehr vom Substanzwert abgerückt und zur Suche des sogenannten âErtragswertesâ des Unternehmens übergegangen. Man sagt sich zurecht: Wenn das durch eine bestimmte Leistungs- oder Pro- duktionsidee ursprünglich zusammengefügte (âkonfigurierteâ) Unterneh- mensvermögen nicht mehr durch diese unternehmerische Idee und ihre Kraft in den handelnden Menschen zusammengehalten und prozesshaft belebt wird, so ist alles Vermögen, was sinnesweltmäÃig tatsächlich in ihm vorhanden ist, eigentlich nur noch im âAusverkaufâ durch âAusschlach- tenâ der bisher bestehenden Ganzheit verwertbar. In einer solchen Lage reduziert sich dessen Wert in der Regel erheblich, wenn nicht besondere Unternehmensteile â Grundstücke zum Beispiel â durch die Auflösung des alten Unternehmensverbandes einen neuen âWertaufschwungâ erleben. Ein Unternehmensvermögen, das seine produktive Idee verloren hat (zum Beispiel durch den Ausfall wichtiger Menschen oder durch den technischen Fortschritt in Konkurrenzunternehmen) und keinen Ertrag mehr zustande bringt, löst sich eben als Wirkenseinheit auf. Was keinen Ertrag liefert, so sieht es die Praxis, hat auch keinen unternehmerischen Wert mehr. Woraus ist aber ein solcher Ertragswert unseres Unternehmens einmal entstanden und woraus entsteht er vielleicht auch heute noch? Die Frage ist dem Grunde nach einfach zu beantworten: Ein Unternehmen ist eben keineswegs nur eine Summe von (âtotenâ) Vermögensgegenständen abzüglich seiner Schulden; es ist vielmehr ein geistig belebter, in Leis- tungsverfahren für Dritte sich niederschlagender kreativer Prozess. Dieser Prozess wird von den Menschen getragen, die zu dem sozialen System Unternehmen gehören, das sich im vorhandenen Vermögen abbildet (oder abschattet). Diese Menschen können Gesellschafter, Mitunternehmer, Ge- nossen oder durch Arbeitsvertrag Verpflichtete sein. Die soziale Gruppe â mit all ihren unterschiedlichen Formen der Zugehörigkeit zu ihr â kann sich dabei durch eine Vielzahl von rechtlichen Formen sozial ausdrücken. Gleichgültig aber, wie sich diese Zugehörigkeit rechtlich â durch ein Ge- sellschaftsverhältnis oder durch eine arbeitsrechtliche Bindung â darstellt, die Tatsache, dass diese Menschen gemeinsam den Unternehmenserfolg herbeiführen, macht das Unternehmen für die Gesellschaft, für die es Leistungen erbringt, zu einem wertvollen Glied von ihr. â Der dabei vom 192 193 Einzelunternehmen erzielte Ertrag wird nun als AusgangsgröÃe für die Unternehmensbewertung genommen. Seine Quellen sind Geist und In- itiative der am Unternehmen beteiligten Menschen. Durch sie wirkt die Konfigurationskraft, die das Unternehmen ertragreich und wertvoll macht. Ist diese Kraft den Herausforderungen der sozialen Umwelt gewachsen, so arbeitet das Unternehmen mit Erfolg, erzielt Gewinn und vergröÃert so in der Regel seinen Handlungsspielraum; ist es dies nicht, so entstehen Ver- luste und der Handlungsspielraum schwindet. Gewinn und Verlust werden, wenn sie entstanden sind, bilanziell mit dem Kapital (als Bilanzierungsfeld des Unternehmergeistes) verrechnet; sie erhöhen oder vermindern es. Der Unternehmensprozess steht also â wertmäÃig gesehen â niemals still. Im Unternehmen gibt es Menschen, die â formal in der Regel als Gesell- schafter â unternehmerisch tätig (und/oder beteiligt) sind und dadurch ein Teilhaber-Anrecht auf einen Gewinn haben, und andere, die ihm durch Arbeitsvertrag verpflichtet sind, der sie zum Bezug eines vereinbarten Ein- kommens (Lohn oder Gehalt) berechtigt. Letzteres wird â im Unterschied zum Gewinnanteil der Gesellschafter â grundsätzlich im Voraus bestimmt und dem Unternehmen gegenüber als Aufwand verrechnet, von ihm als Drittschuld verstanden und wird so auch verbucht. Die Gesellschafter, de- nen das Unternehmen in ihrer Gesamtheit, wie man sagt, âgehörtâ, erhal- ten dagegen weder Lohn noch Gehalt; sie nehmen dafür am zu teilenden Ertrag, wie er aus der Rechnungslegung sich ergibt, teil â und beziehen so ein Teilhaber-Einkommen (eine âDividendeâ). Sie dürfen diesen Anteil ganz oder teilweise entnehmen â wie sie es zuvor im Gesellschaftsvertrag miteinander ausgemacht haben. Einen Teil ihres Gewinnes müssen sie nor- malerweise im Unternehmen zur Stärkung von dessen Eigenkapitalbasis belassen. Die arbeitsvertraglich verpflichteten Arbeitnehmer werden dazu nicht befragt. Letztere kümmern sich allerdings darum, dass ihr âEinkom- men aus nichtselbständiger Tätigkeitâ nicht zu gering ausfällt. Sie erleben sich dabei oft genug im Interessengegensatz zu den Gesellschaftern (Ak- tionären und sonstigen Beteiligten), die ihren Anteil als Gewinn zugerech- net erhalten. Gewinn wird, was nicht als Aufwand vom Ertrag abgezogen wird. So entsteht unter Umständen ein Konflikt zwischen diesen beiden Gruppen von Menschen, die trotz allem für das Gesamtleben des Unter- nehmens notwendig zusammenwirken müssen. Denn jeder Unternehmen- sertrag stammt aus leistungskräftigem Engagement aller Beteiligten am Unternehmensprozess. 192 193 Zur Wertermittlung des Unternehmens Die Frage nach der Unternehmenswertermittlung ist zuvor insoweit schon beantwortet worden, als Grundlage jeder solcher Ermittlung das Vorhan- densein von Ertrag (Gewinn) in diesem Unternehmen ist. In den heute gebräuchlichen Verfahren der Unternehmensbewertung wird dieser aus den Jahresabschlüssen mehrerer zurückliegender Jahre (in der Regel sind es fünf) durch das Ausscheiden irregulärer Aufwands- oder Ertragselemen- te zu einem ânachhaltigâ zu erzielenden Ertrag bereinigt. In neuerer Zeit treten an die Stelle solcher effektiven vergangenen Werte oft auch die Planungswerte des Unternehmens, deren Brauchbarkeit an der Zuverläs- sigkeit vorausliegender (vergangener) Planungswerte abgeschätzt wird. Der so ermittelte ânachhaltigeâ Ertrag, den man dem Unternehmen auch für die nächste Zukunft (oder dauerhaft) zutraut, wird nun wie die Zahlung eines Zinses auf eine zu errechnende fiktive Geldsumme angesehen, aus der dieser Ertrag wie ein Zins flieÃt. So ergibt sich â durch die rechnerische âKapitalisierungâ des nachhaltigen Ertrages (als âQuasi-Zinsâ) â der ge- suchte âhochgerechneteâ Unternehmenswert. Hat man diesen in einem ersten Durchgang ârohâ ermittelt, so bedenkt man ergänzend, ob man wegen besonderer Zukunftserwartungen oder entsprechender Gefährdun- gen weitere Zu- oder Abschläge auf den so gewonnenen Ausgangswert machen sollte (oder machen muss). Dabei werden unter Umständen auch externe Elemente (des Marktes, der politischen Verhältnisse usw.) in die Bewertung einbezogen. Diese âweichenâ Bewertungselemente nehmen natürlich auf den Zweck der vorgenommenen Bewertung â bewusst oder unbewusst â Rücksicht, sodass zum Beispiel eine Bewertung für die Zwe- cke von Steuererklärungen und daraus folgenden Steuerzahlungen in der Regel niedriger ausfällt als eine solche für Kapitalerhöhungs- oder Veräu- Ãerungszwecke. Bei Bewertungen für Zwecke von Verkaufsverhandlungen werden daher entsprechend höhere Wertergebnisse zu erwarten sein. Auf die so noch einigermaÃen nachvollziehbar ermittelte Wertgrundlage kommen nun vielleicht noch schwer fassbare EinflussgröÃen â wie die Wettbewerbslage oder eine Zwangslage persönlicher oder sachlicher Art â hinzu, was den zunächst gefundenen Wert womöglich nochmals verändert. Der Wert kann dabei durch Spekulationselemente nach oben âgepushtâ oder auch nach unten âgedrücktâ werden, wenn es um den Erwerb eines Unternehmens im Ganzen oder um den Erwerb wesentlicher 194 195 Anteile an ihm geht. Da kommen in der Regel Machtpositionen (âPaket- zuschlägeâ), über die der Einzelne verfügt oder nicht verfügt, ins Spiel. Das Ganze wird zum Feld âprofessionellerâ Bewertungsgutachter â und insoweit für den Laien schwer verständlich. Wozu dient ein ermittelter Unternehmenswert? Die mit der Ãberschrift gestellte Frage macht, wenn sie wahrheitsgemäà beantwortet wird, die Einstellung der Menschen zum Unternehmen deut- lich. Fühlt sich ein einzelner Unternehmer oder eine (nicht zu groÃe) Anzahl von Gesellschaftern dem Unternehmen und seiner Aufgabe dauerhaft ver- bunden, so machen sie eigentlich mit der Bewertung gar nichts; sie vermei- den sie sogar möglichst und nehmen sie nur in Ausnahmefällen â bei un- vermeidlichen AuÃenanforderungen â vor. Für das normale Tagesgeschäft eines seine Aufgaben verfolgenden Unternehmens spielt der rechnerisch ermittelte Wert nämlich gar keine Rolle. Man kümmert sich auch nicht weiter um ihn, wenn er einem nicht â zum Beispiel für Steuererklärungs- zwecke usw. â abverlangt wird. Wozu auch! Ein unternehmerisch tätiger Mensch findet es im Ãbrigen ganz normal, dass das Unternehmen auf ihn hört â und die Gesellschaft toleriert dies, indem sie diesem Unternehmer, der das Unternehmen als Initiator zum Beispiel selbst ins Leben gerufen hat, auch zugesteht, dass es ihm âgehörtâ (im Sinne des heutigen Eigen- tumsverständnisses). Er erlebt sich als mit dem Unternehmen im Grunde identisch und denkt überhaupt nicht daran, âseinâ Unternehmen, das er in seiner Selbstwahrnehmung selbst ist, von anderen âbewertenâ zu lassen. In dem MaÃe, in dem diese Identitätsbindung jedoch nachlässt oder ganz schwindet â nach einem Erbübergang oder bei Uneinigkeit im Gesellschaf- terkreis usw. â wird das Unternehmen und die Rechtsbeziehung zu ihm immer mehr als persönlicher (privater) Besitz erlebt, über den man auch nach persönlichem Gutdünken (âprivatâ) verfügen möchte. Man beginnt dann zu überlegen, seinen Anteil â wie es das heutige Eigentumsrecht mit sich bringt â durch VeräuÃerung von sich zu trennen und dem Gegenwert, den man dabei erhält, in anderer Weise zu nutzen (âanzulegenâ). Eine dritte Gruppe von â immer noch, besser: dennoch â Beteiligten sind schlieÃlich diejenigen, die überhaupt keine menschliche Beziehung zu dem sozialen System des betreffenden Unternehmens mehr empfinden (geschweige denn eine Aufgabe in ihm sehen), sondern für die nur noch die persönliche BesitzgröÃe (EigentumsgröÃe) eine Rolle spielt und für 194 195 die dieser Unternehmensbesitz schlicht eine Ware (oder GeldgröÃe) ist, mit der sie Handel treiben wollen und/oder die sie spekulativ verwenden â unter Umständen dabei das Unternehmen âausschlachtenâ.2 Sie erleben sich nicht mehr als Unternehmensangehörige, sondern als Anteilsbesitzer (âShareholderâ), die nur noch vergleichen, wie viel Geld sie einerseits einmal für den Erwerb des Unternehmens oder eines Anteils an ihm ausgegeben haben und wie hoch andererseits der Geldstrom â tatsäch- lich oder als ErwartungsgröÃe â sein wird, der nun Jahr für Jahr (oder als Schlusssumme bei einer VeräuÃerung) zu ihnen aus dem Unternehmen flieÃt oder flieÃen soll. Sie sehen auf den âShareholder-Valueâ. Solange sie Anteilseigner sind, ist für sie nur interessant, dass die Ausschüttungs- kraft des Unternehmens zunimmt. Dies geschieht zum Beispiel durch die Einsparung von überflüssigen, âunproduktivenâ Kostenfaktoren; das sind in der Regel die vom Roboter leistungsmäÃig âüberholtenâ und damit nicht mehr als produktiv angesehenen Mitarbeiter. Diese werden entlassen â und der Aktienkurs (der den möglichen Erlös beim Verkauf der Anteile signalisieren soll) âprofitiertâ. Die Mitarbeiter dagegen fühlen sich â durch einen solchen âEigentümerwechselâ und insbesondere durch die folgende Trennung (Entlassung) â ganz schlicht âverkauftâ, zur Ware, das heiÃt zu dem gemacht, wofür die Shareholder das Unternehmen schon immer ge- halten haben. Es findet âMenschenhandelâ statt â nur nicht mehr in der schlichten Form einzelner Menschen (Leibeigene oder Sklaven), das wäre zu einfach, sondern mit Menschen, die in soziale Systeme wie Aktienge- sellschaften usw. eingebunden sind, das heiÃt eleganter und âen grosâ. Die einen werden in dieser Lage weggeschickt, die anderen müssen helfen, den neuen Eigentümern den âangelegtenâ Kaufpreis durch Ertragssteige- rungen ihres Unternehmens (âRestrukturierungenâ) âreinzuholenâ. Rechenökonomisch ist die Steigerung des Unternehmenswertes bei Entlassung einer groÃen Zahl von Mitarbeitern völlig logisch, denn der ausschüttbare Gewinn (und damit der Börsenwert) â in dieser Sicht das entscheidende Kriterium â steigt. Das gilt jedenfalls solange, wie das Un- ternehmen als persönlich verwertbares Eigentum der Gesellschafter (Akti- onäre in der Regel) gesehen und behandelt wird. Moralische Ermahnungen der Betroffenen, man möge doch in dieser Lage an das Schicksal â die 2 Vgl. HELMUT SCHMIDT: Beaufsichtigt die neuen GroÃspekulanten! In: DIE ZEIT Nr. 6 vom 01.02.2007, S. 21. 196 197 Lebenslage â der Menschen denken, von denen sich das Unternehmen trennt, verhallen bei dieser Logik (nach kurzzeitiger Aufregung der in der Nähe befindlichen Politiker) im Winde. Ein Unternehmen hat einen Wert, weil es verkäuflich ist und damit wie eine Ware behandelt wird. Ist die Verkäuflichkeit beschränkt, weil eine Aktiengesellschaft zum Beispiel nicht an der Börse gehandelt wird, so sinkt der Wert unter Umständen, weil eine nur eingeschränkt handelbare Ware naturgemäà weniger Spekulations- spiele erlaubt. Wäre das Unternehmen dagegen vollständig unverkäuflich (weil es zum Beispiel Eigentümer hat, die nicht verkaufen), so kommt das Unternehmen für die soziale Umwelt als Handels- oder Wertgegenstand nicht mehr in Betracht. Dafür tritt dann sein gesellschaftlicher Wert umso deutlicher hervor. Wäre es aus Rechtsgründen überhaupt unverkäuflich, so hätte es auf dem âMarktâ auch keinen Wert mehr. Seine Bedeutung wird deswegen jedoch nicht abnehmen. Würde dies allgemein gelten, so wäre die Aktienbörse ihrer Spekulations- und Handelsfunktion beraubt. Es gäbe nichts mehr zu kaufen oder zu verkaufen. Es bliebe vielleicht die Finanzie- rungsfunktion (Emissionsfunktion), die Beschaffung von Geldmitteln für neue Unternehmen und/oder für (reale) Investitionen bestehen (übrig). Wahrscheinlich gäbe es â bei prinzipieller Unverkäuflichkeit von Unterneh- men oder der Anteile an ihnen â weiterhin übertragbare Anleihen an dem Unternehmen, die aber kein Verwertungsrecht am Unternehmen selbst beinhalten, sondern nur das Recht, zur vereinbarten Zeit die Rückzahlung der Anleihe, bzw. der vom Unternehmen aufgenommenen Schulden, zu verlangen. Ein solcher Vorgang der kreditgewährenden Unterneh- mensfinanzierung3 ist ganz in Ordnung. Für die als Problem erkannte Neujustierung des Eigentumsrechtes gilt allerdings: Soweit sind wir in der Gegenwart noch nicht, aber wir sollten in Zukunft dahin kommen! Das Eigentum am Unternehmen sollte zu einer vom Geistesleben zu verwalten- den moralischen Instanz werden, die eine Aufgabe zum Ausdruck bringt und keinen persönlich verwertbaren Besitz mehr darstellt (vgl. Art. 14 (2) GG: âEigentum verpflichtetâ). 3 Die GLS/WELEDA-Fonds haben diesen Charakter â und sind so gemeint (vgl. vom VERFASSER: Geld ist ein soziales Gestaltungsmittel. In: WELEDA-Nachrichten Heft 211, Michaeli 1998, S. 13 ff.). 196 197 Der Unternehmenskauf und seine Finanzierung Spontan wird auf die Frage â braucht man Geld zum Unternehmenskauf? â wohl zu antworten geneigt sein: natürlich, den Kaufpreis, was denn sonst? Vordergründig ist die Frage also leicht mit âJaâ zu beantworten. Wer allerdings mit der Bewertung von Unternehmen und den damit verbundenen Eigentums- übertragungen beruflich befasst ist und zum Beispiel bei Verhandlungen über den Erwerb einer Unternehmensbeteiligung oder eines ganzen Unterneh- mens als Gutachter oder Berater mitwirken soll, weiÃ, dass jeder Käufer eines Unternehmens sich vor dem Kauf, wenn er den geforderten Kaufpreis â gut- achtlich gestützt oder nicht â bedenkt, überlegen wird, ob er denn dabei âauf seine Kostenâ kommt. Dies ist, wie man leicht nachvollziehen kann, nur dann der Fall, wenn der erwartbare nachhaltige Ertrag des Unternehmens die von ihm vorverauslagten Erwerbskosten in vertretbarer Zeit wieder âhereinbringtâ (âreturn on investmentâ). Man muss also als Käufer im Moment des Kaufes vielleicht liquiditätsmäÃig über die Kaufsumme â oder einen entsprechenden Kredit â verfügen können; man kann sich die erforderliche Kaufsumme aber auch bei Banken oder anderen Kapitalfonds âvorschieÃenâ lassen. Einfacher noch ist es, wenn das erwerbende Unternehmen eine Aktienkapitalerhöhung vornimmt und die neugeschaffenen eigenen Aktien, für die im Wesentlichen nur âSpesenâ (wie Druckkosten der neuen Aktienurkunden) usw. angefallen sind, gegen die Aktien des zu erwerbenden Unternehmens hingibt (ein- tauscht). Man bietet dann den Aktionären des zu erwerbenden Unterneh- mens eigene Aktien zu âgünstigenâ Kursen gegen deren Aktien zum Tausch an. So benötigt man für die Einverleibung des anderen Unternehmens eigent- lich kein âfrisches Geldâ (keine neuen Eigenmittel) â nur die beim Erwerb an- fallenden Gebühren und Beratungshonorare müssen aufgewendet werden. Was wirklich geschieht beim Unternehmenskauf, das ist der Führungswech- sel im Management, den man als neuer Eigentümer herbeiführen kann, das heiÃt die Neulegitimierung der Führung. â In Wirklichkeit geht es bei diesem Kauf um diese Neubesetzung oder Neuausrichtung der Führungs- positionen â bei entsprechender Abfindung der alten Führung. Dies hat ja, wenn es gewollt wird, den beabsichtigten Kurswechsel der Unterneh- menspolitik und die damit verbundene âRestrukturierungâ des bestehen- den Unternehmensgefüges zur Folge. Die ganze Kaufveranstaltung (unter Umständen nur der Aktientausch) ist also im Grunde nichts anderes als eine tarnende Umschreibung für die Tatsache dieses Führungswechsels. 198 199 Für die damit in den Blick genommene neue Legitimationsinstanz eines Unternehmens (die neuen Eigentümer bzw. deren Organe) kommt es im Kern darauf an, die für die neue Aufgabenstellung befähigten Menschen zu finden und diese dann für die ihnen nun gestellte Aufgabe rechtlich zu legitimieren (zu berufen). Dabei ist das Erkennen der â vielleicht noch verborgenen â Fähigkeiten in den Führungskräften, die zur Verfügung stehen, von entscheidender Bedeutung â sonst schreibt das Unternehmen schnell ârote Zahlenâ. Die für die Neuausrichtung erforderlichen Men- schen und ihre Führungsfähigkeiten müssen jetzt âentdecktâ werden. Das kann man nicht mehr dem Computer überlassen. Dazu bedarf es eines tieferdringenden Blickes in menschliche Schicksale und in die vielleicht erst wenig sichtbaren Potenziale der Fähigkeitsentwicklung bei den neu zu Be- rufenden. Es handelt sich insoweit um eine der Pädagogik nahestehende geistige Aufgabe, für die nur Menschen in Betracht kommen, die selber auf diesem Gebiete erfolgreich tätig sind oder dies vor nicht allzu langer Zeit waren. Weil dies so ist, sitzen in den Aufsichtsräten der groÃen, meist als Aktiengesellschaft rechtlich organisierten Unternehmungen Menschen, die in anderen Unternehmen entsprechende Leitungs- oder Aufsichtsfunk- tionen mit Erfolg wahrnehmen oder wahrgenommen haben. So kann man verstehen, dass Rudolf Steiner die Kapitalverwaltung â die Aufgabe der Führungszuteilung in Unternehmen â dem Geistesleben zurechnet. Das ist nämlich immer (auch heute schon) so, wenn es dabei auch keineswegs durchgängig optimal zugeht. Aber: Die, die es machen, die sindâs! Die Es- senz dieser Ãberlegung ist also: Man muss für den Erwerb und den damit verbundenen Führungswechsel von Unternehmen sicherlich viel können â aber Geld im Sinne von aufgehäuftem Vermögen braucht man dafür eigentlich nicht! Geld aufhäufen ist Sache der Sparer; zu ihrem Spargeld muss man gegebenenfalls Zugang finden. Unsere Banken und andere âFi- nanzdienstleisterâ betätigen sich hier. Was bedeutet der Unternehmenskauf sozial? Wir kommen mit dieser Ãberlegung zum sozialen Aspekt der Unterneh- menswertfindung und des daraus folgenden Unternehmenskaufes. Imma- nent ist die Frage aber bereits beantwortet: Das Unternehmen ist ein so- ziales System mit einer bestimmten, dem Nutzen anderer Menschen â der Kunden vor allem â verpflichteten Aufgabe. Es ist ein von einem unter- nehmerisch-geistigen Kraftstrom der Umständebewältigung getragener Prozess, der â Weltgegebenheiten konfigurierend â aus den beteiligten 198 199 Menschen und dem mit ihnen verbundenen Geistwirken hervorgeht.4 Die im Unternehmen tätigen Menschen tragen diese Kräfte in sich oder ziehen sie an, indem sie Verfahren â in Lizenzrechtsform zum Beispiel â erwerben oder diese selbst entwickeln und/oder indem sie geeignete Menschen anwerben und ausbilden, das heiÃt Nichtsichtbares, ein bisher nicht zu Tage getretenes Fähigkeitspotenzial zur Wirksamkeit bringen. Diesem Ge- schehen ist die Unternehmensführung verpflichtet; an ihrem Gelingen als entscheidender MaÃstab wird sie im Hinblick auf ihre Eignung zur Führung gemessen. Die Fähigkeit, durch allerlei wenig nachprüfbare Aussagen (âGerüchteâ) die Anteile eines Unternehmens wertvoller zu machen (âFan- tasie in die Aktienkursentwicklung bringenâ nennt man dies), ist dagegen keine Führungsfähigkeit, sondern herkömmliche âClevernessâ mit ungu- tem Beigeschmack. Natürlich müssen Führungsfähigkeit und Führungs- kraft der leitenden unternehmerischen Menschen bedacht und überwacht werden, weil sich die Aufgabe des Unternehmens â angesichts neuer Herausforderungen der sozialen Welt â ändern kann und die Fähigkeiten der Menschen diesen Herausforderungen nicht mehr entsprechen. Es kann auch sein, dass andere natürliche Faktoren die Zeit der erfolgreichen Führung bisher Berufener als zu Ende gekommen erscheinen lassen. Die heutige Welt kennt viele dahingehende Verfahren, wenn die Begründung im Einzelfall vielleicht auch nicht immer auf den richtigen Kriterien beruht. Aber von der Ablösung von Führungskräften â auch von überraschen- den â erfahren wir fast täglich. Die Regelung der Unternehmensführung muss eine Frage sein, die letztlich nicht von GeldgröÃen bei Kauf oder Verkauf eines Unternehmens abhängen darf. Dafür ist ein Unternehmen als soziales System viel zu wichtig. Man darf es umgekehrt natürlich auch nicht als Ausruheplatz (âBe-sitzâ) missverstehen. Unternehmer, die ihre Aufgabe in dem hier angesprochenen Sinne aus eigenem Erleben kennen, wissen, dass sie ihr Unternehmen von den Spielplätzen der Unternehmensbewertung und des Unternehmenshandels möglichst weit entfernt halten müssen. Sie wollen es oft auch vor den Risiken von Erbgängen im Familienbereich schützen. Was tun sie in solcher 4 Davon spricht offenbar auch eine neue Sparte der Betriebswirtschaftslehre, wenn sie von der âWissensbilanzâ redet, die die âDifferenz zwischen Buchwert und Marktkapitalisierungâ erklären soll. Vgl. UTZ CLAASEN im Handelsblatt, Nr. 68 (Beilage Karriere & Management, S. 1) vom 5. bis 9. April â oder vom VERFASSER: Was ist Kapital? â Wie lernen wir es verstehen. In: DIE DREI 4/1997, S. 336. 200 201 Lage heute dafür? Sie versuchen zum Beispiel ein Familienunternehmen durch geeignete rechtliche MaÃnahmen und durch das Erlebbarmachen des unternehmerischen Aufgabenzusammenhanges für das Bewusstsein ihrer Mitgesellschafter und Mitarbeiter von jeglichem âMarktgeschehenâ des Unternehmens- oder Anteilshandels fernzuhalten. Unternehmen mit geschlossenem Gesellschafterkreis, die bei der Börsenaufsicht keine âQuartalsberichteâ abgeben müssen, können leichter langfristig wirk- same strategische Unternehmensentscheidungen treffen, die kurzfristig vielleicht nicht sogleich Ertrag bringen â und von der Börse deshalb (noch) nicht honoriert werden. Sie müssen ihre Rechnungslegung dafür aber nicht schönfärben. Eine rechtliche Möglichkeit, die Unverkäuflichkeit des Unternehmens zu erreichen, ist für viele Unternehmer heute die Gründung einer Stiftung und/oder das Einbringen ihres Unternehmens (respektive aller Anteile an ihm) in eine solche. Eine Stiftung ist rechtlich eine mit- gliederlose â nur dem Stiftungszweck verpflichtete â juristische Person. Ihr Vorteil liegt darin, dass ihre Anteile nicht von dritter Seite â womöglich âfeindlichâ â übernommen werden können. Die Stiftung müsste sonst das Unternehmen, das sie verantwortet, schon selber verkaufen wollen â und dies müsste mit Stiftungssatzung und Stiftungsrecht vereinbar sein. Die Stiftungssatzungen schieben einem solchen Verkauf meist einen Riegel vor, der â angesichts der öffentlichen Kontrolle ihres Gebarens â nicht mit leichter Hand geöffnet werden kann. Es gibt sehr erfolgreich arbeitende Stiftungsunternehmen â zum Beispiel die Firmen Bosch, Thyssen, WALA und (etwas abgewandelt) auch die WELEDA.5 Die Gründung von Stiftungs- unternehmen hat durch mancherlei steuerrechtliche Erleichterungen auf diesem Felde (in Deutschland) in letzter Zeit erheblich zugenommen, ohne dass deren Umfang der Ãffentlichkeit immer voll bekannt geworden ist. Unternehmer, die solche Stiftungen begründen, lieben selten das groÃe Aufsehen. Sie wollen ihrem Unternehmen vielmehr einen dauerhaften Bestand sichern. Sie erleben ihr Unternehmen als ein von einem verbin- denden (und verbindlichen) Initiativgeist getragenes soziales System der mittätigen Menschen, dem sie sich verpflichtet fühlen. Sie machen ihr Unternehmen aufgabenbewusst, aber hinsichtlich der Eigentumseinflüs- se möglichst âmarktunabhängigâ. Die Unternehmen werden jedenfalls der Verkäuflichkeit entzogen. Der Nachteil solcher Stiftungen ist unter Umständen ihre Unbeweglichkeit im langfristigen Zeitablauf; sie bieten 5 Bis jetzt war es jedenfalls bei der WELEDA so. 200 201 insoweit noch keine endgültige rechtliche Lösung der Frage einer lebendi- gen Unternehmenskontinuität; sie machen aber das hier liegende Problem erkennbar. Was auf diesem Felde in der Gegenwart möglich ist, ist daher immer noch ein Provisorium im Vergleich zu dem, was man als Unternehmensrechts- form, die die Verkäuflichkeit vom Unternehmen im hergebrachten Sinne ausschlieÃt, wird entwickeln müssen.6 Das Eigentum des Unternehmens an seinem instrumentalen Vermögen (âFunktionseigentumâ) muss selbst- verständlich erhalten bleiben. Das Eigentum am Unternehmen selbst muss durch dessen Aufgabe definiert und gestaltet sein und darf nicht als per- sönlich verwertbarer Besitz von Anteilseignern verstanden werden. Das ist wohl auch die Sicht Rudolf Steiners, die er in den Jahren 1918 bis 1923 mehrfach deutlich gemacht hat.7 Natürlich ist ein Unternehmen keine Ewigkeitsinstitution; im Gegenteil: Es muss durch neu entfachte Initiative jederzeit â von innen heraus â stets neu begründbar sein und muss bei mangelnder Initiative oder bei mangelnder Fähigkeit zur Erfüllung der Unternehmensaufgabe auch wieder sterben (aufgelöst werden) können. Aber so wenig wie der Grund und Boden, der ja nicht von Menschen ge- schaffen wurde, handelbare Ware sein darf, so wenig die menschliche Ar- beitskraft, in der sich biografisch eine menschliche Individualität ausdrückt, Ware auf dem âArbeitsmarktâ sein darf, so wenig dürfen Unternehmen wie handelbare Ware, die sie letztlich auch nicht sind, behandelt werden. Der weit verbreitete â eingebildete â Grundsatz von der âKäuflichkeit der Weltâ macht heute Dinge zur Ware, die nicht im Wertschöpfungsstrom erzeugt und dadurch zum menschlichen Konsum bestimmt sind. Da gilt es, in Zukunft Grenzen einzuziehen. Praktisch bedeutet dies: Die Eigen- tumsverfassung des gesellschaftlichen Unternehmensbereiches â nicht die des persönlichen Konsumbereiches â ist neu zu strukturieren. âEigentum verpflichtetâ â diese Formel des deutschen Grundgesetzes wäre für die Unternehmenssphäre mit Inhalt zu erfüllen und genauer zu fassen. 6 Vgl. vom VERFASSER: Soziale Leiblichkeit menschlicher Gruppen. GOETHEANUM Nr. 42/2004, S. 4 ff., 43/2004, S. 8 ff., 45/2004, S. 8 ff. und 47/2004, S. 12 ff. (insbesondere Nr. 47). 7 Vgl. RUDOLF STEINER: Soziale Ideen, Soziale Wirklichkeit, Soziale Praxis. GA 337a, S. 147 ff., S. 195 ff. oder: Die Kernpunkte der sozialen Frage, GA 23. 202 203 Was kann geschehen? Die damit angesprochene Problemstellung kann für jeden Menschen an- ders aussehen â und trotz solcher Unterschiede am Ende doch zusammen- klingen. Der Einzelne könnte zum Beispiel bewusster mit seinen Ersparnis- sen, so er über solche verfügt, umgehen und sich insoweit fragen: Was geschieht eigentlich mit ihnen, solange ich sie nicht in Anspruch nehme? âArbeitenâ sie irgendwo in einem Unternehmen oder einer Bank für mich? Denn er kann sich â auch ohne besondere Wirtschaftskenntnisse â sagen: Wenn ich einen Zins, eine Dividende oder eine vergleichbare Vergütung dafür erhalte und über derartige Ertragsanteile (und die Rückzahlung der Grundsumme meiner âGeldanlageâ) für mich verfügen kann, so müssen âmeine Gelderâ irgendwo einem Unternehmen geholfen haben, reale Leistungswerte zu erzeugen, von denen ich über den Zins zum Beispiel jetzt einen Anteil erhalte. Der betreffende Unternehmer muss doch offen- sichtlich die Kaufkraft meiner Ersparnisse für produktive Anlagen (Wert- schöpfungsinstrumente) eingesetzt (ausgegeben!) haben und mir nun einen Anteil seiner Einnahmen (seines Ertrages) zuwenden. Mein hinge- gebenes Geld ist in einen Leistungsprozess hinein âgestorbenâ â aber ich erhalte einen Anteil an der âneuen Ernteâ. Ich beginne, mein Bewusstsein in die Richtung dieser Vorgänge auszuweiten und zu entwickeln. Ein Student könnte sich sagen: Die Tatsache, dass ich in meinem Studium für mehrere Jahre von anderer Arbeit â durch wen auch immer â freige- stellt werde und die Sozialität, die die erforderlichen Lehranstalten und meine Dozenten investitions- und einkommensmäÃig bereithält, stellt mich doch schicksalsmäÃig in einen konkreten sozialen Zusammenhang. Andere Menschen, die jetzt arbeitend tätig sind, ermöglichen mir durch ihre realen Leistungen mein jetziges Studium. Ich nehme mir vor, dafür selbst einmal etwas für diese Menschen oder für andere zu leisten, ohne dabei darauf zu schauen, dass ich dafür nachrechenbar oder maximal vergütet werde.8 Mein Erfolg liegt im Wohlergehen der Gemeinschaft, in der ich Teil bin und von der ich lebe. Wer im Leben schlieÃlich zu unternehmerischen Aufgaben berufen wird â oder sich den Raum dafür schafft â, kann darauf achten, dass die Würde 8 Vgl. RUDOLF STEINER: Nationalökonomischer Kurs, GA 340, 9. Vortrag. 202 203 der Menschen in dem Unternehmensprozess der Arbeit und der mit ihr verbundenen Einkommensbildung geachtet wird. Man kann zwar keine obsolet gewordenen, überlebten Arbeitsaufgaben (âArbeitsplätzeâ) auf Dauer erhalten wollen, aber man kann unter Umständen Sorge dafür tragen, dass Menschen, deren bisherige Arbeitsaufgabe wegfällt, neue Arbeitsaufgaben finden. Ein Grundeinkommen, das der Einzelne als Min- desteinkommen erhält, könnte als unbedingte Grundsicherung eine groÃe Hilfe zur selbstbestimmten Neuorientierung sein. Ein weiterer Verantwortungsbereich für unternehmerisch-initiativ tätige Menschen wird die Sicherung rechtlich angemessener Formen für die Führung von Unternehmen und die Legitimation dazu aus Fähigkeitser- kenntnis sein. Das hierher Gehörige wurde zuvor schon dargestellt und soll nicht wiederholt werden: Unternehmen selbst sind, wenn man sie als so- ziale Systeme begreift, eben keine handelbaren Waren, sondern ihrerseits Werte-schaffende soziale Gebilde, deren Führung dafür Fähigen auf Zeit zugeteilt wird, sodass diese Gelegenheit zum vollen Einsatz ihrer Begabung und Kraft für ihre Kunden (oder sonstige Adressaten) finden. Wo dafür ge- eignete Schutzgebilde â wie Stiftungen oder im Gemeinnützigkeitsbereich nach Art einer Treuhandschaft gehaltene Unternehmensanteile â geschaf- fen wurden, muss für deren Lebensfähigkeit gesorgt werden. Die WELEDA AG zum Beispiel hat in ihren mehrheitlich gemeinnützigen Anteilseignern solche rechtlichen Schutzinstrumente â und eine aus Mitgliedern der An- throposophischen Gesellschaft bestehende, zuvorderst an der therapeu- tisch-pharmazeutischen Aufgabe orientierte Aktionärsschaft. Letzteren ist die genannte Aufgabenstellung â hoffentlich dauerhaft! â wichtiger als eine persönliche Dividende und der womöglich spekulative Handel mit Anteilszertifikaten (Aktien) an âihremâ Unternehmen. Die Ãbertragung dieser Zertifikate ist daher an die Zustimmung des Unternehmens (durch den Verwaltungsrat) von Anfang an gebunden worden. Das sollte auch in der Gegenwart verstanden werden â und gewahrt bleiben. Und ein Letztes: Alle Statistiken der Gegenwart über âarmâ und âreichâ usw., die in der Regel auf Unternehmensbewertungen und/oder Börsen- kursen und dergleichen beruhen, sind im Grunde für das Erfassen der sozialen Dimension Makulatur und nur soweit und solange aussagefähig, wie Unternehmen in der heute üblichen Weise käuflich sind. Die Vertei- lung von âReichtumâ und Armut kann man in sozial relevantem Sinne nicht aus ihnen â wie es doch täglich geschieht! â ablesen. Denn im Wert- 204 205 schöpfungs- oder Produktivbereich der Wirtschaft haben Werte eine ganz andere Bedeutung als im Konsumbereich: Die Ersteren zeigen, ob man ef- fektiv mit diesen Werten (Anlagegüter, im Erzeugungsprozess befindliche Güter und Vorräte usw.) umgehen kann. Im Konsumbereich ist dagegen entscheidend, ob sie dem Verbraucher nützlich sind.9 Erst im Konsumbe- reich kann man von âreichâ und âarmâ reden; im Produktionsbereich geht es um effektiven Umgang mit Wertschöpfungsinstrumenten.10 In diesem Bereich ist der Unternehmenswert deswegen ein âMythosâ; wer in ihm von einem solchen Wert spricht, zeigt dadurch, wie er über den Umgang mit sozialen Systemen denkt. 9 Wie Anm. 4 zum Beispiel S. 107 ff. 10 Vgl. vom VERFASSER: Arm und reich â wie wenden wir das Blatt? In: GOETHEANUM Nr. 18/ 2002, S. 336 ff. 204 205 Auswahl aus dem Schriftenverzeichnis Benediktus Hardorp* I. Zum Thema âKonsum- oder Ausgabensteuersatzâ 1) Mehrwertsteuer und Steuerharmonisierung im Gemeinsamen Markt. In: BETRIEBS-BERATER, 5/1967, S. 173 ff. (C 3.1) 2) Mehrwertsteuer in Deutschland â Erfahrungen und Probleme. In: ECHO, Brüssel, 9/1971, S. 16 ff. (C 3.10) 3) Steuersystem – Steuerreform – Steuerflucht. Was bringt die Entwicklung des Steuerrechts für den Unternehmer? In: DIE WIRTSCHAFT Nr. 7/71, S. 220 ff. (C 3.11) 4) Siegeszug der Mehrwertsteuer in Europa? In: Ãsterreichisches Kuratorium für Wirtschaft- lichkeit. 1972, S. 30 ff. (C 3.12) 5) Verbrauchsbesteuerung als Orientierungspunkt der Steuerpolitik? In: DIE WIRTSCHAFTSPRÃ- FUNG. Nr. 23/24, 01./15.12.1984, S. 639 ff. (C 3.13) 6) Systemwandel Im Steuerrecht? Umsatzsteuer und Gesellschaft. In: Beilage 13/1985 zu Heft 30/1985 in BETRIEBSBERATER (C 3.15.1) 7) Unser Steuerwesen muss von der Wurzel aus neu geordnet werden. In: DIE KOMMENDEN. 10/1986, S. 7 ff. (C 3.16) 8) Die steuerliche Förderung gemeinnütziger Zwecke – ein negatives Steuerrecht? In: BETRIEBS-BERATER, Heft 35/36, 20./30.12.1986, S. 2341 ff. (C 3.18) 9) Anthroposophie und Steuerreform. In: DIE DREI 9/1988, (Sonderdruck) Mitteilungen Freie Waldorfschule Marburg, Nr. 78, Michaeli 1988, S 3 ff. (C 3.19) 10) Leistungsbeitrag oder Leistungsentnahme: Was ist zu besteuern? Zur Kardinalfrage des Steuerwesens. In: BAUSTEINE. Heft 1/1988, S. 61 ff. (C 3.20) 11) Konsumsteuer und Gesellschaft. Zum erforderlichen steuersystematischen Bewusstseins- wandel. In: Konsumorientierte Neuordnung des Steuersystems. Hrsg. M. Rose, Heidelberg 1991, S 85 ff. (B 1.13) 12) Konsumsteuer-Kongress. Gespräch zwischen Anthroposophie und Finanzwissenschaft? In: DIE DREI, Nov. 1989, S. 833 ff. (C 3.21) 13) Vom Wettbewerb der Steuersysteme global â und was daraus zu lernen ist. In: GOETHEANUM Nr. 33 vom 09.11.1997, S. 425 ff. (C 3.28) 14) STEUERERHEBUNG UND VERMÃGENSBILDUNG â Ihre Problematik auf dem Hintergrund des glo- balen Wettbewerbs der Steuersysteme. In: GOETHEANUM, Nr. 17, vom 26.04.1998, S. 238 ff. (C 3.29) 15) Steuerreform und ökologischer Steueransatz. In: DIE DREI 7-8/1998, S 124 ff. (C 3.30) * Das vollständige aktualisierte Schriftenverzeichnis ist im Internet unter http://www.hardorp- schriften.de einsehbar; die meisten Titel können auch im Volltext heruntergeladen werden 206 207 16) Vom Wesen der Umsatzsteuer und deren innerem Formwiderspruch. In: Umsatzsteuerrund- schau Heft 7/86, S. 168 ff. (C 3.31) 17) Steuerreform im Zeitalter der Globalisierung. Die Bedeutung des gesellschaftlichen Be- wusstseins für die Steuererhebung. In: DREI 3/1999, S. 45 ff. und Sonderdruck. (C 3.35) â Im wesentlichen textgleich abgedruckt im Bericht zum Workshop der Klaus Tschira- Stiftung vom 04.02.2000 18) Steuerrecht und Gesellschaftsordnung â Können wir das Ruder herumwerfen? Zum Reformprozess im Steuerwesen. Referat auf einem Kolloquium der Sozialwissenschaftlichen Sektion am GOETHEANUM am 03.07.2000 in Dornach. In: DIE DREI 2/2001, S. 33 ff. (C 3.37) 19) Arm und reich – und die Steuergerechtigkeit. In: GOETHEANUM Nr. 23/2002, S. 431 ff. (C 3.38) 20) Arm und reich – wie wenden wir das Blatt? In: GOETHEANUM Nr. 18/2002, S. 336 ff. (C 3.39) 21) Wirtschaft und Geld im menschlichen Leben. In: GOETHEANUM Nr. 48/2002, S. 894 ff. (C 3.40) 22) Brauchen wir eine Reform des Reformierens? Reformanlässe und Reformwege im Steuer- rechts â zu den Aufgaben des 21. Jahrhunderts. In: Integriertes Steuer- und Sozialsystem, Hrsg. Manfred Rose, Heidelberg 2003, S. 38 ff. (C 3.41) 23) Steuern reformieren heiÃt neu teilen lernen. Interview, in: a tempo 9/2003 (C 3.42) 24) Gerechte Steuern â wo und wie muss man sie erheben? In: GOETHEANUM Nr. 41 vom 21.01.2005, S. 8 f (C 3.44) 25) Das Steuerwesen auf dem Hintergrund der inneren Entwicklung des Menschen. In: GOETHEANUM Nr. 20/21 vom 13.05.2005, S. 5 ff. (C 3.46) 26) Arbeit, Einkommen, Besteuerung â Wir müssen unsere sozialen Einrichtungen neu justie- ren. In: GOETHEANUM Nr. 28 vom 08.07.2005, S. 3 f. (C 3.47) 27) Der Weg zum bedingungslosen Grundeinkommen. Text anlässlich des Symposions zum Grundeinkommen an der Universität Karlsruhe am 23./24.02.2006 (C 3.48) (Fassung vom 17.10.2006) 28) Leitsätze zum steuerfinanzierten Grundeinkommen. Text anlässlich des Symposions zum Grundeinkommen an der Universität Karlsruhe am 23./24.02.2006 (C 3.49) (Fassung vom 07.09.2006) 29) Ein Initiative weckendes Steuerrecht. Text/Vortrag anlässlich des Symposions zum Grundein- kommen an der Universität Karlsruhe am 23./24.02.2006 (C 3.50) (Fassung vom 07.09.2006) sowie sieben Folien/Grafiken dazu 30) Man muss radikal denken und schrittweise handeln. Interview, in: GLS-Bankspiegel 1/2006 Heft 196 (März 2006), S. 8 ff. (C 3.51) 31) Grundeinkommen löst engagierte Diskussion aus (Leserfragen auf das Interview). In: GLS-Bankspiegel 2/2006 Heft 197 (Mai 2006) (C 3.52) 32) Das bedingungslose Grundeinkommen â ein Bürgerrecht. Soziale Grundlage menschlicher Freiheit. In: GOETHEANUM Nr. 42 vom 13.10.2006, S. 1 ff (C 3.53) 33) âWir würden gewaltig reicher werdenâ Interview von Prof. Götz Werner und Dr. Benedik- tus Hardorp zum Grundeinkommen. SPIEGEL-Online, 30.11.2005 (C 3.54) 206 207 34) âAls Unternehmer habe ich niemals einen Cent Steuern bezahlt!â Interview von Prof. Götz Werner und Dr. Benediktus Hardorp zur Umstellung des Steuersystems. STEUERBERATER MAGAZIN, Heft Januar 2007, S. 10 ff. (C 3.55) 35) âAusgaben- statt Einkommensteuer! â Zum Finanzierungsverständnis des Grundeinkom- mens.â In: PAUL MACKAY / ULRICH RÃSCH (Hg.) Grundeinkommen für jeden Menschen, Dornach 2007 (C 3.56) 36) MYTHOS UNTERNEHMENSWERT â Wie bestimmt sich der Wert eines Unternehmens? Sind Unternehmen handelbare Ware? Langfassung eines Aufsatzes des gleichbenannten Auf- satzes in Nr. 18 und 19/2007 des GOETHEANUMS, der von der Redaktion gekürzt und dessen Kapitel 5 als weiterer Aufsatz mit dem Titel âUnternehmenshandel – Führungswechselâ herausgetrennt wurde (C 3.57) 37) Finanzielle Aspekte eines bedingungslosen Grundeinkommens. 24 Thesen für eine Konfe- renz im Europäischen Parlament am 03.07.2007 in Brüssel II. Zum Thema âArbeit und Einkommenâ 1) Trennung von Arbeit und Einkommen. Anthroposophische Perspektiven zu einer zentralen Gegenwartsfrage. In: Arbeitslosigkeit, Stuttgart 1984, S. 65 ff. (B 1.3) 2) Anspruch und Zuspruch – Rentensicherheit und soziales Hauptgesetz. In: Das soziale Haupt- gesetz. Sozialwissenschaftliches Forum, Band I. Hrsg. Stefan Leber. Stuttgart 1986, S 181 ff. â auch: DIE DREI, 3/1986, S. 188 ff. (B 1.7) 3) Unternehmensbezogene Einkommensbildung, assoziative Preisbildung und soziales Haupt- gesetz. In: Die wirtschaftlichen Assoziationen, Sozialwissenschaftliches Forum, Band II. Hrsg. Sozialwissenschaftliche Forschungsgesellschaft Stuttgart durch Herrn Stefan Leber. Stuttgart 1987, S. 212 ff. (B 1.9) 4) Preis, Einkommen, Steuer – anthroposophische Perspektiven zu Ãkonomie und Ethik. In: Ãkonomie und Ethik. Moral des Marktes oder Kritik der reinen ökonomischen Vernunft. Hrsg. Christian Matthiessen. Freiburg i. Br. 1990 (Hochschul-Verlag), S. 97 ff. (B 1.11) 5) Die Krise unseres Sozialsystems – eine Herausforderung an Anthroposophie und Bildungs- wesen. In: Der Weg in die Zukunft. Almanach des Verlages Freies Geistesleben. Stuttgart 1996, S. 123 ff. (B 1.18) 6) Unternehmen Schule â zum Zusammenhang von Wirtschaftlichkeit, Selbstverwaltung und pädagogischem Handeln. In: Autonomie der staatlichen Schule und freies Schulwesen. Son- derdruck Festschrift für J.P. Vogel. Berlin 1998, S. 175 ff. (B 1.20) 7) Soziale Gesten in der Finanzierung unserer Schulen. In: ERZIEHUNGSKUNST, 3/1983, S. 150 ff. (C 1.3) 8) Soziale Dreigliederung als Entwicklungsweg der menschlichen Individualität. In: ERZIEH- UNGSKUNST, 2/1986, S. 3 ff. (C 1.4) 208 209 9) Arbeitslosigkeit als Anstoà zu gesellschaftlicher Neubesinnung. In: DIE KOMMENDEN, März 1986, S. 9 ff. (C 1.6) 10) Wie bezahlen wir unsere Mitarbeiter? In: Aus dem Leben des Schulvereins der Freien Waldorfschule Mannheim. August 1973. (C 2.2) 11) Studienfinanzierung – Einkommensbildung – Soziales Hauptgesetz. Referat auf der Ge- schäftsführertagung des Bundes der Freien Waldorfschulen. 1977. (C 2.3) 12) Altersvorsorge und Aufbaufinanzierung. Neue Gestaltungsaufgaben der Waldorfschulbe- wegung? In: ERZIEHUNGSKUNST, Heft 12/1995, S. 1316 ff. (C 2.39) 13) Ãkonomie und spiritueller Auftrag der Waldorfschulen (gekürzte Fassung), In: ERZIEHUNGS- KUNST 4/2000, S. 566 ff. (C 2.48) 14) Die Entkoppelung von Arbeit und Einkommen als Weg zu selbstmotivierter Arbeit. Nahelie- gende Perspektiven sozialer Standortbestimmung für Menschen mit Führungsaufgaben (überarbeitete Fassung eines Referats im MMM-Club München am 17.11.1992). 14.12.1992. (D 1.6) 15) Arbeit, Einkommen und Besteuerung â Wir müssen unsere sozialen Einrichtungen neu justieren. In: GOETHEANUM, Nr. 28 vom 08.07.2005, S. 3 f. (C 3.47) III. Zum Thema âBuchführung und Bilanzierungâ 1) Die doppelte Buchführung: Zeitpunkt- und Zeitraum-Rechnung. In: Was ist Zeit? Hrsg. G. Kniebe. Stuttgart 1993 (Verlag Freies Geistesleben). (B 1.14) 2) Lebensorientierung durch Buchführung? Zum 500-Jahre-Jubiläum der doppelten Buchfüh- rung. In: Unternehmensführung – Wirtschaftsethik – Gesellschaftliche Evolution. Hrsg. Ekkehard Kappler und Tobias Scheytt. Gütersloh 1995 (Verlag Bertelsmann Stiftung), S. 281 ff. (B 1.15) 3) Das Eigenkapital im Spiegel der Bilanz. In: Bilanzierung und Besteuerung der Unternehmen. Festschrift für Herbert Brönner. Stuttgart 2000, S. 109 ff. (B 1.23) 4) Die doppelte Buchführung als Schulungsinstrument der BewuÃtseinsseele. In: GOETHEANUM, Heft 25, 15.06.1986, S. 185 ff. und Heft 26, 22.06.1986, S. 194 ff. (C 3.17) 5) Buchführung, Bilanzierung, Selbsterkenntnis. In: GOETHEANUM, Nr. 45, 05.11.1989, S. 391 ff. (C 3.22) 6) Buchführung – ein notwendiges Mittel allgemeiner Bildung? Ein Plädoyer für ihre Einfüh- rung in die Schule. In: ERZIEHUNGSKUNST 6/7/1993, S. 666 ff. (C 3.24) 7) Lebensorientierung durch Buchführung? In: DIE DREI. 12/1994, S. 1007 ff. (C 3.25) 208 209 IV. Zum Thema âGeld und Kapitalâ 1) Elemente einer Neubestimmung des Geldes und ihre Bedeutung für die Finanzwirtschaft der Unternehmung (Diss.). Freiburg i. Br. 1958, erw. Auflage Heidelberg 1971 (A 1.2) 2) Goethe und das Geld. In: PERSPEKTIVEN, Zeitschrift für Wissenschaft, Kultur und Praxis der Universität Witten/Herdecke, Nr. 28/März 1992, S. 36 ff. (C 1.4) 3) Geld und Gold – Wirtschaftliche Wertschöpfung und gesellschaftliche Sinnfindung im Geld- wesen. In: GOETHEANUM Nr. 9/99, vom 28.02.99, S. 153 ff. (C 3.34) 4) Geld ist ein soziales Gestaltungsmittel. In: WELEDA-Nachrichten Heft 211, Michaeli 1998, S. 13 ff. (C 3.32) 5) Das Eigenkapital im Spiegel der Bilanz. In: Bilanzierung und Besteuerung der Unternehmen. Hrsg. Von Jens Poll. Festschrift für Herbert Brönner. Stuttgart 2000, S. 109 ff. (B 1.23) 6) Was heiÃt âAltern des Geldesâ? In: GOETHEANUM Nr. 23/24, vom 07./14.06.1981, S 183 ff. (C 1.02) 7) Lebensgesten der Zeitkultur, I, â Ware, Arbeit, Kapital als Lernfeld der Schule? ERZIEHUNGS- KUNST 12/1998, S. 1376 ff. (C 2.44) 8) Was ist Kapital – wie lernen wir es verstehen? In: DIE DREI, 4/1997, S. 336 ff. (C 1.24) 9) Unternehmensverfassung und Bewusstsein â Hochschule als Konstitutionselement sozialer Gebilde. In: DIE DREI V/2000, S. 43 ff. (C 1.45) 10) Versuch einer beschreibenden Definition des Geldes 11) Kapitalverwaltung â eine Aufgabe des Geisteslebens. Zeitbedeutung und Gestaltungs- ansätze. In: Geisteswissenschaft und Gesellschaftsgestaltung, Hrsg. von Dr. K.-M. Dietz und W. Kilthau, Dornach 1987, S. 73 ff. (B 1.8) 12) Das Kapital des Unternehmens und seine Bedeutung. In: EIGENTUM: Sozialwissenschaftli- ches Forum Band 5, Hrsg. von Stefan Leber, Stuttgart 2000, S. 211 ff. (B 1.21) V. Zum Thema âPädagogik und Schuleâ 1) Unternehmen Schule â zum Zusammenhang von Wirtschaftlichkeit, Selbstverwaltung und pädagogischem Handeln. In: Autonomie der staatlichen Schule und freies Schulwesen. Sonderdruck Festschrift für J.P. Vogel. Berlin 1998, S. 175 ff und in ev. Akademie in Koope- ration mit der Breuninger Stiftung, 1996, S. 29 ff. (B 1.20) 2) Neue MaÃstäbe in der staatlichen Finanzhilfe für Freie Schulen? (Ãberarbeitete Fassung des Beitrages in der Erstauflage). In: Zukunftsperspektiven der Freien Schulen, Hrsg. von Fr. Müller und Bernd JeandâHeur, Berlin 1996 (2), S 117 ff. (B 1.17) 3) Ersatzschule, Schulbauförderung, Wartefrist – bildungsökonomische Bemerkungen zu einer janusköpfigen Finanzhilferechtsprechung. In: Zukunftsperspektiven der Freien Schulen, 210 211 Hrsg. von Fr. Müller und Bernd JeandâHeur, Berlin 1996 (2), S 253 ff. (B 1.16) 4) Soziale Gesten in der Finanzierung unserer Schulen. In: ERZIEHUNGSKUNST, 3/1983, S.150.ff. (C 1.3) 5) Waldorfschule, anthroposophische Pädagogik und Indoktrination – zur Frage der Weltan- schauungsschule. Schriftenreihe: Aus der Arbeit der Freien Hochschule für anthroposophi- sche Pädagogik. Nr. 8. Mannheim Oktober 1989. (C 1.10) 6) Muss man für die Waldorfschule Anthroposoph werden? In: ERZIEHUNGSKUNST 4/2000, S. 441 ff (C 2.49) 7) Zeugnis geben in der Waldorfschule (Druckfehler: âZeugnisse in der…â). In: Erziehungs- kunst 5/1998, S. 535 ff. (C 1.31) 8) Jahreswende – Zeitbeginn: Woher kommt die Zeit?, In: ERZIEHUNGSKUNST 1/2001 (C 1.50) 9) Der Gesamtjahresabschluss der deutschen Waldorfschulen: – was sagt er uns? – was lernen wir daraus? – was sagt er andern? In: Berichtsheft des Bundes der Freien Waldorfschulen. Advent 1981, S. 41 ff. (C 2.10) 10) Bildung in der Gesellschaft. Zur bildungsökonomischen Arbeit in der Freien Hochschule für anthroposophischen Pädagogik. In: Festschrift zum 25jährigen Bestehen der Freien Hoch- schule für anthroposophische Pädagogik Mannheim (Oktober 2003) (C 2.51) 11) Die Kostenrechnung Freier Schulen und ihre gesellschaftliche Bedeutung. Das Beispiel der Waldorfschulen. In: Recht der Jugend und des Bildungswesens, Nr. 3/1983, S. 208 ff. (C 2.15) 12) Katholische Kinder in Waldorfschulen? Eine Stellungnahme zu der Warnung vor den Wal- dorfschulen durch die Arbeitsgemeinschaft der katholischen Verbände für Erziehung und Schule (AKVES). Schriftenreihe der Freien Hochschule für anthroposophische Pädagogik, Oktober 1988. (C 2.27) 13) Waldorfschule, anthroposophische Pädagogik und Indoktrination – zur Frage der Weltan- schauungsschule. Schriftenreihe: Aus der Arbeit der Freien Hochschule für anthroposophi- sche Pädagogik. Nr. 8. Mannheim Oktober 1989. (C 1.10) 14) Der Morgenspruch in der Waldorfschule. Blicklenkung der Schüler oder Indoktrination? In: ERZIEHUNGSKUNST, 10/1989 (C 1.12) 15) Ein initiatives Schul- und Erziehungswesen? Wäre es möglich? – Ist es bezahlbar? In: Demo- kratie fängt in der Schule an. Hrsg. B. Engholm. Frankfurt 1985 (Eichborn), S.169 ff. (B 1.5) 16) Beim Läuten der Glocken. In: ERZIEHUNGSKUNST, 8/1993, S. 802 ff. (C 1.18) VI. Zum Thema âAnthroposophieâ 1) Anthroposophie und Dreigliederung. Das soziale Leben als Entwicklungsfeld der Seele. Stuttgart 1986 (Verlag Freies Geistesleben GmbH). (A 1.4) 2) Der Erkenntnisstil des Thomas von Aquin und die Methode der anthroposophischen Geis- 210 211 teswissenschaft Rudolf Steiners. In: DIE DREI, Beiheft 1/Mai 1989. (C 1.11) 3) Die Kardinaltugenden bei Aristoteles und Thomas von Aquin und ihre Bezüge zu Waldorf- pädagogik und anthroposophischem Schulungsweg. In: DIE DREI, Beiheft 2/November 1989 (C 1.13) 4) Weg-Sprüche menschlicher Selbstfindung. In: GOETHEANUM vom 15.12.1996, S. 441 ff. (C 1.23) VII. Andere Themen 1) Anthroposophie und die sozialen Herausforderungen der Zeit. Fünf Aufsätze. Dornach 1994 (Verlag am Goetheanum). (A 1.7) 2) Elemente einer sozialen Baukunst. In: Der Mensch in der Gesellschaft. Hrsg. Stefan Leber. Stuttgart 1977, S 42 ff, auch in: Innovationen â wie kommt das Neue in die Unternehmung. Hrg. von E. Kappler und Th. Knoblauch, Gütersloh 1996, S. 153 ff. (B 1.2) 3) Führung ohne Hierarchie? In: Der Wirtschaftsprüfer als Unternehmensberater. Festschrift für WP / StB Dr. Max Horn zum 70. Geburtstag. Ulm 1974 (B 1.1) 4) Ware, Arbeit, Kapital â drei Grundphänomene wirtschaftlichen Lebens. In: Wissenschaft, Kunst, Religion. Festschrift für Manfred Krüger, Dornach 1998, S 96 ff, auch in: DIE DREI 11/98, S. 24 ff (B 1.19) 5) Soziale Leiblichkeit menschlicher Gruppen (C 1.63) Teil I: Die âzwölf Säulen des Ganzenâ, in: GOETHEANUM 42/2004, S. 4 ff. Teil II: Die Werdeprozesse der Leibgestalt, in: GOETHEANUM 43/2004, S. 8 ff. Teil III: AuÃenbild und Rechtsgestalt, in: GOETHEANUM 45/2004, S. 8 ff. Teil IV: Innere Funktionsweisen sozialer Gebilde und soziale Erneuerung, in: GOETHEANUM 47/2004, S. 12 ff. 6) Albrecht Haushofer â zum 100. Geburtstag. In: ERZIEHUNGSKUNST, Nr. 7/8-2003, S. 875 ff (C 4.7) 7) Strukturelemente sozialen Bauens. In: DIE DREI, 7/8 1997, S. 735 ff. (C 1.25) 212 213 Danksagung Von der Idee zur Realisierung dieses Bandes bedurfte es der engagierten und intensiven Mitarbeit vieler. Insbesondere Herrn Peter Dellbrügger und Frau Dorothee León Cadenillas â beide IEP â sowie dem Team des Univer- sitätsverlags Karlsruhe sei an dieser Stelle ein herzliches Wort des Dankes ausgesprochen. Prof. Götz W. Werner Institutsleiter 212 213 Der Autor Dipl. Vw. Dr. rer. pol. Benediktus Hardorp, geb. 12.04.1928 in Bremen. Waldorfschule in Hamburg und Hannover, dort Abitur 1948. Studium der Wirtschaftswissenschaften in Freiburg im Breisgau, 1954 Diplom, 1958 Promotion (âmagna cum laudeâ) über das Thema âElemente einer Neu- bestimmung des Geldes und ihre Bedeutung für die Finanzwirtschaft der Unternehmungâ. Ausbildung zum Steuerberater und Wirtschaftsprüfer; seit 1964 in Heidelberg und Mannheim in eigener Praxis tätig. Seit 1996 Partner einer Wirtschaftsprüfungs- und Steuerberatungsgesellschaft. Vor- standsmitglied der Steuerberaterkammern Stuttgart und Nordbaden (1968 bis 2003); zu gleicher Zeit Verwaltungsratmitglied und langjährig Mitglied im Steuerfachausschuss des Instituts der Wirtschaftsprüfer. Ehrenamtlich Vorstandsmitglied und Mitbegründer der Freien Waldorf- schule Mannheim, Vorstandsmitglied des Bundes der Freien Waldorfschu- len (Stuttgart), der Freien Hochschule für anthroposophische Pädagogik in Mannheim bei deren Gründung. Leitung der bildungsökonomischen Arbeitsstelle der Freien Hochschule (mit unter anderem jährlicher Erstel- lung eines Gesamtjahresabschlusses für die derzeit rund 220 deutschen Waldorfschulen sowie dessen betriebswirtschaftlicher Auswertung) bis 2008. Ãber 250 Veröffentlichungen zur Geldtheorie, Bildungsökonomie, zum Recht der Freien Schulen, zum Steuerrecht (insbesondere Mehrwert- steuer und Steuerreform) â im Internet einsehbar unter >www.hardorp- schriften.de 214 215 Das Heil einer Gesamtheit von zusammenarbeitenden Menschen ist um so gröÃer, je weniger der einzelne die Erträgnisse seiner Leistungen für sich beansprucht, das heiÃt, je mehr er von diesen Erträgnissen an seine Mitarbeiter abgibt, und je mehr seine eigenen Bedürfnisse nicht aus seinen Leistungen, sondern aus den Leistungen der anderen befriedigt werden. Soziales Hauptgesetz von Rudolf Steiner

Apropos 53: Warum die Einkommenssteuer nicht gerecht ist

31 Ago

Apropos
36 Der Europäer Jg. 13 / Nr. 6/7 / April/Mai 2009
I
nvestmentbanker sind verlogene, arrogante Selbstdarsteller,
die ihre Liebe zum Geld über alles andere stellen
und sich selbst verkaufen», heißt es im soeben erschienenen
Buch Die Gier war grenzenlos1 der Börsenhändlerin
Anne T.; das ist das Pseudonym einer Frau, die zehn Jahre
als Derivatebrokerin gearbeitet hat. Die Verlogenheit
zeige sich «vor allem gegenüber den Kunden. Man spielt
ihnen Interesse vor und heuchelt Freundschaft und Verantwortungsgefühl,
dabei geht es nur darum, ihnen
möglichst viel Geld aus der Tasche zu ziehen. Nach außen
geben die meisten den seriösen, verantwortungsvollen
Banker, dabei geht es allen nur um die Kohle.»
Die Gier nach Geld und Macht
Die Brokerin hält weiter fest: «Das ganze System hat nur
funktioniert, weil jeder Neuankömmling von Anfang an
darauf getrimmt wurde, Geld über alles andere zu stellen.
Die Sucht, Geld zu verdienen, gehört in den Handelsräumen
zur Kultur und wird von den Chefs gefördert.
(…) Je süchtiger der einzelne Banker nach Geld ist,
desto mehr wird er versuchen, für seinen Arbeitgeber einen
möglichst hohen Gewinn einzufahren, denn danach
bemisst sich sein Bonus. Je mehr Risiken er eingeht,
desto höher fällt der potentielle Gewinn aus – und
damit auch sein Gehalt. Der Kampf um die Boni ist alles,
was für einen Investmentbanker zählt, das ist wie
ein Sport.» Dazu kommt ein großer Machtwahn: «Im
Investmentbanking haben die Derivatebroker zur Elite
gehört, weil sie mit den komplexesten Produkten zu tun
hatten. Ich fand es toll, zum Kreis dieser Finanzelite zu
gehören, die in der Woche mit Millionen handelt. Verantwortung
für so viel Geld zu haben verleiht einem ein
unglaubliches Machtgefühl. Auch der luxuriöse Lebensstil
trägt dazu bei, dass man sich schnell zur GewinnerElite
zählt.» Schuldgefühle entstanden dabei keine:
«Wir haben ja nur die Vorgaben des Vorstands (der Geschäftsführung.
B.B.) umgesetzt. Ich fand es allerdings
unglaublich, wie sehr die Privatanleger ausgenommen
wurden. Das lag vor allem an der Provisionsstruktur. Ich
habe meinen Bekannten immer geraten, die Finger von
solchen konstruierten Finanzprodukten zu lassen.»2
Die Klappe des Buches bringt das Problem auf den
Punkt: «Hirnforscher haben herausgefunden, dass die
Gier nach Geld ein ähnliches Suchtpotential aufweist
wie Kokain oder Sex. Den Brokern in den Handelsräumen
der Börsen und Banken ist das seit langem bekannt.
Sie sagen sogar, es ist besser als Sex, mit mehreren
hundert Millionen Euro zu spekulieren – und dabei
selbst Millionen zu verdienen.» Die Autorin Anne T. arbeitet
immer noch in der Finanzbranche, aber nicht
mehr als Brokerin. «Vor allem trinke ich in meinem jetzigen
Job sehr viel weniger Alkohol als früher.»
Finanzminister: Wasser predigen, Wein trinken
Nach dem weltweiten Crash ist das Problem vermutlich
kleiner, aber aussterben werden die Broker nicht. Zudem
sind nicht nur Investmentbanker anfällig für die
geschilderten Verlockungen, wie das Beispiel der Deutschen
Postbank zeigt. Der Vorstand der Bank, die bis
2010 zu 50% plus eine Aktie von der Deutschen Bank
übernommen haben wird, hat für letztes Jahr eine «Sonderzahlung»
(«Bonus») von fast 12 Millionen Euro erhalten,
obwohl für 2008 ein Verlust von 821 Millionen
Euro ausgewiesen werden musste. Noch am 19. Februar
2009 betonte Postbank-Vorstandschef Wolfgang Klein
auf der Bilanzpressekonferenz die Konsequenz dieses
riesigen Verlustes: «Für den Postbank-Vorstand wird es
keinen Bonus geben». Der Verzicht stieß allseits auf großes
Lob. Doch am 9. März erschien der Geschäftsbericht
für 2008; und da geht aus Seite 50 hervor, «dass dem
Vorstand sehr wohl Bonuszahlungen zugesichert wurden.
Und wie: Allein für Bankchef Wolfgang Klein liegen
2,4 Millionen Euro auf einem eigens eingerichteten
Sonderkonto bereit – zusätzlich zu seinem Grundgehalt
von 875 000 Euro. Insgesamt wurden vom Aufsichtsrat
Sondergelder in Höhe von 11,9 Millionen Euro genehmigt,
um die zehn Postbank-Vorstände trotz des Teilverkaufs
an die Deutsche Bank zum Bleiben zu bewegen.
‹Halteprämien›, sagt man im Bankenjargon dazu.»3 Nun
ging ein Aufschrei der Empörung durch Deutschland.
Als besonders pikant wurde empfunden, dass im Postbank-Aufsichtsrat
Vertreter aus dem Haus des deutschen
Finanzministers Peer Steinbrück (SPD) sitzen, denn gerade
die SPD hat die Debatte gegen hohe Managergehälter
und Boni forciert. Der stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende
Joachim Poß monierte: «Eine solche
Sache beschädigt die Glaubwürdigkeit der gesamten Bemühungen,
die in vielen Fällen ungerechtfertigten Bezüge
einzudämmen.» Der haushaltspolitische Sprecher
der CDU, Steffen Kampeter, griff den Finanzminister direkt
an: «Während Steinbrück Wasser predigt, organisieren
seine Mitarbeiter den Wein für die Manager»4
. Die
Apropos 53:
Warum die Einkommenssteuer nicht gerecht ist
«
Apropos
Der Europäer Jg. 13 / Nr. 6/7 / April/Mai 2009 37
Empörung ist in Deutschland inzwischen so groß, dass
Postbankchef Klein zu einem drastischen Schritt bereit
ist, um die Gemüter zu beruhigen: «Wenn der Aufsichtsrat
es will, arbeite ich 2009 auch für ein Jahresgehalt
von einem Euro.»5
Der Bankier und der Wucherer
Das alles kann eigentlich den nicht verwundern, der das
«Geheimnis» zur Kenntnis genommen hat, auf das –
wie in dieser Kolumne schon einmal ausgeführt wurde6
– Rudolf Steiner hingewiesen hat, auf das Geheimnis
nämlich, das «die neuere Menschheit ebenso sorgfältig
(…) gehütet hat, wie gewisse Geheimgesellschaften ihre
‹Zeichen› und ‹Worte› gehütet haben»: dass nach dem
«alten Priestertypus» und dem «ökonomischen Typus»
(seit der Reformation) der Bankier die Herrschaft über
die Menschheit übernommen hat. Mit verblüffenden
Worten hat Steiner in einem Vortrag zum «sozialen Verständnis
aus geisteswissenschaftlicher Erkenntnis» festgehalten:
Im ersten, zweiten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts
wurde «maßgebend der Wucherer, will sagen: der
Bankier. Wenn Sie nämlich eine sachgemäße Definition
suchen würden des Bankiers, dann wird die Geschichte
außerordentlich brenzlig. Wenn man (…) aus wirklich
sozial-ökonomischen Untergründen heraus eine Definition
aufstellt (…) des Bankiers, des großen und des kleinen,
dann soll man nur ja nicht gleichzeitig suchen
nach einer Definition des Wucherers. Denn diese beiden
Definitionen werden einander gleichen; sie können
nur sich einander gleichen.» Vielleicht hat Steiners Hinweis
1919 noch Staunen ausgelöst, heute ist aber für jeden
sichtbar geworden: «Der Bankier wurde der Herrschende»,
der nun «im weiteren Umfange auf alles, was
als soziale Struktur sich herausstellt, auf alle Gesetze der
Länder und so weiter seinen maßgebenden Einfluss ausübt».
Deshalb gilt: «Es ist sehr wichtig, diese Verhältnisse
zu durchschauen. (…) Und man kann nicht die öffentlichen
Angelegenheiten der zivilisierten Welt in der
neuesten Zeit verstehen, wenn man nicht in ihnen eine
Geschichte der Herrschaft des Bankierwesens sieht.»7
Verblüffende Symbiose zwischen den USA und China
Die Herrschaft des Bankierwesens (mit den geschilderten
Gier- und Wucherermomenten) hat in den letzten
Monaten die Wirtschaft weltweit in den Abgrund gerissen
– und zwar so, dass zurzeit ein veritabler Wirtschaftskrieg
tobt, auch wenn dieser von einzelnen
Akteuren hinuntergespielt wird. Dieser zeigt Auswirkungen
etwa in der verblüffenden Symbiose zwischen
den USA und China: «Die beiden Länder sind wegen der
Dimension der finanziellen Verbindungen voneinander
abhängig. (…) China gilt als der größte Gläubiger der
USA und hat Hunderte von Milliarden Dollar in amerikanischen
Staatspapieren angelegt.» Darum hat die
neue amerikanische Außenministerin Hillary Clinton
kürzlich bei ihrem ersten Chinabesuch gesagt, «China
und Amerika würden zusammen aufsteigen oder zusammen
fallen. Die Chinesen als Gläubiger sind nur beschränkt
in einer besseren Lage als der Schuldner, da ein
allfälliger Rückzug als Financier Amerikas den Wert der
eigenen Anlagen in Dollarpapieren stark beeinträchtigen
könnte.»8 Dazu kommt: China und Amerika stoßen
«weltweit die meisten Treibhausgase aus. Eine Kooperation
zwischen den beiden Staaten in der Wirtschaftskrise
und dem Klimaschutz sei deshalb ‹zwingend notwendig›,
sagte Frau Clinton» in Peking.9 Auf diesem
Hintergrund wird auch verständlich, warum die Menschenrechtsproblematik
in China für die USA plötzlich
nicht mehr so wichtig ist: Vor ihrer Ankunft in Peking
hatte Frau Clinton erklärt, «sie wolle Themen wie Menschenrechte,
Tibet und Taiwan zwar ansprechen, diese
sollten die Diskussion über die Wirtschaftskrise, Sicherheitsfragen
und den Klimawandel aber ‹nicht beeinträchtigen›»
– was NGOs wie Amnesty International
und Human Rights Watch «schockiert und äußerst enttäuscht»
hat.
Ein veritabler Wirtschaftskrieg
Nun redet man in den USA selber von einem Wirtschaftskrieg,
obwohl er ja eigentlich dort seinen Ursprung
hat: In der NBC-Fernsehsendung «Meet the
Press» nannte Christina Romer, die den Rat der Wirtschaftsberater
von Präsident Barack Obama leitet, die
gegenwärtigen Vorgänge einen «Krieg an der Wirtschaftsfront».
«Wir haben noch nicht gewonnen. Wir
haben uns nur wunderbar auf dem Schlachtfeld geschlagen»,
sagte sie. Sie schloss sich dabei der Wortwahl
des «Investment-Experten» Warren Buffett (der von anderen
als Super-Spekulant tituliert wird) an, der die wirtschafts-
und finanzpolitischen Probleme der USA als
«Wirtschaftskrieg» bezeichnet hatte.10
Der erste, der in den letzten Wochen von «Wirtschaftskrieg»
sprach, war Eugen Haltiner, der Präsident
der Schweizer Finanzmarktaufsicht (Finma), nachdem
er zulassen musste, dass US-Behörden mit einer Erpressung
den schweizerischen Rechtsstaat aushebelten:
«Wir befinden uns in einem Wirtschaftskrieg, der eben
erst begonnen hat», sagte er im Schweizer Fernsehen.
«Die Schweiz ist ein dankbares Opfer, weil sie klein und
schlecht vernetzt ist.» Mit dem Argument «rechtfertigte
er indirekt das Vorgehen seiner Behörde, die dem amerikanischen
Fiskus Kontodaten amerikanischer UBS-
Apropos
38 Der Europäer Jg. 13 / Nr. 6/7 / April/Mai 2009
Kunden aushändigte, ohne dass diese Gelegenheit hatten,
die ihnen gesetzlich zustehenden Rechtsmittel zu
ergreifen. Finma und Bundesrat seien gegen die ‹Rambo-Methoden›
der US-Justiz machtlos gewesen»11. Dass
gerade die Schweiz so unter Beschuss kam, hängt damit
zusammen, dass sie neben New York und London einer
der größten Finanzplätze der Welt ist. Mit solchen Attacken
kann man diesen Platz schwächen und New York
und London besser positionieren.
Was dahinter steckt
Vordergründig geht es um ein gravierendes Fehlverhalten
einiger UBS-Manager und ums schweizerische Bankgeheimnis.
Mit dem eingangs geschilderten Gier(an)-
trieb haben einige Manager der UBS, der größten
Schweizer Bank und eines der größten Institute der
Welt, amerikanischen Anlegern dazu verholfen, USRecht
zu brechen, um Steuern zu sparen. Die Sache ist
inzwischen so geregelt, dass die UBS eine Buße von 780
Mio. Dollar bezahlen muss. Die USA fordern aber darüber
hinaus die Offenlegung von Bankkundendaten.
Dem stehen jedoch das schweizerische Bankgeheimnis
und Staatsverträge entgegen. Die Schweiz unterscheidet
– theoretisch nachvollziehbar – zwischen «Steuerbetrug»
und «Steuerhinterziehung». Wer Steuerangaben,
Belege und Unterlagen fälscht, begeht Steuerbetrug, der
mit Gefängnis bestraft werden kann. Wer «nur» unvollständig
deklariert (fahrläßig oder absichtlich), begeht
Steuerhinterziehung, die (in der Schweiz) mit Strafsteuern
und einer Buße geahndet wird. Steuerbetrug gilt als
Verbrechen, da erteilt die Schweiz anderen Staaten Auskunft.
Steuerhinterziehung hingegen ist bloß ein Vergehen,
eine Ordnungswidrigkeit, da gibt es keine Auskunftspflicht.
Wie weit dieser Unterschied in der Praxis
nachvollziehbar ist, sei hier dahingestellt. Tatsache ist
aber, dass die Schweiz mit den meisten Staaten Verträge
hat, in denen dieser Sachverhalt geregelt ist. Verträge
kann man ändern, aber man kann sich nicht einfach
darüber hinwegsetzen, wie das die USA – zumindest teilweise
– getan haben. Besonders pikant ist, dass der amerikanische
Finanzminister Timothy Geithner selber als
Steuerhinterzieher enttarnt wurde; das ist der Grund,
warum es mehrere Wochen dauerte, bis er vom Senat als
Minister bestätigt wurde…
Wie die OECD das Recht bricht
Im Gefolge der USA nahmen auch andere Staaten, insbesondere
aus der EU, die Schweiz unter Beschuss, bis
die Regierung eine Lockerung des Bankgeheimnisses ankündigen
musste, um die schweizerische Wirtschaft zu
schützen. Insbesondere wurde die OECD, die Organisation
für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung,
in Paris so manipuliert, dass sie heimlich den Entwurf
einer «Schwarzen Liste unkooperativer Länder in
Steuersachen», sogenannter «Steueroasen», erstellte und
die Schweiz darauf setzte – «völkerrechtswidrig», wie die
Schweizer Regierung protestiert. Denn die Schweiz ist
Mitglied der OECD und hätte zumindest informiert
werden müssen. Im Übrigen können Beschlüsse der
OECD nur einstimmig gefasst werden. Besonders stoßend
ist, dass die schweizerische Wirtschaftsministerin
Vizepräsidentin des OECD-Ministerrates ist, so dass die
Schweiz eigentlich «doppelt» hätte informiert werden
müssen. Es wird interessant sein, zu erfahren, welche
Ganoven für diese Rechtsbrüche verantwortlich sind.12
Wie weit es auch hier um Sonderinteressen geht, wird
sich daran zeigen, wie andere, wirkliche Steueroasen angefasst
werden – z.B. Monaco, von dem Frankreich (mit
dem sowieso nicht glaubwürdigen Schmarotzer Sarkozy)
profitiert, die Kanalinseln (etwa Jersey) oder Bermuda,
die Großbritannien (mit dem Schlitzohr Gordon
Brown) in die Hände spielen. Merkwürdig ist auch die
Aussage von Schweizer Beamten, dass aus Deutschland,
dessen Finanzminister Steinbrück zu den lautesten Polterern
gegen die Schweiz gehört, kaum Gesuche nach
Amtshilfe in Steuersachen kämen…
Steuerparadiese in den USA …
In dieser Diskussion meist vergessen gehen Steuerparadiese
in den USA, beispielsweise Delaware: Delaware
ist bereits seit Jahren der wirtschaftlich erfolgreichste
Bundesstaat der USA. Das reale Bruttoinlandsprodukt
pro Kopf betrug im Jahre 2006 USD 59288 (nationaler
Durchschnitt der 50 US-Bundesstaaten: USD 37714;
nationaler Ranglistenplatz: 1). «Ein Grund für die wirtschaftliche
Stärke Delawares liegt darin, dass dort besonders
günstige steuerliche Bedingungen für Holdinggesellschaften
herrschen, was dazu führt, dass fast alle
großen Firmen der USA in Delaware registriert sind.
Infolge des Delaware-Effekts ist Delaware bekannt als
Sitz von ca. 620 000 Briefkastenfirmen, darunter zahlreichen
großen Konzernen. Delaware gilt als Steueroase:
Neben extrem niedrigen Steuern ist es möglich,
(…) anonym Unternehmen zu gründen. Zur Unternehmensgründung
ist auch kein Grundkapital erforderlich,
und es reicht ein Vorstand aus einer Person. Weite re
Vorteile für Unternehmen sind, dass Vorstandssitzungen
nicht in Delaware stattfinden müssen und dass es
keine Publizitätspflicht gibt.»13
Der große Irrtum Einkommenssteuer
Wer Rudolf Steiner ernst nimmt, wird bald merken, dass
Apropos
Der Europäer Jg. 13 / Nr. 6/7 / April/Mai 2009 39
die weltweite Aufregung um – angebliche oder wirkliche
– «Steueroasen» völlig überflüssig ist, wenn man die
Dinge wirklichkeitsgemäß einrichten würde. Er weist
zunächst ironisch darauf hin, dass jene, «die da glauben»,
vom «wirklichen Leben etwas zu verstehen», es für
«einen großen Fortschritt» halten, «wenn man von allen
möglichen indirekten Steuern oder sonstigen Einnahmen
des Staates übergehe zu der sogenannten Einkommenssteuer,
insbesondere zu der steigenden Einkommenssteuer.
Es denkt heute jeder, es sei selbstverständlich
das Gerechte, das Einkommen zu besteuern.»
Aber diese Vorstellung ist ein großer Irrtum: «Und doch,
so paradox es für den heutigen Menschen klingt, dieser
Gedanke, dass man die gerechte Besteuerung durch die
Besteuerung des Einkommens erreichen könne, rührt
nur von der Täuschung her, die die Geldwirtschaft gebracht
hat.»14
«Geld nimmt man ein. Mit Geld wirtschaftet man.
Durch das Geld befreit man sich von der Gediegenheit
des produktiven Prozesses selbst. Man abstrahiert gewissermaßen
das Geld im Wirtschaftsprozesse, wie man im
Gedankenprozess die Gedanken abstrahiert. Aber geradeso
wenig wie man aus abstrakten Gedanken irgendwelche
wirklichen Vorstellungen und Empfindungen
hervorzaubern kann, so kann man aus dem Gelde etwas
Wirkliches hervorzaubern, wenn man übersieht, dass
das Geld gewissermaßen bloß eine Art Buchhaltung ist,
eine fließende Buchhaltung, dass jedes Geldzeichen stehen
muss für irgendein Gut.»
Steiner hält weiter fest: Eine «Zeit, die nur sieht, wie
das Geld zum selbständigen Wirtschaftsobjekt wird»,
muss «in den Geldeinnahmen dasjenige sehen», «was
man vor allen Dingen besteuern soll. Aber damit macht
man sich ja als der Besteuernde mitschuldig an der abstrakten
Geldwirtschaft! Man besteuert, was eigentlich
kein wirkliches Gut ist, sondern nur Zeichen für ein
Gut. Man arbeitet mit etwas Wirtschaftlich-Abstraktem.»
«Geld wird erst zu einem Wirklichen, wenn es ausgegeben
wird»
Entscheidend ist: «Geld wird erst zu einem Wirklichen,
wenn es ausgegeben wird. Da tritt es über in den Wirtschaftsprozess,
gleichgültig ob ich es für mein Vergnügen
oder für meine leiblichen und geistigen Bedürfnisse
ausgebe, oder ob ich es in einer Bank anlege, so dass es
da für den wirtschaftlichen Prozess verwendet wird.
Wenn ich es in einer Bank anlege, so ist es eine Art von
Ausgabe, die ich mache – das ist natürlich festzuhalten.
Aber Geld wird in dem Augenblicke zu etwas Realem im
Wirtschaftsprozesse, wo es sich von meinem Besitze ablöst,
in den Wirtschaftsprozess übergeht. Die Menschen
brauchten ja auch nur eines zu bedenken: Es nützt dem
Menschen gar nichts, wenn er viel einnimmt. Wenn er
die große Einnahme in den Strohsack legt, so mag er sie
haben; das nützt ihm gar nichts im Wirtschaftsprozess.
Den Menschen nützt nur die Möglichkeit, viel ausgeben
zu können.»
Die Einkommenssteuer als Parasit
des Wirtschaftsgeschehens
Eine Einkommenssteuer ist für Rudolf Steiner ein Parasit
des Wirtschaftsgeschehens: Für «das öffentliche Leben,
für das wirkliche produktive Leben ist das Zeichen
für viele Einnahmen eben, dass man viel ausgeben
kann. Daher muss man, wenn man im Steuersystem
nicht etwas schaffen will, was parasitär am Wirtschaftsprozesse
ist, sondern wenn man etwas schaffen will, was
eine wirkliche Hingabe des Wirtschaftsprozesses an die
Allgemeinheit ist, das Kapital in dem Augenblicke versteuern,
in dem es in den Wirtschaftsprozess übergeführt
wird. Und das Sonderbare stellt sich heraus, dass
die Einnahmesteuer verwandelt werden muss in eine
Ausgabensteuer – die ich bitte, nicht zu verwechseln mit
indirekter Steuer. Indirekte Steuern treten in der Gegenwart
oftmals als Wünsche gewisser Regierender nur aus
dem Grunde hervor, weil man an den direkten Steuern,
an den Einnahmesteuern gewöhnlich nicht genug hat.
Nicht um indirekte Steuern und nicht um direkte Steuern
handelt es sich, indem hier von Ausgabensteuer gesprochen
wird, sondern darum handelt es sich, dass dasjenige,
was ich erworben habe, in dem Momente, wo es
übergeht in den Wirtschaftsprozess, wo es produktiv
wird, auch besteuert wird.»
Ausgaben- statt Einkommenssteuer!
Rudolf Steiner präzisiert: «Gerade an dem Steuerbeispiel
sieht man, wie ein Umlernen und Umdenken notwendig
ist. Der Glaube, dass es auf eine Einnahmesteuer
vorzugsweise ankomme, ist eine Begleiterscheinung jenes
Geldsystems, das in der modernen Zivilisation seit
der Renaissance und Reformation herauf gekommen ist.
Wenn man das Wirtschaftsleben auf seine eigene Basis
stellt, dann wird es sich nur darum handeln können,
dass das, was wirklich wirtschaftet, was darinnensteckt
im Produktionsprozess, die Mittel zur Arbeit desjenigen
hergibt, was der Gemeinschaft notwendig ist. Dann
wird es sich handeln um eine Ausgabensteuer, niemals
um eine Einkommenssteuer.»
Mit Blick auf die Politiker hält Rudolf Steiner sodann
fest: «Wer heute solche Dinge ausspricht, der weiß ganz
gut, dass er Anstoß erregen muss nach links und nach
Der Musiker Hans-Georg Burghardt
40 Der Europäer Jg. 13 / Nr. 6/7 / April/Mai 2009
rechts, dass ihm zunächst kaum irgend jemand Recht
geben wird, denn alle diese Angelegenheiten sind untergetaucht
in die Sphäre der Parteimeinung. Aber nicht
früher ist ein Heil zu erhoffen, bevor diese Angelegenheiten
nicht wieder aufsteigen aus dem Gebiete, wo die
Leidenschaften der Parteien wüten, in das Gebiet des
sachlichen, des wirklich dem Leben entnommenen
Denkens. Und das möchte man so gern: dass die Menschen,
indem sie der Dreigliederung des sozialen Organismus
entgegentreten, nicht urteilen nach Parteischablonen,
nach Parteiprinzipien, sondern dass sie zu
Hilfe nehmen zu ihren Urteilen den Wirklichkeitsinstinkt.»
Man sieht: Die Sache ist – angesichts unserer Denkgewohnheiten
– nicht ganz einfach, wir müssen eben
«umdenken» und «umlernen». Klar ist: Statt einer Einkommens-
braucht es eine Ausgabensteuer, die aber
nicht den Charakter der heutigen Mehrwertsteuer haben
kann.
Boris Bernstein
1 Anne T.: Die Gier war grenzenlos. Eine deutsche
Börsenhändlerin packt aus; Berlin März 2009.
2 http://www.faz.net 7.3.2009.
3 Spiegel Online, 10.3.2009.
4 http://www.faz.net 11.3.2009.
5 Spiegel Online, 13.3.2009.
6 Siehe Apropos 49.
7 Rudolf Steiner, GA 191, 19.10.1919.
8 Neue Zürcher Zeitung, 14.3.2009.
9 http://www.faz.net 21.2.2009.
10 AP-Meldung vom 15.3.2009.
11 Börsen-Zeitung, 26.2.2009.
12 http://www.tagesanzeiger.ch 14.3.2009.
13 http://de.wikipedia.org/wiki/Delaware (27.2.2009).
14 Rudolf Steiner, GA 332a, 25.10.1919.
Hans-Georg Burghardt
ein vornehmer Hüter einer Tonsprache der klassischen Moderne 1
Zum 100. Geburtstag
Hans-Georg Burghardt wurde am 7. Februar 1909 in
Breslau geboren. Wie die Mutter berichtete, läuteten
zu seiner Geburt die Glocken, es war Sonntag.
Hans-Georg wuchs in einem kunstoffenen Elternhaus
auf, wo viel gesungen und musiziert wurde. Der
Knabe war vielseitig künstlerisch begabt und legte mit
16 Jahren bereits erste Klavierkompositionen vor.
Wenig später kam er durch den dortigen Priester
der Christengemeinschaft Rudolf
Meyer mit der Anthroposophie in
Berührung, was für sein weiteres
Leben von entscheidender Bedeutung2
wurde.
Das musikalische Rüstzeug in den
Fächern Kontrapunkt und Komposition
erwarb er sich am Breslauer
Tonkünstlerseminar, wobei er seine
Bildung durch das Universitäts-Studium
(Kunstgeschichte, Philosophie
u.a.) erweiterte. Seine pianistische
Ausbildung vollendete er bei dem
bekannten polnischen Pianisten
Bronislav von Pozniak, der gerne als
«Enkelschüler von Chopin» bezeichnet
wird. Schon mit 18 Jahren
entwickelte er einen Schaffensplan, den er auch im
Alter noch als gültig befand.
Mit 20 Jahren wurde Burghardt Mitglied der Anthroposophischen
Gesellschaft. In einem Aufsatz von 1992
schreibt er: «Vor dem allgemeinen Sturz in den Atheismus
bin ich durch die Anthroposophie bewahrt worden
(…) Es enthüllte sich ein grandioses Weltbild. Dazu kam,
dass ich meinen Freund Gerhard Reisch kennenlernte,
einen hervorragenden Kunstmaler
und Anthroposophen. In einer Breslauer
Ausstellung seiner Bilder begeisterte
mich besonders ein großes
Michaelsgemälde, das er mir später
schenkte und das dann bis zur Zerstörung
unseres Hauses im II. Weltkrieg
in meinem Zimmer hing.
Mehr und mehr erfüllte mich die
Tatsache von dem Anbruch eines
neuen Michaeli-Zeitalters, wie es
Rudolf Steiner verkündet hatte. Da
fasste ich den Entschluss, einen Zyklus
von Klaviersonaten zu komponieren,
der aus dem Michaelsimpuls
gestaltet sein sollte (…) Die 1. Klaviersonate
(1934) bezeichnete der
Hans-Georg Burghardt als junger Mann

Wolfgang Peter – Individuum und Gemeinschaft

31 Ago

1
Individuum und Gemeinschaft
Rudolf Steiners Ideen zur Dreigliederung des sozialen Organismus und die wirtschaftlichen,
politischen und kulturellen Herausforderungen unserer Zeit.
Vortrag im Brunner Heimathaus, 27. März 2014
Wolfgang Peter
Das soziologische Grundgesetz
Schon vor seiner eigentlichen anthroposophischen Tätigkeit hat Rudolf Steiner folgendes
Soziologische Grundgesetz formuliert, nach dem alle moderne kulturelle Entwicklung auf die freie
Entfaltung des Individuums zielt:
“Die Menschheit strebt im Anfange der Kulturzustände nach Entstehung sozialer Verbände;
dem Interesse dieser Verbände wird zunächst das Interesse des Individuums geopfert; die
weitere Entwicklung führt zur Befreiung des Individuums von dem Interesse der Verbände
und zur freien Entfaltung der Bedürfnisse und Kräfte des Einzelnen.” (Lit.: GA 31, S 251)
Die Gemeinschaft der freien, schöpferisch tätigen Individuen bildet im Rahmen der sozialen
Dreigliederung die Grundlage des freien Geisteslebens.
Das soziale Hauptgesetz
Rudolf Steiner nennt folgendes soziale Hauptgesetz, dass aller menschlichen Arbeit zugrunde liegen
muss, wenn sie sich als heilsam für den sozialen Organismus erweisen soll:
“«Das Heil einer Gesamtheit von zusammenarbeitenden Menschen ist um so größer, je
weniger der einzelne die Erträgnisse seiner Leistungen für sich beansprucht, das heißt, je
mehr er von diesen Erträgnissen an seine Mitarbeiter abgibt, und je mehr seine eigenen
Bedürfnisse nicht aus seinen Leistungen, sondern aus den Leistungen der anderen befriedigt
werden.» Alle Einrichtungen innerhalb einer Gesamtheit von Menschen, welche diesem
Gesetz widersprechen, müssen bei längerer Dauer irgendwo Elend und Not erzeugen ‐ Dieses
Hauptgesetz gilt für das soziale Leben mit einer solchen Ausschließlichkeit und
Notwendigkeit, wie nur irgendein Naturgesetz in bezug auf irgendein gewisses Gebiet von
Naturwirkungen gilt. Man darf aber nicht denken, daß es genüge, wenn man dieses Gesetz
als ein allgemeines moralisches gelten läßt oder es etwa in die Gesinnung umsetzen wollte,
daß ein jeder im Dienste seiner Mitmenschen arbeite. Nein, in der Wirklichkeit lebt das
Gesetz nur so, wie es leben soll, wenn es einer Gesamtheit von Menschen gelingt, solche
Einrichtungen zu schaffen, daß niemals jemand die Früchte seiner eigenen Arbeit für sich
selber in Anspruch nehmen kann, sondern doch diese möglichst ohne Rest der Gesamtheit
zugute kommen. Er selbst muß dafür wiederum durch die Arbeit seiner Mitmenschen
erhalten werden. Worauf es also ankommt, das ist, daß für die Mitmenschen arbeiten und
ein gewisses Einkommen erzielen zwei voneinander ganz getrennte Dinge seien.” (Lit.: GA 34,
S 213)
Das soziale Hauptgesetz bildet die Grundlage für ein gesundes, brüderliches Wirtschaftsleben im
Sinne der sozialen Dreigliederung.
Das Urphänomen der Sozialwissenschaft
Das Urphänomen der Sozialwissenschaft ist von fundamentaler Bedeutung für das soziale
Zusammensein der Menschen. Rudolf Steiner hat dieses soziale Urphänomen ganz knapp so
beschrieben:
2
“… daß wenn Mensch dem Menschen gegenübersteht, der eine Mensch immer
einzuschläfern bemüht ist, und der andere Mensch sich immerfort aufrecht erhalten will. Das
ist aber, um im Goetheschen Sinne zu sprechen, das Urphänomen der Sozialwissenschaft.”
(Lit.: GA 186, S 175)
Der zwischenmenschliche Verkehr der Menschen miteinander ist notwendig aus sozialen und
antisozialen Impulsen gleichermaßen gemischt. Ich kann mir ein tieferes soziales Verständnis für den
anderen Menschen nur erwerben, wenn ich mich gleichsam von ihm einschläfern lasse und völlig
selbstvergessen, d.h. ohne mein eigenes Wesen geltend zu machen, intuitiv in sein Wesen eintauche.
Nur indem ich so mit meinem Bewusstsein, schlafend für mich selbst, ganz im anderen Menschen
aufgehe, bin ich sozial. Das ist auch die Grundlage für echtes Mitgefühl. Ich muss aber umgekehrt
auch wieder für mich selbst erwachen und mein eigenes Wesen geltend machen. Dann bin ich aber
antisozial. Ich muss es, ohne dass daran irgend etwas zu tadeln wäre, notwendig sein, wenn meine
eigene Individualität im sozialen Kontakt nicht völlig ausgelöscht werden soll. Nur in diesem
rhythmischen Wechselschlag sozialer und antisozialer Impulse kann sich das soziale Leben fruchtbar
entfalten.
Der dreigliedrige soziale Organismus
Der soziale Organismus, der den zentral verwalteten Einheitsstaat ablöst, soll nach dem Muster des
dreigliedrigen menschlichen Organismus aus dem lebendigen Zusammenwirken von drei
selbstständigen Gliedern entstehen, nämlich dem Wirtschafts‐, dem Rechts‐ und dem Geistesleben.
Das Wirtschaftsleben ist dabei vergleichbar dem Nerven‐Sinnessystem, das Rechtsleben dem
Rhythmischen System und das Geistesleben dem Stoffwechselsystem.
 Das Wirtschaftsleben entfaltet sich auf der Grundlage des nutzbaren Bodens im Kreislauf der
Warenherstellung, des Vertriebs (Handel) und des Verbrauchs (Konsum). Es soll nach dem
Prinzip der Brüderlichkeit durch Assoziationen geregelt werden.
 Das Rechtsleben umfasst das eigentlich Politische und das Verwaltungsrecht und regelt das
Verhältnis von Mensch zu Mensch nach dem Prinzip der Gleichheit.
 Das auf Freiheit gegründete Geistesleben wird nicht staatlich reglementiert und umfasst das
gesamte Bildungswesen, Kunst, Religion, technische Erfindungen aber auch das Privat‐ und
Strafrecht.
Aufsteigende und absteigende Kräfte
“Der soziale Organismus stirbt zwar nicht, dadurch unterscheidet er sich zum Beispiel von dem
menschlichen Organismus, aber er wandelt sich, und aufsteigende und absteigende Kräfte sind ihm
naturgemäß. Nur der begreift den sozialen Organismus, der weiß: wenn man die besten Absichten
verwirklicht und irgend etwas auf irgendeinem Gebiet des sozialen Lebens herstellt, was aus den
Verhältnissen heraus gewonnen ist, wird es nach einiger Zeit dadurch, daß Menschen mit ihren
Individualitäten drinnen arbeiten, Absterbekräfte, Niedergangskräfte zeigen. Was für das Jahr
zwanzig eines Jahrhunderts das Richtige ist, das hat sich bis zum Jahre vierzig desselben Jahrhunderts
so verwandelt, daß es bereits seine Niedergangskräfte in sich enthält.” (Lit.: GA 83, S 284)
Grund und Boden sind keine Ware
Grund und Boden sind keine Ware, sie können vom Menschen nicht hervorgebracht und vermehrt,
sondern nur bearbeitet werden; erst was dadurch entsteht erhält den Warencharakter.
„Wenn jemand durch Kauf ein Grundstück erwirbt, so muss das als ein Tausch des
Grundstückes gegen Waren, für die das Kaufgeld als Repräsentant zu gelten hat, angesehen
werden. Das Grundstück selber aber wirkt im Wirtschaftsleben nicht als Ware. Es steht in
dem sozialen Organismus durch das Recht darinnen, das der Mensch auf seine Benützung
hat. Dieses Recht ist etwas wesentlich anderes als das Verhältnis, in dem sich der Produzent
einer Ware zu dieser befindet. In dem letzteren Verhältnis liegt es wesenhaft begründet, dass
3
es nicht übergreift auf die ganz anders geartete Beziehung von Mensch zu Mensch, die
dadurch hergestellt wird, dass jemandem die alleinige Benützung eines Grundstückes
zusteht. Der Besitzer bringt andere Menschen, die zu ihrem Lebensunterhalt von ihm zur
Arbeit auf diesem Grundstück angestellt werden, oder die darauf wohnen müssen, in
Abhängigkeit von sich. Dadurch, dass man gegenseitig wirkliche Waren tauscht, die man
produziert oder konsumiert, stellt sich eine Abhängigkeit nicht ein, welche in derselben Art
zwischen Mensch und Mensch wirkt.“ (Lit.: GA 23, S 69ff)
Arbeit darf nicht zur Ware werden
Der Begriff der menschlichen Arbeit umfasst ganz allgemein alle zielgerichteten, zweckgebundenen
menschlichen Tätigkeiten, deren Sinn sich nicht in der Tätigkeit selbst erschöpft, und unterscheidet
sich dadurch vom Spiel, bei dem eine solche zielgerichtete Zweckorientierung nicht vorliegt.
Volkswirtschaftlich gesehen ist eine menschliche Tätigkeit darüber hinaus nur insofern als Arbeit
aufzufassen, als das Produkt der menschlichen Tätigkeit, bestimmte eigene (Selbstversorgung) oder
fremde menschliche Bedürfnisse befriedigen kann. Erst durch die Konsumfähigkeit des Produkts
ergibt sich der volkswirtschaftliche Wert der Arbeit:
“Ein Begriff der Arbeit ist sehr leicht zu bilden im volkswirtschaftlichen Sinn. Er liegt dann vor,
wenn man ein Naturprodukt vor sich hat, das durch menschliche Tätigkeit verändert worden
ist mit dem Zweck, konsumiert zu werden. Es muß wenigstens konsumfähig gemacht werden,
denn dann hat es den Wert.” (Lit.: GA 341, S 59f)
Arbeitsteilung
Die menschliche Arbeit ist im Zuge der Kulturentwicklung von der bloßen Selbstversorgung zur
weitreichenden Arbeitsteilung vorangeschritten:
„Arbeitsteilung bewirkt in einer richtigen Weise die Verbilligung der Produkte. Tendenzen
gegen die Arbeitsteilung (durch Selbstversorgung) wirken umgekehrt die Produkte
verteuernd.” (Lit.: GA 340, S 52)
Im Zuge der Fragenbeantwortung im nationalökonomischen Seminar (GA 341), das Steiner zu seinem
nationalökonomischen Kurs hielt, wird das Beispiel eines Schneiders diskutiert, der auch für sich
selbst einen Rock näht, statt ihn auf dem Markt käuflich zu erwerben. Solche Selbstversorgung
bedeute volkswirtschaftlich eine Verteuerung der Schneiderware. Gegen Einwände, daß es doch
nicht so viel ausmache, argumentiert Steiner unter anderem auch:
“Dagegen wird der Posten schon sehr, sehr beträchtlich, wenn es sich um weitere
Arbeitsteilung handelt, wenn also der Schneider sonst überhaupt nicht mehr ganze Anzüge
fabriziert, sondern nur Teilgebiete. Dann wird er, wenn er sich einen eigenen Anzug
fabrizieren will, ganz wesentlich teurer kommen, als wenn er sich die Sache irgendwo kauft.
Ich sagte ja, es ist eben ein radikales Beispiel, das nur eine prinzipielle Bedeutung hat. Aber
was später bei weiterer Arbeitsteilung stark hervortritt, das gilt auch schon ganz am
Ausgangspunkt der Arbeitsteilung.” GA 341, S 044f.
Dieser rein ökonomische Effizienzgesichtspunkt ist allerdings nicht absolut zu setzen; wie die
Arbeitsteilung gestaltet wird, könne auch durch andere Gesichtspunkte, z.B. ästhetische,
mitbestimmt sein:
“Frage: Wie verhält es sich bei Modestücken?
Rudolf Steiner: Da stehen wir aber jetzt auf ästhetischem Gebiet, nicht mehr auf
wirtschaftlichem. Ich wollte gar nicht die Frage berühren, ob es nicht vielleicht
außerordentlich gut wäre, wenn auf gewissen Gebieten die Arbeitsteilung vermieden würde.
Ich bin sogar dagegen, daß auf allen Gebieten die Arbeitsteilung durchgeführt wird, aber
nicht aus wirtschaftlichen Gründen, sondern aus Geschmacksgründen. Ich finde es sogar
4
greulich, wenn die Arbeitsteilung bis ins einzelnste zum Beispiel für die menschliche Kleidung
durchgeführt wird. Aber da müssen wir sagen: Wir müssen selbstverständlich das freie
Geistesleben geltend machen, das uns natürlich zunächst etwas kosten würde. Es würde
einzelne Dinge verteuern, aber es würde ein Ausgleich stattfinden, trotzdem einzelne
Produkte, die man nicht in die Arbeitsteilung einbezieht, teurer werden. Das bitte ich nicht so
zu verstehen, daß ich ein Fanatiker werden will. …” GA 341, S 049f.
“Man spricht viel von der modernen Arbeitsteilung, von deren Wirkung als Zeitersparnis,
Warenvollkommenheit, Warenaustausch und so weiter; aber man berücksichtigt wenig, wie
sie das Verhältnis des einzelnen Menschen zu seiner Arbeitsleistung beeinflusst. Wer in
einem auf Arbeitsteilung eingestellten sozialen Organismus arbeitet, der erwirbt eigentlich
niemals sein Einkommen selbst, sondern er erwirbt es durch die Arbeit aller am sozialen
Organismus Beteiligten. Ein Schneider, der sich zum Eigengebrauch einen Rock macht, setzt
diesen Rock zu sich nicht in dasselbe Verhältnis wie ein Mensch, der in primitiven Zuständen
noch alles zu seinem Lebensunterhalte Notwendige selbst zu besorgen hat. Er macht sich den
Rock, um für andere Kleider machen zu können; und der Wert des Rockes für ihn hängt ganz
von den Leistungen der andern ab. Der Rock ist eigentlich Produktionsmittel. Mancher wird
sagen, das sei eine Begriffsspalterei. Sobald er auf die Wertbildung der Waren im
Wirtschaftskreislauf sieht, wird er diese Meinung nicht mehr haben können. Dann wird er
sehen, dass man in einem Wirtschaftsorganismus, der auf Arbeitsteilung beruht, gar nicht für
sich arbeiten kann. Man kann nur für andere arbeiten, und andere für sich arbeiten lassen.
Man kann ebensowenig für sich arbeiten, wie man sich selbst aufessen kann. Aber man kann
Einrichtungen herstellen, welche dem Wesen der Arbeitsteilung widersprechen. Das
geschieht, wenn die Gütererzeugung nur darauf eingestellt wird, dem einzelnen Menschen
als Eigentum zu überliefern, was er doch nur durch seine Stellung im sozialen Organismus als
Leistung erzeugen kann. Die Arbeitsteilung drängt den sozialen Organismus dazu, dass der
einzelne Mensch in ihm lebt nach den Verhältnissen des Gesamtorganismus; sie schließt
wirtschaftlich den Egoismus aus. Ist dann dieser Egoismus doch vorhanden in Form von
Klassenvorrechten und dergleichen, so entsteht ein sozial unhaltbarer Zustand, der zu
Erschütterungen des sozialen Organismus führt. In solchen Zuständen leben wir
gegenwärtig.” (Lit.: GA 023, S 133f)
Im gesunden sozialen Organismus darf die Arbeit nicht mehr zur Ware werden, sondern muss den
Charakter eines Rechtes bekommt, das im Rechtsleben verankert ist und nicht im Wirtschaftsleben.
Wenn die Arbeitskraft als Ware angesehen wird, so ist das eine heute nicht mehr berechtigte
Erbschaft, die auf die Leibeigenschaft des Mittelalters und auf das Sklavenwesen des Altertums
zurückführen ist.
Geld
Geld (ahd. gelt ,Vergeltung, Vergütung, Einkommen‘ oder ,Wert‘[1]) ist im gesunden sozialen
Organismus nur ein Wertäquivalent, ein Wertmesser für eine Waren‐ oder Dienstleistung.
“Das Geld ist nichts anderes als der äußerlich ausgedrückte Wert, der durch Arbeitsteilung
erwirtschaftet ist und der von einem auf den anderen übertragen wird.” (Lit.: GA 340, S 57)
“Was ist eigentlich für den heutigen sozialen Organismus das Geld? Es ist das Mittel, um
gemeinsame Wirtschaft zu führen. Stellen Sie sich nur einmal die ganze Funktion des Geldes
vor. Sie besteht darinnen, daß ich einfach für dasjenige, was ich selber arbeite, Anweisung
habe auf irgend etwas anderes, was ein anderer arbeitet. Und sobald Geld etwas anderes ist
als diese Anweisung, ist es unberechtigt im sozialen Organismus.” (Lit.: GA 329, S 140)
Geld ist realisierter Geist “Wir sehen also im Verfolg der Arbeitsteilung den Kapitalismus auftreten, wir sehen im
Verfolg des Kapitalismus, und zwar ziemlich bald, auftreten die Geldwirtschaft. Das Geld ist
5
gegenüber den besonderen wirtschaftlichen Geschehnissen ein vollständiges Abstraktum.
Wenn Sie fünf Franken in der Tasche haben, können Sie sich dafür ebensowohl ein
Mittagsmahl kaufen und ein Abendbrot, wie Sie sich einen Anzugsteil kaufen können. Für das
Geld ist es irrelevant, was dafür erworben wird, gegen was es sich im volkswirtschaftlichen
Prozeß austauscht. Das Geld ist das für die einzelnen Volkswirtschaftsfaktoren, insofern sie
noch von der Natur beeinflußt sind, absolut Gleichgültige. Deshalb wird das Geld aber der
Ausdruck, die Handhabe, das Mittel für den Geist, um einzugreifen in den
volkswirtschaftlichen Organismus, der in der Arbeitsteilung steht.
Ohne daß das Geld geschaffen wird, ist es überhaupt nicht möglich, daß der Geist eingreift in
den volkswirtschaftlichen Organismus, wenn wir von der Arbeitsteilung sprechen. So können
wir sagen: Da wird dasjenige, was ursprünglich zusammen ist im volkswirtschaftlichen
Zustand, was jeder einzelne in seinem Egoismus erarbeitet, das wird verteilt auf die
Gesamtheit. ‐ So ist es ja in der Arbeitsteilung. Im Kapital werden Einzelheiten wiederum
zusammengefaßt zu einem Gesamtprozeß. Die Kapitalbildung ist eine Synthese, durchaus
eine Synthese. So wird derjenige, der in dieser Art als Kapitalbildner aufgetreten ist, der
durch die Notwendigkeit des Auftretens des Geldes eben sein Kapital in Geldkapital
verwandeln kann, der wird zum Leiher für einen, der nichts anderes hat als Geist. Der
empfängt das Geld. Das ist der richtige Repräsentant von durch den Geist aufgebrachten
wirtschaftlichen Werten.
Wir müssen die Sache durchaus volkswirtschaftlich betrachten. Es mag religiös und ethisch
das Geld eine noch so schlimme Sache sein; im volkswirtschaftlichen Sinn ist das Geld der in
dem volkswirtschaftlichen Organismus drinnen wirksame Geist. Es ist nicht anders. Also, es
muß im volkswirtschaftlichen Prozeß das Geld geschaffen werden, damit überhaupt der Geist
seinen Fortschritt findet von dem Ausgangspunkt aus, wo er sich nur an die Natur wendet. Er
würde in primitiven Zuständen bleiben, wenn er sich nur auf die Natur anwenden würde. Er
muß, um nun auch die Errungenschaft des Geistigen in den volkswirtschaftlichen Prozeß
wiederum hineinzugießen, als Geld sich realisieren. Geld ist realisierter Geist. Es kommt aber
gleich wieder das Konkrete herein. Zunächst ist das Geld ein Abstraktum, von dem man sagen
kann: Es ist gleich, ob ich mir um fünf Franken einen Teil des Anzugs kaufe oder die Haare
schneiden lasse ‐ es braucht ja nicht ein einziger Haarschnitt zu sein ‐, ich meine, für das Geld
ist es gleichgültig. Aber indem das Geld an die Person des Menschen und damit an den Geist
des Menschen zurückkommt, in dem Moment wird das Geld dasjenige, was nun wiederum in
seiner konkreten besonderen Tatsache volkswirtschaftlich tätig ist. Das heißt: der Geist ist in
dem Geld drinnen volkswirtschaftlich tätig.” (Lit.: GA 340, S 57ff)
Abnützung des Geldes So wie sich die Waren im Laufe der Zeit abnützen, so wird sich im gesunden sozialen Organismus
auch das Geld, das deren Wertmesser ist, abnützen müssen:
“Das Geld wird im gesunden sozialen Organismus wirklich nur Wertmesser sein; denn hinter
jedem Geldstück oder Geldschein steht die Warenleistung, auf welche hin der Geldbesitzer
allein zu dem Gelde gekommen sein kann. Es werden sich aus der Natur der Verhältnisse
heraus Einrichtungen notwendig machen, welche dem Gelde für den Inhaber seinen Wert
benehmen, wenn es die eben gekennzeichnete Bedeutung verloren hat. Auf solche
Einrichtungen ist schon hingewiesen worden. Geldbesitz geht nach einer bestimmten Zeit in
geeigneter Form an die Allgemeinheit über. Und damit Geld, das nicht in
Produktionsbetrieben arbeitet, nicht mit Umgehung der Maßnahmen der
Wirtschaftsorganisation von Inhabern zurückbehalten werde, kann Umprägung oder
Neudruck von Zeit zu Zeit stattfinden. Aus solchen Verhältnissen heraus wird sich allerdings
auch ergeben, dass der Zinsbezug von einem Kapitale im Laufe der Jahre sich immer
verringere. Das Geld wird sich abnützen, wie sich Waren abnützen. Doch wird eine solche
vom Staate zu treffende Maßnahme gerecht sein. «Zins auf Zins» wird es nicht geben
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können. Wer Ersparnisse macht, hat allerdings Leistungen vollbracht, die ihm auf spätere
Waren‐Gegenleistungen Anspruch machen lassen, wie gegenwärtige Leistungen auf den
Eintausch gegenwärtiger Gegenleistungen; aber die Ansprüche können nur bis zu einer
gewissen Grenze gehen; denn aus der Vergangenheit herrührende Ansprüche können nur
durch Arbeitsleistungen der Gegenwart befriedigt werden. Solche Ansprüche dürfen nicht zu
einem wirtschaftlichen Gewaltmittel werden. Durch die Verwirklichung solcher
Voraussetzungen wird die Währungsfrage auf eine gesunde Grundlage gestellt. Denn
gleichgültig wie aus andern Verhältnissen heraus die Geldform sich gestaltet: Währung wird
die vernünftige Einrichtung des gesamten Wirtschaftsorganismus durch dessen Verwaltung.
Die Währungsfrage wird niemals ein Staat in befriedigender Art durch Gesetze lösen;
gegenwärtige Staaten werden sie nur lösen, wenn sie von ihrer Seite auf die Lösung
verzichten und das Nötige dem von ihnen abzusondernden Wirtschaftsorganismus
überlassen.” (Lit.: GA 023, S 132f)
Beispiel: das Wörgler Schwundgeldexperiment (1932/33) das durchaus erfolgreich war, aber durch
die Klage der Österreichischen Nationalbank beendet werden musste.
Steuerrecht
Der Staat kann seine Aufgaben nur durch entsprechende Steuern erfüllen; diese sollten aber nicht
von den Einnahmen, sondern nur von den Ausgaben eingehoben werden, denn nur das ausgegebene
Geld wird im sozialen Organismus tätig.
“Man wird einsehen, daß es für das soziale Leben als solches, für das Leben des Menschen im
sozialen Organismus bedeutungslos ist, wenn der Mensch Geld einnimmt. Denn indem der
Mensch Geld einnimmt, sondert er sich aus dem sozialen Organismus heraus, und dem
sozialen Organismus kann das höchst gleichgültig sein. Es hat nämlich gar keine Bedeutung
für seine Funktionen, was der Mensch einnimmt, sondern der Mensch wird erst ein soziales
Wesen, indem er ausgibt. Beim‐Ausgeben erst fängt der Mensch an in sozialer Weise zu
wirken. Und da handelt es sich darum, daß gerade beim Ausgeben ‐ ich denke nicht an
indirekte Steuern, sondern an Ausgabensteuern, was davon ganz verschieden ist ‐, daß
gerade beim Ausgeben das Steuerzahlen einsetzen muß.” (Lit.: GA 189, S 112)
„Geld nimmt man ein. Mit Geld wirtschaftet man. Durch das Geld befreit man sich von der
Gediegenheit des produktiven Prozesses selbst. Man abstrahiert gewissermaßen das Geld im
Wirtschaftsprozesse, wie man im Gedankenprozeß die Gedanken abstrahiert. Aber
geradesowenig wie man aus abstrakten Gedanken irgendwelche wirklichen Vorstellungen
und Empfindungen hervorzaubern kann, so kann man aus dem Gelde etwas Wirkliches
hervorzaubern, wenn man übersieht, daß das Geld bloß ein Zeichen ist für Güter, die
produziert werden, daß das Geld gewissermaßen bloß eine Art Buchhaltung ist, eine
fließende Buchhaltung, daß jedes Geldzeichen stehen muß für irgendein Gut.
Auch darüber soll noch im genaueren in den folgenden Tagen gesprochen werden. Heute
aber muß gesagt werden, daß eine Zeit, die nur sieht, wie das Geld zum selbständigen
Wirtschaftsobjekt wird, daß eine solche Zeit in den Geldeinnahmen dasjenige sehen muß,
was man vor allen Dingen besteuern soll. Aber damit macht man sich ja als der Besteuernde
mitschuldig an der abstrakten Geldwirtschaft! Man besteuert, was eigentlich kein wirkliches
Gut ist, sondern nur Zeichen für ein Gut. Man arbeitet mit etwas Wirtschaftlich‐Abstraktem.
Geld wird erst zu einem Wirklichen, wenn es ausgegeben wird. Da tritt es über in den
Wirtschaftsprozeß, gleichgültig ob ich es für mein Vergnügen oder für meine leiblichen und
geistigen Bedürfnisse ausgebe, oder ob ich es in einer Bank anlege, so daß es da für den
wirtschaftlichen Prozeß verwendet wird. Wenn ich es in einer Bank anlege, so ist es eine Art
von Ausgabe, die ich mache ‐ das ist natürlich festzuhalten. Aber Geld wird in dem
Augenblicke zu etwas Realem im Wirtschaftsprozesse, wo es sich von meinem Besitze ablöst,
in den Wirtschaftsprozeß übergeht. Die Menschen brauchten ja auch nur eines zu bedenken:
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Es nützt dem Menschen gar nichts, wenn er viel einnimmt. Wenn er die große Einnahme in
den Strohsack legt, so mag er sie haben; das nützt ihm gar nichts im Wirtschaftsprozeß. Den
Menschen nützt nur die Möglichkeit, viel ausgeben zu können.
Und für das öffentliche Leben, für das wirkliche produktive Leben ist das Zeichen für viele
Einnahmen eben, daß man viel ausgeben kann. Daher muß man, wenn man im Steuersystem
nicht etwas schaffen will, was parasitär am Wirtschaftsprozesse ist, sondern wenn man etwas
schaffen will, was eine wirkliche Hingabe des Wirtschaftsprozesses an die Allgemeinheit ist,
das Kapital in dem Augenblicke versteuern, in dem es in den Wirtschaftsprozeß übergeführt
wird. Und das Sonderbare stellt sich heraus, daß die Einnahmesteuer verwandelt werden
muß in eine Ausgabensteuer ‐ die ich bitte, nicht zu verwechseln mit indirekter Steuer.
Indirekte Steuern treten in der Gegenwart oftmals als Wünsche gewisser Regierender nur aus
dem Grunde hervor, weil man an den direkten Steuern, an den Einnahmesteuern gewöhnlich
nicht genug hat. Nicht um indirekte Steuern und nicht um direkte Steuern handelt es sich,
indem hier von Ausgabensteuer gesprochen wird, sondern darum handelt es sich, daß
dasjenige, was ich erworben habe, in dem Momente, wo es übergeht in den
Wirtschaftsprozeß, wo es produktiv wird, auch besteuert wird.
Gerade an dem Steuerbeispiel sieht man, wie ein Umlernen und Umdenken notwendig ist.
Der Glaube, daß es auf eine Einnahmesteuer vorzugsweise ankomme, ist eine
Begleiterscheinung jenes Geldsystems, das in der modernen Zivilisation seit der Renaissance
und Reformation heraufgekommen ist. Wenn man das Wirtschaftsleben auf seine eigene
Basis stellt, dann wird es sich nur darum handeln können, daß das, was wirklich wirtschaftet,
was darinnensteckt im Produktionsprozeß, die Mittel zur Arbeit desjenigen hergibt, was der
Gemeinschaft notwendig ist. Dann wird es sich handeln um eine Ausgabensteuer, niemals
um eine Einkommenssteuer.” (Lit.: GA 332a, S 60ff)
Kapital
Das Kapital (von lat. caput, “Kopf”) ist der Geist des Wirtschaftslebens. Durch das Kapital ragt das
Geistesleben in das Wirtschaftsleben organisierend herein.
“Das Geistesleben, wie ich es meine, ist in meinen «Kernpunkten der Sozialen Frage» so
geschildert, daß es werden muß zum Regulator gerade des Kapitals. Dann wird das, was für
die neuere Entwicklung notwendig ist, die Anhäufung von Kapital oder Produktionsmitteln,
durch den Geist ‐ der es durchleuchtet, wenn der Geist in seiner Freiheit, in seiner
Fruchtbarkeit, in seinem Fortschreiten von Generation zu Generation neu sich bilden wird ‐,
dann wird das Kapital durch den Geist auch das in sich tragen, was zum Beispiel Keynes und
andere vermissen: Moralität. Und dann wird im Wirtschaftsleben nicht ein auf Egoismus und
nur Selbsterwerb gestellter Kapitalismus leben, dann wird ein geistdurchtränkter
Kapitalismus leben, eben aus Einsicht in die Welt‐ und Menschheits‐ und
Daseinsnotwendigkeiten, und wird im Sinne der im neuen Geistesleben erzogenen Menschen
wirken.” (Lit.: GA 335, S 498)
“Man kann im sozialen Lebendigen niemals verhindern, daß als selbstverständliche
Begleiterscheinung des Arbeitens der individuellen menschlichen Fähigkeiten Kapital
entstehe, daß privates Eigentum an Produktionsmitteln sich herausbilde. Wenn jemand sich
als Leitender einem Produktionszweige widmet, und er auch ganz gerecht die erzeugten Pro‐
dukte teilt mit den handwerklich Mitarbeitenden, der soziale Organismus würde gar nicht
bestehen können, wenn nicht als Begleiterscheinung Kapital auftreten würde, das der
Einzelne besitzt, ebenso wie er das besitzt, was er für seinen eigenen Gebrauch benötigt, was
er so produziert, daß er es (z.B. gegen Geld) eintauschen will für seinen eigenen Gebrauch.
Aber ebensowenig wie man denken kann, ob man nicht essen soll, weil man doch wieder
hungrig wird, ebensowenig kann man darüber nachdenken, wie jegliche Kapitalbildung für
immer verhindert werden soll. Man kann nur darüber nachdenken, wie dieses Kapital sich
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wiederum verwandeln muß in einem anderen Zeitpunkte, was aus ihm werden muß. Sie
können nicht, ohne den sozialen Organismus in seiner Lebensfähigkeit zu untergraben, die
Kapitalbildung verhindern wollen, Sie können nur wollen, daß das, was sich als Kapital bildet,
nicht schädlich werde innerhalb des gesunden sozialen Organismus.
Was in solcher Art gefordert werden muß für die Gesundung des sozialen Organismus, ist nur
im dreigliedrigen sozialen Organismus möglich. Denn nur im dreigliedrigen sozialen
Organismus kann ebenso wie im menschlichen natürlichen Organismus das eine Glied im
entgegengesetzten Sinne arbeiten wie das andere Glied. Es liegt im individuellen Interesse,
daß ein Glied da ist im sozialen Organismus, in dem die individuellen menschlichen
Fähigkeiten zum Ausdruck kommen; es liegt aber in jedermanns Interesse, daß diese
individuellen menschlichen Fähigkeiten nicht im Laufe der Zeit zum Schaden des Organismus
sich umgestalten. Innerhalb des wirtschaftlichen Kreislaufes wird sich immer Kapital bilden.
Belassen Sie es im wirtschaftlichen Kreislauf, so führt es zu unbegrenzter Besitzanhäufung.
Was durch die individuellen menschlichen Fähigkeiten sich als Kapital ansammelt, kann nicht
in der wirtschaftlichen Sphäre belassen werden; es muß in die Rechtssphäre übergeleitet
werden. Denn in dem Augenblick, wo der Mensch für das von ihm allein oder in
Gemeinschaft Erzeugte mehr erwirbt als er verbraucht, in dem Augenblicke also, wo er
Kapital ansammelt, ist sein Besitz ebensowenig eine Ware, wie die menschliche Arbeitskraft
eine Ware ist. Besitz ist ein Recht. Denn Besitz ist nichts anderes, als das ausschließliche
Recht, eine Sache ‐ sagen wir Grund und Boden oder ein Haus oder dergleichen ‐ mit
Hinwegweisung aller anderen zu benützen, über irgendeine Sache mit Hinwegweisung aller
anderen zu verfügen. Alle anderen Definitionen des Besitzes sind unfruchtbar für das
Verstehen des sozialen Organismus. In dem Augenblicke, wo der Mensch Besitz erwirbt, muß
dieser innerhalb des rein politischen Staates, innerhalb des Rechtsstaates verwaltet werden.
Aber der Staat darf nicht selbst erwerben, sonst würde er selbst Wirtschafter. Er hat es nur
überzuleiten in den geistigen Organismus, wo die individuellen Fähigkeiten der Menschen
verwaltet werden. Heute wird ein solcher Prozeß nur mit den Gütern vollzogen, die unserer
Zeit als die mindersten gelten. Für diese gilt bereits, was ich jetzt ausgeführt habe. Für die
wertvollen Güter gilt es nicht. Wenn heute einer etwas geistig produziert, sagen wir, ein sehr
bedeutendes Gedicht, ein bedeutendes Werk als Schriftsteller, als Künstler, so kann er ja das
Erträgnis bis 30 Jahre nach seinem Tode seinen Nachkommen vererben; dann geht es als
freies Gut nicht auf seine Nachkommen, sondern auf die allgemeine Menschheit über. 30
Jahre nach seinem Tode kann man einen Schriftsteller in beliebiger Weise nachdrucken. Das
entspringt einem ganz gesunden Gedanken, dem Gedanken, daß der Mensch auch das, was
er in seinen individuellen Fähigkeiten hat, der Sozietät verdankt. Geradeso wie man nicht auf
einer einsamen Insel, sondern nur im Zusammenhang mit den Menschen sprechen lernen
kann, so hat man seine individuellen Fähigkeiten auch nur innerhalb der Sozietät, ‐ gewiß auf
Grundlage des Karmas, aber das muß entwickelt werden durch die Sozietät. Die Früchte der
individuellen Tätigkeit müssen wiederum an die Sozietät zurückfallen. Der Einzelne hat sie
nur eine Zeitlang zu verwalten, weil es für den sozialen Organismus besser ist, wenn er sie
verwaltet. Man kennt das, was man hervorgebracht hat, selber am besten, daher kann man
es zunächst auch am besten selber verwalten. Diese für die heutige Menschheit mindersten,
nämlich die geistigen Güter, werden also in einer gewissen Weise unter Berücksichtigung des
Zeitbegriffes sozial taxiert. Einige kapitalistisch aussehende Zuhörer sollen neulich in Bern
wütend geworden sein bei meinem Vortrage ‐ so wurde mir berichtet ‐, als ich sagte: Warum
sollte denn zum Beispiel ein Gesetz unmöglich sein, das den Kapitalbesitzer verpflichtet, so
und so viel Jahre nach seinem Tode sein Kapital zur freien Verwaltung einer Korporation, der
geistigen Organisation, des geistigen Teiles des sozialen Organismus zuzuweisen? Man kann
sich gewiß verschiedene Arten, ein konkretes Recht festzusetzen, ausdenken. Aber wenn
man heute den Menschen zumuten würde, auf etwas zurückzukommen, was in der alten
hebräischen Zeit rechtens war: nach einer bestimmten Zeit die Güterverteilung neu
vorzunehmen, ‐ so würden sie das heute als etwas Unerhörtes ansehen. Was ist aber die
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Folge davon, daß die Menschen das als etwas Unerhörtes ansehen? Die Folge ist, daß diese
Menschheit in den letzten viereinhalb Jahren zehn Millionen Menschen getötet, achtzehn
Millionen zu Krüppeln gemacht hat, und daß sie sich anschickt, weiteres nach dieser Richtung
zu tun. Besonnenheit in solchen Dingen ist denn doch vor allen Dingen notwendig. Es ist
tatsächlich nichts Unbedeutendes, wenn verlangt wird, daß zum Begreifen des sozialen
Organismus der Zeitbegriff herangezogen wird.” (Lit.: GA 189, S 125ff)
Gewinnstreben
Gewinnstreben im volkswirtschaftlichen, nicht im moralischen Sinn, ist der Motor des
Wirtschaftslebens. Nach Rudolf Steiner ist der Gewinn volkswirtschaftlich gesehen dasjenige, was im
physikalischen Prozess die Masse ist.
“Nun handelt es sich darum, daß wir, wenn wir irgend bearbeitete Natur oder gegliederte
Arbeit im volkswirtschaftlichen Prozeß drinnen haben, daß wir dann untersuchen müssen,
was gewissermaßen diese volkswirtschaftlichen Elemente in Bewegung, in Zirkulation bringt.
Es ist gestern an einer andern Stelle darauf aufmerksam gemacht worden, daß man ja in das
volkswirtschaftliche Denken hineinbringen sollte die Arbeit, die im Wirtschaftsprozeß tätig
ist, ebenso wie zum Beispiel der Physiker die
Arbeit in sein physikalisches Denken hineinbringt.
Da muß dann gesagt werden: Ja, der Physiker
bringt in sein physikalisches Denken die Arbeit
dadurch hinein, daß er eine Formel sich
ausbildet, in der Masse und Geschwindigkeit ist. ‐
Nicht wahr, Masse aber ist etwas, was wir durch die Waage bestimmen. Wir haben also eine
Möglichkeit, die Masse durch die Waage zu bestimmen. Ohne daß wir die Masse durch die
Waage bestimmen könnten, hätten wir nichts, was da fortschreitet im physikalischen
Arbeitsprozeß. Die Frage muß für uns entstehen: Ist nun etwas Ähnliches auch vorhanden im
volkswirtschaftlichen Prozeß, so daß die Arbeit den Dingen Wert erteilt und auch später das
geistige Eingreifen wieder den Dingen Wert erteilt? Ist im volkswirtschaftlichen Prozeß etwas
drinnen, das sich vergleichen läßt gewissermaßen mit dem Gewichte, das irgendein
Gegenstand hat, wenn man bei ihm reden will von physikalischer Arbeit? Nun, wenn ich
einfach schematisch aufzeichne den Fortgang der volkswirtschaftlichen Einzelprozesse, so
zeigt mir das, daß etwas da sein muß, das die ganze Sache in Bewegung bringt, das
gewissermaßen die volkswirtschaftlichen Elemente von hier (siehe Zeichnung 6) nach hier
drückt. Und die Sache würde noch bestimmter sein, wenn nicht nur von hier nach hier
gedrückt würde, sondern wenn auch extra von der anderen Seite eine Saugwirkung
stattfinden würde, wenn also das Ganze durch eine im volkswirtschaftlichen Prozeß
befindliche Kraft weitergetrieben würde. Dann müßte in diesem volkswirtschaftlichen Prozeß
etwas da sein, was weitertreibt.
Nun, was ist das, was da weitertreibt? Ich habe es Ihnen gerade vorhin gezeigt, daß
fortwährend gewisse Kräfte entstehen, sowohl beim Käufer wie beim Verkäufer; bei jedem,
der mit dem anderen etwas zu tun hat im volkswirtschaftlichen Prozeß, gar nicht im
moralischen Sinn, sondern im rein volkswirtschaftlichen Sinn, entsteht Vorteil und Gewinn.
So daß es keine Stelle im volkswirtschaftlichen Prozeß gibt, wo nicht von Vorteil und Gewinn
gesprochen werden muß. Und dieser Gewinn, der ist nicht etwas bloß Abstraktes; dieser
Gewinn, an dem hängt das unmittelbare wirtschaftliche Begehren des Menschen und muß
daran hängen. Ob der Betreffende Käufer oder Verkäufer ist, es hängt sein wirtschaftliches
Begehren an diesem Gewinn, an diesem Vorteil. Und dieses Hängen an diesem Vorteil ist
dasjenige, was eigentlich den ganzen volkswirtschaftlichen Prozeß hervorbringt, was die Kraft
in ihm ist. Es ist dasjenige, was beim physikalischen Arbeitsprozeß die Masse darstellt.” (Lit.:
GA 340, S 144)
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Gemeinsames Geistesleben eines Betriebs “Das Kapital ist der Geist des Wirtschaftslebens. Und ein großer Teil der Schäden unserer heutigen
Zeit beruht darauf, daß die Kapitalverwaltung, die Kapitalfruktifizierung dem Geistesleben entzogen
ist. Darum handelt es sich gerade, daß das Verhältnis, sagen wir, des körperlich Arbeitenden zu dem
mit Hilfe des Kapitals Organisierenden, ebenso behandelt werden kann im gesunden sozialen
Organismus als ein bloßes, auf gegenseitigem Verständnis ruhendes Vertrauensverhältnis, wie zürn
Beispiel die Wahl der freien Schule. Im gesunden sozialen Organismus kann gar nicht jene
Abschließung zwischen dem Unternehmer und dem Arbeiter weiter bestehen…
Es muß als eine Notwendigkeit angesehen werden, daß ebenso wie an der Maschine gearbeitet wird,
ebenso regelmäßig in Besprechungsstunden zwischen dem Unternehmer und dem Arbeiter die
geschäftlichen Verhältnisse besprochen werden, so daß der Arbeiter fortdauernd ganz genau den
Überblick hat über dasjenige, was geschieht ‐ das ist es, was für die Zukunft angestrebt werden muß ‐
und daß der Unternehmer wiederum jederzeit genötigt ist, sich völlig zu decouvrieren vor dem
Arbeiter und mit ihm alle Einzelheiten zu besprechen, so daß ein gemeinsames Geistesleben die
Fabrik, die Unternehmung umschließt. Darauf kommt es an. Denn ist es erst möglich, daß sich jenes
Verhältnis herausstellt, auf Grund dessen der Arbeiter sich sagt: Ja, der ist ja ebenso notwendig wie
ich, denn was soll meine Arbeit im gesellschaftlichen Organismus, wenn der nicht da ist? Der stellt
meine Arbeit an den richtigen Platz. ‐ Aber der Unternehmer wird auch genötigt sein, diese Arbeit
wirklich an den richtigen Platz zu stellen und ihm das seinige zukommen zu lassen, denn alles wird
durchschaubar sein.” (Lit.: GA 189, S 133f)

FREE BANKING

5 Lug

http://www.bankpedia.org/index.php/en/100-english/f/24189-free-banking
FREE BANKING (ENCYCLOPAEDIA)
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Abst ract

“Free banking” is a system in which unregulated banks can issue currency and transferable deposits redeemable in a common base money. Based on historical episodes occurred before the establishment of modern central banks the theory of free-banking points to redeemability – hence to increasing marginal liquidity costs – as the discipline device against over-issue. Free banking is not only alternative to central banking but it also greatly diverges from the “fiat type” currency competition theories. The main predictions of the free banking model concern the correction of single banks over-issue and of in-concert expansion, the demand elasticity of currency supply and the independence of the stock of money from changes in the currency/deposit ratio.

Definition

Free banking refers to the competing issue of redeemable currency notes (and transferable deposits) by unrestricted commercial banks. Historically free banking developed during the gold standard regimes so that paper notes issued by private banks were redeemable in gold or silver coins; such was the case for example of Scotland (1716-1844, Canada 1817-1914). In that setting the debate opposed the free issuance of banknotes redeemable into gold to the monopolization of issuance by a central bank. The modern theory of free banking advocates the bank issuance of banknotes and deposits redeemable in a common base money, which defines the unit of account and serves as the banking system ultimate means of settlements (Selgin and White, 1994).

Theories of competitive money issuance

Competitive money issuance as an alternative to central banking has been upheld by various theories. However there are striking differences among the models of currency competition which impinge on the very rules on which the monetary regimes rely. The main distinction is between models envisaging competition among fiat-type money and models resting on notes redeemability.

A strand of money competition theories (Hayek 1978, 1990; Klein 1974) focuses on the decentralized supply of fiat-type money. In these models money issuance is not constrained by banks’ reserves. In Hayek the issuers produce fiat money under brand names which are legally protected and commit to a stable purchasing power of their money – which is not redeemable – in term of a basket of commodities. Competition for customers guarantee that the promise is enforced; whenever the currency loses purchasing power the issuer loses customers and is then obliged to curb issuance. Financial press would contribute to informing customers about the quality, ie the purchasing power, of money.

Hayek’s model rely on the issuers’ reputation and credibility as a discipline device. However such a regime is not free from time consistency problem (see for example Taub, 1985) due to the impossibility of writing and enforcing a contract stipulating the future quantity of money to be issued.

The competing money theories based on redeemability rest on reserve depletion in case of over-issuance as a discipline device. The free banking model falls in this group and it is based on the “direct” redemption of the currency into the base money; other models of currency competition advocate indirect redemption (Dowd, 1996; Greenfield and Yeager, 1983). According to the Greenfield and Yeager “indirect” convertibility model, unregulated financial institutions would issue notes and checking deposits denominated in a Unit defined on a bundle of good and services; however notes would be redeemable in some convenient redemption medium, like gold, in amount determined by the value, at market prices, of as many standard bundles as the Unit denominations of the banknotes and deposits being redeemed. In other works the unit of account would be different from the unit of redemption. In this way money supply would be determined by the demand side and monetary disequilibrium would be avoided.

The free-banking model

The assumptions

The free-banking model has been formally developed by Selgin and White (1994) on the basis of historical episodes of unrestricted issue of currency redeemable in gold or silver by private competing banks. The model rests on the following assumptions: banks can offer any kind of financial instruments, included notes and deposits, free of statutory requirements and without entry barriers; notes issued by the various banks are distinct but equally redeemable at par in a common money, such as for example a frozen base of fiat base money; consumers have preferences over particular brands of notes. It is worth noticing that because of par redemption consumers’ preference for a particular brand does not imply accepting that note at a particular exchange rate; acceptance implies the decision to retain the favored notes in one’s asset portfolios while unwanted notes will be spent or deposited. In addition, the banks join a central clearing house where they redeem notes from competing banks.

The assumptions of par acceptance and common clearing system deserve some discussions. Both institutions are related to the profit maximizing issuing banks so that their emergence has not only been a mere contingency during the historical episodes of free banking; they are predicted by the theory.

At par notes acceptance and common clearing arrangements

Par acceptance would emerge in a free banking system in a number of ways. First of all banks would gain from note changing activities because by swapping their own notes for other banks’ they would maintain a larger stock of their notes in circulation; par acceptance would then be the outcome of a competitive process by note changing banks. “Note dueling” strategies, ie the aggressive purchase of the notes issued by other banks followed by their sudden return for redemption, would occur causing each bank hold costly reserves to meet the aggressive demands for redemption by the other banks. In this scenario, mutual par acceptance would allow banks to economize on reserves. Par acceptance could also be established by pacts between banks recognizing the mutual gains in the marketability of their notes. System-wide notes par acceptance would imply also the emergence of a common clearing system allowing banks to reduce reserve holding (White, 1999).

Limits to note issuance by a single bank

On the basis of the above listed assumptions, the free banking theory predicts that there is a limit to the equilibrium quantity of the bank-issued notes. Increasing the volume of currency (or deposits) in circulation implies increasing the claims against the issuing bank and so the probability of adverse clearings. The banks’ reserves will shrink. Increasing marginal liquidity costs, ie the expected value of costs incurred if the bank runs out of reserves, limit the bank capacity to expand notes in circulation.

The mechanism runs as follows. Assuming that the total demand for note balances for the single bank is given in the short run, any note issue which is not driven by an increase in the demand will causes an aggregate excess of currency supply. Notes in excess will be: i) directly redeemed; ii) deposited in another bank or in the issuing bank; iii) spent in transactions. Although the case of direct redemption is less frequent in mature systems where consumers tend not to hold reserve money, the deposit or spending channels will translate into claims against the issuing banks anyway – and into a loss of reserves.

In case the excess currency is deposited in another bank the recipient will claim the notes for redemption at the clearinghouse; the return of the excess currency to the bank will decrease notes circulation immediately (reissuing excess notes will not profitable since it would entail further shrinking of reserves).

On the other hand, if excess notes are spent they will be deposited in the bank by the recipient, say a retailer, exactly the way it happens with checks. The deposit accounts of retailers act then as a “note filtering device”; excess notes are deposited into other banks and finally enter the clearing systems (Selgin, 1988).

The assumption of consumers preferences play a crucial role in the model, as it ensures that the expanding bank suffer adverse clearing after creating a note surplus; absent the assumption on note brand discrimination the notes issued by the bank which has caused excess of supply could not return to the issuing bank. It must be underlined that consumers preferences refer to the holding and not to the acceptance of notes in payment; the relevant assumption for the correction of over-issue is that consumers have brand preferences on which notes spend off and which notes hold when the find themselves hold more notes than desired.

In-concert expansion

If the risks of adverse clearing and reserve losses limits the profit-maximizing bank issuance, what about the possibility of notes expansion by the system as a whole? If all the banks in the system expanded currency supply the expected value of net adverse clearing would be zero. However, payments and reserves losses are stochastic; individual banks faced with sufficiently high short run reserve adjustments will then have a positive precautionary demand for reserve even if the expected value of net reserve losses is zero. Building on the literature on precautionary reserve demand dating back to Edgeworth (1888), Selgin (1994) assumes that the bank demand for reserves is proportional to the standard deviation of its reserve losses; in-concert expansion increases gross clearings and hence the risk of reserve depletion perceived by the banks. As the quantity of reserve in the system is limited the banks will cope with the risk of reserve losses by contracting their liabilities. A result of the free banking model is that a unique equilibrium volume in the system liabilities exists.

Demand shifts

The adequacy of note issuance by unrestricted banks is not a matter of supply but depends also on the demand side. Here again the demand for money refers to the desire to hold money balances and not just to receive money in exchange of goods and services (Selgin, 1988).

A decrease in the demand for notes ceteris paribus brings about a situation of notes over-issue and will be corrected according to the above described process. Here again a rise in the demand for money can be a rise in the demand for the notes issued by a single bank or a generalized demand for notes holding.

In the single bank case, an increase in the demand for notes issued by a bank means that the customers want to hold a larger quantity of a particular brand of notes. This translates into positive clearings for that bank, whose reserves are now greater than desired. Expanding notes issuance will return banks reserves to the desired level.

In the case of generalized increase in the demand for notes, the increase in the amount of notes held by the public implies a decrease in the spending of notes, hence a decrease in gross clearings. The probability of reserve depletion for any given starting level of reserves also decreases implying that banks can expand their liabilities until reserves return to the desired level.

In other words the model predicts that both the single bank and the overall notes supply are demand-elastic.

Shifts between deposits and currency

One distinguishing feature of the free-banking model refers to the consequences of a change in the currency-deposit ratio. If banks can issue both currency and deposit as liabilities changes in the currency-deposit ratio produce shifts from on type of liabilities into another without affecting the actual stock of bank reserves. If the marginal liquidity costs for currency and deposits is the same any change in the bank liability mix will not alter the desired reserve ratio. As a result the money multiplier is independent from the currency-deposit ratio. Conversely in conventional central banks regimes the currency-deposit ration alters the equilibrium quantity of money; if the public hold high powered money which constitutes also banks reserves, any attempt to draw currency from deposits will force banks to contract their balance-sheet absent a prompt and adequate base money injection by the central bank (Selgin, 1994).

References

Dowd K (1996) Competition and finance. St Martin Press, New York

Greenfield RL, Yeager LB (1983) A laissez-faire approach to money stability. Journal of Money, Credit and Banking 27:293-297

Edgeworth FY (1888) The mathematical theory of banking. Journal of Royal Statistical Society 51:113-127

Hayek FA (1978) The denationalization of money. Institute of Economic Affairs, London

Hayek FA (1990) Denationalization of money: the argument refined. Institute of Economic Affairs, London

Klein B (1974) The competitive supply of money. Journal of Money, Credit and Banking 6(4):423-453

Selgin GA (1988) The theory of free banking: money supply under competitive note issue. Lanham. MD: Rowman & Littlefield

Selgin GA (1994) Free banking and monetary control. Economic Journal 104:1449-1459

Selgin GA, White LH (1990) How would the invisible hand handle money? Journal of Economic Literature, 32:1718-1749

White L (1999) The theory of monetary institutions. Blackwell

Taub B (1985) Private fiat money with many suppliers. Journal of Monetary Economics 16:195-208

EDITOR Giuseppina Gianfreda

University of Viterbo “La Tuscia”